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Erlebnisse auf unserem Hof und in unserem Gasthaus mit Kolonialwaren
in Kellmienen vor 1945 |
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von Else Naujeck
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"Elschen, Ingemaus, wo seid ihr, kommt zum Essen," rief unsere Omi. Sie stand auf der oberen Stufe der Veranda, die zum Hof angebaut war. Diese hatte große Fenster und an drei Seiten eingebaute Bänke und einen großen Tisch. Hier nahmen wir alle im Sommer unsere Mahlzeiten ein. Wir, das waren Mutti, Omi, meine Schwester Inge, das Mädchen Safania und der Knecht Closius. Vati war im Krieg. Unser kleines Brüderchen Wolfgang lag noch in der Wiege. Uns beide Mädchen zu finden, war nicht immer einfach. Wir spielten im 2 - Morgen großen, von einer hohen Lindenhecke umgebenen, Garten mit vielen Kieswegen und zwei Lindenlauben mit weißen Bänken. Wir schlüpften durch den Holzzaun hinter der Apfelwiese, ein loses Zaunbrett war für uns gerade richtig, und spielten am Teich, oder wir pflückten die noch unreifen Weintrauben an der Stallwand, die am Garten angrenzte. Das war aber streng verboten. Wir liefen damit ins Schlafzimmer, versteckten uns unter den Ehebetten und aßen diese Früchte, gelitten haben wir danach sehr. Oma konnte nicht immer sehen, wo wir waren. Sie kochte und backte, Mutti war im Geschäft, und wir hatten alle Freiheiten dieser Welt. Schön war es, wenn wir zur Erntezeit Omi aufs Feld begleiten durften. Sie trug auf der linken Hüfte einen Korb, gefüllt mit übereinandergestapelten dicken weißen Tassen, Streuselkuchen und Fladen, in der rechten Hand eine große Metallkanne mit heißem Kaffee. Faßlimonade aus dem Laden gab es für uns. Von weitem konnte man die weißen Kopftücher der Frauen leuchten sehen. Wenn Ernte - und Schlachtzeit war, hatten wir Helfer aus dem Dorf, unsere Einlieger halfen uns auch. Sie saßen dann im Schatten und ruhten sich aus, uns Kindern hat es hier besonders gut geschmeckt. Mutti trug auch ein weißes Tuch, tief verschattet war ihr Gesicht, wie eine Haube. Sie hatte einen Bogen Papier in das Tuch eingeschlagen und so einen richtigen Schirm für das Gesicht. Mode war es damals, blasse Haut zu haben, so wie die Städter in Tilsit sie hatten. Bei Omi in der Küche war es immer gemütlich warm. Neben dem Elektroherd stand ein gemauerter Kachel-Kochherd mit weißen Kacheln. Im Frühling stand ganz hinten ein Karton mit Eiern. Nach und nach schlüpften dann Schiepchen, Gösselchen und kleine Enten daraus. Die waren so weich und lieb und wir durften sie auch mal anfassen. Bevor sie in den Stall kamen, durften sie in der Veranda herumlaufen. Einmal wurde ein Küken in der Tür eingeklemmt, es lebte danach nicht mehr. Was haben wir Kinder geweint. |
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Im Spätherbst wurden bei uns die Gänse besonders ernährt, damit sie zur Schlachtzeit viel Schmalz abgaben. Es wurden fingerlange Nudelteigröllchen gefüttert. Ich liebte die Gänse nicht. Wenn ich über den Hof lief, machten sie lange Hälse, zischten und liefen bedrohlich auf mich zu. Wenn ich nicht weggelaufen wäre, hätten sie mich bestimmt gebissen. Wenn bei uns geschlachtet wurde, mußten wir im Hause bleiben. Ich habe es aber hinterher doch gesehen und das Quietschen hörte ich auch. Das Schwein hing dann in zwei Hälften geteilt an der Scheunentür. Die Helfer haben dann in Zinkwannen die Därme ausgewaschen. Auch wir durften dabei helfen. Später hingen die fertigen kurzen, dicken Leberwürste und langen Mettwürste auf Besenstielen zwischen zwei Stühlen zum Trocknen, bevor sie in die Räucherkammer auf