Kirchspiel Szugken
Kindheitserinnerungen.....an Motzischken
von Marie Luttkus geb. Buddrus

Mein Heimathaus stand am Rande eines schönen Dorfes nördlich des Memelstromes, in Motzischken. Südlich des Hauses lag der Garten, unmittelbar daran grenzte der große Wald, der Juraforst, der sich weit bis nach Russland hineinzog. Von der Nordseite hatte man einen weiten Ausblick über die Jura und ihre fruchtbaren Wiesen bis zum 4 km entfernten Willkischken. Schon meine Mutter, Aduzze Buddrus geb. Gudjons, genannt Ida, wurde in Motzischken geboren. Mein Vater, Michael Buddrus, kam aus Wyszaiten in der Elchniederung.

Links: Die Jura in Motzischken am Grundstück meines Elternhauses 1997

Der Bauernhof meiner Eltern war schon sehr lange in unserer Familie. Er war 72 ha groß. Leider wechselte der Name immer, weil nur Töchter in der Familie geboren wurden. Die Eltern meiner Großmutter hießen Grischkat, Christoph und Bergsze geb. Mikkoteit. Der Vater meiner Großmutter starb schon früh. Meine Großmutter, Marie Grischkat, war 16 Jahre alt, als sie heiratete. Ihr Bruder Jurgis war noch ein Kind, erst 6 Jahre alt, und konnte den Hof nicht übernehmen. So sah die Tochter sich gezwungen, zu heiraten, denn früher wirtschafteten die Frauen nicht selbständig. Wie meine Mutter mir oft erzählt hat, mußte meine Oma 16 km weit zur Kirche nach Wischwill gehen. Dort in Wischwill hat das 16jährige Mädchen öfters einen großen, schmucken Mann gesehen, der ihr sehr gefiel. Sie lernte ihn dann auch kennen und schließlich heirateten die beiden. Der Mann hieß Johann Gudjons, er kam aus Krauleidszen, einem Dorf auf der anderen Seite der Memel. Sie führten eine harmonische Ehe. Mein Großvater war ein sehr gutmütiger Mensch und überall beliebt. Aus der Ehe wurden 2 Töchter geboren, Aduzze ( Ida) und Marie. Ida war meine Mutter, die ältere, und sie blieb auf dem Hof. Ihre Schwester Marie heiratete einen Gutsbesitzer aus Trappönen, Christoph Petereit.

Während der Zeit meines Großvaters Johann Gudjons brannte sein Hof, der im Dorf in Motzischken stand, ab. So baute er dann einen neuen Hof, etwas abseits vom Dorf, an der Stelle, die ich anfangs beschrieben habe, mein Heimathaus.







Links: Mein Heimathaus 1997







Am Giebel des Hauses stand noch das Datum der Fertigstellung: 1901.




Rechts: Das Datum der Fertigstellung
ist 1997 noch zu erkennen
.




In dieser schönen Gegend, die ich eingangs beschrieben habe, verlebte ich mit meiner Schwester Martha meine Kinderzeit. Ich wurde 1909 in Motzischken geboren. Natürlich wurden wir auch etwas verwöhnt. So erinnere ich mich an eine wunderschöne Weihnacht. Es war herrlich, dass alles so heimlich vorbereitet wurde. Martha und ich waren natürlich zu neugierig und wo es uns möglich war, stöberten wir rum. Vor allem war die Tür zur 'Guten Stube' in dieser Zeit immer verschlossen. Abwechselnd guckten wir durch das Schlüsselloch, konnten aber nichts entdecken. Dann endlich war der Heilige Abend da. Wir wurden gebadet und durften die Sonntagskleider anziehen und dann gingen wir feierlich und aufgeregt durch die große Flügeltür, die ganz geöffnet war, mit den Eltern in die 'Gute Stube'. Hier saßen auch schon unsere Mägde und Knechte, aber das sahen wir kaum. Unser Blick galt nur dem bis an die Decke strahlenden Weihnachtsbaum und den darunter befindlichen vom Vater selbst geschnitzten Puppenwiegen mit schönen Federbettchen und den Puppen darin.

