| Heimatkunde : | |
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Teil 2
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Auszüge aus den zwischen 1940 und 1945 handschriftlich gemachten Aufzeichnungen meines Onkels Ernst Friedrich, (1879-1952). Der 1. Teil umfaßte Kindheit, Schule und Studium und war in Nr. 58 in "Land an der Memel" erschienen. Reaktion und Anfragen aus Leserkreisen sowie von Internetnutzern waren über Jahre so groß, daß ich heute den 2. Teil folgen lasse: |
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Nach Studium der Geodäsie und Examen gaben mir meine Berliner Bundesbrüder das Geleit zur Heimreise nach Ostpreußen bis zum Bahnhof Friedrichstraße. Der Bahnhofsvorsteher hatte sich nach anfänglicher Weigerung doch noch die Genehmigung zum Singen auf dem vollbesetzten Bahnsteig abringen lassen, und so erscholl aus 30 munteren Studentenkehlen das Lied:
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Ich wollte Landmesser werden und die Chancen, eine Anstellung bei der Preußischen Katasterverwaltung zu finden, waren nicht schlecht. Freilich mußte ich zuerst ein Probejahr absolvieren, ohne Bezahlung versteht sich. Ich entschied mich für das Amt in Pillkallen, wurde vereidigt und erhielt eine Dienstaufwandentschädigung bei auswärtigen Arbeiten, die immerhin so hoch war, daß mein Vater seinen Zuschuß an mich halbieren konnte. Nach einem Jahr übrigens konnte er ihn ganz streichen, weil ich festangestellt wurde. Ich hatte mich bereits gut eingelebt, als mich der Regierungspräsident zum 15. Juli 1905 nach Tilsit versetzte, wo ich als Mitglied der Preußisch-Russischen Grenzkommission an der Landesgrenze zwischen Memel und Eydkuhnen Dienst zu tun hatte. Tilsit war zu der Zeit eine stark aufblühende Stadt mit etwa 40.000 Einwohnern, die sich mit Recht „Stadt ohne gleichen" nannte. Es kam dazu, daß da just eine Gewerbe- und Landwirtschaftsausstellung stattfand, die die Tilsiter vier Wochen lang in Hochstimmung versetzte. Zum 1.4.1906 wurde ich als Katasterkontrolieur nach Heydekrug geschickt, erhielt 150,- Mark monatliches Gehalt zzgl. Reisekosten und Tagegeldern, was mir geradezu fürstlich vorkam, wenn man bedenkt, daß mich das Hotel „Germania", in dem ich logierte, erstes Haus am Platze, 90 Mark mit Zimmer und voller Verpflegung kostete. Hier traf ich auch häufig mit russischen Offizieren aus den nahen Grenzgarnisonen zusammen. Die kamen hauptsächlich, um sich in unseren Zeitungen über das Geschehen in aller Welt zu informieren, weil sie ihrer eigenen Presse kein Wort glaubten. Für Deutschland dagegen empfanden sie große Sympathie und Bewunderung. 1906 leistete ich den Beamteneid. Im gleichen Jahr erlebte ich in Tilsit den ersten „Kintopp". Gezeigt wurde ein zotiger Stummfilm, der Vorführraum war primitiv, und die Vorführung wurde viele Male durch Klemmen und Reißen des Filmes unterbrochen. 1907 bekam ich den Auftrag, die verbreiterten Gilgedeiche zu vermessen und Fragen des Grunderwerbs zu regeln. In dem Zusammenhang lernte ich in Heinrichswalde eine besonders trinkfreudige Gesellschaft mit dem Namen „Große Sobranje" kennen. Sie bestand aus einheimischen Akademikern und Gutsbesitzern und tagte in Permanenz. Das in jenen Tagen am meisten diskutierte Thema war die neue Flugtechnik mit Aeroplanen und Zeppelinen. |
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In den Folgejahren wurde ich zuerst nach Angerburg, dann wieder nach Kaukehmen und schließlich nach Margrabowa abkommandiert. Dort hatte ich umfangreiche Vermessungen der Domäne Czymochen, nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt, zu tätigen. Der ehemalige Besitzer und jetzige Domänenpächter von Lenski und seine Frau waren mir gute Gastgeber, und nie wieder lernte ich Menschen von solch innerer Vornehmheit kennen. Oftmals erschienen russische Juden auf dem Gutshof, um irgendwelche Geschäfte zu machen. Eines Tages, ich saß gerade bei schriftlichen Arbeiten in der Veranda des