Ostpreußen:
Gewagte Flucht führte über eine dünne Eisdecke
Hilfe vom russischen Knecht

Erhard Motejat hatte auf seiner Flucht aus dem nördlichen Ostpreußen mehrmals Glück, erinnert sich aber auch an schlimme Erlebnisse.

Mit Pferd und Wagen vollbepackt, fuhren wir bis zu dem Dorf Schöndammerau. Auf dem Hof, unmittelbar an der Passage, wurden wir untergebracht.

Die Russen kamen auch hier näher, wir hörten Schüsse und konnten sehen, wie deutsche Soldaten und Russen miteinander kämpften. In der darauffolgenden Nacht versammelten sich viele Menschen dichtgedrängt in der großen Küche. Wir hatten alle Angst, denn einige umliegende Höfe waren in Brand geschossen.

Feuerschein

Stefan, unser Knecht, spannte die Pferde vor den Wagen, und wir fuhren in der Dunkelheit, beleuchtet vom Feuerschein der brennenden Höfe den Hohlweg zum Dorf hinauf. Dort suchten wir uns eine Bleibe. Wären wir auch nur eine Stunde länger auf dem Hof verblieben, hätten wir das gleiche Schicksal erlitten, wie die Menschen, die nicht mitgefahren sind. Alle wurden mitgenommen und verschleppt.

Im Dorf Schöndammerau blieben wir eine Weile, bis auch dort die Lage zu brenzlich wurde. Unter Beschuß der Russen sind wir weiter geflüchtet in Richtung "Frisches Haff"! Zwischenzeitlich war der Fluchtweg über Land abgeschnitten. Es blieb uns jetzt nur noch der Ausweg über die unsichere dünne Eisdecke.

In etwa bei Tolkemit waren hunderte von Pferdefuhrwerken auf einem großen Platz aufgefahren, denn sie wollten alle über die Eisbrücke. Die Sonne schien, und wir warteten angstvoll auf ein Weiterfahren, da die Artillerie der Russen uns von Elbing aus beschoß. Die Geschosse wirbelten haushohe Fontänen in die Luft.

Ich saß auf dem Verdeck unseres Wagens und sah plötzlich zwei Flugzeuge im Tiefflug. Aus den Tragflächen spieen sie rote Feuerzungen. Dieses wahrnehmen; vom Wagen springen und hinter einem dicken Baum Deckung nehmen war eins. Dann knallte, es auch schon fürchterlich. Eine Sprenggranate war eingeschlagen, hatte eines der Pferde getötet, bei dem anderen Pferd kam aus der hinteren Kuppe ein fingerdicker Blutstrahl.

Meine Mutter, die nicht mehr vom Wagen gekommen war, hatte im Fuß einen Splitter abbekommen. Sie wurde nach dem Inferno von einem Militärarzt behandelt, das verletzte Pferd wurde von Soldaten erschossen.

Wir übernachteten in einem Fischerhaus, bekamen vom Militär neue Pferde, und am anderen Morgen ging es dann weiter, und wir kamen auf die berüchtigte Eisbrücke. In Viererreihen ging es hinüber, und soweit das Auge reichte sah man den Treck der Flüchtlinge ziehen.

Als wir auf dem Frischen Haff in Höhe der Stadt Elbing kamen, wurde der Flüchtlingstreck von Russen mit Granaten beschossen. Ich habe mit eigenen Augen mitansehen müssen, wie , ganze Pferdefuhrwerke in den Fluten versanken. Wir waren auf der Eisbrücke zwei Tage und eine Nacht, dann hatten wir es geschafft.

Richtung Danzig

Weiter ging die Flucht in Richtung Danzig - dort sollte für uns die Möglichkeit bestehen, eingeschifft zu werden. Wir übernachteten teils in Ställen oder Scheunen, aber auch auf unseren Wagen :bei bitterer Kälte. Dabei erfroren auch meine Zehen.

In Danzig angekommen, sind wir über holpriges Kopfsteinpflaster zum Hafen gefahren. Dort sollten wir auf der Gustloff eingeschifft werden, die vor dem Hafen vor Anker lag. Da aber die Schlange der Wartenden zu groß war, entschlossen wir uns mit Pferd und Wagen weiterzufahren. War dieses eine Vorsehung für uns ? Das Schiff, die Gustloff, wurde später versenkt.

In einem kleinen Ort mit dem Namen Alteuetzin machten wir an einem Spätnachmittag in der dortigen Poststelle Quartier. Unser Nachbar war mit seinem Pferdewagen bis hier immer mit uns zusammen gefahren. Hier fuhr er weiter. Er soll kurz vor Kolberg ins Kampfgebiet gekommen sein - und wurde erschossen.

Pferdegetrappel

Wir wollten am nächsten Morgen weiterfahren. Ich gehe also in der Frühe zum Stall hin und höre Pferdegetrappel. Reitet doch auf der Dorfstraße direkt am Haus ein Russe in vollem Galopp, die Kalaschnikow unter dem Arm haltend, vorbei. Ich glaube, ich bin wie angewurzelt stehen geblieben - und als ich das nächste Pferdegetrappel hörte, bin ich schnell in den Stall gelaufen.

