Heimatkunde :
Vom Leben unserer Vorfahren in der alten Heimat
Von Georg Friedrich

Über die letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts liegen uns schriftliche Aufzeichnungen von Augenzeugen, die erst in den fünfziger Jahren verstarben, vor.

Nachstehend einige Passagen aus den Erinnerungen meines Onkels Ernst Friedrich, der in den zwanziger und dreißiger Jahren Katasterdirektor in Tilsit war.

Über seine Dorfschule:

"Am 1. Oktober 1885 wurde ich in Kögsten eingeschult. Ich trug lange Stiefel mit lackledernen Röhren und einen Tornister mit Schiefertafel, Fiebel und Frühstücksbrot. Das Schulhaus war ein alter Holzbau, dessen eine Hälfte die Lehrerwohnung enthielt. Von den rund 90 Schülern, die derzeit die einklassige Schule besuchten, trugen allerhöchsten 15 Lederschuhwerk, alle anderen hatten Schlorren oder Klumpen an, im Sommer gingen sie barfuß. Die Schulstube wurde wegen der besseren Hygiene allmorgendlich mit Sand gestreut. Schuhe, Schlorren und Klumpen wurden fein sauberlich ausgerichtet im Vorflur abgestellt, denn den Klassenraum durfte man nur auf Socken betreten. Mäntel, die nur ganz wenige besaßen, wurden an Knaggen gehängt. In die Bank durften neben Tornister oder Krebsch, (selbstgenähte Schultasche) nur die Mützen mitgenommen werden. An einer weißgetünchten Wand hing als einziger Schmuck des Raumes ein Kaiserbild. Der große eiserne Ofen verschlang das Holz in Unmengen. Während sich die in seiner Nähe sitzenden Kinder kaum vor Hitze bergen konnten, froren die an der Außenwand sitzenden bei starkem Frost die Füße an. Unser alter Lehrer besaß eine grenzenlose Autorität in Schule und Gemeinde, die ihn befähigte, die neunzigköpfige, wilde Gesellschaft im Zaume zu halten. Der Unterricht erfolgte in drei Abteilungen. Nach gemeinsamer Morgenandacht und anschließender Religionsstunde unterrichtete er eine Abteilung und beaufsichtigte die beiden anderen bei der Lösung der ihnen gestellten Aufgaben unter Mithilfe begabter Schüler der oberen Abteilungen. Besonderer Wert wurde auf Auswendiglernen und Schönschreiben gelegt. Neben den fünf Hauptstücken aus Luthers Kleinem Katechismus konnte wohl jedes Kind beim Abschluß der Schule 25 Kirchenlieder und ebensoviele Volkslieder auswendig. Das Wissen in Geschichte und Erdkunde, das kleine Einmaleins sowie das flüssige Lesen waren als gut zu bezeichnen, aber mit der Rechtschreibung haperte es ziemlich. Montags, mittwochs und freitags war Ganztagsunterricht, wozu jeder sein Mittagessen mitbrachte. Schulische Höhepunkte waren Kaisers Geburtstag und der Tag von Sedan. Dazu erschienen die Schüler in Sonntagskleidern mit je einer Kerze und einer kleinen Krone. Die Ansprache des Lehrers, aufgesagte Gedichte, Chorgesänge sowie die an der Decke aufgehängten Kronen und das Flackern der Kerzen waren sehr feierlich."


Über das soziale Umfeld:

"Die Armut war bis in die achtziger Jahre hinein auf dem Lande sehr groß. Alte und Kranke fielen der Gemeinde zur Last und waren dementsprechend ungern gesehen. Bot sich ein Instmann zur Vermietung an, so nannte man die Arbeitssuche damals, wurde er als erstes gefragt, ob er Alte oder Gebrechliche bei sich hatte. Denn hatte die Gemeinde erst mal einen Ortsarmen, wurde sie ihn bis an sein Lebensende nicht wieder los. Die Fürsorge für diese Ärmsten der Armen bestand darin, daß sie bei den Bauern des Dorfes reihum je Hufe Land eine Woche lang beherbergt und verpflegt werden mußten. Abhilfe dieser Mißstände brachte erst das Invaliditäs- und Altersversorgungsgesetz des Jahres 1889. Neben vielen Bettlern gäbe es auch noch zahlreiche Landstreicher, die sog. Vengtiner. Sie ernährten sich vornehmlich, indem sie in Gasthäusern Karten spielten und ihren Mitspielern betrügerisch das Geld abnahmen. Auch Zigeuner bevölkerten die Landstraße in großen Karawanen, und mancher einsam wohnende Bauer gab aus Angst vor dem frechen Gesindel alles hin, um sie wieder loszuwerden. Diebstähle und Einbrüche waren ebenfalls an der Tagesordnung, und mancher blickte in die Röhre, wenn sich Diebe im Schütze der Nacht mit seinem gemästeten Schwein oder seinem schlachtreifen Geflügel davon machten. Einmal hatten es Ganoven auf die Spirituosen unseres Gastwirts Rohrmoser abgesehen. Zu diesem Zweck hatten sie sich einen Ortsarmen namens Karl Polloks, der gerade bei Rohrmosers in Pension war, gedungen. Der sollte zur fraglichen Zeit Schmiere stehen und den Hofhund streicheln. Kurz bevor es aber soweit war, kamen Polloks Zweifel, und er verständigte Rohrmoser. Der legte sich mit einer Schrotflinte auf die Lauer und erschoß kurzerhand einen der Einbrecher, als dieser mit seiner Beute flüchtete und auf mehrere Haltrufe nicht reagierte. Zwar wurde der Gastwirt zu einer Gefängisstrafe verurteilt, die Einbrüche im Dorf aber ließen merklich nach."

Über den Tod Kaiser Wilhelm II.:

"Am 10. März 1888 betrat mein Vater, er war Kreistagsabgeordneter und kam just von der Regierung in Gumbinnen, unseren Klassenraum während des Nachmittagsunterrichtes. Uns fiel sofort sein ernstes Gesicht auf, als er sprach: "Herr Lehrer, Ihnen und den Kindern muß ich die tieftraurige Mitteilung machen, daß unser geliebter Kaiser gestern heimgegangen ist." Wir waren erschüttert, zumal wir uns schon auf die Feier seines 92. Geburtstages in 12 Tagen gefreut hatten und sprachen im Chror: "Ave, Imperator!"

Über den Besuch des Gymnasiums:

"Gegen ein jährliches Schulgeld von 100 Mark kam ich 1891 auf das Insterburger Gymnasium. In der Pension von Fräulein Alice Brettschneider bewohnte ich mit zehn weiteren Schülern eins von zwei Zimmern , wofür mein Vater jährlich 360 Mark zahlen mußte. Der Liter Milch kostete zu der Zeit 9, Butter 70 und Käse 50 Pfennig pro Pfund. Ab Sexta lernten wir neben anderen Fächern Latein, ab Quarta Französisch und ab Untertertia wahlweise Englisch oder Griechisch. Zum Abschluß der Untertertia gab es ein Examen. Wer es bestand, war berechtigt, als "Einjähriger Freiwilliger" bei der Armee zu dienen. In meiner Klasse war William von Simpson, der später die Romane Die Barrings und Der Enkel schrieb. Außerdem waren mehrere Deutsch-Balten meine Mitschüler, darunter Walter von Rennenkampf, der 1914 Oberbefehlshaber der in Ostpreußen eingefallenen russischen Armee war. Mehrere andere Klassenkameraden aus dem Baltikum wurden beim Bolschewistenaufstand 1919 ermordet."


Über die Ausländertümelei zu Ende des vorigen Jahrhunderts:

"Unsere deutsche Sprache wimmelte nur so von Fremdwörtern. So löste man sich am Bahnhof ein Billet, sagte den Zurückbleibenden adieu, passierte die Barriere, wo der Condukteur das Billet coupierte, um auf den Perron zu treten und in ein Coupe einzusteigen. Man schwitzte nicht, sondern man transpirierte, man fühlte sich nicht, sondern man genierte sich und man gab etwas Geliehenes nicht zurück, sondern man restativierte es. Industrieerzeugnisse waren nur geachtet, wenn sie aus dem Ausland kamen, womöglich aus Übersee, woraus die Redenart "Das ist nicht von weit her" im Sinne von "Das taugt nicht viel" resultiert."

Über sein Studium:

"1899 wurde ich in Berlin immatrikuliert. Die Hauptstadt mit ihren 16.000 buntbemützten und bebänderten Studenten samt ihrer studentischen Freiheit schlug mich in ihren Bann. Ich trat dem Bund Freie Turnerschaft Alemannia bei und lernte schnell, daß das erste Semester auf den Akkord "Die erste Pflicht der Musensöhne, ist, daß man sich ans Bier gewöhne" abgestimmt war. Sehr wichtig waren auch die Fechtkurse, denn Ehrenhändel wurden mit der blanken Waffe ausgetragen, und nur bei schwersten Bedingungen, wenn z.B. die Familienehre besudelt worden war, waren Pistolenmensuren zugelassen. Studentenschmisse im Gesicht waren der größte Stolz des Studenten. Bei jeder Mensur gab es außer den zwei Paukanten noch den Unparteiischen, zwei Sekundanten und zwei Testanten. In den Jahren 1900 und 1901 war ich ein vielgefragter Sekundant im Bunde. Mehrfach wurde ich von meinen Couleurbrüdern zum Erstchargierten gewählt, mit der Folge, daß ich den Ruf, an anderen deutschen Universitäten, Säbel zu senkundieren, nicht ablehnen konnte. Nur mit großer Energie konnte ich meinem Studium gerecht werden, zumal ich während der beiden letzten Semester auch noch als Fuchsmajor (Nachwuchserzieher) tätig war. Im Jahre 1900 war das Straßenbild in Berlin noch ganz und gar durch das Pferd beherrscht, man fuhr mit Pferdedroschken, Pferdeomnibussen und Pferdebahnen. Die ersten Automobile, allgemein als Himmelfahrtskutschen bezeichnet, durften bis 1903 wegen ihrer Gemeingefährlichkeit nicht in die Innenstadt hinein, und kein Mensch hätte es für möglich gehalten, daß diese stinkenden Vehikel einmal das Pferd aus dem Stadtbild verdrängen könnten. Elektrizität, Wasserleitungen und Kanalisationen wurden ebenfalls um die Jahrhundertwende eingeführt. Bis dahin gab es allerorten Toilettenhäuschen mit herzförmigem Guckloch in der Tür. Die Entleerung durfte in den Städten nur nachts erfolgen, trotzdem war die Verpestung groß. Selbst Kaiser Wilhelm I. hatte bis zu seinem Tode 1888 in seinem Berliner Residenzschloß weder Badeeinrichtung noch Spülklosett."

Über seinen Militärdienst bei Preußen:

"Als Einjährig-Freiwilliger mußte ich Wohnung, Beköstigung und Bekleidung völlig selbst bestreiten und bekam keinerlei Löhnung wie meine Kameraden, hatte aber die Anwartschaft, Reserveoffizier zu werden. Bereits in der ersten Instruktionsstunde wurde uns beigebracht, daß wir absolut nichts kannten und nichts konnten, und daß wir alles erst beim Militär lernen müßten. Als Akademiker hatte ich einen besonders schweren Stand, zumal die Demütigung der Rekruten an der Tagesordnung war. So mußte ich gleich bei der ersten Exerzierstunde dreimal um die Kaserne laufen, weil ich die vorgeschriebenen drei Klimmzüge am Querbalken nicht schaffte. An einem anderen Tage übten wir auf dem Kasernenhof auf dem Bauch kriechenderweise das Heranarbeiten an den Feind. Da tippte mir der Unteroffizier mit dem Degen auf die Schulter. Ich sprang auf, nahm Haltung an und meinte, er wollte mein Robben korrigieren. Stattdessen befahl er mir, ihm aus einer etwa 200m entfernten Pumpe ein Glas Wasser zu holen. Ich ging im Eilschritt los, wurde aber nach kaum zwanzig Schritten vor der ganzen Kompanie zurückgebrüllt: "Sie haben zu laufen, Sie Waldheini, wenn ich Ihnen einen Befehl gebe", schnauzte er mich an."


Die Zeit von 1871 bis 1914 ist für Ostpreußen wie auch für das übrige Deutschland eine gute Zeit. Das Vaterland ist stark und geachtet, die Menschen leben friedlich und in der Gewißheit, einer besseren Zukunft entgegenzugehen. Fast wie aus heiterem Himmel bricht am 2. August 1914 der Krieg aus, der sich zum erstenmal in der Geschichte zum Weltkrieg ausweitet, weil Mächte aus Europa, aus Asien, Afrika sowie aus Nord- und Südamerika beteiligt sind. Mitte August 1914 fallen die Russen in Ostpreußen ein. Die Njemenarmee unter Rennenkampf im Osten, die Narewarmee unter Samsanow im Süden. Es gibt viele Gefechte, bis die deutsche 8. Armee unter ihrem Oberbefehlshaber von Hindenburg und seinem Stabschef Lufendorff die Narewarmee zwischen dem 23. und 31. August in der Schlacht bei Tannenberg vernichtend schlägt.

