Kirchspiel Rautenberg
...an unser Heimatdorf Kleehausen und unsere Inster
von Kurt Rasokat

Kleehausen war eigentlich schon der vierte Name unseres Dorfes. Bekannt wird es den meisten aber noch unter dem Namen Laugallen sein. Nach der Überlieferung hieß es davor Gudszendschen, und noch früher wohl Bajorgallen. Unser Dorf war mit seinen 27 Familien, und den meist kleinen und mittleren Höfen, zwischen 20 und 120 Morgen Land, nur ein kleines Dorf. Es war jedoch idyllisch gelegen und hatte seinen besonderen Reiz, denn die Inster begrenzte das Dorf im Norden. Sie bildete auch gleichzeitig einen Teil der Kreisgrenze, denn unser Dorf grenzte nach zwei Seiten hin an den Kreis Schloßberg (Pillkallen).

Die angrenzenden Ortschaften waren: Im Norden, auf der anderen Seite der Inster, Insterwangen (Paiszeln), im Osten Löbenau (Löbegallen), im Süden Moritzfelde (Moritzlauken) und Birkenfelde, und im Westen Karohnen. Mitten durch unser Dorf führte von unserm Kirchdorf Rautenberg aus eine Kiesstraße nach Löbenau und von dort weiter nach Haselberg (Lasdehnen) oder durch den Schoreller Wald nach Schloßberg (Pillkallen).

Vor der Separation, 1836, lagen die Höfe des Dorfes alle geschlossen an dem Weg in der Nähe der Inster, wo auch unser eigener Hof noch bis zuletzt stand. Später bauten dann die einzelnen Landwirte ihre Höfe auf das ihnen zugeteilte Land hinaus. Das Ackerland, und das gemeinsame Weideland, waren vor der Separation weit von den Höfen entfernt, und das Vieh des Dorfes wurde auf dem gemeinsamen Weideland gehütet. Ein großer Teil im Süden des Dorfes soll in noch früherer Zeit Wald gewesen sein. Im Dorf hat es zu der Zeit auch noch eine alte Försterei gegeben. Es wird erzählt, daß der letzte Förster des Dorfes, wahrscheinlich einer unserer Vorfahren, den Wald damals größtenteils versoffen haben soll. Wenn ihm die Leute Schnaps zu trinken gaben, dann konnten sie sich Holz aus dem Wald holen. Als nur noch sechs Kiefern des Waldes standen, soll er auf litauisch gesagt haben: "Reich man die Flasche, und dann nimm auch noch die letzten." Später wollte er dann auch noch eine Pension haben, doch die hat man ihm dann nicht mehr bewilligt. Ein Teil des südlichen Dorfes wurde auch zu unserer Zeit noch die "Kellminis", das Stubbenland (Baumstümpfe), genannt.

Aus der Zeit vor der Separation stammte auch noch eine Urkunde, die mein Vater, der Bauer und letzte Bürgermeister von Kleehausen, Johann Rasokat, in seinen jungen Jahren auf dem Boden des Hauses gefunden hatte und die dem Papier nach schon sehr alt sein mußte, doch leider kein Datum trug. Sie hatte den folgenden Wortlaut:

"Alle Wirte verkaufen dem Wirt Rasokat den Pirtplatz (Saunaplatz) für sechs Taler". Es folgten dann etwa 20 Unterschriften, wovon aber nur eine von dem Schreiber unterschrieben war. Alle anderen hatten hinter ihren Namen als Unterschrift drei Kreuze gemacht. Das hätte wie ein alter Friedhof ausgesehen, sagte mein Vater. Und von all diesen Namen wäre zu unserer Zeit nur noch unser eigener Name in unserm Dorf gewesen.

