Aus schlimmer Zeit
Nachkriegsjahre in Schillen unter militärischem Kommando

Zu einem der leidvollen Kapitel ostpreußischer Nachkriegsgeschichte gehören die sowjetischen Militärsowchosen. Mit der Besetzung Ostpreußens bemächtigte sich die Rote Armee der Ländereien zwischen Memel und Pregel und machte die verbliebene deutsche Bevölkerung zu landwirtschaftlichen Zwangsarbeitern. Der folgende Beitrag geht der Frage nach, wie die Militärsowchosen entstanden und schildert am Beispiel der Militärsowchose Nr. 20 in Schillen das Leben der Deutschen, die zu Fremden im eigenen Land wurden.


Militärsowchosen kamen ins Land an der Memel

Mit der Eroberung Ostpreußens durch die Sowjetarmee lag die Landwirtschaft danieder. Die Höfe waren verlassen, der Boden herrenlos. Das Militär hatte ernste Versorgungsschwierigkeiten. Immerhin standen bei Kriegsende drei Dutzend Divisionen im nördlichen Ostpreußen. Ihnen wurde befohlen, sich aus eigener Kraft zu ernähren, Gutswirtschaften einzurichten und die Felder zu bewirtschaften. Zunächst jedoch lebte die Armee noch aus erbeuteten Lagerbeständen und amerikanischen Konservenlieferungen. Es fehlte auch an Erntemaschinen, Pferden und Traktoren. Dazu kam, daß in Betracht genommene Ländereien von Hinterlassenschaften des Krieges geräumt werden mußten. Es galt, Panzer- und Geschützwracks abzuschleppen, Tote und verendetes Vieh zu begraben, Drahthindernisse und Panzersperren zu beseitigen, Schützengräben zuzuschütten, Minen und Blindgänger zu räumen. So blieben die Ergebnisse der Eigenversorgung im Jahre 1945 recht dürftig.

Deshalb sollte mit dem Beginn des Jahres 1946 ein anderer Wind einziehen. Jede Division hatte eine Agrarabteilung zu schaffen, besetzt mit 5 Offizieren, die für die Versorgung ihrer Truppe mit Nahrungsmitteln aus dem besetzten Land verantwortlich waren. Als Arbeitsgrundlage erließ der Militärrat den Befehl vom 29. Januar 1946 "Zur Organisation von 30 Militärsowchosen im Bereich des Besonderen Militärbezirks". Darin hieß es, daß zur Sicherung der Bedürfnisse des Militärs an Kartoffeln, Gemüse und Getreide 30 militärisch geführte Sowchosen einzurichten sind. Sie waren von Offizieren zu leiten, die Erfahrungen in der Landwirtschaft besaßen. Der Stellenplan für Leitungskräfte sah durchschnittlich 15 Militärangehörige pro Sowchose vor. Jede Militärsowchose hatte etwa 8000 Hektar zu bewirtschaften. Der Arbeitskräftebedarf war aus der verbliebenen deutschen Bevölkerung zu rekrutieren. Als landwirtschaftliche "Spezialisten", Kraftfahrer und Mechaniker sollten auch Deutsche und aus Deutschland repatriierte Sowjetbürger herangezogen werden. Sie alle hatten unter militärischer Aufsicht zu arbeiten.

Die Militärsowchosen erhielten eine laufende Nummer. Die Militarsowchose Nr. 20 entstand im März 1946 in Schillen. Sie hatte die Aufgabe, die Ländereien im Großraum Schillen zu bewirtschaften und zur Versorgung der in Tilsit stationierten 28. Mech. Schützendivision beizutragen.

Deutsche wurden zu Fremden im eigenen Land

In Vorbereitung auf die Frühjahrsbestellung begann man unverzüglich, alle Deutschen, derer man in der Umgebung von Schillen habhaft werden konnte, in der Sowchose zu konzentrieren. Sie wurden so etwas wie Zivilgefangene. Die Unterbringung erfolgte in Massenunterkünften. Alle wurden sorgfältig registriert. Im Archiv findet man eine dicke Kladde mit Eintragungen in kyrillischen Schriftzeichen. Es ist das Einwohnermeldeverzeichnis für alle Deutschen in der Militärsowchose Nr. 20. Als Herkunftsorte erscheinen Weidenfließ, Babillen, Argenflur, Maßwillen, Hochmooren, Berghang. Alle diese Orte befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft von Schillen und gehören nun zum Territorium der Militärsowchose 20.

