An einem Tag durch die Kirchdörfer des Kreises Tilsit-Ragnit
Von Dr. med. Detlef Neuhaus

Seit einigen Jahren verbringe ich, meist im Frühjahr, eine Woche im Königsberger Gebiet, schaue mir die Städte und Dörfer an, fahre durch das Land und suche noch erhaltene Spuren aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Besonders gern spüre ich die alten Dorfkirchen auf oder vielmehr das, was von ihnen noch übriggeblieben ist. Früher als Mittelpunkt des Ortes gepflegt und instand gehalten, sind die Gotteshäuser heute oft bis zu Unkenntlichkeit verfallen oder ganz vom Erdboden verschwunden.

Im vergangenen Mai bin ich zum ersten Mal für zwei Tage in Tilsit. Ein Tag ist für die Stadtbesichtigung vorgesehen, für den anderen plane ich eine Rundfahrt über die Kirchdörfer. Ich reise allein, bin von Königsberg mit einem Mietwagen gekommen. Angesichts der für unsere Verhältnisse paradiesischen Benzinpreise von umgerechnet 80 Cent pro Liter macht das Autofahren über die geraden, recht gut ausgebauten Landstraßen noch Spaß. Nachdem das Hotel mir den nötigen "Propusk" für den Aufenthalt in der Grenzzone besorgt hat, geht es zunächst ostwärts.

Die frühere Ragniter Kirche, etwas abseits des Zentrums gelegen, ist als solche kaum noch zu erkennen. Die obere Hälfte des Turmes ist abgetragen, das Kirchenschiff zu einem langen, zweistöckigen Wohnsilo umgebaut. Nur das Rundportal im Erdgeschoß des Turms und ein einfaches Kreuz auf dem Dachfirst erinnern an die frühere Funktion des Gebäudes.

Die Anfang des 20. Jahrhunderts errichteten großen Backsteinkirchen der beiden nächsten von mir besuchten Orte sind vollkommen abgeräumt. In Groß Lenkeningken (Großlenkenau) kann ich nur noch den Taufstein mit der Aufschrift "Lasset die Kindlein zu mir kommen..." und das alte Kriegerdenkmal fotografieren, mit dem der "Kriegerverein Groß Lenkeningken" an die "Im Weltkriege 1914/18 gefallenen Helden" erinnert.

Auch in Trappen (Trappönen), das man nach einer Fahrt durch ein wunderschönes Waldgebiet erreicht, steht nur noch das alte Kriegerdenkmal an der Dorfstraße. Stattdessen genieße ich von einer Anhöhe am Ortsrand den weiten Blick in das Flußtal der Memel mit seinen ausgedehnten, jetzt im Mai schon saftig grünen Wiesen.

Ein wirklicher Lichtblick zeigt sich in Sandkirchen (Wedereitischken). Die gut hundert Jahre alte wuchtige Kirche, deren Architektur an die Ordenszeit erinnert, ist restauriert. Turm und Schiff besitzen ein funkelnagelneues Dach, ein Gerüst am Turm zeigt, daß die Arbeiten noch andauern. Das Gebäude wird von einer orthodoxen Gemeinde genutzt. Im Gras sitzt ein rauchender Mann mit furchigem Gesicht, der mich fragt, ob ich auch das Innere sehen möchte. Er holt den Schlüssel aus der Tasche und schließt auf. Die Gestaltung des Innenraumes ist völlig erneuert, wirkt kalt und steril. Immerhin - diese Kirche wird für die kommende Zeit das einzige Beispiel deutscher Sakralbauten in dieser entlegenen Gegend bleiben.

Die nächste Station meiner Tagestour ist Altenkirch (Budwethen). Das Dorf macht einen geradezu lebhaften Eindruck. Landwirtschaftliche Fahrzeuge fahren durch die zahlreichen, mit Regenwasser gefüllten Schlaglöcher der Dorfstraße, am russischen Ehrenmal sind junge Leute mit Pflegearbeiten beschäftigt (in zwei Tagen ist der 9. Mai, ("Tag des Sieges"). Auf der kleinen Wiese vor der Kirche hat ein fliegender Händler Kleidungsstücke zum Verkauf ausgebreitet. Ab und an schaut ein Dorfbewohner bei ihm vorbei. Von dem schlichten Kirchengebäude aus dem 18. Jahrhundert stehen nur die Außenmauern, im Innern wächst Gras und Strauchwerk. Das kleine Türmchen über dem Westgiebel, das früher eine kleine Glocke trug, wird sicher irgendwann einstürzen. Dann wird auch dieser Bau bald verschwunden sein.


Über Rautenberg - auch hier keine Spur mehr von der kleinen Dorfkirche -fahre ich weit nach Süden bis in den früheren Kreis Schloßberg, um auf die Landstraße von Gumbinnen nach Breitenstein (Kraupischken) zu gelangen. Hier, wieder zurück im Kreis Tilsit-Ragnit, ist immerhin die Ruine des Gotteshauses noch vorhanden. Von den alten Feldsteinmauern des Kirchenschiffs sind große Teile abgetragen. Der im 19. Jahrhundert angebaute Turm aus Backsteinen macht einen vergleichsweise stabilen Eindruck, wenn auch die Turmspitze fehlt. Auf dem mit Gras überwucherten Kirchenvorplatz sind die Umrisse des Kriegerdenkmals auszumachen. Der steinerne Adler, der das Denkmal früher krönte, liegt abgebrochen auf dem Boden wie ein Vogel, der im Gras Nahrung sucht.