Ja, unser alter Friedhof in Kleehausen, der war schön. Das war ein schöner, ruhiger und friedlicher Platz. Fünf hohe Lindenbäume standen auf ihm dicht beieinander, die man auch aus großer Entfernung sehen konnte, und man meinte dann, es wäre nur ein einziger riesiger Baum mit einer gewaltigen Krone. Der Friedhof lag an einem Platz, wo die Inster eine große Schleife nach außen machte und in einem weiten Bogen hinter dem Friedhof herumfloß. Diese ganze Ecke wurde die "Wingis" genannt. Unsere Wingis war wohl überhaupt die schönste Ecke unseres Dorfes und auch der näheren Umgebung. Die Inster hatte sich dort tief in das Land hineingefressen. Auf unserer Seite waren dort meist flach abfallende Wiesen zum Fluß hin, doch auf der anderen Seite der Inster waren steil abfallende hohe Böschungen und Hänge, wo man im Winter gut rodeln konnte. Eine Ecke in der Wingis war besonders schön. Dort wuchsen viele Erlen und Weiden, und auch viele Büsche und Sträucher. Hier konnte man manch schönes Plätzchen finden. Wenn die Inster im Frühjahr bei der Schneeschmelze Hochwasser führte, dann trat sie jedesmal weit über ihre Ufer und überschwemmte die angrenzenden Wiesen. Dabei kam das Wasser dann manchmal fast bis an unsern Garten. Auch die Wingis war dann überschwemmt, und die dicken Eisschollen stießen krachend gegen die Erlenbäume. Manche waren davon ganz dick vernarbt. Auf der anderen Seite stand oben am Rande einer hohen und steil abfallenden Böschung ein einzelner alter Baum, der seine Wurzeln tief in der Böschung verankert hatte. Zuletzt hing er schon bis zur Hälfte mit seinen Wurzeln frei in der Luft, aber er hielt den Stürmen immer noch stand. Von dieser hohen Böschung aus hatte man einen weiten Ausblick über Kleehausen und das weite flache Land. Mein Vater erzählte aus seinen Kindertagen, daß er als kleiner Dreikäsehoch oft dort oben gestanden und über das Dorf geschaut habe. Er habe dann gesungen: "Einst stand ich auf hohem Berge, schaut' hinab ins tiefe Tal." Die Leute hätten dann über ihn gelacht und ihn gefragt: "Wie hoch ist denn dein Berg?" "Mindestens zwanzig Meter, - daß mir keiner lacht!" antwortete er. Das war zwar etwas übertrieben, aber für ihn war das schon eine ganz enorme Höhe.

Auch große Sommerfeste im Freien wurden in manchem Sommer an einem warmen Abend in unserer Wingis, dem "Laugaller Grund" gefeiert. Dazu kam dann das überwiegend junge Volk von weit und breit, um dort eine Nacht bei flotter Musik zu tanzen und fröhlich zu sein. Aber auch die Zecher kamen dabei nicht zu kurz, denn der Ausschank durfte natürlich nicht fehlen, da Durst ja schlimmer als Heimweh sein soll.

Die zwei beliebtesten und schönsten Badestellen der ganzen Umgebung befanden sich auch in unserer Wingis. Nach der anstrengenden Feldarbeit, besonders in der Erntezeit, wenn man tagsüber tüchtig geschwitzt hatte, war so ein kühles und erfrischendes Bad in der Inster nach Feierabend etwas ganz Herrliches. Auch dort war dann immer ein besonderer Treffpunkt der Jugend aus den umliegenden Dörfern von beiden Seiten der Inster, und man konnte bis weit ins Dorf hinein die Marjellens juchen und kreischen hören.

Eine Furt durch die Inster hat es in früherer Zeit in der Wingis auch gegeben. Dieser Weg durch die Furt kürzte den Weg zum Torfmoor, der Kakschebalis, fast um die Hälfte ab. Durch einen Abrutsch an der steilen Böschung war danach diese Stelle zu tief geworden und konnte als Furt nicht mehr benutzt werden. Es mußte dann zum Torfmoor der weite Umweg über die Insterbrücke in Löbenau gemacht werden.

Unsere Inster hatte eigentlich zu jeder Jahreszeit ihren besonderen Reiz. Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter, sie zog uns immer wieder an. Ja, und Fische gab es auch in der Inster, und mancher davon wanderte in unsern Kochtopf und in unsere Pfanne.

