Hirschflur (Giewerlauken)
von Erhard Motejat

Die Gemeinde Hirschflur (früher Giewerlauken), Kreis Tilsit-Ragnit, war 527 ha groß. Begrenzt wurde die Gemeinde im Osten von der Gemeinde Aschen, im Süden teils von der Gemeinde Waldau, teils vom Rittergut Juckstein und im Westen und Norden von dem Staatsforst Trappen (früher Trappönen).


Foto links:
ehemahlige Fähranlegestelle, Scheschuppe(Ostfluß) im Jahre 1992

Der Ostfluß (früher Scheschuppe) durchfloß die Gemeinde von Osten nach Südwesten und trennte dadurch fünf Landwirte mit insgesamt rd. 60 ha auf der Ostseite von der eigentlichen Gemeinde.
Die Einwohnerzahl betrug 1939 etwa 430 Personen. Das zuständige Amt war Rautengrund. Die Gemeinde gehörte zum Kirchspiel Großlenkenau. Hirschflur besaß eine zweiklassige Schule und bildete mit der Gemeinde Aschen und der Försterei Katzenfang des Forstamtes Trappen einen Schulverband. Die Schülerzahl betrug etwa 60 Kinder. Bewohnt war die Gemeinde mit 85 Hofstellen, davon waren 60 landwirtschaftlich genutzt, und zwar 58 unter 25 ha und zwei über 25 ha. Die kleineren Landwirte waren nebenbei mit Lohnfuhrwerkerei beschäftigt, andere waren als Forstarbeiter in den nahegelegenen Förstereien Katzenfang und Fuchswinkel des Forstamtes Trappen tätig.


Foto links:
Unser Dorfteich total zugewachsen (1992)

Es bestand eine Gastwirtschaft mit Kolonialwarenhandlung, ein Kolonialwarengeschäft und eine Schuhmacherei. Eingemeindet war die Försterei Katzenfang des Forstamtes Trappen. Otto Gerber war der letzte Revierförster. In den angrenzenden großen Wäldern des Forstamtes Trappen lebte ein großer Wildbestand. Als jedoch Hirsche und auch Wildschweine ausgesetzt wurden, entstand den Landwirten, die an den Forst grenzten, oft ein beträchtlicher Wildschaden. Hirsche traten in Rudeln bis zu 20 Stück auf. öfter wurden von ihnen Getreide- und Kartoffelernten vernichtet. Ebenso richteten Wildschweine erhebliche Schäden auf den Kartoffel- und Rübenäckern an. Wegen der vielen aus dem Forst auf das Gemeindegebiet austretenden Hirsche erfolgte damals von Amtswegen die Umbenennung des bisherigen Ortsnamens Giewerlauken in Hirschflur.


In den Jahren 1910/11 wurde durch die Gemeinde eine Kreisstraße gebaut. Dem Vernehmen nach war diese Straße bei Beginn des 1. Weltkrieges noch nicht in den russischen Generalstabskarten verzeichnet, dadurch blieb unser Dorf damals vor russischen Überfällen bewahrt. Der 1. Weltkrieg forderte, soweit mir in Erinnerung,
17 Gefallene.


Bild rechts:
fotografiert von der Straße nach Memelwalde (Neu Lubönen) :
Schule in Hirschflur 1992








Weil die schon erwähnten fünf Landwirte durch den Ostfluß von der eigentlichen Gemeinde abgeschnitten waren, baute die Gemeinde eine Holzbrücke über den Fluß. Es wurden je drei lange Pfähle vom Boot aus in das Flußbett gerammt, diese verband man mit einer kurzen Kette zu Böcken, die als Pfeiler dienten. Auf diese, etwa fünf Meter auseinanderstehenden Böcke, wurden die Tragbalken gelegt. Hierauf kamen lange Stangen und als Brückenbelag dienten Bohlen. Diese Art des Brückenbaues ist von vielen Generationen ausgeübt und von Zeit zu Zeit verbessert worden. Leider mußte die Brücke in jedem Herbst abgebrochen und im Frühjahr neu erstellt werden. Dieser Vorgang war notwendig, weil der Ostfluß im Frühjahr und Herbst durch Hochwasser und Eisgang die Brücke zerstört hätte. Trotz aller Vorsicht ist es vorgekommen, daß bei plötzlich eintretendem Hochwasser die Brücke weggerissen wurde. Dieser Brückenbau, durch Eigenleistungen erstellt, war für die Gemeinde eine große Belastung. Eine bessere Holzbrücke, die dem Hochwasser und Eisgang standhielt, hatte die etwa acht Kilometer östlich gelegene Gemeinde Galbrasten gebaut. Als diese Brücke jedoch repariert und verbessert werden sollte, fiel sie, infolge menschlichen Versagens, in sich zusammen. Es gab dabei mehrere Tote und Verletzte. Daraufhin verbot uns der zuständige Landrat den weiteren Brückenbau in unserer Gemeinde. In dieser Ausweglosigkeit beschlossen wir den Bau einer Fähre. Durch Notstandsarbeiten und Eigenleistungen der Gemeinde haben wir gepflasterte Zufahrtswege geschaffen. Die Fähre hat uns in den ersten dreißiger Jahren ein Schiffszimmermann gebaut. Zu aller Zufriedenheit blieb dieser Übergang über den Ostfluß bis zur Vertreibung in Betrieb.


