Kirchspiel Sandkirchen:
Gemeinde Lindbach (Dickschen)
Kreis Schloßberg (Pillkallen
von Walter Broszeit

Nach dem Bericht des letzten Amtsvorstehers, Albert Slemties, ist die Gemeinde im Jahre 1650 erstmalig in den Steuerakten des Amtes Ragnit erwähnt gewesen.

Nach einer von den Bürgermeistern und Lehrern geführter. Dorfchronik, die während des Fluchtgeschehens verloren gegangen ist, ist einer der ersten Ansiedler namens Dickschas gewesen. Von diesem Namen abgeleitet, soll die Gemeinde die Bezeichnung Dickschen geführt haben. In der .Familie dieses Dickschas ist die deutsche Sprache gesprochen worden, während bei den nachgekommenen Ansiedlern die litauische Sprache vorherrschend gewesen sei. Ferner ist hier erwähnt gewesen, daß die Gemeinde von der in diesem Gebjet in den Jahren 1700/10 wütenden Pest verschont geblieben ist.

Die Richtigkeit dieses aus der Erinnerung gegebenen Berichts hat inzwischen Bestätigung gefunden.
In der Amtsrechnung des Amtes Ragnit aus den Jahre 1654 sind für den Ort Dückschen 12 Huben, 7 Morgen zu verzinsen und Scharwerk, ausgewiesen. Bei der Vermessung des Amtes Lesgewangminnen von 1775 werden für Diekschen:
..............22 Hufen, 2 Morgen, 193 Ruthen,
davon .... 9 Hufen, 8 Morgen, 205 Ruthen Unland, Wald, Bruch,.
festgestellt.

Hierbei wird erwähnt, daß der Einsasse Dickschatis 6 Morgen Chatulland .in Birkenhain (Kackschen) genutzt hat. Weiter ist vermerkt, daß es ein geschlossener Ort ist und die Südgrenze zum Ort Wietzheim (Groß Rudminnen, hier Rudenen genannt) als Königl. Wald bestellt.

Nach J.F. Goldbeck ist, hier Dückschen genannt, 1785 ein. Königl. Bauerndorf an der Scheschuppe mit 9 Feuerstellen im Amt Lesgewangminnen. 1818 ist es, jetzt Duikschen genannt, als Bauerndorf mit 9 Feuerstellen und 53 Seelen erfaßt.

Die bekannte, früheste Ansiedlung, hat aus 10 Stuhlbesitzern in Form eines Haufendorfes bestanden, die auf einer Bodenerhebung im Flußtal in der Gegend zwischen Gehöft Nr. 12 und Nr.18 der anliegenden Skizze belegen war. Diese Ansiedlungsform ist vorwiegend zum Schutz gegen Raubüberfalle gewählt worden. Zu jeder Baustelle (Gehöft) gehörten etwa 4 Morgen Land (Sandboden) das von den einzelnen Familien beackert wurde. Die übrigen Flächen sind gemeinschaftlich als Weideland genutzt worden. Für den Wintervorrat an Heufutter wurden die Flußwiesen gleichfalls in Gemeinschaftsarbeit genutzt. Im Zeitpunkt der Separation waren nach einer Niederschrift mit einer Gemeindekarte, die sich bei den Gemeindeakten befunden hat, folgende Stuhlbesitzer:
1.) Bajohr.................................. 6.) Kurszenties
2.) Dickschas ............................7.) Poetschat
3.) Endrikat ...............................8.) Pranz
4.) Endrulat ...............................9.) Slemties
5.) Jurgeleit .............................10.) Welbat

Außer diesen Stuhlbesitzern waren noch 2 Eigenkätner ansässig, deren Namen nicht mehr bekannt sind. Diese hatten sich außerhalb des Haufendorfes an den mit Kreuzen bezeichneten Stellen bei dem späteren Grundstück Nr. 34 niedergelassen. Das südliche Eigenkätnergebäude war aus Lehm und das nördliche Gebäude aus runden Baumstämmen errichtet. Bei beiden Gebäuden war der Wohnteil und der Stallteil unter einem Dach. Diese Gebäude sind nach ihrem Verfall, um 1900, nicht wieder errichtet worden. Mit der Separation endeten die früheren gemeinwirtschaftlichen Verhältnisse. Die Gemeindefläche von 339 ha wurde auf die 10 Stuhlbesitzer zu je 30 ha und auf die 2 Eigenkätner zu je 3 ha aufgeteilt. Kurze Zeit nach der Separation brannten die dicht aneinandergebauten Höfe bis auf 3 Gehöfte nieder. Die neuen Gehöfte wurden nun außerhalb des Flußtals auf den neu zugeteilten Eigentumsflächen errichtet, zumal die vorherige Wohnsiedlung auch ständig vom Hochwasser des Flusses bedroht gewesen war. Um den Wiederaufbau bei der damals bestellenden Geldknappheit durchzuführen, mußten die meisten ehemaligen Stuhlbesitzer Landflächen an zugewanderte Neusiedler verkaufen. Die Höfe Nr.3 und Nr.29 (Skizze) haben trotz des Wiederaufbaus nicht verkauft, sondern noch weitere Landflächen erworben und ihre Anwesen auf 51,75 und 40,75 ha vergrößert. Das Grundstück Nr.29. in vielen Generationen Familienbesitz Poetschat, zuletzt Franz Poetschat, ist 1936 wegen Krankheit an Hubertus Haß, der aus Niedersachsen kam, veräußert worden.

