Erinnerungen
..Heute erzählt Marianne :
Sag mir, meine Heimat, weit entfernt
Hab ich dich nicht geliebt...
Aber, daß hier kein Platz mehr find.
Hab ich nie geglaubt...
.

(aus einem Lied der Verbannten)

Ich, Marianne Beutler, bin 1936 in Königsberg, in der Reichsbahnsiedlungsstraße No. 4 geboren und hatte niemals gedacht, daß es für mich in meiner Heimat keinen Platz mehr geben wird. Glaubte keinesfalls, daß ich von meinen Eltern getrennt, aus meinem eigenen Haus in diese kalte, verwüstete Nachkriegszeit verjagt und auf den Straßen eines fremden Landes zurückgelassen würde.

Es ist mir unendlich schwer, über mein Leben, über meinen Vater, einen Eisenbahnbeamten, meine religiöse Mutter, welche uns drei Geschwister wunderbar erzog, über unser behagliches Haus, wo alles vor Sauberkeit und Ordnung blitzte, zu erzählen.

Ich war das erste Kind in unserer Familie und Liebling meines Vaters. Wie ich mich noch heute entsinne, kaufte er mir eine teuere Puppe mit Kinderwagen und stellte sie in mein Zimmer. Ich hatte mein eigenes Zimmer, in welchem mein weißbezogenes Bett, ein Tischchen und ein Klavier standen. Ich war musikalisch begabt, liebte es sehr zu musizieren, und deshalb bestellte mein Vater für mich einen Musiklehrer. In dieser Zeit ahnte mein Leben dem Flug eines Schmetterlings, ging von einer Blume zur anderen. Ich fühlte mich zu Hause nicht schlechter, als eine Prinzessin sich fühlen konnte. Jeden Tag fuhr mich mein Vater zur Schule, aber nach Hause wollte ich alleine gehen und tat das auch. Nach Hause kam ich mit beträchtlicher Verspätung, weil daran riesige Kastanien und Eichen Schuld hatten. Unter ihnen vollzogen sich so viele Wunder! ... Die kleinen Kastaniennüsse sind wie Negerchen, die gelben Eicheln alle mit Hütchen. Ich begann zu spielen und vergaß dabei mein Zuhause. Einmal stellte mir mein Vater nach, um herauszufinden, wo ich mich aufhalte. Er fand mich unter den Kastanien. Er gab mir den Rat, sie zu sammeln und mit ihnen zu Hause zu spielen. Ich füllte meinen kleinen Ranzen bis oben voll, aber zu Hause zu spielen machte mir keinen Spaß. Unter den Kastanien war es ganz anders ...

Ich erinnere mich, wie wir zu Ostern auf den Osterhasen aufpaßten, der uns bunte Ostereier bringen und auf dem Hof im Sandkasten verstecken sollte. Aber niemals bekamen wir ihn zu sehen.

Als ich die dritte Kasse des Königsberger Mädchen-Gymnasiums beendete, zerbrach der Krieg mein glückliches Leben. Das Heulen der Flugzeugmotoren und Krachen der zusammenbrechenden Häuser nötigte uns, in den Luftschutzkeller zu übersiedeln. Er befand sich ein gutes Stück von unserem Haus entfernt, und darum fuhren wir mit einem Schlitten nach Hause, um uns das Nötigste von dort zum Keller zu bringen. Vater arbeitete bis zum letzten Tag bei der Eisenbahn. Deshalb konnten wir uns auch nicht nach dem Westen zurückziehen. Eines Morgens erschien er bei uns im Bunker in Wehrmachtsuniform, um sich zu verabschieden. Wir waren 3 Kinder mit unserer schwangeren Mutter. Als mich Vater küßte, wischte ich ihm mit meiner Hand Tränen aus seinem Gesicht. Kaum hatte er uns verlassen, fiel Mutter in Ohnmacht. Menschen sprangen ihr bei und versuchten, sie zur Besinnung zu bringen.

Am nächsten Tag kamen zu uns die Russen und jagten alle aus dem Bunker heraus.Wir wurden in Reih und Glied gestellt und durch die Stadt getrieben. Es begann ein endloser Marsch. Nach jeder Rast mußten wir von neuem antreten, dabei nahm man uns einen Teil unserer Habe weg. Auf diesem Marsch wurden wir unsere Habseligkeiten los. Nachdem uns nur das geblieben war. in dem wir standen, gebot man dem Zug Einhalt. Die Soldaten, die uns antrieben, waren auch verschwunden.