Wenn ich nun diese Zeilen schreibe und meine Gedanken wieder ganz in der Heimat sind, fällt mir noch so einiges ein, das man niederschreiben müßte. Da waren z. B. immer die schönen langen Winterabende in meiner Heimat, sie sind mir noch sehr lebhaft in Erinnerung. Wir haben als Kinder nie Langeweile gehabt, es gab immer Abwechslung. Vor Weihnachten, da waren die großen Tage, wo dann Schweine und Gänse geschlachtet wurden. Das war uns Kindern immer ein richtiges Fest. Die Schweine wurden z.B. nicht gebrüht, damit die Borsten abgingen, sondern mit Stroh gesengt. Wir standen dann immer früh auf und wollten dabei sein. Diese Arbeiten mußten immer bis Weihnachten beendet sein. Nach Weihnachten haben bei uns die Frauen Wolle gesponnen, auch Leinen. Die Mägde strickten dann von dieser Wolle Strümpfe oder Fausthandschuhe. Und dann wurden noch von ungefähr 20 Gänsen die Federn geschlissen, wir nannten es "reißen", dazu kamen die Frauen aus dem Insthaus und manchmal auch aus dem Dorf. Dabei wurde gesungen und viel erzählt, oft auch Spukgeschichten und Spinnereien. Man hatte viel Spaß dabei. Die Arbeiterfamilien gehörten schon fast zu unserem Stamm. Ihre Wohnungen bestanden meist nur aus einem Raum und einer Kammer, wie das früher leider war. Aber es war trotz der Enge immer überall sehr sauber. Martha und ich gingen gerne dorthin, besonders am Sonnabendnachmittag, denn da wurden oft "Plietzkes" gebacken. Das war ein Teig aus Roggenschrot, Wasser und Salz. Der Teig wurde fest verknetet und daraus dünne flache kleine Fladen geformt und auf der Herdplatte gebacken. Sie schmeckten ganz vorzüglich, besonders mit Honig oder Sirup. Wir wurden im Allgemeinen christlich erzogen. So wurde z. B. am Sonntagnachmittag in unserer Familie "das Predigtlesen" nie ausgelassen. Wenn dann mittags abgeräumt war, wurde das dicke Predigtbuch vorgenommen. Darin waren lange Predigten von Pastoren. Gelesen hat mein Großvater in litauisch, später auch meine Mutter, die aber in Deutsch. Natürlich waren uns Kinder die ein- bis anderthalb Stunden sehr langweilig. Immer, wenn ein Blatt umgeschlagen wurde, guckten wir, ob auf der anderen Seite der Schluß stand. Draußen warteten schon die anderen Kinder auf uns zum Spielen. Auch meinem Vater passierte es oft, daß er einschlief.

Zum unserem Gehöft gehörten viele Wiesen am Fluß und da war die Bademöglichkeit hervorragend. Wenn Heuernte war und die Sonne heiß brannte, sind wir schnell in die Jura gesprungen. Ich muß noch erwähnen, dass das Wasser in der Szeszuppe wärmer war, als in der Jura. Das lag daran, dass die Jura aus den nördlichen Wäldern Russlands kam und die Szeszuppe von Süden. Im Sommer wurde in der Jura viel Holz geflößt, es kam weit her aus den russischen Wäldern. Die Bäume waren in 1m lange Kloben zersägt und in den Fluß geworfen worden. Die Strömung trug sie dann bis zur Memel. Dort wurden sie auf Kähne geladen und zu den Zellstofffabriken nach Ragnit und Tilsit geschafft. Oft war die Jura ganz voll mit Holz.

In Motzischken und in den umliegenden Dörfern kannten sich die Bauern alle gut. So kam es manchmal vor, daß bei Gelegenheiten, wie z. B. Vieh- oder Schweinelieferungen (die Tiere wurden auf dem Bahnhof in den Zug verladen) sich alle im Gashof Brenneisen, direkt am Bahnhof, trafen. Es gab aber auch andere Gelegenheiten. Da blieb es dann nicht aus, daß auch dem Alkohol zugesprochen wurde. So geschah es einmal, daß mein Vater sehr spät nach Hause kam, worüber meine Mutter sich ärgerte. Als er nachts an die Tür klopfte, ließ Mutter ihn nicht hinein. . "Du kannst jetzt im Stall schlafen gehen, bei den Schweinen!" rief sie und noch anderes. Als Martha und ich das hörten, weinten wir beide so sehr, daß sie Vater ins Haus reinlassen mußte. Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, daß Papa bei den Schweinen liegen sollte!