Die Gemeinde lag am Südufer des Ostflusses gegenüber dem Ostteil der Gemeinde Dreifurt. Der Fluß mit seinen Windungen bildete in einer Länge von 3 km die Nordgrenze. Mit einem schmalen Uferstreifen grenzte sie im Westen an die Gemeinde Hohenflur und bildete hier gleichzeitig die Grenze zwischen dem Kreis Tilsit-Ragnit und dem Kreis Schloßberg. Weitere Nachbargemeinden waren: im Süden die Gemeinde Wietzheim, im Südosten und Osten die Gemeinden Kleinruden mit Ortsteil Vielwege und Tuppen.

Im Gemeindebereich befanden sich 2 Furten über den Ostfluß, die bei niedrigem Wasserstand als Übergänge benutzt wurden. Die Landschaft, insbesondere durch das Flußufer bedingt, war leicht gewellt. Außer etwa 35 ha im Flußtal, war die Bodenqualität kleefähig. Hierunter ist zu verstehen, daß sämtliche Getreidearten, Hackfrüchte und Kartoffel angebaut werden konnten. .Im Ackerteil des Flußtals kamen Frühkartoffeln und leichtere Getreidearten (Sommergetreide) und als Zwischenfrüchte Süßluppinen und Seradelle zum Anbau. Der Gemeinde-Durchschnittshektarsatz war durch den großen Flußtalanteil sehr gemindert und betrug nur 470 RM.

Die erste aus Holz erbaute Schule ist dem vorerwähnten Brande zum Opfer gefallen. Dann wurde eine sehr lange Zeit die Schule in einem gemieteten Raum im Grundstück Nr. 11 unterhalten, inzwischen hatte die Nachbargemeinde Kleinruden sich einwohnermäßig so vergrößert, daß die Kinder von den Nachbarschulen als Gastschüler nicht mehr aufgenommen werden konnten. Die Gemeinden Lindbach und Kleinruden schlossen sich zu einem Schulverband zusammen und bauten 1886 in Lindbach - Grundstück Nr. 6 -eine einklassige Volksschule mit Lehrerwohnung. Soweit erinnerlich, sind folgende Lehrer tätig gewesen:
Jessulat, der auch noch litauischen Unterricht erteilt hat,
Kelck - Bellmann - Fotheringham, Gustav - Milautzki, Hermann -Rausch, Erhard -
Lemhöfer, Reinnold - Bonacker, Kurt - und zuletzt Unverhau, Franz.


Die Bürgermeister haben hier verhältnismäßig lange amtiert und deshalb sind deren auch nur noch vier erinnerlich:
.................Slemties, Christoph
.................Slemties, Ensies
.................Poetschat, Christoph
.................Urban, Franz (1925 bis zur Vertreibung)

Die Gemeinde gehörte zum Polizeiposten Lindershorst (Uszballen).Der letzte Polizeibeamte war Gendarmeriemeister Endrulat. Der Mitbürger Albert Slemties, dessen Vorfahren mehrfach als Bürgermeister der Gemeinde vorstanden, war ab 1928 bis zur Vertreibung Amtsvorsteher des Amtsbezirks Tuppen, zu dem 10 Gemeinden des Kreises Schloßberg gehörten. Besonders zu erwähnen ist der 1923 verstorbene Christoph Poetschat, damaliger Eigentümer des Hofes Nr. 25, der sich als Bürgermeister für überregionale wirtschaftliche und politische Belange des Kirchspiels Sandkirchen, besonders verdient gemacht hat.

Wirtschaftlich war die Gemeinde früher überwiegend in Richtung Haselberg und der Kreisstadt Schloßberg orientiert. Nach der Kirchspielsgründung und der Einrichtung einer Omnibuslinie der Reichspost von Ragnit nach Haselberg, verlagerten sich die wirtschaftlichen Beziehungen vermehrt in den Kreis Tilsit-Ragnit. In der Gemeinde war nur eine Arbeiterfamilie ansässig, die keinen eigenen Grund- und Hausbesitz hatte.