Ansonsten hatte unser Dorf nicht allzuviele Besonderheiten aufzuweisen. Ein jeder wohnte auf seinem Hof und ging seiner oft doch sehr schweren landwirtschaftlichen Arbeit nach. Wir, und auch ich, haben zum Beispiel das Getreide auf unsern Feldern damals noch mit der Sense gemäht. Über die Arbeit und das Leben auf unseren Höfen könnte ich noch manches erzählen. Die Beziehungen der Nachbarn untereinander waren meistens gut, und man half sich gegenseitig, soweit es nötig war. Ärger und Streit gab es nur selten.

Die Dörfer Kleehausen, Moritzfelde und Birkenfelde hatten eine gemeinsame einklassige Volksschule in Birkenfelde. Da gab es für die Kinder zum Teil recht weite Schulwege, was bei schlechtem Wetter, und besonders im Winter bei starkem Frost und heftigem Schneetreiben, schon manchmal eine arge Strapaze sein konnte. Doch der Winter hatte auch manches Schöne, wenn ich nur zum Beispiel an Schlittenfahrten mit hellem Glockengeläut denke, oder an das Schlittschuhlaufen auf der zugefrorenen Inster.

Wir gehörten zum Amt und zum Kirchspiel Rautenberg, wo auch unsere nächstgelegene Bahnstation war. Von unserem Dorf nach dorthin waren es etwa sechs Kilometer. Nach Rautenberg kam man verhältnismäßig oft hin. Wir fuhren mit dem Pferdewagen oder auf dem Fahrrad zum Gottesdienst in der Kirche. In Rautenberg spielte sich auch weitgehend unser wirtschaftliches Leben ab. Dort waren die Geschäfte, die Getreidemühle und die Molkerei, zu der auch die Milch der Kühe aus unserem Dorf hingefahren werden mußte. Auch das Getreide, Kartoffeln und das Vieh wurden nach Rautenberg geliefert. Es gab dort fast alles, was wir für unser bescheidenes, aber doch auch schönes Leben und für unsere Arbeit auf unseren Höfen benötigten. Ja, das war unsere liebe alte Heimat Kleehausen-Laugallen. In der Erinnerung steht sie noch vor unseren Augen, und wir gehen noch auf den alten vertrauten Wegen und sehen unsere schönen Höfe inmitten der erntereifen Felder. Noch hören wir den Klang der Sense in unseren Ohren. Wir gehen noch einmal hinunter zu unserer Inster und an ihr entlang zu unserem alten, schönen Friedhof mit seinen hohen Lindenbäumen, in deren Wipfeln der Wind wie vormals rauscht und in deren Schatten viele Generationen unserer Vorfahren in der kühlen Erde ruhen.

In der Erinnerung können wir dieses alles noch ein wenig bewahren, doch die Realität sieht dort heute leider ganz anders aus. Der Bereich unseres alten Friedhofs und seine Umgebung gleicht heute einer Wildnis. Die Gräber findet man kaum noch. Man hat Gräber aufgegraben und geschändet. - Von unseren drei Dörfern, die zu unserer Schule gehörten, steht heute kein einziger Hof und kein einziges Haus mehr. Es hat sich dort alles sehr stark verändert, so daß mich nur noch wenig an die alte Heimat meiner Jugendzeit erinnert.

In meiner Kriegsgefangenschaft in den USA schickte mir meine Schwester ein Gedicht, das ich heute leider nicht mehr habe. Darin hieß es an einer Stelle etwa so: !Als ich spät die Heimat grüßte, fand mein Elternhaus ich leer. Keine Mutter, die mich küßte. Ach, die Heimat ist's nicht mehr. Über Gräbern weht der Wind. Wir sind eilig fortgegangen," las ich, "komm uns nach, mein Kind."

Autor: © Juni 2006 Kurt Rasokat
Quelle Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 79/2006 Seite 77

letzte Statistik 1939
Kleehausen ( Einw. :   135 Fläche :  223 ha )
  • alter Namen : Laugallen bis 16.07.1938
    nach 1945 :  Mostovoe


Anmerkung: zugehörig zum Ksp. Rautenberg

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 11100 (Schmilgen) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 28.12.2006

www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 24. Dezember 2010