Es dauerte dann auch nicht mehr lange, und die ersten Russen kamen ins Dorf. Mit den Worten - dawei Uhri -nahmen sie uns Uhren und Schmuck ab. Auch hier hatten wir wieder Glück im Unglück. Unser Knecht Stefan, der ja Weißrusse war, hatte es bei meinem Vater immer gut gehabt. Jetzt zahlte es sich für uns aus, er beschützte uns vor seinen eigenen Landsleuten.

Es kam dann zu uns ein Offizier, der perfekt Deutsch sprach. Da meine Mutter durch den Fliegerangriff vor dem Frischen Haff immer noch verwundet war, schickte er ihr einen Arzt. Der Offizier fragte uns auch, wo wir herkämen, und riet uns, nicht nach Hirschflur zurückzufahren - dort wäre nichts mehr.


Mit roter Fahne

Wir sollten aber auch nicht am Ort bleiben, denn wenn die Nachhut der Truppen käme, würde es für uns alle sehr schlimm werden. Also spannten wir wieder die Pferde vor den "Wagen und fuhren zurück. Stefan hatte eine rote Fahne am Wagen befestigt, denn jetzt war er als Russe ein freier Mann.

Wenn uns Soldaten anhielten, so sagte er ihnen, er wolle mit seiner Familie in seine Heimat zurückfahren -und wir blieben unbehelligt. So kamen wir gut zurück bis kurz vor dem Ort Geitberg. Bei einer Übernachtung auf einem verlassenen Hof trafen wir auf zwei Familien aus dem Ort Geitberg. Sie saßen dort mit ihrem Fuhrwerk fest, weil man ihnen die Pferde weggenommen hatte. Sie boten uns an. bei ihnen in Geitberg zu bleiben - nur sollten wir ihre Fuhrwerke mit unseren Pferden nachholen. So geschah es.

Auf der Rückfahrt, es lag noch Schnee in den Gräben, sahen wir noch viele tote Soldaten im Schnee liegen, die dort bei den Kämpfen umgekommen waren. Wir blieben ein Jahr lang.

Ein Abschied

Als unser Stefan sah, daß wir vorerst gut untergebracht waren, fuhr er mit einem Rappen vor seinem Wagen ab. Er wollte versuchen, nach seiner Heimat durchzukommen. Mit Spuli Stenzel hatte ich mich angefreundet, und wir zogen durch die verlassene Gegend. Eines Tages entdeckten wir ein großes Lager, vollgefüllt mit einen grünen Lodenjoppen in einer alten Ziegelei. Wir zogen uns ein paar übereinander an und machten uns auf den Heimweg. Kurz vor dem Gehöft von Stenzels kam auf der Straße eine Kutsche mit Russen gefahren. Diese Russen müssen uns auf die Entfernung für Deutsche Soldaten gehalten haben, den sie schossen auf uns. und wir hörten die Kugeln an uns vorbeipfeifen. Wir versteckten uns in einem nahe beim Hof gelegenen Unterstand. Spuli hatte eine Armeepistole gefunden, legte sich in ein Kornfeld und schoß auf einen über ihm kreisenden Bussard. Es muß wohl noch ein Dritter gesehen haben, was Spuli in seiner Einfalt gemacht hat - und der hat uns bei der polnischen Miliz angeschwärzt.

Wir wurden dorthin abgeholt und verhört, ob wir wüßten, wo noch Waffen versteckt waren. Wir konnten nichts sagen und bekamen Schläge mit einem Peitschenstockende und mit dicken Sielen von einem Kutschgeschirr. Danach wurden wir getrennt in einen Keller gesperrt. Diese Prozedur wiederholte sich dreimal, erst am späten Abend ließ man uns laufen. Ich weiß nur, daß mein Rücken und die Beine voller Striemen war und ich den ganzen Heimweg vor Schmerzen geheult habe.

Nach einem Jahr wurden wir von Polen ausgewiesen. Man brachte uns nur mit Handgepäck versehen zum Bahnhof. Dort wurden wir in Viehwaggons verladen, und die Fahrt ging ab in Richtung Westen.

Im Lager

In Stettin endete erst einmal die Fahrt, und wir kamen alle in ein großes Lager. Hier nahm man uns alle Wertsachen ab. Wie lange wir im Lager waren, kann ich nicht mehr sagen. Wir schliefen dort auf den blanken Bretterfußböden.

Bei der Weiterverteilung zum Abtransport hatten wir wieder einmal Glück. Wie kamen nach Lübeck-Pöppendorf und nicht in die damalige DDR. In Lübeck-Pöppendorf angekommen, begann für uns die große Entlausung, egal, ob man Läuse hatte oder auch keine. Wir bekamen Kleidung und vernünftiges warmes Essen. Unser Transport ging dann weiter nach Kiel. In Kiel-Friedrichsort habe ich die Schule besucht und beendet. In meinen Träumen erlebe ich noch heute Vertreibung und Flucht.

Autor : © 1992 Erhard Motejat, 44143 Dortmund ( früher Hirschflur)
mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt ( 03.10.2004)

Hirschflur
Aus schlimmer Zeit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.12.2004

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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 20. Dezember 2010