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Von Dr. med. Detlef Neuhaus
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Seit einigen Jahren verbringe ich, meist im Frühjahr, eine Woche im Königsberger Gebiet, schaue mir die Städte und Dörfer an, fahre durch das Land und suche noch erhaltene Spuren aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Besonders gern spüre ich die alten Dorfkirchen auf oder vielmehr das, was von ihnen noch übriggeblieben ist. Früher als Mittelpunkt des Ortes gepflegt und instand gehalten, sind die Gotteshäuser heute oft bis zu Unkenntlichkeit verfallen oder ganz vom Erdboden verschwunden. Im vergangenen Mai bin ich zum ersten Mal für zwei Tage in Tilsit. Ein Tag ist für die Stadtbesichtigung vorgesehen, für den anderen plane ich eine Rundfahrt über die Kirchdörfer. Ich reise allein, bin von Königsberg mit einem Mietwagen gekommen. Angesichts der für unsere Verhältnisse paradiesischen Benzinpreise von umgerechnet 80 Cent pro Liter macht das Autofahren über die geraden, recht gut ausgebauten Landstraßen noch Spaß. Nachdem das Hotel mir den nötigen "Propusk" für den Aufenthalt in der Grenzzone besorgt hat, geht es zunächst ostwärts. Die frühere Ragniter Kirche, etwas abseits des Zentrums gelegen, ist als solche kaum noch zu erkennen. Die obere Hälfte des Turmes ist abgetragen, das Kirchenschiff zu einem langen, zweistöckigen Wohnsilo umgebaut. Nur das Rundportal im Erdgeschoß des Turms und ein einfaches Kreuz auf dem Dachfirst erinnern an die frühere Funktion des Gebäudes. |
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Auch in Trappen (Trappönen), das man nach einer Fahrt durch ein wunderschönes Waldgebiet erreicht, steht nur noch das alte Kriegerdenkmal an der Dorfstraße. Stattdessen genieße ich von einer Anhöhe am Ortsrand den weiten Blick in das Flußtal der Memel mit seinen ausgedehnten, jetzt im Mai schon saftig grünen Wiesen. |
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In Hohensalzburg (Lengwethen) würde sicherlich nie ein Vorbeifahrender die unmittelbar an der Durchfahrtsstraße gelegenen kläglichen Mauerreste für Überbleibsel einer Kirche halten. Solange das turmlose Gebäude noch als "Kulturhaus" des Ortes diente, kümmerte man sich wohl leidlich darum. Auch dieser Funktion beraubt, büßte es bald sein Dach ein, Unkraut und Sträucher säten sich ein. Der Putz bröckelt von den Wänden und läßt die dicken Feldsteine zum Vorschein kommen, die Salzburger Einwanderer nach ihrer beschwerlichen Auswanderung vor fast dreihundert Jahren von den Feldern ihrer neuen Heimat zusammensuchten, um sich davon dieses schlichte Gotteshaus zu bauen. |
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Am frühen Abend bin ich an der letzten Station meiner Tour angekommen, in dem abgelegenen Weidenau (Pokraken). Das Dorf selbst wirkt verlassen, nur ein einziger Bewohner ist zu sehen. In seinem Gärtchen am Ortseingang hebt er mühsam die schwere feuchte Grasnabe ab, wohl um ein kleines Pflanzbeet herzurichten. Auf einer Bank am Straßenrand vor seinem Häuschen hat er einen Eimer mit Milch zur Abholung abgestellt - die Tagesproduktion seiner Kuh, die im Garten weidet. Die Ruine der Backsteinkirche aus den Jahren 1894-1896 hat ihr Dach verloren, die Außenmauern machen einen recht stabilen Eindruck. Der Turm wird immer noch von der Wetterkugel und einem Kreuz gekrönt, sein Dach weist aber große Löcher auf. Der weitere Verfall ist abzusehen. |
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Das Schicksal der Tilsiter Stadtkirchen rundet den trostlosen Gesamteindruck ab. Während meines Stadtrundgangs am folgenden Tag kann ich nur mit Hilfe meines Reiseführers die zu einem Fabrikgebäude verunstaltete Kreuzkirche und den von häßlichen Anbauten umgebenen Turm der reformierten Kirche entdecken. Schade, daß kaum eines der alten Gemäuer in Stadt und Land die letzten Jahrzehnte überdauert hat. Als interessierter Tourist ohne eigene Erinnerung kann man die traurige Entwicklung ja noch mit einer gewissen Nüchternheit sehen. Die Wehmut derjenigen, die dort getauft und konfirmiert sind, dort Hochzeit gefeiert und am Heiligen Abend Weihnachtslieder gesungen haben, kann man auch als Nicht-Vertriebener gut verstehen. |
| Autor: © 2008 Dr. med. Detlef Neuhaus Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 83/2008 Fotos: Dr. med. Detlef Neuhaus (6x) - Walter Klink (1x) |