Gutshauses, hielt ein schmalspuriger Klapperwagen mit je einem Vorder- und Hintersitz und drei nebeneinander geschirrten Pferden vor dem Gutshaus. Ein bärtiger Mann in ärmlicher Kleidung, den ich für einen solchen Trödler hielt, näherte sich dem Eingang. Ich gestikulierte heftig, und als er nicht reagierte, rief ich ihm lautstark zu: "Hinten herum, durch den Gesindeflur!" Sekunden später eilte Herr von Lenski dem Fremden mit ausgebreiteten Armen entgegen. Ich wäre vor Scham fast im Erdboden versunken, als Lenski vorstellte: "Das ist mein lieber Freund und Nachbar, Herr Geheimer Staatsrat von Karzow auf Despuda." Er war russischer Gesandter in Brüssel gewesen und hatte nach seiner Verabschiedung das 10 km jenseits der Grenze gelegene Staatsgut Despuda als Dotation auf Lebenszeit bekommen. Beide Herren aber hatten meine gute Absicht erkannt, und von Karzow lud mich sogar zum nächsten Sonntag zu sich ein, wo ich in seinem Schloß einen höchst interessanten Nachmittag verbrachte. Nach der 2. Staatsprüfung 1911 arbeitete ich wieder in Tilsit, als mein Vater nach einer Magenoperation am 3. August 1912 verstarb. Da er so ziemlich alle Ehrenämter, vom Kreistagsabgeordneten der Konservativen in Pillkallen bis zum Kirchen- und Jagdvorsteher in Eggleningken innegehabt hatte, gaben ihm mehr als 150 Trauergäste, die mit über 60 Pferdefuhrwerken angereist waren, zum Waldfriedhof in den Kigger Fichten, wo bereits vier Generationen Friedrichs vor ihm ruhten, das letzte Geleit. Superintendent Thiel aus Pillkallen hielt die Trauerandacht, das Musikkorps der Gumbinner Ulanen spielte einen Parademarsch und zahlreiche Reden wurden gehalten. Dann schaufelten sechs Instleute das Grab zu und legten nach alter Sitte die Spaten gekreuzt auf den Hügel, vor dem dann meine Mutter und wir neun Kinder zum Gebet niederknieten. An diesem Abend schrieb ich in mein Tagebuch den Bibelvers "Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser". |
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Neben meiner beruflichen Tätigkeit in Tilsit engagierte ich mich in der Konservativen Partei als Schriftführer, denn ich hielt die konstitutionelle Monarchie für die beste Staatsform. Endlich, zum 1.4.1914, erhielt ich die ersehnte Daueranstellung und wurde zum Leiter des Katasteramtes in Strehlen/Schlesien berufen. Meine Tilsiter Freunde machten mir ein Bismarckbild, eine Silberplatte mit Gravuren und 6 silberne Likörbecher als Abschiedsgeschenk, während ich in Strehlen von einem Kinderchor mit dem Lied „Wes ist des Deutschen Vaterland..." und von zahlreichen örtlichen Würdenträgern willkommen geheißen wurde. Am 28. Juni 1914 lösten die Schüsse von Sarajewo den 1. Weltkrieg aus. Tagsdrauf wurde ich bereits zum Vorsitzenden der Aushebungskommission für Pferde und Wagen bestimmt, und in mein heimatliches Ostpreußen fielen die Russen ein. Meine Mutter flüchtete mit vier meiner jüngeren Geschwister und anderen Dorfbewohnern in den nahegelegenen Wald, wo sie versehentlich von deutscher Artillerie unter Feuer genommen wurden. Dabei erlitt meine Schwester Margarete eine schwere Kopfverwundung, woran sie einige Tage später auch verstarb. Meine Schwester Helene, jungverheiratet mit dem Gutsbesitzer Rathke in Kurschen, wurde zusammen mit anderen der Spionage beschuldigt, wochenlang eingesperrt und schließlich nach Rußland verbannt. Zu Fuß und in ungeheizten Viehwagen gelangte sie innerhalb von vier Monaten nach Simbirsk an der Wolga, wo sie ihrem ersten Kind das Leben schenkte. Bei ihrer Ankunft hatte sie ihrer Mutter gleich eine Postkarte geschrieben und um Geld gebeten. Ich setzte mich sofort mit dem Auswärtigen Amt in Berlin sowie dem Schwedischen Roten Kreuz in Verbindung, die denn auch tatsächlich Helenes Freilassung erreichen konnten. Über diese Schiene schickte ich ihr auch Geld, Wäsche und Lebensmittel. Als der Freilassungsbescheid, Geld und Paket jedoch in Simbirsk eintrafen, waren Helene und ihr Neugeborenes aber gerade an Typhus verstorben. Die Geldsendung sowie das Paket kamen einige Monate später mit dem russischen Vermerk „Unzustellbar" zurück. Das Paket freilich war teilweise geplündert. |
