| Ein Rückblick in die Vergangenheit | |
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von Heinz Kebesch
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Ostpreußen, so wie wir es uns bewahren, war ein Land, in dem noch die Natur im Vordergrund stand. Seltsam fremd und beinahe unwirklich, entrückt und doch überaus anmutig, reichte das Land unserer Heimat vom Danziger Werder bis zur Rominter Heide, von den Seen Masurens bis zum Memeler Tief. Wandernde Dünen und düstere Moore, fischreiche Haffe und Wälder von kaum faßbarer Größe prägten Ostpreußen, ein Land, das vielfach vom Gesetz maßloser Weite gezeichnet zu sein scheint die Natur ebenso wie die Menschen; starke Charaktere, oft bäuerlich-derbe Sonderlinge, fast Grobiane, auch wenn sie Namen trugen, die das Geschichtsbild des alten Deutschlands mit bestimmten. Ostpreußen war auch ein Land der Gegensätze. Es waren Gebiete wohltuender Einsamkeit vorhanden, die der Mensch kaum angetastet hatte. Der Himmel mit Wolken gleich Gebirgen, die über einem weiten Horizont aufragten. "Sie sagen all', du bist nicht schön, mein trautes Heimatland" sagt Johanna Ambrosius in ihrem zu Herzen gehenden Gedicht „Mein Heimatland". Dieses Land, unsere Heimat, besaß weder Dome noch Paläste noch den Glanz der Sage. Dagegen waren es die Landschaften, Seen, Ströme und die Jahreszeiten, die diesem Land ihr Gepräge gaben. In der Architektur zeigte sich ein besonders unterschiedliches Bild. Neben der rauhen Urwüchsigkeit der backsteingefügten Burgen des Deutschen Ritterordens zeichneten sich die malerischen Landstädtchen durch mittelalterliche Stadtbilder aus. Und über allen Gegensätzen wogte wie ein liebevoll geschlungenes Band die barocke Melodie der Sprache, die mit ihren Verkleinerungs- und Koseformen, mit der ihr anhaftenden Weichheit der Vokale seltsam kontrastierte zum herben Grundakkord dieses von Ordensrittern und strengem preußischen Regiment geformten Landes. Die Landschaften in unserer Heimat waren sehr variantenreich. Schon auf den Wegweisern änderte sich die Welt in unseren nordöstlichen Bereichen. Seltsame Namen kündigten an, daß hier gegenüber dem Westen und Süden unserer Heimatprovinz eine andere Erde beginnt. Die Ruhe der masurischen Landschaften und Seen wird in der nordöstlichen Region durch das ruhelose Gleiten des Memelstromes bestimmt. Es riecht nach Wasser und Moor, und manchmal bringt der Wind einen kühlen, raumlosen Hauch. Es ist auch die Luft, die über unseren großen Wassern steht: Das Land zwischen den Strömen meldet sich an. |
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Die Bürger der Stadt Tilsit hatten ihre Stadt fortschrittlich von einem kleinen Marktflecken zu einem Zentrum am Memelstrom aufgebaut und ständig eine moderne Entwicklung angestrebt. Durch die günstige Lage am Memelstrom, die fruchtbare Niederung und den Holzreichtum der großen Wälder in der weiteren Umgebung waren Tilsits Wohlstand und Wachstum begründet und ließen den Ort schon im Mittelalter zu einem bedeutenden Wirtschaftszentrum werden. Die Burg Tilse war gleichzeitig eine erste Verwaltungsstelle und Wehranlage, die in den Jahren 1407 bis 1409 an der Mündung der Tilßele am Memelstrom unter dem Ordensbaumeister Feilenstein errichtet wurde. Hier hatte ein Verwalter des Ritterordens seinen Sitz, der der Burg Ragnit als der größten Wehranlage des Memelstromgebietes unterstand. Herzog Albrecht verlieh dem Marktflecken Tilse im Jahre 1552 die Stadtrechte, nachdem der Ordensstaat in ein weltliches Herzogtum umgewandelt war. Zur Bereicherung des geistigen Lebens hatte Markgraf Georg Friedrich eine Provinzialschule einrichten lassen. Aus ihr ist später das Gymnasium hervorgegangen. 