| Heimaterinnerungen.... | |
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von Rudi Lemke
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Die Straße von Lindicken nach Altenkirch war für uns Jungs etwas besonderes, denn wir konnten sie von uns aus gut beobachten. Sie war chaussiert und wenn bei trockenem Wetter die Pferdefuhrwerke, Kutschwagen - aber auch Pferde- und Viehherden - die Chaussee benutzten, dann gab es viel Staub, der sich dann schemenhaft am Horizont abzeichnete. Diese Straße bot noch mehr. Altenkirch umfaßte ca. 28 Kirchspielgemeinden; d.h., alle behördlichen Angelegenheiten mußten in Altenkirch amtlich vollzogen werden, wie z.B. Taufen, Trauungen, ortsgerichtliche Beglaubigungen etc.. Wenn es bekannt wurde, daß eine Hochzeit stattfand, dann lagerten wir schon im Roßgarten und warteten auf die Kutschwagenkolonne, die zur Kirche nach Altenkirch fuhr. Wir zählten die Wagen. Je nach Anzahl der Pferdekutschen wurde der Besitz und Wohlstand des Ausrichters eingeschätzt. Die Pferde waren gestriegelt und glänzten. Es wurden immer die Besten und Schönsten angespannt. Das Geschirr war auf Hochglanz geputzt. Die Kutschwagen, Jagdwagen, Giggen und Landauer waren gewienert. |
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Eine weitere Begebenheit auf der Lindicker Straße: Im Winter fuhren Bauern mit ihren Ein-, Zwei-Spänner-Schlitten von Altenkirch - vielleicht waren sie beim Abromeit, Koplien oder sonstwo einkaufen - nach Lindicken, Eigarren, Hüttenfelde, Wascheningken oder Pusskeppeln. Wir Jungs warteten schon am Ortsausgang von Altenkirch auf solche Schlitten. Die Insassen waren meistens Eheleute, in dicken Pelzen eingemummelt und konnten kaum nach links oder rechts schauen, geschweige nach hinten, was sich evtl. auf den Schlittenkufen tun könnte. Also wir Jungs schlichen uns von hinten an das ziemlich schnell fahrende Gefährt, sprangen auf und fuhren dann soweit mit, wie es uns Spaß machte. Aber wehe, der Kutscher merkte, daß wir auf den Kufen standen, dann schnickte er seine Peitsche über seinen Kopf nach hinten, um uns zu treffen; aber wir waren darauf so geeicht, daß er uns nur leicht traf. Eines abends war es soweit: Es war schon dunkel, nur die kümmerlichen Straßenlaternen spendeten etwas Licht. Wir hatten wieder einmal ein Schlittenopfer, daß nach Lindicken fuhr - so ungefähr bei Werthmanns entdeckt und schwangen uns auf die Schlittenkufen. Die Pferde hatten uns schemenhaft gemerkt, scheuten und gingen durch. An der Abfahrt an Haeses Garten - also Rechtskurve - nach Lindicken, kam der Schlitten, mit Mann und Frau besetzt, ins Schleudern. Wir Buben erkannten die brenzliche Situation und sprangen - uns paarmal überschlagend - von den Kufen ab. Der Schlitten war mit Mann und Maus links an Haeses Garten in den tiefen Graben geschleudert. Die Bodenbretter flogen in der Gegend herum, es war ein Sammejuddes, ein Schnaufen der beiden Pferde, ein Fluchen des Schlittenbesitzers und ein Heulen der Ehefrau. Die Pferde kamen zum Stehen. Wir zwei Lorbasse lagen in ein paar Metern Entfernung auf schneebedeckter Straße und lauschten dem dramatischen Ereignis. Wir zitterten vor Angst, was wir da wohl angestellt hatten. Der Schlittenfahrer schimpfte immer weiter und hatte gemerkt, daß wir die Verursacher dieses Unfalls waren. |
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Die Roßgärten links und rechts von der Lindicker Straße gehörten uns Jungen. Diese endlosen Weiden gehörten dem Landwirt Werthmann und Dampfziegeleibesitzer Haese. Wir waren meistens so 10-12 Jungs, die in dieser Prärie antiautoritär tun und lassen konnten was wir wollten. Reiten war unsere Leidenschaft. Wir trieben eine Herde Pferde in eine Roßgartenecke, jeder suchte sich ein Pferd aus, schnappte es an der Halsmähne, schwang sich während des Laufs auf den Pferderücken und ab ging die Post, meistens im gestreckten Galopp, kilometerweit durch den Roßgarten. Es ging auch nicht alles so glatt ab. Stürze, Prellungen, Verstauchungen waren schon an der Tagesordnung. Ein jährliches Ereignis war auch das Pferde-Querfeldeinrennen, welches hinter dem Altenkirchener Friedhof stattfand. Start und Ziel war auf dem Werthmannschen Gelände. Dabei wurde die Lindicker Straße überquert und verlief in Richtung Gaistauden. Wir konnten das Rennen von den Ziegeleiofenfenstern sehr gut und gespannt beobachten. Ich hoffe, daß noch einige Landsleute meinen Jugenderlebnissen gedanklich folgen können und sagen: Ja, so war's. |
| Autor: Autor: Rudi Lemke Quelle: "Memel-Jahrbuch" 2002; Herausgeber Manfred Malien |