Kirchspiel Großlenkenau
KLEINLENKENAU (Kl. Lenkeningken)
von Ernst Hofer

Kleinlenkenau, umgrenzt von Unter-Eißeln, Reisterbruch, dem Heidewald (Schilliswald), Großlenkenau (Gr. Lenkeningken) und Dammfelde (Nettschunen), gehörte neben Fuchshöhe (Jucknaten) und Ackerbach (Dirwonuppen) zu den kleinsten Dörfern des Kirchspiels Großlenkenau. Es dürfte zudem auch das zweitjüngste aller Dörfer des Kirchspiels sein, denn es wurde erst 1837 als Forstgutskolonie Klein-Lenkeningken gegründet. Eine Fläche von ca. 200 pr. Morgen, vermutlich zum Schilliswald gehörend und als Kupstinus bezeichnet, wurde seinerzeit in ca. 15 Parzellen zu 7 ½ und 15 Morgen aufgeteilt. Auf jeder Parzelle wurde eine niedrige Elendskate aufgebaut. Für Haustiere waren Räume auf den kleinen Parzellen im Wohnhaus eingerichtet. Für die größeren Parzellen wurden Unterkünfte für die Haustiere in einem besonderen Gebäude, zusammen mit Scheune und Schuppen unter einem Dach, erstellt. Hier auf diesen Parzellen mit ihren primitiven Aufbauten wurden ehemalige Soldaten, die im Verbände des tapferen York'schen Korps 1813-1815 in den schweren und verlustreichen Kämpfen an der Befreiung Preußens vom napoleonischen Joch teilgenommen hatten und Invalide geworden waren, als Dank des Vaterlandes von den Behörden angesiedelt.

Einer der damals Angesiedelten war ein Vorfahre des letzten amtierenden Bürgermeisters von Kleinlenkenau "Goerke". Der Boden war sehr leicht, wenig ertragreich und sumpfig, zudem uneben und von Gestrüpp bewachsen und sollte nun erst ertragreich gemacht werden. Die ehemaligen Soldaten haben die Bäume und Sträucher gerodet, Gräben ausgehoben, Hügel mit Karren abgefahren und Mulden angefüllt, konnten sich jedoch trotz allem Fleiß nicht halten und zogen schließlich sang- und klanglos davon, außer dem genannten "Goerke", der von Beruf Schneider war und in den Nachbardörfern Arbeit und Brot erhielt.

An Stelle der Davongezogenen kamen Gutsarbeiter, die an harte und schwere Arbeit gewohnt waren und das Bestreben hatten, auf eigenem Grund und Boden zu arbeiten und unter einem eigenen Dach zu wohnen. Dieselben haben neben ihrer Arbeit auf ihren Parzellen auch noch zusätzlich auf den umliegenden Gütern und Bauernhöfen gearbeitet und es schließlich so weit gebracht, daß die Elendskaten abgebrochen werden konnten und neue menschenwürdige Wohnhäuser, sowie Ställe für das Vieh und Scheunen für das Getreide erstellt wurden, die zum Teil noch bei der Räumung des Dorfes im Oktober 1944 standen.

Als das nördlich der Gemeinde gelegene Gutsvorwerk Georgenwalde unter den Hammer kam, fielen hiervon ca. 200 Morgen an Kleinlenkenau, der Rest an Unter-Eißeln und Reisterbruch. Die geschlossene Gemeindefläche betrug nun 412 Morgen. Bis zur Vertreibung waren 176 Morgen Land- und Wiesenparzellen aus den Gemarkungen Unter-Eißeln, Ober-Eißeln, Rautengrund, Reisterbruch, Großlenkenau, Dammfelde, Schreitlaugken und Baltupönen zugekauft, so daß von den 15 Höfen des kleinen Ortes mit zuletzt 83 Einwohnern insgesamt 588 pr. Morgen bewirtschaftet wurden. Ortsschulze, später sagte man Gemeindevorsteher und zuletzt Bürgermeister, war von 1865-1889 der Großvater des letzten Bürgermeisters Goerke, es folgten: Kranz, Schellmat, Scbieleit, R. Rimkus, Kosgalwies und ab 1925 Emil Goerke, von dem auch die Aufzeichnungen über seinen Heimatort stammen.