dem Boden kamen. Bei den Holzauktionen, die bei uns stattfanden, waren die Gaststube und auch der Laden voller Menschen. Sie tranken Bier zu ihrem mitgebrachten Brot und schnitten dazu mit dem Taschenmesser Speck und Wurst in dicke Scheiben. Ab und zu bekam ich ein Stückchen Jagdwurst geschenkt. War die gut. Viel Lärm gab es, wenn vor dem ehemaligen Pferdestall an der Straße die Bauern Schlachttiere verkauften. Der gepflasterte Platz vor unserem Haus stand voller Fuhrwerke. Die Tiere wurden auf die Viehwaage verfrachtet und gewogen. Einmal war ein Eber ausgebrochen. Er lief über unseren gefegten und geharkten Hof, grub sich unter der Pforte zum Feld durch, rannte quiekend zu den Strohhocken und stieß sie alle um. Oma lief aufgeregt mit wehender Schürze zum Garten, um uns Kinder in Sicherheit zu bringen. Die Männer hatten große Mühe, das wild gewordene Schwein einzufangen. |
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Ein Erlebnis für mich war es, wenn Tante Lotte mich mit dem Fahrrad nach Königskirch holte. Unser Onkel Ernst Schulz war dort Hauptlehrer, und sie wohnten im Schulhaus mit Garten. Bei Fräulein Kilian, einer jungen Lehrerin, wurden Kulturfilme in der Klasse gezeigt. Ich ging noch nicht zur Schule, aber dann durfte ich mit in die Klasse. Es waren ja nur ein paar Schritte über den Flur. Alle Jahrgänge saßen zusammen und vor mir ein Mädchen mit wunderschönen langen Zöpfen. Zöpfe hatten die Mädchen alle. Ein großes Mädel meinte, ich solle doch mal daran ziehen. Ich gehorchte und hielt die Zöpfe ganz fest. Das Mädchen schrie und Fräulein Kilian kam zu uns. Nun mußte ich zur Strafe in die Ecke. Mein Gesicht zur Wand, die Leinwand hinter mir. Ich war traurig und tief gekränkt, fühlte ich mich doch so unschuldig. In Königskirch war ich gerne, meine Schwester Inge ging schon zur Schule, und ich durfte Tante Lotte bei Besorgungen begleiten, wenn sie bei Frau Schlemminger Milch holte, bei der Schneiderin, Frau Tamkus, vorbeischaute oder ihre Freundin Grete Leppert besuchte. Ihr Mann war Zahnarzt, und sie wohnten in einer Mietwohnung. Sie hatten einen Jagdhund, weiß mit schwarzen Flecken und ganz kurzem Fell. Ich fürchtete mich vor ihm, er war so groß, daß seine Schnauze bis an die Tischkante reichte. |
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Wenn ich nach Hause gebracht wurde, war ich froh. Hier waren Mutti, Brüderchen und Omi. Hier bei unserem Mitbewerber Reischuck auf der anderen Straßenseite konnte ich Schweinebaumeln üben. Die Stangen zum Pferde anbinden waren da höher und besonders geeignet. Einmal war es kaum möglich, wieder nach Hause zu kommen. Die Straße war voller Soldaten. Sie marschierten so eng hintereinander, daß ich lange warten mußte, um rüberzukommen. Gerne sammelte ich Kastanien, ging mit Omi in den Garten zum Auflesen der Äpfel oder in den Gemüsegarten. Dort holte sie lila Kartoffeln und backte Puffer. Wenn Vati im Winter Fronturlaub bekam und es tüchtig geschneit hatte, schob er uns warm eingepackte Kinder auf einem Stuhlschlitten spazieren. Der Schlitten war sehr alt, mit hoher Lehne, wir paßten aber alle drei rein. Spaß hat es uns gemacht. |
| Autor: © Else Naujeck, verh. Kindt (aus "Erinnerungen" von Botho Eckert) Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2009 Seite 104 Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz |
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letzte Statistik 1939:
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Kellen (Ostpr.) ( Einw. : 218 Fläche : 181 ha )
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Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de |