1839 kam die Realschule (später Realgymnasium und Oberrealschule) hinzu. 1856 folgte die höhere private Mädchenschule und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden mehrere Mittel- und Volksschulen erbaut. Insbesondere die Schulen, Kirchen, das Grenzlandtheater, das Grenzlandmuseum, die Volkshochschule, die gutausgestattete Stadtbücherei, mehrere Zeitungen und die literarischen und musikalischen Zirkel und Vereinigungen gehörten zum kulturellen Leben dieser Stadt am Strom. 1939 hatte Tilsit rd. 59 000 Einwohner. Bereits vor dem 1. Weltkrieg wurden die Uferanlagen an der Memel weiter ausgebaut, der Schlachthofhafen zu einem Winterhafen umgestaltet. In den Jahren 1926 bis 1928 erstand ein dreigeschossiger neuzeitlicher Hafenspeicher mit einer Lagerfläche von rd. 2000 qm. Der Gesamtumschlag im Gebiet des Tilsiter Hafens betrug z. B. im Jahre 1938 110 000 Tonnen Waren unterschiedlicher Art. Vor dem 1. Weltkrieg wurden zum Beispiel in Tilsit 2 100 000 Festmeter Holz auf Flößen angeliefert. Neben der weiteren Entwicklung von Handel und Wirtschaft war für die Stadt Tilsit unter anderem die Zellstoff-Fabrik Waldhof-Mannheim mit rd. 2000 Beschäftigten der größte und wichtigste Industriezweig. Aber auch die Memelbrücken trugen dazu bei, den direkten Handelsweg auf dem Lande von Königsberg (Pr.) über Tilsit, Tauroggen, Riga und St. Petersburg zu ermöglichen. Breit strömt der Memelstrom in majestätischer Kraft dahin. Mit den Fluten des Stromes hat alles begonnen, was unser Land so schön und eindrucksvoll machte. Der Strom hat es in seiner ewigen Bestimmung geformt, hat alles wachsen lassen zu nordischherber Größe. |
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Der Memelstrom war die bedeutendste Wasserstraße in dieser äußersten Ecke unseres Vaterlandes, denn er hatte entscheidenden Anteil an der Entwicklung und dem Aufbau der Schwesternstädte Tilsit und Ragnit und beeinflußte auch von alters her bis zur Neuzeit die gesunde Entwicklung des umgebenden bäuerlichen Landes. Das Quellgebiet der Memel liegt in Weißrußland, südöstlich von Minsk. Von dort nimmt der Strom seinen Lauf durch Rußland, Polen und Litauen und durchfließt schließlich auf einer 112 km langen Strecke den Norden Ostpreußens. 800 km lang ist der Lauf der Memel, und viele für diese Landschaft bedeutende Nebenflüsse nimmt sie in sich auf. In der Urzeit ist die Memel, in südwestlicher Richtung einem Urstromtale folgend, in das Frische Haff geflossen, bis sie die Willkischker Höhen, einen Gletscherschuttwall im samländischen Endmoränenzug, der ihr den kürzeren Weg in das Kurische Haff versperrte, durchnagt hatte und in breitem Strome durch die flache Niederung ihren naturgewollten Lauf in das rd. 1600 qkm große Kurische Haff nimmt. Als Wassertransportweg für Massengüter und Rohprodukte hatte der Memelstrom größte wirtschaftliche Bedeutung: Durch Jahrhunderte hindurch wurden Waren stromauf nach Rußland, Polen und Litauen befördert; von dort kamen Getreide, Leinsamen, Hanf, Felle, Wachs, Honig und anderes mehr und vom 18. Jahrhundert ab Holz, die Voraussetzung für den Auf- und Ausbau der Zellstoff-Fabriken in Tilsit und Ragnit. Lange Holztriften (Flöße) trieben insbesondere schon vor dem 1. Weltkrieg von Rußland/ Polen/Litauen über den Grenzort Schmalleningken, Wischwill, Neu-Lubönen, Trappönen, wo