Bild links:
Im Hintergrund die Anwesen Blessmann und Göttler (1992)



Der 2. Weltkrieg senkte auch auf unser stilles Dorf seine Schatten. Er verursachte schwere Verluste an Toten, unter denen wir auch unseren Schuleiter Alexander Tiedemann - er fiel in den letzten Kriegstagen als Offizier in Italien - zu beklagen hatten. Insgesamt trauert die Gemeinde um 36 Gefallene.

Am 12. Oktober 1944 überraschte uns der Räumungsbefehl, demzufolge wir unser liebes Heimatdorf für immer verlassen mußten. Die Gemeinde wurde in das Dorf Schalmey, Kreis Braunsbergt evakuiert. Dort hofften wir noch immer auf eine Rückkehr in die Heimat und hielten eine völlige Vertreibung für unmöglich. Man sagte uns, daß, falls ein weiteres Ausweichen notwendig sein sollte, die Straße nach Elbing von der Wehrmacht freigekämpft würde.

Als jedoch Anfang Februar 1945 die ersten russischen Granaten in Schalmey einschlugen, mußte die Flucht über das Frische Haff fortgesetzt werden. Es war ein Wunder, daß das dünne, durch plötzlich einsetzendes Tauwetter morsch gewordene Eis, die schweren Fuhrwerke getragen hat und nicht noch mehr Verluste durch Einbruch oder feindlichen Artillerie- und Fliegerbeschuß entstanden sind. Soweit bekannt, ist von unserer Gemeinde nur der Wagen meines Nachbarn Franz Riscb von einer Granate getroffen und gesunken, er selbst wurde durch Granatsplitter getötet. Weil auf der Fährt über das Haff die Fahrzeuge wegen der vorher geschilderten Gefahren mit 50 Meter Abstand und in mehreren Reihen fahren mußten, löste sich der bis dahin zusammenhaltende Treck unseres Dorfes auf. Die einzelnen Fuhrwerke vermischten sich mit anderen Gemeindetrecks und fuhren auf eigene Gefahr weiter. Nur wenige Fahrzeuge konnten sich rechtzeitig über die Oder retten. Die anderen wurden von den Russen überholt, ihre Besitzer ausgeraubt und zur Zwangsarbeit eingesetzt. Mich ereilte das Schicksal am 9. März 1945 in der Nähe der Stadt Glowitz, Kreis Stolp, als mehrere russische Schützenpanzer den Treck überholten. Meine restlose Enteignung erfolgte in dem Dorf Stojentin, Kreis Stolp.

Nach schlimmsten Entbehrungen und vielen Mühen gelang mir und meiner Familie Ende August 1946 die Ausreise aus dem polnisch besetzten Gebiet nach Schleswig-Holstein.

Emil Schigat, damaliger Bürgermeister der Gemeinde Hirschflur

letzte Statistik :
  • Hirschflur ( Einw. : 418  Fläche : 527 ha )
    • alter Namen : Giewerlauken bis 16.07.1938)
    • nach 1945 :  Nikol´skoe

      • Birkendell
        • alter Namen: Birkalnis
        • nach 1945 :  Krasavino
      • Katzenfang,Fö

Anm.: Ort und Wohnplätze zugehörig zu ev. Ksp. Großlenkenau

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 0999 (Baltupönen) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Sonstige Beiträge :
Erhard Motejat: Gedenktafel der Gefallenen und Vermißten des 2.Weltkrieges und der Einwohner, die durch das Fluchgeschehen verstorben sind

Erhard Motejat: Dorfskizze Hirschflur

Erhard Motejat: Gewagte Flucht führte über eine dünne Eisdecke (von Hirschflur nach Kiel)

Erhard Mojetat: Von Hirschflur (Giewerlauken) bis nach Kiel-Friedrichsort - Flucht und Vertreibung immer im Gedächtnis behalten

Erhard Mojetat: Dorf Hirschflur 1992 - Wiedersehen mit meinem Geburtsort.

Emil Sekidat: Die Gemeinde Hirschflur

Dorfskizze Hirschflur vor 1945 (204 KB)

Einwohnerbuch 1939 - Auszug Dorf Hirschflur (ca. 230 KB)

Quelle :
Zusammengestellt mit freundlicher Unterstützung von E. Motejat, Dortmund
(Text, Gedenktafel, Bildmaterial)



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 26.08.2002

www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 20. November 2013