Plötzlich verschwand unsere Mutter. War nicht mehr da. Wir wurden hier auf der Straße von anderen Menschen betreut. Nach zwei Tagen kam sie mit einem schreienden Bündel auf dem Arm wieder zurück. Gleich nach der Entbindung eilte sie zu uns. Irgendwo entdeckten wir einen Handwagen und beschlossen, nach Hause zu fahren, um Kleider zu holen, denn was wir bei uns hatten, wurde uns von Soldaten weggenommen. Dort angekommen, erblickten wir Soldaten. Selbst nach so vielen Jahren der Not erinnere ich mich noch, wie man gegen uns Gewehre erhob und befahl, sich aus dem Staub zu machen. Unsere schönen Möbel türmten sich zerbrochen auf dem Hof auf, und ein Soldat bohrte ein Loch in ein Tischbein. "Sucht Gold...", lächelte Mutter traurig.

Beim Weitergehen erblickten wir auf der Straße ein leeres Haus. Wir gingen hinein und beschlossen, uns hier niederzulassen. Mutter war einer Leiche ähnlich. Blaß wie Schnee. Sie lag auf dem Fußboden und brannte vor Fieber. In dieser Nacht starb auch unser neugeborenes Kind, dem ich den Namen Siegfried gegeben hatte. Wir beerdigten es in einem Pappkarton. Die Grube habe ich selbst gegraben, so tief ich sie als Kind ausgraben konnte. Kaum waren wir mit der Beerdigung fertig, da kamen schon Soldaten und jagten uns auch von hier fort. Während des Umherirrens kam der Hunger. Unsere Körper waren mit großen Eiterbeulen bedeckt. Mutter war ernsthaft erkrankt ... Es war gerade Heiliger Abend ... Wir hatten keinen Tisch, kein weißes Tischtuch, keinen geschmückten Tannenbaum, keinen Pfannkuchen mit Marmelade. Eine umgekippte Holzkiste ersetzte den Tisch und darauf lagen etliche gekochte Kartoffeln. Kälte und Hunger in ganz Königsberg.

"Allen geht es so, allen!" beruhigte uns Mutter. "Der Weihnachtsmann kann uns hier in den Trümmern nicht finden."

Alle Menschen warteten auf die Genehmigung, die Stadt zu verlassen. Endlich wurden wir rausgefahren ...
"Vielleicht erreichen wir irgendwo ein Dorf, wo man Lebensmittel bekommen kann", sagte uns Mutter.

Aber ... alle erwartete eine große Enttäuschung. Man fuhr uns nach einer Viehfarm, und wir wurden in Häuschen, wo der Wind durch die Wände pfiff, untergebracht. Nach etlichen Tagen ging es auch von hier fort. Wir wohnten in Hausruinen ohne Dach und Fenster.

Ringsherum nur Soldaten, Russen. Man hatte Angst, ein deutsches Wort auszusprechen. Es kamen auch Zivilpersonen, die russisch sprachen. Und wir froren und hungerten. Wir Kinder gingen betteln. Man schikanierte uns auf alle mögliche Art, gab uns Abfälle, jagte uns und schoß auf uns. Einem Kind wurde von einem Soldaten absichtlich die Hand durchgeschossen. In dieser Zeit starb auch mein zweiter Bruder Dietrich den Hungertod. Wir beerdigten ihn im Schnee, da niemand Kraft besaß, eine Grube auszugraben.

Es gab Gerüchte, daß sich in der Nähe ein Lager mit deutschen Kriegsgefangenen befindet und unter ihnen auch mein Vater sein sollte. Ich entsinne mich, daß es Frühling war ... Wir aßen Gras. Von erwachsenen Frauen angeregt, machten wir Kinder uns in das Lager auf, um unsere Väter zu suchen. Wir gingen weit, sehr weit, und fanden die Stelle, wo die Kriegsgefangenen waren. Sie wurden bewacht. Unweit hielten wir an und schrien laut die Namen unserer Väter heraus. Die Kriegsgefangenen hörten uns. Sie gaben die Namen von Mund zu Mund einer dem anderen weiter ... Andere Kinder hatten keinen Erfolg, aber ich doch. Nein, ich fand meinen Vater nicht, aber erhielt die Nachricht, daß er aus diesem Lager nach Sibirien gebracht wurde. Unglücklich, ermüdet und hungrig kehrten wir zurück.