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Meine Bemühungen, zum Militär eingezogen zu werden, scheiterten zunächst. Stattdessen wurde ich vom Landgericht in Brieg zu drei Tagen Haft auf der Zitadelle der Festung Magdeburg verurteilt, und das kam so: Zwei Strehlener Rechtsanwälte hatten sich vor Gericht so sehr in die Haare gekriegt, daß es sogar zu Tätlichkeiten gekommen war. Einer der beiden bat mich, dem anderen eine Pistolenforderung zu überbringen. Mir war zwar klar, daß Kartelltragen und Duell, weil gesetzlich verboten, für mich Folgen haben würden, sollte der Geforderte kneifen und Anzeige erstatten. Der studentische Ehrenkodex jedoch verbot mir, den Auftrag abzulehnen, so daß ich es darauf ankommen lassen mußte. Und es kam wie befürchtet. Ich wurde angeklagt und zu drei Tagen Festungshaft verurteilt. In Magdeburg traf ich auf eine vergnügte Gesellschaft von etwa 30 „Leidensgenossen", und im „Goldenen Album", in das ich mich eintragen mußte, fand ich die Namen berühmter Leute, darunter den des Mecklenburger Dichters Fritz Reuter. In Strehlen dagegen hatte mir die Affäre manche Sympathie eingetragen. Ich hatte neue Freunde gewonnen, und bereits bei meiner Abfahrt nach Magdeburg hatte mir der hiesige Apotheker ein Präsentpaket mit Zigarren, Wein und einer Flasche Bärenfang an den Zug gebracht. Dazu hatte er ein Gedicht verfaßt: |
Schon in der Freiheit, in der Sonne, |
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Anfang 1916 hatten unsere Armeen in Ost und West den Krieg in Feindesland getragen, und ich befürchtete schon, als Soldat zu spät zu kommen. Aber da erhielt ich den Einberufungsbefehl zum 2. März doch noch. Als Vizefeldwebel mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet, erlebte ich das schmähliche Kriegsende in Frankreich. Die Monate danach waren in Deutschland mehr als chaotisch. Meine dreitägige Bahnfahrt zurück nach Schlesien war ein einziger Horror. Auf den Bahnhöfen fielen wilde Revolutionäre über uns her und rissen uns Kokarden und Rangabzeichen von den Uniformen. Aus meinem Abteil prügelten sie einen Major hinaus und warfen ihn auf die Gleise, und nur mit vereinten Kräften konnten wir ihn zurückholen. Zum 1.2.1919 wurde ich nach Tilsit zurückversetzt, was, welch Zufall, im Tausch gegen einen schlesischen Kollegen, der das Tilsiter Katasteramt leitete, geschah. Auch hier herrschten wilde Zustände, so daß ich sofort dem "Ostpreußischen Freiwilligen-Korps" sowie der "Tilsiter Bürgerwehr" beitrat. Der sog. Arbeiter- und Soldatenrat, der offen mit den Bolschewisten sympathisierte, versuchte mehrfach, sich des Rathauses, des Gerichtes und anderer öffentlicher Gebäude zu bemächtigen. Deshalb verbrachte ich denn auch so manche Nacht als Wachtposten, zwar in Zivilkleidung mit weißer Armbinde, aber bewaffnet und mit Dienstausweis. Über meinen studentischen Bund kam ich schnell mit alten Tilsitern in Berührung. So befreundete ich mich auch mit dem Magistratsbaurat Mohs, der mir erzählte, daß er Mitglied der Freimaurerloge "Irene" sei. Die sei ein Orden auf vaterländischer Grundlage zur Ehre Gottes und zum Wohle der Menschheit und gehöre der Altpreußischen Großloge an. Das gefiel mir, und an meinem Aufnahmetage, dem 20. März 1920, waren alle 40 Tilsiter Mitglieder erschienen: Beamte, Freiberufler und Kaufleute, allen voran Tilsits Oberbürgermeister Pohl, den die dankbare Stadt für sein heldenmütiges Verhalten bei der Russenbesetzung 1914 zum Ehrenbürger ernannt hatte. Wie staunte ich aber, als ich eine Liste früherer Logenmitglieder in die Hand bekam, deren ich hier nur einige aufzählen will: Lessing, Goethe, Herder, Wieland und Schenkendorf, Haydn, Mozart, Lortzing, Löwe, Brehm, Fichte, von Humboldt, Friedrich der Große, von Blücher, von Scharnhorst, von Schoen, Freiherr vom