Kirchspiel Weidenau
100 Jahre Mennonitenkirche
Aus "Tilsiter Niederung", Dezember 1931

Am 18. Dezember 1931 waren 100 Jahre vergangen, seit die "Mennonitengemeinde in Litauen" ihre Kirche in Pokraken (seit 1938: Weidenau) zu gottesdienstlichen Zwecken weihte. Von einer Feierlichkeit an diesem Tage wurde abgesehen, doch soll am ersten Weihnachtstag im Gottesdienst in feierlicherweise dieses Jubeltages gedacht werden. Aus diesem Anlaß sollen hier kurz einige geschichtlichen Züge wiedergegeben werden, da in unserer Heimatprovinz seit über 200 Jahren die Mennoniten heimisch sind, jetzt weit über die Grenzen unseres Kreises durch Abkömmlinge, wenn sie teilweise auch zur Landeskirche durch Heirat usw. übergegangen, vertreten sind.

Auf Grund des Königlichen Patents vom 4. Dezember 1721 wurden von Friedrich Wilhelm I. Mennoniten in die Provinz Ostpreußen gerufen, da die Pest in den Jahren 1709 und 1710 sämtliche Bewohner ganzer Länderstrecken hingerafft hatte und weite Landstriche dadurch in eine Einöde verwandelt worden waren. Nach amtlichen Bericht sind noch im Jahre 1721 ca. 60.000 Hufen öden Landes in Litauen (Anmerkung: Preußisch Litauen) vorhanden gewesen. Ein Teil der Mennoniten lebte vorher in der Schweiz, ein anderer in Holland. Sie verweigerten aufgrund ihrer Glaubenssatzung ("Du sollst nicht töten" und "Wer das Schwert nimmt, soll durchs Schwert umkommen") den Militärdienst. Als die Berner darauf bestanden, dass sie Kriegsdienst leisten sollten, wanderten sie aus und ließen sich in der Weichselniederung, zum kleinen Teil auch in der Tilsiter Niederung nieder, wo ihnen Wahrung ihrer Glaubenssatzung zugesichert war. Als die Schweizer und Holländer waren sie mit Viehzucht und Milchwirtschaft eingehend vertraut und bevorzugten daher die weidreichen Niederungsgegenden. Anfangs ließ man sie auch vom Heeresdienst ungestört; doch die Werber des "Soldatenkönigs", die überall nach "langen Kerlen" suchten, störten den Frieden. Sie überfielen 1723 einige Familien, raubten mehrere große Leute und führten diese unter derben Scherzen weg. Die Mennoniten beschwerten sich beim Könige und beriefen sich auf ihre Privilegien. Alle erklärten, wenn sie nicht vom Kriegsdienst befreit blieben, so müssten sie um Aufhebung ihrer Kontrakte und um freien Abzug bitten. Die Untersuchung wurde eingeleitet; trotzdem blieben sechs junge Leute bei der Riesengarde in Potsdam. Da brachen sie 1724 auf und zogen an die Weichselmündung, die damals unter russischer Hoheit stand. Als unter Friedrich den Großen Westpreußen an Preußen fiel, kehrten einige Mennonitenfamilien in die Tilsiter Niederung und siedelten sich dort an.

Nach holländischen Muster schufen sie Dämme und Entwässerungsanlagen, die wohl unsere heutigen Entwässerungsanlagen als Muster gedient haben (Heute steht noch der im Volksmund als "Mennonitendamm" bezeichnete Damm zwischen Polenzhof und Elbing-Kolonie. – Daher auch "Elbings-Kolonie!"). Um den Mennoniten gewisse Rechte zu" gewähren, schloß die Regierung mit dem Vertreter der Gemeinde, dem "Ältesten, einen Vertrag ab, nach dem der Staat den Mennoniten genau bezeichnete Grundstücke in den Kreis Tilsit, Niederung und Heydekrug zur Ansiedlung freigab. In den Chroniken der einzelnen Familien werden solche Stammsitze genannt: Plauschwarren, Bransischken, Krakonischken, Bittmerischken, Adl. Klubinn, Bogdahnen etc. Freihändige Grundstücke zu kaufen war den Mennoniten verboten. Bei dem Kinderreichtum war es ihnen jedoch nicht möglich dauernd auf einen freigegebenen Plätzen anzusiedeln und so suchten sich junge Paare anderen Erwerb; z.B. pachteten einige von Gütern die Milch, sogn. "Gschmannschaft", d.h. der Gutsherr (Graf) stellte Vieh und Weide., resp. Futter und der Pächter hatte die Pflege und Wertung der Tiere zu übernehmen und erhielt die Milch zur Bewertung, die nach holländischem Muster zu Käse (dem Vorläufer unseres weltberühmten Tilsiter Käse) in ganz primitiven Kleinbetrieben verarbeitet wurde. Andere wieder pachteten sich Grundstücke und gelangten durch energische Fleiß und Sparsamkeit zu Wohlstand. Wieder andere folgten ihrem Freiheitsdrang und kauften sich freihändige Grundstücke, wodurch sie aus der Mennonitengemeinde ausgeschlossen wurden.