Eines Tages begann wieder eine große Reise. Es war eine Fahrt ohne Ende ... Als man uns zum Ziel brachte, stellte es sich heraus, daß dort kein Platz mehr ist und wir nicht aufgenommen werden können. Danach wurden wir zum Bahnhof getrieben.

Auf dem Bahnhof herrschte ein großes Menschengedränge. Ich verlor meine Mutter aus den Augen und bemerkte nicht, in welchen Waggon sie verladen wurde. Der Zug setzte sich schon in Bewegung. Ich konnte noch in den letzten Waggon springen und dachte, daß ich beim ersten Halt längs dem Zug laufen und meine Mutter und Bruder Manfred (geb.194o) suchen werde, aber unseren Waggon hatte man auf irgendeinem Bahnhof abgehängt und die Türen geöffnet. Die anderen blieben zu. Ich sprang hinaus und machte mich auf die Suche nach meiner Mutter, sah aber nur den abfahrenden Zug.
Jetzt begriff ich, daß man mich ganz alleine in einer unbekannten Stadt gelassen hat. Mir war es so, als ob ich immer noch in Deutschland wäre. Unwillkürlich schaute ich auf das Bahnhofsschild. Da stand "Kaunas" geschrieben. Mich schauerte es, und die ganze Umgebung wurde mir auf einmal so fremd, so unerreichbar und unbehaglich ...

Also bin ich jetzt in Litauen. Ich habe von vor Hunger und Kälte entkräfteten Frauen wiederholt solche Worte gehört: "Wie schön wäre es, nach Litauen zu gelangen! Dort würde uns kein Hungertod drohen ..." Nun bin ich hier selbst angekommen. Mit diesem Gedanken konnte ich vor Hunger fast schreien. Ich verließ den Bahnhof und schaute mich um. Leider bot mir niemand was zum Essen an und brauchte mich nicht. Ich ging in das erstbeste Geschäft, das sich als eine Buchhandlung erwies. Die Frau hinter dem Ladentisch verstand wahrscheinlich, was ich brauchte und wies mit dem Finger auf die andere Straßenseite. Dort befand sich eine Eßstube. Ich ging dort hinein und stellte mich an die Tür. Dort speisten die Leute, aber mich bat niemand zu Tisch. Ich wagte es nicht, um etwas Eßbares zu bitten. So stand ich da und fing an zu weinen. Die Leute wurden auf mich aufmerksam. Eine Frau stand auf und kam auf mich zu, aber die Kellnerin nahm mich an die Hand, führte mich zur Tür hinaus und sagte in gebrochenem Deutsch: "Nach Dorf, nach Dorf... Viel essen, nach Dorf..."

Sie sagte noch etwas, was ich nicht verstand, stellte mich neben die Tür und eilte davon. Sie kehrte gleich zurück, während ich schon ein Stück weggegangen war, sie rief mich zurück, steckte mir in eine Hand Brot und in die andere Wurst und wiederholte: "Nach Dorf..."

Sei sie gesegnet, diese Hand, die mir, einem zur Bettlerin gemachten und aus der Heimat verjagten kleinen Mädchen als erste Brot überreichte.

Ich beuge mich vor diesen in gebrochenem Deutsch ausgesprochenen Worten: "Nach Dorf, gehe nach Dorf." ... Das war der bedeutenste Hinweis, welcher mir das Leben rettete.

Diesen Rat habe ich befolgt und machte mich auf den Weg. Nach Dorf... Ich ging lange durch eine Straße, bis Felder kamen.

So begann mein Leben auf den Landstraßen und Wegen Litauens. Ich wanderte sehr lange, und Kaunas blieb weit hinter mir zurück. Manchmal traf ich gutherzige Kraftfahrer, die ihre Autos anhielten und mich ein Stück weiterfuhren. Ich wurde etwas gefragt, aber verstand nichts.
Wenn ich Hunger hatte, ging ich zu den Bauernhöfen, die am Wege standen und bat nicht um Brot, sondern um Wasser. Ich trank sehr lange, aber die Wirtin erriet schon meinen Wunsch und brachte mir etwas zum Essen. Noch heute kann ich nicht verstehen, warum es mir nicht gelang, jemanden um Brot und Essen zu bitten.Ich schämte mich in den Boden hinein.
Während dieses Wanderlebens nahmen mich Menschen auf, um ihre Kinder zu hüten. Dort verbrachte ich den ganzen Winter und lernte Litauisch. Später kam ich zu anderen Leuten und bekam einen litauischen Vor- und Nachnamen.