Obwohl Motzischken ein sehr kleines Dorf war, gab's doch ab und zu Abwechslung. Schon, daß der Kleinbahnhof da war und die im Verhältnis große Gastwirtschaft "Brenneisen", die so hieß wie der Inhaber. In dem Saal fand manches Fest statt und alles, was so in dieser Richtung arrangiert wurde. Auch Tanzstunden wurden hier gegeben. Martha und ich machten mit, es war wunderbar.




Links: Der Gasthof Brenneisen
in Motzischken 1997





Zur Kleinbahn, an deren Bahnhof die Gastwirtschaft Brenneisen lag, noch einige Anmerkungen: Die Bahnstrecke ging von Tilsit nach Schmalleningken. Schmalleningken war die Grenze zu Litauen. Die Kleinbahn war kleiner und langsamer als die gewöhnliche Eisenbahn. Wenn sie sehr schwer beladen war, schaffte sie es bergan manchmal nicht. Aber sie war für die Gegend wichtig. Sie hatte in Tilsit keinen Bahnhof, Endstation oder Anfang war der Fletcherplatz. Da gab's auch keine Wartehäuschen für die Reisenden, denn es waren dort Gastwirtschaften, in die man sich gemütlich bis zu den Abfahrzeiten setzen konnte. Von Tilsit fuhr sie, an einigen Stationen haltend, erst bis Mikieten. Diese Strecke fuhr ein elektrischer Triebwagen, da durfte keine Dampflokomotive fahren, warum weiß ich leider nicht, ob der Rauch der Lok störte oder ob die Lok zu schwer war, weil sie über einige Brücken mußte, vor allem über die Königin-Luise-Brücke. Außerdem waren noch 3 kleinere Brücken zu überqueren. In Mikieten kam dann der Zug mit der Lok von Pogegen. Man mußte umsteigen und der Zug fuhr nun über Lompönen, Polompen, Kerkutwethen, Willkischken, Motzischken, Szagmanten, Nettschunen, Schustern, Wolfsgrund, Riedelsberg, Wischwill Ost und West, Endruschen, Wittkehnen nach Schmalleningken. Die Kleinbahn soll jetzt nicht mehr bestehen. Es knüpften sich manche Späßchen und Geschichten an die Bahn. Auch die Schaffner sind bei vielen noch in Erinnerung, so z. B. der Steinert. Man konnte sich den Zug ohne ihn nicht vorstellen. Auch Johannes Bobrowski, mein Schwager, hat in "Litauische Klaviere" das erwähnt. Der Bahnhof Motzischken war der beliebteste, vielleicht auch deshalb eben, weil die Gastwirtschaft Brenneisen direkt am Bahnhof war und man dort gemütlich einkehren konnte, wenn man warten mußte. Wenn der Zug da etwas länger hielt, lief manch einer hinein, um schnell einen guten Tropfen zu nehmen. Oft ist auch der Schaffner mal schnell in die Wirtschaft gegangen, um den Durst zu stillen und mit ihm mancher Fahrgast. Der Lokführer hatte dann seine liebe Not, sie wieder rauszubekommen. Er musste oft lange pfeifen, aber die Zeit musste eingehalten werden.

Leider wurde unsere schöne glückliche Kindheit durch den 1. Weltkrieg abrupt beendet. 1917, ich war 8 Jahre alt, drangen Russen in das Gebiet östlich der Memel. Meine Eltern sahen jetzt nur einen Weg: zu fliehen! Wir sind mit der nötigsten Habe mit Pferden und Wagen nach Tilsit geflüchtet und fanden dort Unterkunft bei einer bekannten Familie. Sie hatte nur eine kleine Wohnung, aber trotzdem nahm sie meine Eltern, meine Großmutter und uns beide auf. Meine Mutter war in dieser Zeit schwanger und gebar einen Jungen, der aber 3 Wochen nach der Geburt starb. Mein Großvater Johann Gudjons, er war damals 68, war mit den Frauen und den alten Männern, die im Arbeiterhaus waren, zu Hause geblieben, um, wie er sagte, den Hof zu hüten und die Tiere zu füttern, denn er meinte "mir altem Mann werden sie nichts tun!" Aber es kam anders. Die Russen kamen, sie wüteten und vergewaltigten die Frauen. Die Frauen liefen aus Angst tief in den riesigen Wald, den Juraforst, um sich zu verstecken. Aber auch dort wurden sie gefunden und dann mit meinem Großvater, der noch bis zur Litauischen Grenze mit dem Wagen fahren durfte, nach Rußland verschleppt. Vier Jahre mußten sie dort bleiben.