Es waren überwiegend Frauen, zum Teil mit Kindern, alte Männer und Jugendliche, die in Schulen erfaßt wurden. Nach russischer Praxis hatte der Arbeitseinsatz zentral zu erfolgen. Folglich wurden sie zentral untergebracht, zentral aus der Nachtruhe geweckt - wem war schon seine Uhr gelassen worden? - zentral zur Arbeit eingeteilt und zentral mit der Brotration und dem Schlag Suppe abgefüttert. Nur wer arbeitete, hatte Anspruch auf die Brotration. Deshalb erschienen auch Kinder zur Arbeit.

Dennoch reichten die Arbeitskräfte nicht, besonders mit Erntebeginn, und so zog die Erfassung weitere Kreise. Im Meldeverzeichnis erscheinen die Herkunftsorte Groschenweide, Kellmienen, Eichenhorst, Ansten, Petersmoor, Ballanden, Ruddecken, Ulmental. Alle Ostpreußen aus diesen Orten, denen die Flucht nicht geglückt war, die vom Russen überrollt wurden und anschließend voller Hoffnung in ihre Heimatdörfer zurückkehrten, wurden nun rigoros in die Militärsowchose vertrieben.

Der sich ausdehnende Großbetrieb machte es erforderlich, Deutsche als "Spezialisten" einzusetzen. Das Buch vermerkt den 53jährigen Fritz Deluweit als Schmied, den 51jährigen Otto Juduhn als Bäcker, den 61jährigen Louis Antelmann als Tischler, den 34jährigen Fritz Sziegat als Schuster, den 51jährigen Alfons Szillat als Mechaniker. Andere erhielten Vertrauensstellungen, Fritz Guddat (63) als Brigadier, Lene Albschies (27) als Rechnungsführerin, Emma Guß (45) als Köchin, Ilse Jurklies (20) als Lehrerin, Fritz Rimkus (59) als Wächter. Im Verlauf der Monate September/Oktober 1946 erhielten alle über 16 Jahre alten Deutschen der Militärsowchose Nr. 20 von der Milizdienststelle in Ragnit einen Lichtbildausweis gegen eine Gebühr von 3 Rubeln. Waren sie nun etwa zu Sowjetbürgern geworden? Keiner sagte es ihnen. Stutzig machten allerdings die Worte "Wremennoje udostowerenie". Das hieß "Befristeter Ausweis" und die Gültigkeit betrug drei Jahre. War vielleicht die Ausweisung innerhalb dieses Zeitraums schon beschlossene Sache?

Die Ostpreußen waren zu Fremden in ihrem eigenen Land geworden. Die Eintragungen im Einwohnermeldebuch brechen 1947 abrupt ab. Sie geben keine Auskunft über das weitere Schicksal der hier Registrierten. Was mag aus ihnen geworden sein? Das Buch bleibt stumm.

Hans Dzieran, Chemnitz

Hans Dzieran und Helmut Samoleit bei der Sichtung von Archivunterlagen über die Militärsowchose Nr. 20 bei Schillen

Der Zufall wollte es, daß unlängst auf einer Veranstaltung der Landsmannschaft Ostpreußen in Chemnitz der Autor vorstehender Zeilen mit Helmut Samoleit zusammentraf. Er ist einer der Überlebenden der Militärsowchose Nr. 20. Er ergänzte den Beitrag von Hans Dzieran mit seinen Erlebnissen auf der Militärsowchose Schulen.

In der Militärsowchose endete meine Kindheit

In Lengwethen im Kreis-Tilsit-Ragnit verlebte ich bis zu meinem elften Lebensjahr eine glückliche Kindheit. Dann kam das Jahr 1944. Es brachte nichts Gutes. Mutter starb, Vater war an der Front und ich mußte zu meiner Tante nach Berghang/Pieraggen.
Kurz darauf, im Herbst des gleichen Jahres, ging es auf die Flucht. Unser Treck zog wochenlang durch Ostpreußen und wurde schließlich von den Russen überrollt. Die Russen gaben den Befehl: Damoi, nach Haus!

Auf dem Bahnhof Schlobitten bestiegen wir an einem Maientag des Jahres 1945 einen Güterzug, der mit erbeuteten Eisenbahnschienen beladen war, und kamen bis zum Bahnhof Schilllen. Von hier aus zogen wir zu Fuß nach Berghang zum Hof meiner Tante. Die Gegend war gespenstisch. Kein Lebewesen war weit und breit zu sehen. Dörfer und Höfe waren leer. Auch in Berghang keine Menschen, keine Kühe, keine Hühner. Aber die Scheunen und Mieten waren noch voller Kartoffeln und Rüben von der vorjährigen Ernte, und auf den Feldern stand die Herbstsaat. So überstanden wir notdürftig den Winter, immer in der Ungewißheit, wie es weitergehen soll. Dann, im Februar 1946, kamen Soldaten und verluden uns auf LKW. Sie brachten uns nach Schillen, wo bereits Deutsche aus anderen Dörfern zusammengeholt waren.