Derweil besetzten die Rennenkampftruppen Ostpreußens nördliche Kreise, am 26. August Tilsit und Ragnit. Am 8. September brennen sie Lengwethen (Hohensalzburg) nieder, und das kommt so: - Ein russischer Plünderer sucht Lengwethen heim. Als er seine Beute mit einem Pferdegespann abtransportieren will, stellt ihn der mutige Gendarmeriewachtmeister Nietbutsch und verhaftet ihn. Während der Vernehmung gelingt dem Täter jedoch die Flucht nach Tilsit, wo er dem russischen Kommandanten vorlügt, er sei in Lengwethen überfallen worden, bei welcher Gelegenheit auch gleich noch drei russische Offiziere von den Deutschen erschossen worden seien. Ohne Überprüfung dieser Falschaussage entsendet der Kommandant daraufhin eine Kosakeneinheit nach Lengwethen, die den Ort befehlsgemäß brandschatzt. -
Am 12. September befreit eine Kompanie deutscher Soldaten unter Leitung von Hauptmann Fletcher unsere Heimatstadt Tilsit in einer Art Handstreich. Mit seinem Degen durchschlägt Fletcher die Zündschnüre der Sprengsätze, die die Russen bereits an die Luisenbrücke gelegt haben und rettet so das Wahrzeichen der Stadt ohnegleichen. Im Oktober 1914 gibt es einen erneuten Russeneinfall in unsere Heimatregion, und erst Ende April 1915 ist auch der letzte feindliche Soldat von ostpreußischem Boden vertrieben. Aber es bleiben schwere Schäden zurück. Viele brave Ostpreußen, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, sind gefallen. 13.700 Zivilisten werden an die Wolga und nach Sibirien verschleppt, von woher nur etwa 8.300 Überlebende vier Jahre später in die Heimat zurückkehren.

Kaum hat der letzte russische Soldat Ostpreußen verlassen, beginnt auch schon eine beispielhafte Aufbauarbeit in unserer Heimatprovinz. Ostpreußen ist das einzige deutsche Land, das im 1.Weltkrieg den Feind zu erleiden hat, und die nationale Solidarität in deutschen Landen ist noch völlig intakt. So kommt es, daß bereits bei Kriegsende 1918 mehr als die Hälfte aller zerstörten Bauwerke erneuert worden sind, und daß 1925 sogar schon das ganze Aufbauwerk vollendet ist.
Es schließen sich die unruhigen Jahre der Weimarerer Republik und die Zeit des Dritten Reiches an. Die Erlebnisgeneration weiß Bescheid oder kennt das Geschehen aus Erzählungen. Den 2.Weltkrieg haben die meisten von uns noch in böser Erinnerung und Flucht, Vertreibung, das Kriegsende und die Nachkriegsjahre sind uns noch gegenwärtig. Darüber kann jeder im Ostpreussenblatt, Land an der Memel und anderen Publikationen lesen, soviel er möchte.

Wir haben Ostpreußen verloren, in unserer Erinnerung aber lebt es fort, wie wir in unseren Vorfahren fortleben, zu deren Ehre ich diesen Bericht schreibe. Wir Lebenden sind keine Einzelmenschen, sondern Glieder in der Kette unserer Ahnen. Sie begleiten uns durchs ganze Leben, wir sind von ihnen durch körperliche und geistige Eigenschaften abhängig, sie sprechen in uns, durch uns und aus uns. Wir treten ihr Erbe an, und was wir daraus machen, wird Daseinsgrundlage für unsere Nachkommen. Darum sollten wir bedenken: Auch wir werden einst Ahnen sein und unseren Nachfahren Rechenschaft ablegen müssen über unser Tun und Lassen. Verhalten wir uns also so, daß wir alsdann für treu befunden werden!

In dem Zusammenhang schließe ich mit einem Auszug aus meinem Einschreibebrief an Bundeskanzler Kohl vom 23.6.1990, nachdem Bundestag und Volkskammer wenige Tage zuvor mit überwältigender Mehrheit die freiwillige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze bestätigen. Zitat: "Hiermit artikuliere ich meinen Protest gegen die bedingungslose Preisgabe der Deutschen Ostprovinzen zugleich im Namen meiner Vorfahren, die Ostdeutschland unter Opfern kolonisierten, lange bevor Amerika entdeckt wurde."

Der Kanzler antwortete mit einem langen Brief und auch mit der Feststellung: "Ich weiß, daß dies viele Menschen tief berührt und schmerzt, und ich versage Ihren Gefühlen meine Achtung nicht."


© im Juni 1994 von Georg Friedrich nach Erinnerungen seines Onkels
Quelle: "Land an der Memel" Nr. 58/1996
Vom Leben unserer Vorfahren - Teil 2

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© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.05.2002

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letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 17. Dezember 2010