Als die Russen von den Deutschen zurückgeschlagen worden waren und wir wieder heim durften, war auf dem Hof alles öde und leer – kein Tier, kein Mensch war da. Im Haus sah es schlimm aus. Die Polstermöbel und was sonst an guten Gegenständen geblieben war, hatten die Russen mitgenommen. Von den Schränken hatten sie die Ecken abgehauen. So mußten meine Eltern neu anfangen. Es gab wohl etwas Kriegsentschädigung, aber es war sehr wenig. Das Schlimmste aber war, daß das gesparte Geld auch wertlos wurde. Nach dem Friedensvertrag kam dann das Memelgebiet, wie das ostpreußische Land östlich der Memel später genannt wurde, unter französische Besatzung. Danach kam es unter litauische Verwaltung und wurde später ganz Litauen zugeteilt, obwohl die Bevölkerung rein deutsch war.

Ich hatte schon 1915, also während des Krieges, zur Schule angefangen. Nach dem Krieg ging ich dann weiter mit Martha in die Volksschule nach Willkischken.



Links :Die Schule in Willkischken 1997

Es war eine dreiklassige Schule. Der Schulweg war weit: 5 km Hin- und 5 km Rückweg. Es gingen noch mehr Kinder aus Motzischken da zur Schule. Morgens um 5.30 Uhr standen wir auf, ob Sommer oder Winter. Wir haben natürlich auch viel Spaß auf dem Schulweg gehabt. Die Chaussee, wie man früher die Verkehrsstraßen nannte, ging mitten durch das Juratal und war wie ein Deich hoch angebaut. Im Frühjahr, wenn die Jurawiesen vom Fluß überschwemmt wurden, bildete sich zu beiden Seiten ein großer See. Das Wasser rauschte durch die Brücken. Einmal setzten wir uns alle unten ans Wasser, wo es am meisten rauschte – manche Kinder gingen auch auf Schlorren (Holzpantoffeln) zur Schule – und der eine Junge steckte seine Füße ans Wasser. Eine Welle spülte ihm einen Schlorr weg und er mußte den ganzen Weg, noch ungefähr 3 km, auf dem Strumpf laufen. Wenn ein Wagen die Straße entlang kam, haben wir ihn natürlich immer angehalten und mit "Onkelchen, dürfen wir mitfahren?" gebeten, uns mitzunehmen, meistens mit Erfolg, denn uns kannte fast jeder aus der Umgebung. Im Winter, wenn Flüsse und Gräben zugefroren waren und viel Schnee lag, wurden wir mit Pferdeschlitten zur Schule gefahren. Das war für uns herrlich. Wir wurden dann in Pelze gehüllt, die Füße in Pelzdecken verpackt und ab ging es mit dem Geläut der Schlittenglocken durch den Schnee über die Jurawiesen.

Im Winter lag immer hoch Schnee und es war strenger Frost. Das Eis war manchmal ein Meter dick. Wenn dann Tauwetter einsetzte, die Jura anschwoll und die weiten Wiesen überschwemmte, begann der Eisgang. Es war ein wunderbares Schauspiel wie die riesigen Schollen sich hoch aufeinander türmten und abrutschten. Man konnte stundenlang verweilen. Auch heute noch ist im Frühjahr Eisgang in der Jura, aber es sind fremde Menschen dort. Wir haben manchmal auch in Tilsit auf der Königin-Luise-Brücke gestanden um dieses Naturerlebnis anzuschauen. Die Brücke war so sicher, daß man keine Bedenken hatte, daß die Pfeiler brechen konnten. Sie wurde leider während des 2. Weltkrieges von den Deutschen gesprengt.

Am Friedhof, der am Ufer der Jura auf einer Anhöhe lag, wurden unsere Vorfahren begraben. Ich habe noch das Rauschen der Jura und das Singen der Nachtigallen in den Büschen im Ohr.