Es begann ein strenges Arbeitsreglement. Alle Arbeitsfähigen wurden auf den Feldern der Sowchose eingesetzt. Wer arbeitete, bekam 600 Gramm Brot am Tag. Kinder und Nichtarbeitende erhielt nur 200 Gramm. Hin und wieder wurde Grütze, Öl und Salz ausgeteilt. Wir lebten wie auf dem Mond, kein Radio, keine Zeitung, kein Kalender, keine Uhrzeit. Die einzige Uhr besaß der deutsche Brigadier, Herr Guddat. Jeden Morgen schlug er mit dem Hammer an eine Sauerstofflasche und weckte. Nach kurzer Zeit erklang ein weiterer Hammerschlagton. Das bedeutete "Einfinden auf dem Wirtschaftshof zur Arbeitseinteilung".

Mit meinen 13 Jahren diente ich als Kutscher bei dem Sowchosenchef, Kapitän Jebilenko. Später wurde ich Pferdepfleger im Veterinärstall und Hütejunge einer Jungviehherde von 120 Kälbern. Das war nicht einfach, besonders im Sommer, wenn Gewitter heranzog. Dann nahmen die Kühe reißaus und brachten sich im Stall in Sicherheit. Im Jahre 1947 nahm mich Schmiedemeister Deluweit zu sich in die Sowchos-Schmiede, die neben der Molkerei Dyck war. Hier habe ich viel gelernt und wurde "Spezialist" für die Reparatur von Landmaschinen. Rund um den Bahnhof Schillen lagerten Unmengen von landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten, die aus den umliegenden Dörfern und Gütern zusammengeschleppt waren und offensichtlich auf den Abtransport warteten. Das erwies sich als Fundgrube für unsere Reparaturarbeiten. Mit Schraubenschlüssel, Hammer und Meißel ausgerüstet besorgte ich alle erforderlichen Ersatzteile. Die Molkerei Dyck war noch in Betrieb. Wenn dort Reparaturen anfielen, gab es als Lohn fette Milch, Glumse und Schmand.

Ab dem Jahr 1948 wurde in Rubel entlohnt. Je nach Arbeitsleistung gab es 25-30 Rubel im Monat. Nun konnte man sich im Magazin zwar etwas kaufen, aber die Preise waren hoch. Ein Kastenbrot kostete 7 Rubel, 1 Pfund Butter 25 Rubel. Um zu überleben, holten wir uns Gemüse und Korn von den Feldern und Lagern. Bei diesen Streifzügen fanden wir in verlassenen Bauernhöfen manchmal Äxte, Sägen und anderes Werkzeug. Das waren wertvolle Tauschobjekte. Ein paar Mal fuhr ich vom Bahnhof Schillen mit dem Zug nach Tilsit zum Schwarzen Markt, wo die Werkzeuge gegen Butter, Eier und andere Lebensmittel eingetauscht wurden. Viele Litauer verkauften und tauschten dort ihre Produkte. In den Wintermonaten, wenn die Feldarbeit ruhte, mußten wir Jugendlichen in die Schule gehen. Der Unterricht war in Russisch, und wir lernten in der uns fremden Sprache Lesen und Schreiben wie im ersten Schuljahr. Mehrmals besuchte ich meinen Heimatort Lengwethen/Hohensalzburg. Mein Elternhaus, meine Schule, die Molkerei Walther, der Gasthof Benno Hutzi - alles stand noch. Voller Entsetzen sah ich, daß in der Kirche zwei riesige Betonsilos gemauert waren, die mit Sauerkraut gefüllt waren.

Es kam der Oktober 1948, als alle Deutschen aus der Militär-Sowchose Schillen auf Schlitten und Lastwagen verladen und mit kleinem Handgepäck und Verpflegung für drei Tage nach Königsberg gebracht wurden. Nach Registratur und gründlicher Zählung ging es durch ein schmales Tor zu den Güterwaggons. Sie wurden mit je 40 Menschen belegt. Endlich ging die Reise los. Wir verließen unsere Heimat, in der wir zu Fremden geworden waren. Die lange Bahnfahrt endete im Auffanglager Kirchmöser bei Brandenburg/Havel. Ich war nun 15 Jahre alt. Es begann ein neuer Lebensabschnitt.

Helmut Samoleit, Zwickau
Quelle : © 2003 Hans Dzieran und Helmut Samoleit (Text und Bild)
Autor: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 73/2003

Aus schlimmer Zeit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 25.01.2004

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letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 29. Dezember 2010