Selbstverständlich traf ich auf meinen Wegen allerlei Menschen, aber in Wirklichkeit brauchte mich niemand. Sobald die Kinder aufwuchsen, wurde ich arbeitslos. Von einer Familie wurde ich konfirmiert, von anderen sogar zur Schule geschickt.

Mein Vorname war Nijole ... Marianne Beutler starb und verwandelte sich in eine hübsche, blonde Litauerin.

Ich wußte genau, wer ich bin und woher ich stammte. Aber das Zigeunerleben machte aus mir ein unendlich verschlossenes Mädchen. Ich hatte keine Nachricht über den Verbleib meines Vaters, meiner Mutter und Bruder Manfred. Diese Unwissenheit drückte wie ein Stein auf meinem Herzen.

Endlich wurde ich in Pogegen wohnhaft, aber nicht als Kindermädchen. Hier begann ich mein selbstständiges Leben als Krankenpflegerin. Später zog ich nach Memel um. Mit 19 Jahren war ich schon ein hübsches Mädchen. Ich hatte eine gute Stimme, liebte das Singen und Tanzen und wurde von vielen beäugelt. So kam es zu einer Bekanntschaft mit einem Seemann, was auch meine erste Liebe war. Es gelang mir damals, eine Stelle auf der Post zu bekommen, wo auch eine hiesige Deutsche mit Namen Erika arbeitete. Sie brachte mich auf den Gedanken, meine Eltern zu suchen.

Den Vater entdeckte ich in Hamburg. Er freute sich sehr, daß ich den Krieg unversehrt überstanden hatte und schrieb auch über Mutter. Sie kehrte gerade aus der Verbannung zurück, war erkrankt und starb bald darauf. Es stellte sich heraus, daß der Zug, in dem ich meine Mutter verlor, direkt nach Sibirien gefahren ist. Dank des Schicksals Los fuhr er ohne mich weiter und ich blieb in Litauen. Mutter und Bruder waren aus der Verbannung geflüchtet. Diese Flucht war kein Kinderspiel. Wochenlang wohnten sie in Schneewehen, krochen durch den Schnee, schaufelten ihn mit Händen beiseite und bekamen Erfrierungen. Mein Bruder war damals noch klein und erinnert sich nur an den Schnee und Mutters Worte: "Bitte sterbe nicht, nur nicht sterben ... Bitte stirb nicht!" Vater hat uns fast nichts über die durchgemachten Höllenqualen unserer Mutter geschrieben, und Bruder Manfred erinnert sich nur an die Schneewehen, über welche Mutter ihn schleppte.

Mein Vater wollte nicht, daß ich unter Fremden bleibe und billigte meine Seemanns-Bräutigam-Wahl nicht. Er bat mich, zurückzukehren. Aber meine Mutter starb und Vater heiratete eine andere, zog nach Essen um. Danach erkrankte er. Briefe schrieb mir meine Stiefmutter. Ihr Inhalt gab mir zu verstehen, daß sie auf mich nicht wartet. Mein Bruder machte sich selbstständig. Vater starb. Ich heiratete meinen Seemann.

So blieb ich in Litauen. Jetzt habe ich 2 Söhne und möchte nicht, daß sie irgendwo als Fremdlinge betrachtet würden. Ich war auch bei meinem Bruder in Deutschland und habe das Grab meines Vaters besucht. Dort wurde es mir klar, daß mein Zuhause hier in Litauen ist und ich in Deutschland nur Gast bin.

Das Schicksal entschied, daß ich hier in der Erde Litauens Wurzeln schlagen mußte.

Autor: Frau Marianne Rovbutiene geb. Beutle.
Quelle :
"Memel-Jahrbuch" 2002 Herausgeber : Manfred Malien
Die Autorin ist Vorsitzende der "Edelweiß-Wolfskinder"-Gruppe in Memel

Heimaterinnerungen



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verfaßt am
31.01.2001
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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 27. Dezember 2010