| Teil 1 | |
|
|
|
von Botho Eckert
|
|
Ein Bild der Auswirkungen der Pest im Bereich des späteren Kirchspiels Jurgaitschen vermittelt eine Aufstellung der Dorfbauern sowie der Berahmungshuben aus den Jahren 1708 und 1711. Es handelt sich um 28 Orte, von denen 4 total verwüstet, 12 über 80 % verwüstet, 10 zwischen 50 % und 80 % verwüstet und 2 unter 50 % verwüstet waren. Von den 159 bewirtschafteten Hüben im Jahre 1708 waren im Herbst 1711 98 Huben total verwildert. Bei den Familien sah es noch trauriger aus. Im Jahre 1708 gab es 180 Bauernfamilien zuzüglich der Altenteiler, Hirten und Arbeiter. Allein von den Bauernfamilien waren 150 durch die Pest umgekommen. Zu den verbliebenen 30 Bauernfamilien kamen bis 1711 30 neue Familien - meist Litauer- hinzu. Die in den gemischten Orten ansässigen Schatullsiedler überlebten alle. Eine Aussage über das Schicksal der reinen Schatullorte habe ich leider noch nicht zur Einsicht bekommen. Im Kirchspiel gab es 9 Schatullorte, darunter auch mein Geburtsort Skattegirren. |
| Quellenangaben Horst Kenkel: Bauernlisten des Amtes Tilsit nach der Großen Pest 1709/10, Hamburg 1968 Wilhelm Sahm: Geschichte der Pest in Ostpreußen, Leipzig 1905 Fritz Ströfer: Die Kartei Nolde, Salzburger Verein, Band V |
| Die Pest von 1709 und 1710 |
| Berichte des Kammermeisters von Jurgaitschen/lnsterburg |
|
Immer wieder haben Pestepedemien die Bevölkerung des Landes dahingerafft, so in Ostpreußen in den Jahren 1464,1602 und 1709/10. Die letzte Pestzeit war wohl die schrecklichste von allen. Einige Aufzeichnungen aus dem Kammeramt Jurgaitschen bei Insterburg mögen das verdeutlichen: Hauptursache war wohl die Mißernte von 1709 und die zusätzliche Härte der preußischen Beamten: |
| Der Bericht vom 18. August 1710 schildert die Lage in Jurgaitschen:
"Von den trostlosen Zuständen in dem kleinen Kammeramte Jurgaitschen, das bis zum 18. August 1710 2.060 Menschen verloren hatte und nur noch 150, teilweise auch schon infizierte Überlebende zählte, gibt ein Bericht des dortigen Kammermeisters vom 17. Juli 1710 beredtes Zeugnis. "E. K M.", so schreibt er "kennen noch nicht den übergrossen Jammer und die Not, so in Litauen herrschen. Es ist kein einziges Dorf in diesem Kammeramte, das nicht angestecket und in dem die meisten ausgestorben. Alle Krüge sind menschenleer, und die noch wenigen Lebenden liegen an der Pest. Die Mühle und Ziegelscheune ist ganz ausgestorben. Die Köllmer und Freyen sind tot. Die Hofmütter und alle Gärtnerweiber und Hirten sind verstorben und nicht eine Seele ist lebend. Das liebe Vieh geht meistens in die Irre und ist kein Volk, dass es kann ausgemolken werden. Es liegen hier über 40 Achtel Butter. Wer kann und wo soll man sie verkaufen? Der Ausgestorbenen Wiesen und Felder liegen wüst und ist kein Mensch, der sie austet und beackert. Die königlichen Vorwerke sind wegen Mangel der Menschen nicht auf der Hälfte zugepflügt, etwas Heu habe ich anschlagen lassen, und wo nicht aus den deutschen Orten werden Menschen geschickt werden, die solches auf dem Felde austen und aufsetzen, so muss alles draussen bleiben. Es kann der Jammer nicht genug beschrieben werden. Der Balletische Priester ist heute auch gestorben. Meine liebe Ehegattin ist gestern gestorben mit drei Kindern und sechs Gesind. Ich gehe nur noch mit meinen kleinen Würmchen herum und warte mit Furcht und Zittern auf den grausamen Pesttod. E. K. M. werden sich landesväterlich erbarmen, wo von meinen kleinen unerzogenen Würmchen welche übrigbleiben sollten, denselben Gnade widerfahren zu lassen; denn ich auch schon durch das Brot- und Salzausteilen angestecket bin." |
|
Über die schlechte Versorgung der Menschen gibt ein weiterer Bericht Auskunft: Die Lieferungen waren ungenügend und das Gelieferte noch dazu oft minderwertig. Das Dorf Lenkimmen im Amte Jurgaitschen erhielt beispielsweise monatlich zwei Scheffel aus Gerste und Hafer bestehendes Mengegetreide, das noch dazu mit "Dwelck" (Roggentrepse) versetzt war. Gewiss, es gelangte in einzelnen Ämtern auch Roggenbrot und Tafeltier zur Verteilung. Die Ärzte verhielten sich auch nicht gerade rühmlich: |
| Das ganze Ausmaß der Pest erkennt man aus einer Aufstellung der Gestorbenen in den Orten |
|||
| während der Jahre |
1707
|
1710
|
1711
|
| Memel |
653
|
9.797
|
491
|
| Tilsit |
808
|
17.266
|
241
|
| Ragnit |
1.509
|
24.251
|
271
|
| Insterburg |
3.253
|
44.000
|
380
|
|
Insgesamt starben in Ostpreußen rd. 280.000 Menschen an der Pest. Trotzdem ist festzustellen, daß die Zahl der Eheschließungen und Geburten nach diesen Epidemien stark zunahm. Es ist erstaunlich, wie gerade nach großen Katastrophen - Epidemien - Kriegen -Erdbeben - der Wille zum Neubeginn und Wiederaufbau voller neuer Energie steckt. |
|||
| Ein Pestgedicht der damaligen Zeit: | |
|
Die wilde Pest heert weit und breit, Das Elternpaar liegt auf der Bahr, Das Söhnlein hört der Vater nicht, Hier preßt die Krankheit Seufzer aus, |
Bekleidet auf dem Felde liegt Sie tasten mit den Händchen klein Am Tage scheucht uns Winseln auf, Die Menschen schwärmen auf dem Feld |
![]() |
|
![]() |
![]() |
|
Leider haben einige Autoren den Ort Jurgaitschen im Amtsbezirk Tilsit mit dem Jurgaitschen im Amtsbezirk Interburg verwechselt. Auf den Karten und Verzeichnissen gab es keinen Kammerort Jurgaitschen im Kreis Tilsit-Ragnit. Auf der Suche nach der Erstbesiedelung vieler Orte im Kirchspiel bin ich leider noch nicht fündig geworden. |
| Autor : © 2003 Botho Eckert, D-32105 Bad Salzuflen Quelle: "Land an der Memel" Nr. 73/2003 Bilder: Botho Eckert |