Links: Der Friedhof in Motzischken ist 1997
noch gut zu erkennen





Wir sind auch später sehr oft mit der Kleinbahn zur Schule gefahren. Diese Strecke ging von Tilsit über Willkischken, Motzischken, Wischwill bis Schmalleningken. Dort war dann die Grenze nach Litauen. Eines Tages, als wir aus der Schule kamen und in Willkischken in den Zug steigen wollten, sprach uns eine Frau an. Sie fragte, ob wir Marie und Martha seien, was wir bejahten. "Kommt nur hier herein!" sagte sie freundlich, "hier ist Euer Opel (so nannten wir unseren Opa) drin!". Als wir dann einstiegen, wurden wir erst von allen Leuten, die im Zug waren, bewundert. Es war für uns ein Erlebnis, denn wir sahen unseren Großvater wieder, der nach vier Jahren in Sibirien mit den anderen, die während des Krieges von den Russen verschleppt worden waren, wiederkehrte. In Motzischken auf dem Bahnhof warteten schon alle Angehörigen und gerührt von der Freude des Wiedersehens wurden alle begrüßt. Es war meinem Großvater noch vergönnt, einige Jahre seines Lebens in seiner Heimat zu verbringen. Mit 77 Jahren ist er gestorben. Das ganze Dorf nahm teil an seiner Beerdigung. In der Zeit, als unser Opa noch zu Hause sein konnte, hat er sich viel mit uns beschäftigt, besonders im Sommer. Er liebte den Fluß sehr, fischte gerne und natürlich waren wir immer mit. So haben wir dann auch mit dem Kahn umzugehen gelernt. Aber vor allem hat er uns das Schwimmen beigebracht. Er hat uns aber auch in der christlichen Lehre unterwiesen. In der letzten Zeit vor seinem Ableben hat er mir noch nahegelegt, das Lied "Laß mich Dein sein und bleiben" immer zu behalten.

Nach 3 Jahren Volksschule begann dann für uns, für meine Schwester Martha und mich, eine ganz andere neue Zeit, wir blieben immer zusammen: Die Schule in der Stadt Tilsit. Wir gingen zur Margarete-Poehlmann-Schule in der Kirchstraße, ein Privat-Lyzeum für Mädchen. Zu unseren Lehrerinnen gehörte auch Charlotte Keyser, die wir sehr verehrten. Der Weg zur Schule war nicht weit, ungefähr 5 Minuten. Die Schule kostete unsere Eltern viel Geld, denn das Schulgeld war hoch, besonders für Auswärtige, dann die Pensionskosten für uns beide. Wenn es Ferien gab, war die Freude immer groß. Dann hat Vater uns manchmal mit dem Pferdewagen abgeholt, aber oft fuhren wir auch mit der Kleinbahn nach Hause. In den Sommerferien mußten wir im Haushalt oder manchmal auf dem Feld mithelfen. Es gab auch viele Fahrten zu Verwandten.

So waren wir oft bei Onkel und Tante Petereit auf dem Böttcherhof, so hieß das Gut von ihnen. Es lag nahe bei Trappönen und hatte eine herrliche landschaftliche Lage am Memelstrom, an dem der große Wald angrenzte. Die Oma Petereit starb an Herzschlag. Sie wollte einen großen Korb voll Eier zum Markt tragen, als ein Mann ihr von hinten den Korb entriß und damit in der nächsten Haustür verschwand. Die Oma lief ihm nach und brach in dem Flur tot zusammen.

Bei Petereits gab es recht viel Abwechslung und Spaß. Zum Osterfest wurde "schmackostert". Tante Petereit hatte dann die Schlüssel von den Fremdenzimmern abgezogen und am 2. Feiertag früh kam sie dann zu meinen Eltern mit einem Tannenbündel oder Wacholder, auch Kadick genannt, und wehe wenn man noch im Bett lag, dann bekam man diese kitzelige Rute zu spüren. Mein Vater hatte wohl einmal versucht, am Abend vorher mit Tischen und Stühlen die Tür zu verstellen, aber es half nichts. Richtig machte man das Schmackostern mit grünen Birkenruten, die man schon Wochen vorher in Wasser gestellt hatte.

Im Winter gab es herrliche Schlittenfahrten bis hinein nach Litauen. Das Volk in Litauen war im Allgemeinen sehr einfach, um nicht zu sagen ärmlich. Und wenn wir nun mit zwei bis drei Schlitten und flotten Pferden mit Schellengeläut dort ankamen wurden wir immer angestaunt.

Im Sommer haben oft wir in der Memel gebadet.