Stein, von Kleist, von Hardenberg und von Tirpitz. Freimaurer waren auch Graf Luckner und Graf Dohna, die bekannten Schiffskommandanten des 1. Weltkrieges. "Logenmeister" der Tilsiter „Irene" war Oberstudienrat Prof. Stobbe, ein Korpsstudent, treu, deutsch und national bis auf die Knochen. Da konnte es für mich doch nur eine Ehre sein, dazuzugehören. Wir hatten regelmäßige „Logenarbeiten" (so nannten sich unsere Zusammenkünfte) mit anschließender Tafelloge oder Brudermahl, begingen das Fest der Rosen am Johannistage, die Reichsgründungsfeier am 18. Januar und den Todestag Kaiser Wilhelm l. Alles geschah nach einem bis ins einzelne festgelegten Zeremoniell und spielte sich im geschlossenen Kreise der Brüder ohne Frauen und ohne Gäste ab. Für jeden Logenbruder war Geheimhaltung oberstes Gebot, weil Zurückhaltung und Verschwiegenheit schlechthin gute menschliche Eigenschaften sind. Außerdem wollte man die Loge dem allgemeinen Gerede entziehen und verhindern, daß ihr inneres Leben von anderen nachgeahmt würde. 13 Jahre lang sollte ich ihr treues Mitglied bleiben, bis die Nationalsozialisten 1933 alle Logen in Deutschland auflösten, angeblich, weil sie nicht mehr in die Zeit paßten. Aber darüber später mehr. |
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Am 24. April 1923 heiratete ich die Witwe meines gefallenen Bruders aus Liebe, aber auch aus Verantwortungsbewußtsein ihr und ihrem kleinen Sohn gegenüber. Weil meine Mutter kurz zuvor gestorben war, ging die Feier im allerkleinsten Kreis vor sich. Außerdem konnten wir uns das wenige, das es noch zu kaufen gab, wegen der seit 1919 herrschenden Inflation kaum leisten. Dennoch schaffte ich an meinem Hochzeitstag sechs Zigarren a 1000,- und zwei Flaschen leidlichen Rotweins ä 10.000,- Mark an. Zu Ende des Jahres freilich kostete bereits eine Schachtel Streichhölzer 1 Milliarde Mark. Ausgelöst worden war die Inflation 1919 durch die englische Blockade und die grausamen Bedingungen des Versailler Diktates bei gleichzeitiger Ausplünderung von Industrie und Landwirtschaft durch die Sieger. In jenen Monaten wurden Löhne und Gehälter zweimal wöchentlich ausgezahlt, und wer seine Einkäufe nicht noch am selben Tage machte, war anderen Tages schon der Geleimte. Auch in Tilsit, das damals wegen seiner vielen Rentner und Pensionäre das „ostpreußische Pensionopolis" genannt wurde, hatte die Inflation bis 1923 Not, Elend und Verbitterung zurückgelassen, da alles Vermögen außer Sachwerten verloren war. Im Februar 1925 luden uns unsere Verwandten Rathke in Eigarren ein, um uns eine Überraschung zu präsentieren. Die war ihnen auch gelungen, denn wir erlebten zum ersten Mal „das Radiowunder." Ein ihnen befreundeter Ingenieur von Siemens in Berlin hatte ihnen nämlich für etwas über 1.000 Mark ein Radiogerät vermittelt, eins der ersten in Ostpreußen. Stundenlang saßen wir mit Kopfhörern, Lautsprecher kamen erst viel später auf, davor und lauschten Geräuschen aus Berlin, Paris und London. |
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Im Jahre 1933 wurden, ich sagte es bereits, alle Freimaurerlogen in Deutschland aufgelöst. Das war schmerzlich, aber nicht zu ändern, und wir glaubten, daß damit in der Sache ein Schlußstrich gezogen sei. Das aber sollte sich als Trugschluß erweisen. Nachdem einige Jahre lang Ruhe geherrscht hatte, erging Ende 1936 eine Anordnung seitens der Regierung, daß ehemalige Logenangehörige nicht länger Behördenleiter sein durften. Erschwerend kam für mich hinzu, daß ich Ende 1935 anläßlich der geschlossenen Überführung des „Stahlhelm" (Bund der Frontsoldaten) in die „SA" (politische Organisation der Nationalsozialisten) diese Mitgliedschaft gleich gekündigt hatte. Meine dienstliche Stellung als Katasteramtsleiter in Tilsit hatte mich 18 Jahre lang in jeder Weise befriedigt. Daneben hatte ich auch noch Zeit gefunden, mich als Kirchenältester und Mitglied der Kreissynode zu betätigen. Im April 1936 war ich noch einstimmig