In Hohensalzburg (Lengwethen) würde sicherlich nie ein Vorbeifahrender die unmittelbar an der Durchfahrtsstraße gelegenen kläglichen Mauerreste für Überbleibsel einer Kirche halten. Solange das turmlose Gebäude noch als "Kulturhaus" des Ortes diente, kümmerte man sich wohl leidlich darum. Auch dieser Funktion beraubt, büßte es bald sein Dach ein, Unkraut und Sträucher säten sich ein. Der Putz bröckelt von den Wänden und läßt die dicken Feldsteine zum Vorschein kommen, die Salzburger Einwanderer nach ihrer beschwerlichen Auswanderung vor fast dreihundert Jahren von den Feldern ihrer neuen Heimat zusammensuchten, um sich davon dieses schlichte Gotteshaus zu bauen.

Auch als Ruine noch stattlich wirkt hingegen die Kirche in Schillen. Sie liegt leicht erhöht in der Ortsmitte, von altem Baumbestand umgeben; das Kriegerdenkmal in unmittelbarer Nähe ist eben noch zu erkennen, von der alten Inschrift kann man nur Teile entziffern. Die Dächer des Turms und des Kirchenschiffs fehlen auch hier, in einigen Öffnungen der langen Rundbogenfenster stecken noch Reste der alten Fensterrahmen. Die Siedlung besteht nur aus einzeln stehenden Häusern, ist schon lange kein geschlossenes Dorf mehr. In der Landwirtschaft scheint sich jedoch etwas zu bewegen. Beidseits der neu asphaltierten Straße in Richtung Tilsit erstrecken sich ausgedehnte beackerte Flächen.


Vorbei an der bis auf das neue Asbestplattendach fast unversehrt erhaltenen wuchtigen Backsteinkirche von Königskirch (Jurgaitschen) geht die Fahrt weiter. Das Mitte des 19.Jahrhunderts errichtete turmlose Gebäude hat lange Zeit der örtlichen Kolchose als Lager gedient., wird aber offenbar nicht mehr genutzt. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV., der bei der Grundsteinlegung im Jahre 1841 zugegen gewesen sein soll, würde sich angesichts dieser „Zweckentfremdung" sicherlich im Grabe umdrehen.

Auch in Argenbrück (Neu Argeningken) liegt die Kirche auf einer Anhöhe, direkt an der vielbefahrenen Fernstraße. Weit kann man von hier oben nach Norden und Westen über das Land schauen. Das graue verputzte Gebäude vom Anfang des 20. Jahrhunderts ist äußerlich noch leidlich intakt, allerdings fehlt die alte Zwiebelturmhaube. In der Dachrinne wachsen kleine Birken. Die Fenster sind größtenteils zugemauert, Türen gibt es natürlich nicht mehr. Beim Betreten des Innenraumes mache ich Bekanntschaft mit einer schwarzbunten Kuh, die wiederkäuend nach draußen schaut. Der ganze Boden ist mit einer dicken Schicht getrockneter Kuhfladen bedeckt. Das Gotteshaus ist zum örtlichen Kuhstall umfunktioniert! Zum Glück habe ich stabiles Schuhwerk. Die alte tonnenförmige Holzdecke ist in großen Teilen erhalten ebenso wie der steinerne Altaraufbau. An den Seitenwänden finden sich noch aufgemalte Kreuze.


Am frühen Abend bin ich an der letzten Station meiner Tour angekommen, in dem abgelegenen Weidenau (Pokraken). Das Dorf selbst wirkt verlassen, nur ein einziger Bewohner ist zu sehen. In seinem Gärtchen am Ortseingang hebt er mühsam die schwere feuchte Grasnabe ab, wohl um ein kleines Pflanzbeet herzurichten. Auf einer Bank am Straßenrand vor seinem Häuschen hat er einen Eimer mit Milch zur Abholung abgestellt - die Tagesproduktion seiner Kuh, die im Garten weidet. Die Ruine der Backsteinkirche aus den Jahren 1894-1896 hat ihr Dach verloren, die Außenmauern machen einen recht stabilen Eindruck. Der Turm wird immer noch von der Wetterkugel und einem Kreuz gekrönt, sein Dach weist aber große Löcher auf. Der weitere Verfall ist abzusehen.

Das Schicksal der Tilsiter Stadtkirchen rundet den trostlosen Gesamteindruck ab. Während meines Stadtrundgangs am folgenden Tag kann ich nur mit Hilfe meines Reiseführers die zu einem Fabrikgebäude verunstaltete Kreuzkirche und den von häßlichen Anbauten umgebenen Turm der reformierten Kirche entdecken.

Schade, daß kaum eines der alten Gemäuer in Stadt und Land die letzten Jahrzehnte überdauert hat. Als interessierter Tourist ohne eigene Erinnerung kann man die traurige Entwicklung ja noch mit einer gewissen Nüchternheit sehen. Die Wehmut derjenigen, die dort getauft und konfirmiert sind, dort Hochzeit gefeiert und am Heiligen Abend Weihnachtslieder gesungen haben, kann man auch als Nicht-Vertriebener gut verstehen.

Autor: © 2008 Dr. med. Detlef Neuhaus
Quelle:
Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 83/2008
Fotos:
Dr. med. Detlef Neuhaus (6x) - Walter Klink (1x)

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© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 27.12.2008

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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 14. Dezember 2010