sie vermessen wurden, die Strömung hinab. Zahlreiche Schifferfamilien in den kleinen Orten am Strom, auch in Ragnit und Tilsit, hatten sich hier angesiedelt. Und so gehörten auch die unter Segel fahrenden zwei- und dreimastigen kurischen Haffkähne und die Boydaks (Lastkähne) zum Bild der früheren Memelschiffahrt. In den Blickpunkt europäischer Geschichte rückte die Stadt Tilsit, als General Treffenfeld die von Livland/Baltikum eingefallenen Schweden bei dem Dorf Splitter bei Tilsit in einem Gefecht schlug und vertrieb. 1807 wurde zwischen Frankreich, Rußland und Preußen auf einem Floß auf dem Memelstrom der Friede zu Tilsit geschlossen. |
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Die besondere Bedeutung Ragnits und der hier angelegten Ordensburg beruht darauf, daß von diesem Punkt aus das schalauische Stammesgebiet der Pruzzen systematisch besiedelt und Ragnit als Mittelpunkt einer Komturei ausgebaut wurde. Zum ersten Komtur des Ordenshauses in Ragnit erwählte der Landmeister den bisherigen Komtur von Balga (jetzt Ruine am Frischen Haff), den aus Österreich gebürtigen Ritter Berthold Brühaven. Die anfängliche Besatzung bestand aus 40 Ordensrittern und 100 Kriegsleuten. Die Stellung eines Komturs entsprach nach den Gesetzen des Ordens der eines heutigen Regierungspräsidenten. Und so haben einst in Ragnit bedeutende Männer des Ordens diesen wichtigen Platz eingenommen: Werner von Orseln, Dietrich von Altenburg, Hennig Schindekopf, Friedrich von Zollern. In der Nähe der Stadt Ragnit standen ursprünglich zwei Burgen, Landshut genannt auf dem Schloßberg, die andere, die Schalauer Burg, auf einer Insel oder Halbinsel am Memelstrom; dort, wo der Hafen war oder noch ist. Es ist anzunehmen, daß diese Burgen in ihrer ersten Ausführung aus Holz erbaut waren. 1355 wurde Landshut, die eine Zwingburg war, von den erbitterten Einwohnern niedergebrannt. Diese Burg, die nochmals vernichtet wurde, erlebte ihren Neubau auf dem früheren Schloßplatz. Nachdem auch diese Burg von den Litauern zerstört wurde, entschloß sich der Ritterorden, nachdem auch die Schalauer Burg vernichtet war, eine Burg aus festem Gestein zu errichten. Mit diesem Bau wurde im Jahre 1397 begonnen. Diese zuletzt errichtete Burg, so wie wir sie kennen, gehörte zu den sehenswertesten Bauten des Ritterordens und war zu der damaligen Zeit ein Zentralstützpunkt in dieser Landschaft im Memelstromgebiet. Im Jahre 1722 wurde der bisherige Marktflecken von König Friedrich Wilhelm l. zur Stadt erhoben. Das Stadtwappen, das der König der neugegründeten Stadt verlieh, zeigt im Schildesfuße einen Fluß, die Memel, auf dessen mäßig hohem Steilufer sich eine Stadt erhebt. Darüber schwebt der nicht stilisierte preuß. Adler und über diesem das Auge Gottes. Das Ganze ist von der Umschrift umgeben "Sub Eis Tuta Ragneta", was so viel heißt wie "unter diesem Schutz ist Ragnit sicher". |
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Im 7jährigen Krieg wurden Ragnit und auch die meisten Teile Ostpreußens von der russ. Armee des Zaren besetzt. Im Jahre 1825 wurde das Landratsamt von Gerskullen nach Ragnit verlegt. Neben einer Provinzial-Strafanstalt waren im Schloß zu Ragnit von 1839 an das Land- und Stadtgericht untergebracht. Welche fortschrittlichen Kräfte in Ragnit im Bildungswesen wirksam waren, wird insbesondere durch die Einrichtung einer Ackerbauschule Lehrhof-Ragnit im Jahre 1850, das Lehrerseminar 1882 mit der Umwandlung in eine Oberschule in Aufbauform 1922 und