Im Jahre 1769 vereinigten sich die Mennoniten zu einer "Mennonitengemeinde Litauen". Ihr Gotteshaus stand in Plauschwaren, da zu der Zeit in jener Gegend (dem heutigen Memmelland - siehe Anmerkung) die meisten Mennoniten wohnten. Als nach den Befreiungskriegen infolge der Steinischen Reformen die Fesseln fielen und Freiheit und Selbstverwaltung geschaffen wurde, stand den Mennoniten nichts im Wege, sich nach Wunsch und Willen anzusielen und so entstanden Siedlungen bei Heinrichswalde, Kaukehmen ect. Um diesen Gemeindemitgliedern die meilenweiten Fahrten zu ihrem Gotteshause, die der großen Entfernung wegen mehrer Tage dauerten, zu ersparen, entschloß man sich zum Erwerb eines geeigneten Gotteshauses. Nach einigen vergeblichen Bemühungen kaufte der damalige Älteste Dietrich Janz im Jahre 1816 das Gut Adl. Pokraken für 33.000 Taler, das nach seinem Tod an seine beiden Söhne fiel. Infolge schlechter Wirtschaftslage konnten diese das Gut nicht halten und es wurde an vier Familien: "Johannes Mertins, Jacob Rosenfeld, Heinrich Janz und Heinrich Ewert" verkauft, deren Nachkommen teilweise noch heute auf diesen Grundstücken wohnen.

Nach jahrelangen und schwierigen Verhandlungen gelang es dem damaligen Ältesten der Gemeinde, Franz Rosenfeld-Grietischken im Jahre 1831 den kauf des Hauses mit einem Morgen Land für 1000 Taler perfekt zu machen. Unter eifrigster Mitwirkung der Gemeindemitglieder, die Land- und Spanndienste, sowie auch z.B. die Zimmerarbeiten unentgeltlich lieferten, wurde der Umbau des Wirtshauses in ein Bethaus, die jetzige Kirche, vollzogen. Nach Fertigstellung der inneren Einrichtung wurde die Kirche am 18.Dezemder 1731 feierlich eingeweiht.

In der Kirche in Plauschwarren wurde in der ersten Zeit auch noch Gottesdienst gehalten; als aber im Laufe der Jahrzehnte die dortigen Mennoniten ausstarben, resp. sich in der Tilsiter und Niederungsgegend ansiedelten, wurden die Gottesdienste dort aus Mangel an Beteiligung eingestellt und das Gotteshaus im Jahre 1893 verkauft. Der Gottesdienst wird jetzt regelmäßig nur in der Kirche in Pokraken abgehalten. Obwohl viele ihrer starren Glaubenssatzungen im Lauf der Zeit gefallen sind, hebt sich die Seelenzahl der Gemeinde doch äußerst langsam, da die Lebensverhältnisse die Gegensätze mit der Landeskirche fast ganz ausgleichen.

Autor: © 1931 "Tilsiter Niederung" vom Dezember 1931 (Text und Bild)
Quelle:"Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2007 Seite 57ff - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz
Anmerkung:
1) Aufgrund des Friedensvertrages von Versailles wurden die Gebiete nördlich der Memel abgetreten.
Das "Memelgebiet" hatte lediglich neunzehn Jahre - 1920 bis 1939 - als autonomes Gebiet unter litauischer Verwaltung gestanden. Es wurde zum 1.10.1939 wieder aufgelöst (VO vom 24.8.39
2) Pokraken Kreis Tilsit-Ragnit seit 16.07.1938 Weidenau (Ostpr.)
3) Plauschwarren Kreis Tilsit-Ragnit nördl. der Memel
4) Krakonischken Kreis Tilsit-Ragnit südl. der Memel - seit 16.07.1938 Neuhof-Kraken
5) Bransischken - seit 16.07.1938 ??
6) Bittmerischken - seit 16.07.19398 ??
7) Adl. Klubinn Kreis Elchniederung seit 16.07.1938 Anmut
8) Bogdahnen Kreis Elchniederung seit 16.07.1938 Bolzfelde
9) Kaukehmen Kreis Elchniederung seit 16.07.1938 Kuckerneese

Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am
28.12.2006
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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 27. Dezember 2010