als Patronatsältester vorgeschlagen worden, aber daraus wurde nichts, weil ich kurz danach meine Versetzung nach Königsberg erhielt. Zwar versicherte man mir, daß es sich keineswegs um eine Strafversetzung handelte, aber die Möglichkeit des Widerspruches war auch nicht gegeben. Was blieb mir anderes übrig, als meinem geliebten Tilsit ade zu sagen, und meine neue Dezernentenstelle als Vermessungsrat in Königsberg aufzunehmen. Ich empfand Bitterkeit über das mir angetane Unrecht, aber dennoch verkannte ich auch nicht die vermeintlich guten Seiten des Nationalsozialismus: Die Grundsätze „einer für alle, alle für einen" und „Gemeinnutz geht vor Eigennutz", das Winterhilfswerk, die Volkswohlfahrt, das Werk „Mutter und Kind", die praktizierte Volksgesundheit, der bemerkenswerte Aufschwung auf allen Wirtschaftsgebieten, das gute Funktionieren der Verwaltung und die gute Ernährung der Bevölkerung. Dies alles brachte es mit sich, daß ich bei aller Antipathie der Partei gegenüber mich aber doch mit den Gegebenheiten meinte abfinden zu müssen. Aber dann brach 1939 der 2. Weltkrieg aus. Unsere drei Söhne wurden Soldat, zwei kehrten zurück, der Jüngste fiel 1944 im Osten. Bei zwei englischamerikanischen Bombenangriffen Ende August 1944 fiel Königsberg in Schutt und Asche, und unsere Feinde standen an Deutschlands Grenzen. Die zur Ruhe gekommenen Kampfhandlungen Ende 1944 aber waren nur die Ruhe vor dem Sturm. Am 12. Januar 1945 schlugen die Russen los, Ostpreußen wurde zum Schlachtfeld. Und wir hofften immer noch auf ein gutes Ende, was blieb uns auch anderes übrig. |
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Fünf Tage später, am 17. Januar bestellte mich der Regierungspräsident ein, um mir die Pensionierungsurkunde rückwirkend zum 1.1.1945 zu überreichen. Aber erst der Wehrmachtsbericht vom 20. Januar machte mir den Ernst der Lage klar. Da eilten meine Frau und ich zum Hauptbahnhof und kauften Fahrkarten nach Haldensleben in Sachsen, wo Verwandte von uns wohnten. Anstatt aber sofort abzufahren, meinten wir, noch einmal wieder in unsere Wohnung zurückkehren zu müssen. Als wir dann am 23. Januar doch wieder zum Bahnhof kamen, standen da Tausende und dazu mehrere total überfüllte Züge. Nach achtstündiger Wartezeit im Gedränge verkündete der Bahnsteiglautsprecher, daß keine Züge mehr abgehen, weil die Russen Ostpreußen bei Elbing abgeschnitten hatten. Nach zwei gescheiterten Versuchen, zu Fuß nach Pillau zu gelangen, ergaben wir uns schließlich in unser Schicksal und erwarteten unser Ende in der belagerten Stadt. Nach vier Wochen langem Ausharren, die wir wegen ständigen Beschusses überwiegend im Keller unseres Hauses in Maraunenhof verbrachten, erhielten wir am 25. Februar aber den Befehl, uns mit Handgepäck am Hafen einzufinden, wo uns, zusammen mit 2500 anderen Königsbergern, ein Flugzeugrettungsschiff der Marine aufnahm und uns, vorbei an Pillau, über die Ostsee nach Neufahrwasser bei Danzig brachte. Drei Tage und drei Nächte lang fuhren wir dann in Viehwaggons der Eisenbahn über Danzig und Kolberg bis nach Stettin und von da aus weiter mit fahrplanmäßigen Zügen bis nach Haldensleben. Unsere Stimmung war gleich null, aber Hitler hatte trotzdem noch die Stirn, seinem Volk zu einem Zeitpunkt, als die Russen bereits in den Vororten Berlins standen, über das Radio zuzurufen: „Berlin ist deutsch, und Wien wird wieder deutsch." Und die letzte Aufzeichnung machte Ernst Friedrich am 10. Juni 1945 in Haldensleben, sie lautet: „Meine Frau und ich sind bei Verwandten liebevoll untergekommen. Wir wissen aber nicht, ob wir unsere Beine jemals wieder unter den eigenen Tisch werden stellen können. Mit Millionen Landsleuten des deutschen Ostens teilen wir dasselbe Flüchtlingsschicksal: Meist ungern gesehen, allenfalls noch geduldet, nur selten geliebt, in jedem Falle aber heimatlos." |
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Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 80/2007 |