Bemerkenswert sind bei dieser Gemeinde die Veränderungen seit der geordneten Landverteilung (Separation) bis zum 2. Weltkrieg. In etwa 4 Generationen ist die Einwohnerschaft von 12 auf 36 Familien, insgesamt 176 Personen im Jahre 1939, angewachsen. Von den ursprünglich 10 Familien (Stuhlbesitzer) mit je 30 ha Eigentumsfläche haben, wie bereits schon erwähnt, nur zwei Betriebe diesen Besitz erhalten bzw. noch vermehrt. Der Besitz der übrigen Stuhlbesitzer, hat sich in mehreren Etappen erheblich verringert und ist in unterschiedlich kleineren Flächen auf laufend hinzukommende Neusiedler übergegangen. Damit hat die Gemeinde zwar an Wirtschaftskraft eingebüßt, jedoch zusätzlich mehr als der doppelten Anzahl Menschen Heimstatt und Existenz gegeben.

Diese Umschichtung der Besitzverhältnisse hat sich sowohl für die weitere Erschließung dieses Raumes als auch für die soziale Entwicklung in dem sonst an Erwerbsquellen armen Gebiet sehr günstig ausgewirkt. Von den ursprünglich bekannten Bewohnern (Siedlern), waren zuletzt nur noch drei Familien ansässig, nämlich: Slemties, Pranz und Poetschat.

Das Fischereirecht im Ostfluß ist vor dem 1. Weltkrieg nicht mit der inzwischen eingetretenen strukturellen Veränderung geregelt worden, deshalb bestanden über dieses Recht innerhalb der Gemeinden und auch unter den Gemeinden selbst, sehr unterschiedliche Ansichten. So haben Flußanlieger der Gemeinde Dreifurt um das Jahr 1900 die Auffassung vertreten, daß die Gemeinde Lindbach überhaupt kein Fischereirecht im Ostfluß hätte. Da die Lindbacher sich daran nicht störten, haben die Dreifurter ihrer Auffassung dadurch Nachdruck verliehen, daß sie mit einer kleinen Armada sämtliche Flügelreusen der Lindbacher abräumten und dabei noch einen Lindbacher Fischer handgreiflich maßregelten. In einem zweijährigen Prozeß obsiegten die Lindbacher und dabei ist gleichzeitig entschieden worden, daß die Mitte des Flusses die Grenze zwischen den damaligen Kreis Ragnit und dem Kreis Schloßberg im Bereich der Gemeinde Lindbach sei.

Einige Spaßvögel aus Lindbach sollen aus diesem Anlaß ihre Häuser auf Vollmast beflaggt haben. Danach ist jedoch ein gutes Einvernehmen eingetreten und die Fischereiberechtigten beider Gemeinden haben wegen der großen Ausweichmöglichkeit der Fische jeweils beide Seiten des Flusses befischt. Ein nach dem 1. Weltkrieg erlassenes Wassergesetz hat unter Berücksichtigung früherer unterschiedlicher alter Rechte zwar keine allgemein, einheitliche Regelung, aber doch klare Rechtsverhältnisse auf dem Gebiet des Fischereirechts gebracht.

Die mittelgroße zum Nachbarkreis gehörende Gemeinde mit ihrem rührigen Einwohnern und der Ausstrahlung ihrer Wirtschaftsfaktoren war ein beachtlicher Bestandteil des Kirchspiels.

Anmerkung: Die an verschiedenen Stellen angegebene Nummer bezieht sich auf die Hausnummerierungen in der Dorfskizze

Im 2.Weltkrieg gefallen oder vermißt
Meyer, Heinz
Mischke, Alfred
Mischke, Werner
Schon, Herbert
Schon, Willi
Schulz, Helmut
Wabulat, Willi
Wahrendorf, Louis
Hirschbeck, Ernst

Im Fluchtgeschehen verstorben oder vermißt
Hirschbeck, Karl
Hirschbeck, Auguste (E)
Hirschbeck, Ida (T)
Hirschbeck, Emma (T)
Poetschat , Franz
Seehausen, Luise
Sennowitz, Frieda
Sennowitz , Wanda
Sennowitz, Fritz
Turkat , Johanna
Turkat , Irmgard
Wahrendorf, Werner
Wicht, Minna


Autor: © 1971 Walter Broszeit
Quelle: "
Das Kirchspiel Sandkirchen Kreis Tilsit-Ragnit" - Herausgeber Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V - Ausgabe Oktober 1975
letzte Statistik 1939:
  • Lindbach (Einwoher: 176 - Fläche: ...........ha)
    ältere Namen: Dückschen bis um 1785, Duikschen bis 1818,
    Dickszen bis 1871, Dickschen bis 16.07.1938
    seit 1945: Abramowo


    Anmerkung:
    1) Evangelisches Kirchspiel:Sandkirchen, Krs. Tilsit-Ragnit
    2) Standesamt:Tuppen


Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 1099 und 10100 (Altenkirch und Haselberg) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Weiter Beiträge
Dorfskizze mit Verweisliste zu den Grundeigentümern/Mietern (5 Seiten - 360 KB)



Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am
12.08.2008
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Sonntag, 26. Dezember 2010