Kommunalpolitisch gehörte zu Kleinlenkenau auch der Heidewald (Schilliswald). Besitzer des Waldes war bis 1910 Rittergutsbesitzer Freiherr v. Sanden, Tusseinen. Etwa um 1900 wurde der Wald zu etwa 90 % abgeholzt und zu Grubenholz verarbeitet, stehengeblieben sind damals nur junge Schonungen. Der Fiskus, der den Wald, m dem ein altes Waldwärter- bzw. Forsthaus stand, in dem der alte Förster Gerull wohnte, dürfte wohl keinen hohen Preis an den bisherigen Eigentümer gezahlt haben. Wald und Wild erfuhren im Besitz des Fiskus durch jüngere, erfahrene Förster und Holzarbeiter ihre Pflege und Hege und gediehen recht gut. Verwaltungsmäßig gehörte der Schilliswald zur Försterei Dachsberg, rechts der Scheschuppe an der Gemeinde Rautengrund. Von hier aus, wie von der Försterei Katzenfang in der Gemeinde Hirschflur aus, versahen junge Förster ihren Dienst auch im Schilliswald, bis etwa 1930 daselbst ein neues Forsthaus für eine neue Försterfamilie erbaut wurde. Als erster Förster zog der pensionierte Förster Schulz aus Dachsberg hier ein und machte seine Kontrollgänge bis zu seinem Tode. Nach der Vertreibung wurde der Schilliswald (zuletzt Heidewald genannt) ein Raub der Flammen. Erwähnt sei vielleicht noch in diesem Zusammenhang, daß im Herbst 1920 der Landjäger Olbrisch aus Ober-Eißeln, als er von einem Dienstgang aus Reisterbrucb am Scbilliswald entlang nach Hause ging, in der Dämmerung von einem Wilddieb erschossen wurde, wobei ihm die ganze Schrotladung ins Gesicht gedrungen war. Indizienbeweise reichten zu einer Bestrafung nicht aus, und so blieb diese ruchlose Tat ungesühnt.

Eine eigene Schule hat Kleinlenkenau niemals besessen. Die Kinder des Dorfes besuchten die Hauptschule in Unter-Eißeln und den Konfirmandenunterricht in Großlenkenau, doch besaß das Dorf seit seiner Gründung einen eigenen Friedhof. Ein eigenes Vereinsleben hat sich bei der geringen Bevölkerungszahl nie entfalten können.

Arbeitsgelegenheit bot der Schilliswald, das Sägewerk Kröhnert in Großlenkenau und das Wasserbauamt. Von goldenen Zeiten jedoch konnte man nie sprechen, immer hatten die kleinen Landwirte bei dem wenig ertragreichen Boden schwer um ihre Existenz zu ringen; war es da ein Wunder, daß manche Söhne dieser Landwirte ihr Bündel schnürten und auswanderten oder nach Westdeutschland gingen.

Der 1. Weltkrieg kam und forderte Opfer, es fielen: Franz Freihoff, Julius Lisdat, Franz Namgalies, Eduard Rimkus, Franz Schellmat und Franz Schieleit, doch noch mehr Leid brachte allen Dorfbewohnern der 2. Weltkrieg und die Vertreibung. Es fielen: Herbert Aukslat, Alfred Kosgalwies, Otto Kranz, Erich Naujoks, Max Scbellmat, Otto Schellmat, Walter Neufeld und Willy Rimkus.

Am 12. Oktober 1944 wurde Kleinlenkenau geräumt. Auf der Flucht verstarben: Frau Johanna Goerke und Christoph Daugelat. Die alte Frau Schellmat ist in Pommern verhungert, nachdem ihre Schwiegertochter Edith Schellmat mit ihrem Sohn nach Sibirien verschleppt wurde, dieselbe gelangte zwar nach Jahren wieder nach Deutschland zurück, starb aber dann an den Folgen der erlittenen Drangsalen. Frau Anna Aukslat wurde von Polen erschlagen. Nach ihrem kleinen Heimatdorf wurden aus Pommern von den sie überrollenden Russen zurückgetrieben: Ferdinand Kranz und Frau, Gustav Lokau und Frau, der frühere Bürgermeister und Amtsvorsteher Fritz Kosgalwies mit Frau und Enkelkind, Gustav Jekstadt und Frau, Fritz Aukslat, Anna Scbieleit und Karl Rudat. Hier verstarben an den Entbehrungen: Fritz Aukslat, Gustav Lokau und Karl Rudat. Anna Scbieleit wurde einige Zeit nach ihrer Rückkehr von betrunkenen russischen Soldaten im Hause von Fritz Kosgalwies bestialisch ermordet, Frau K. durch Stiche am Arm verwundet und auch der Enkelsohn von K. erlitt schwere Stichverletzungen, auch wurden dem ebenfalls dort anwesend gewesenen Chr. Kummetat aus Rautengrund sehr schwere Stichverletzungen beigebracht, er ist dann auch bald verstorben.

Verstreut in alle Winde und ohne Hoffnung auf eine baldige Rückkehr sind diejenigen Kleinlenkenauer, die am Leben blieben. Erwähnt sei noch, daß auch nicht mehr alle früheren Gehöfte des Dorfes stehen geblieben sind, es fehlt u. a. das Gehöft "Gernhöfer", das die Russen im Mai 1945 mutwillig anzündeten und das mit seinen 48 Morgen Land das größte Grundstück in Kleinlenkenau gewesen war.

Quelle: Auszug aus dem Heimatbuch "Am Memelstrom und Ostfluß"
von Ernst Hofer © 1967;
Herausgeber Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V. - Wiederauflage 1994

letzte Statistik 1939:
Kleinlenkenau ( Einw. :   82 Fläche :  102 ha )
  • alter Namen :Kl. Lenkeningken
    • nach 1945 :  Kustovo

Anmerkung: zugehörig zum Ksp. Großlenkenau

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 0999 (Baltupönen)-
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de



Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 18.06.2006

www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 24. Dezember 2010