Blick über den Memelstrom
Kleinbahn Tilsit - Pogegen - Schmalleningken

Im Juni 1898 wurde erstmals die Idee einer Kleinbahn von Pogegen nach dem Grenzort Schmalleningken aufgeworfen. Ursprünglich sollte die Strecke normalspurig gebaut werden, wurde jedoch in Meterspur ausgeführt mit dem Ziel, den Landstrich nördlich der Memel zu erschließen.


Abfahrt des Kleinbahnzuges nach Schmalleningken im Bahnhof Pogegen.
Aufnahmen: Slg. Matthias Koch

Ferner sollte das beachtliche Güteraufkommen des Grenzortes Schmalleningken - vor allem Getreide, Vieh und Holz aus dem russischen Hinterland - auch im Winterhalbjahr oder bei Hochwasser, wenn die Schifffahrt auf dem Memelstrom ruhte, weitertransportiert werden. 1902 ging die 55 km lange Verbindung in Betrieb und erfüllte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs die in sie gesetzten Erwartungen. In Schmalleningken hatte man zum besseren Umladen ein längeres Anschlußgleis zum Memelhafen errichtet. Weitere größere Anschließer waren Sägewerke in Kallwehlen und Wischwill (beide mit eigenen Feldbahnen zu den Verladestellen an der Memel), eine ebenfalls in Wischwill ansässige Meierei, ein Sandsteinbruch bei Kallwehlen sowie das Forstamt Jura. Auch der Personenverkehr war rege. Um den Betrieb wirtschaftlicher abwickeln zu können, wurden ab 1908 Personen- und Güterverkehr getrennt. Den Personenverkehr übernahm ein dreiachsiger, von Westinghouse/Steinfurt gebauter benzinelektrischer Triebwagen, der erste, der auf einer Schmalspurbahn in Deutschland zum Einsatz kam. Damit betrat die IKB, gemeinsam mit der OEG als Betriebsführer, wahres Neuland.

Bereits 1905 war der Bau einer Verbindung von der Kleinbahn Pogegen -Schmalleningken nach Tilsit ins Gespräch gebracht worden. In der Folgezeit gab es konträre Auffassungen der Anliegergemeinden über den Streckenverlauf, so daß die neue Kleinbahnlinie über die Königin-Luise-Brücke erst am 1. Mai 1914 eröffnet werden konnte. Die Verbindung Mikieten - Tilsit wurde auf Forderung der Stadt Tilsit elektrisch betrieben. Zwei Oberleitungs-Triebwagen mit Personen- und Gepäckabteil standen dafür zur Verfügung, die auch in der Lage waren, mehrere Güterwagen zu ziehen (Stromsystem vermutlich 550 V Gleichstrom, da die Tilsiter Stadtwerke auch die Straßenbahn mit Fahrstrom versorgten). Die Güterwagen der Kleinbahn konnten über ein Anschlußgleis bis zum Tilsiter Hafen weiterbefördert werden. Außerdem fand ein Wagenübergang zur Städtischen Straßenbahn statt. Sitz der örtlichen Betriebsleitung war ursprünglich Pogegen, später wurde er nach Tilsit-Übermemel verlegt.


Für den elektrifizierten Teil dieser Meterspurbahn wurden zwei Triebwagen beschafft.
Oben: ETw 31 der Insterburger Kleinbahnen in den dreißiger Jahren in Tilsit.
Aufnahme: EK-Archiv

Mit der Abtrennung des Memellandes vom Deutschen Reich im Jahre 1920 endete die bis dahin gute Entwicklung dieser Bahn. Besonders schmerzlich wirkte sich der Wegfall der russischen Importe aus. Durch die Veränderung der Verkehrsströme ging der Grenzverkehr über Schmalleningken fast auf Null zurück. Zudem mußten in Tilsit auf beiden Seiten der Königin-Luise-Brücke Grenzkontrollstellen eingerichtet werden. Trotz der politischen Ereignisse änderte sich am Eigentum und an der Betriebsführung der Kleinbahn nichts.

Der Geschäftsbericht wurde nunmehr in der litauischen Landeswährung "Litas" erstellt.

Als das Memelland im März 1939 in den Reichsverband zurückkehrte, lief der Verkehr normal weiter. Die Blüte früherer Jahre konnte aber nicht mehr erreicht werden. Neben den beiden Elektrotriebwagen der Strecke Tilsit - Mikieten und dem benzinelelektrischen Triebwagen wurden auf der Kleinbahn auch zwei- und dreifach gekuppelte Tenderloks eingesetzt. Nach der Räumung des Memellandes im Oktober 1944 kamen noch zwei Maschinen zur Spreewaldbahn, wurden dort aber bereits 1948 verschrottet.


Kleinbahn Tilsit - Pogegen - Schmalleningken (1000 mm)
Eigentümer:
Insterburger Kleinbahn-AG, Insterburg (bis 30.06.1924)
Ostpreußische Kleinbahnen-AG, Königsberg/Pr. (ab 01.07.1924)
Betriebsführer: Ostdeutsche Eisenbahn-Gesellschaft

Eröffnung
12.08.1902
01.05.1914

Strecke
Pogegen - Schmalleningken
Tilsit - Mitketen
(elektrischer Betrieb)
Länge
55,1 km
7,5 km

Fahrzeugbestand (1942)
Lokomotiven
6
Triebwagen
2 ET
Personenwagen
8
Packwagen
3
Güterwagen
57

Beförderungsleitungen

1914
1929
1933
1939
1942
Personen
(Anzahl)
163.801
103.009
37.072
87.985
290.884
Güter in Tonnen
34.867
17.668
9.782
18656
32.553

Autor: entnommen aus "Eisenbahn-Kurier
Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2007 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz

Orte nördlich der Memel



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am
02.12.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 24. Dezember 2010