der Landwirtschaftsschule im Jahre 1901 bezeugt. Ragnit verfügte außerdem über mehrere Volksschulen und eine Mittelschule. Zum kulturellen Bereich ist zu vermerken, daß im Jahre 1719 zu Ragnit der Kunstkenner Johann Friedrich Reiffenstein geboren wurde. Er war mit dem deutschen Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann befreundet. Winckelmann war der Begründer der klass. Archäologie. Nach dem 1. Weltkrieg wurde, bedingt durch den Gebietsverlust des Memelgebietes, im Jahre 1922 ein neuer Landkreis Tilsit-Ragnit mit Verwaltungssitz in Tilsit geschaffen. Das Ragniter Wirtschaftsleben erfuhr durch die im Jahre 1909 gegründete Zellstoff-Fabrik einen bedeutenden Aufstieg. Nach umfangreichen Vorarbeiten konnte mit der Produktion im Jahre 1912 begonnen werden. Die erste Belegschaft des Werkes von 250 Bediensteten im Jahre 1912 war im Jahre 1920 auf 500, im Jahre 1922 auf 900 Betriebsangehörige, gestiegen. 1925 wurde das Ragniter Werk mit der Zellstoff-Fabrik Waldhof-Mannheim in Tilsit fusioniert. Im Jahre 1922 siedelte sich eine weitere Industrie an, die hauptsächlich Ofenkacheln und Blumentöpfe, aber auch Wandfliesen und andere keramische Artikel herstellte. Neben zwei großen Schneidemühlen, zwei Ziegeleien und der Schloßmühle wurde im Jahre 1883 die Eisengießerei und Maschinenfabrik der Gebrüder Kreide gegründet. Im Jahre 1902 folgte eine Fabrik für Zigarrenkistenbretter, die auch Furniere für die Möbelindustrie und Holzteile für den Schiffsbau lieferte. |
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Das Hinterland von Ragnit in östlicher Richtung war von sehr abwechslungsreichen Landschaften geprägt. Obereißeln-Untereißeln waren gern besuchte Ausflugsorte. Untereißeln mit der großen Heidelandschaft bot ein besonders wechselvolles Landschaftsbild. Diese Heidelandschaft war durch große und kleine Sandrücken unterbrochen, von denen manche mit niedrigen Kiefern bewachsen waren, andere erhoben sich kahl gegen den Himmel. Sumpfige Erlenwäldchen und verlandete Tümpel prägten diese urwüchsige Landschaft. Regellos greifen die verschiedenen Landschaftsformen ineinander. Wie in einem Irrgarten konnte man sich darin verlaufen - "verbiestern", wie wir in Ostpreußen sagten. Heute wäre dieses Gebiet sicherlich ein geschützter Naturpark und das große Waldgebiet beiderseits des Stromes hin bis zur litauischen Grenze ein gesuchtes Wandergebiet. Ragnit war eine der neuzeitlicheren Städte Ostpreußens und hatte 1939 11000 Einwohner. Einen besonders schönen Ausblick hatte man vom Schloßberg über den belebten Memelstrom und seine weiten Wiesenflächen. Die gartenstadtähnliche Bauweise ließ die Stadt Ragnit mit der Natur verschmelzen. Insbesondere die grün umkränzten Teichpartien, der Kreisgarten mit seinen wuchtigen Baumriesen, der parkähnliche Zinkenteich und, nicht zu vergessen, die große naturschöne grüne Fläche der "Daubas" am Memelstrom, die dem Stadtbild eine liebliche Umrahmung gaben. |
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Durch gute und übersichtliche Leistungen und fortschrittliche Zielsetzungen der Räte und Bürger über Jahrhunderte hinweg konnte ein vorbildlicher Aufbau und moderner Fortschritt im kommunalpolitischen und kulturellen Bereich zum Wohle der Bevölkerung dieser beiden Städte am Memelstrom erreicht und ein Beitrag deutscher Kulturarbeit geleistet werden. |
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Autor : © Heinz Kebesch, Detmold
Quelle : entnommen aus Tilsiter Rundbrief Nr. 19/1989 Seite 16 |