Aber nun erst mal weiter über meine Schulzeit in Tilsit. Martha und ich waren in der Schule in einer Klasse. Das ging ganz gut. Manchmal kam es aber doch vor, daß wir uns stritten, ja mitunter in die Haare kriegten. Ich entsinne mich noch, als ich beim Schularbeiten machen auf Martha ärgerlich war. Ich weiß nicht mehr aus welchem Grund, aber sicher wollte sie mir nicht helfen, denn ich war im Lernen die Schwächere. Da bekam ich solche Wut, daß ich mit dem Federhalter nach ihr warf und die Tintenfeder ihr unter dem Auge stecken blieb. Ich habe danach mehr Angst ausgestanden als sie. Die Wunde wurde gleich ausgespült und heilte schnell, auch ohne Arzt. Wir haben uns eigentlich sehr gut vertragen. Wir unternahmen alles gemeinsam. Eine konnte ohne die andere nicht sein. Ja, sogar das Bett mußten wir beide teilen bis ich dann nach 6 Jahren Lyzeum von der Schule abging. Die Trennung fiel uns beiden schwer. Martha ging dann weiter zur Schule, machte das Abitur und wurde Lehrerin. Ich blieb zu Hause wie das früher bei den Bauerntöchtern so üblich war.

Den Bauern ging es in der Zeit unter den Litauern sehr schlecht. Die Preise für die ladwirtschaftlichen Erzeugnisse waren sehr gering, ja, man konnte oft sogar gar nichts verkaufen. Es wurden weder Rinder, Schweine noch Geflügel abgenommen. Die Menschen von Tilsit strömten über die Königin-Luise-Brücke ins Memelland, um fast umsonst Lebensmittel zu holen. Die Memel war die Grenze zwischen dem Memelland (Litauen) und Deutschland. Es wurde später wohl etwas besser. Als dann das Memelland durch die Nationalsozialisten wieder zu Deutschland kam, konnten die Bauern erstmal aufatmen und sich etwas erholen. Aber ein großer Teil der Bevölkerung mochte die Nazis nicht. Auch mein Vater gehörte dazu. So wurde er als Amtsvorsteher in Motzischken abgesetzt und ein Nazianhänger bekam das Amt.

1928 lernte ich durch Petereits in Böttcherhof anläßlich einer Konfirmation, die bei uns immer sehr groß gefeiert wurde, meinen Mann Georg kennen. Pfingsten 1929 war Verlobung und am 10. Oktober 1929 fand die Hochzeit statt. Sie wurde sehr groß gefeiert mit ungefähr 60 Personen. Die kirchliche Trauung fand in der Kirche zu Willkischken statt. Es fuhren 10 Kutschen den 5 km langen Weg zur Kirche. Am nächsten Tag war dann der Abschied von zu Hause, meinem Elternhaus, und es ging der neuen Heimat zu, nach Aszen. Der Bauernhof in Aszen lag ganz nahe an der Szeszuppe, etwa 300 m entfernt, so wie mein Elternhaus in Motzischken an der Jura. Auch dort war großer Empfang und es wurde bis zum nächsten Tag gefeiert. Petereits und meine Schwester Martha blieben bis zuletzt. Da wurde mir erst bewußt, daß ich endgültig von Motzischken weg war und ein neuer Lebensabschnitt begann. Martha und ich umarmten uns, und wir beide weinten bis Tante Marie Petereit uns trennte.

Autor: © 1985 Marie Luttkus geb. Buddrus (Text und Bilder)
Quelle: Eingesandt: von Anneliese Schmidt geb. Luttkus, Köln

letzte Statistik:
Motzischken ( Einw.: 279 ; Fläche: 790 ha).
  • ältere Schreibweise: Motszischken bis 1815
    heute litauischer Name: Mociskiai

    • Bäuerlich-Nausseden  
      der Wohnplatz davon mit Einw.: 33; Fläche: 148 ha
      ältere Schreibweise: Bäuerlich Naußeden bis 1895
      heute litauischer Name: Nausedeliai

    • Erbfrei-Nausseden  
      der Wohnplatz davon mit Einw.: 48; Fläche: 119 ha
      ältere Schreibweise: Erbfrei Naußeden bis 1895
      heute litauischer Name: Baliskiai

    • Heydebruch    
      der Wohnplatz davon mit Einw.: 76; Fläche: 284 ha
      ältere Schreibweise: Heidebruch bis 1871
      heute litauischer Name: Naujiena

Anmerkung: Ort und Wohnplätze zugehörig zum Ksp. Szugken

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 0899 (Szugken) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Orte nördlich der Memel



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am
11.02.2007
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 27. Dezember 2010