| Kirchspiel Großlenkenau | |
|
|
|
von Ernst Hofer
|
|
Heidenanger, ebenso wie das Nachbardorf Reisterbruch im Bogen zwischen dem Memelstrom und Ostfluß (Scheschuppe) gelegen, war im Norden umgrenzt von den Lankaswiesen und der Memel, im Osten von Rautengrund, im Süden von Reisterbrucb und im Westen von Unter-Eißeln-Palenkis. Die Gemeinde, etwa 1935 von Bambe in Heidenanger umbenannt, hatte eine Größe von 158 ha, davon etwa 50 % Wald. Es wohnten dort 30 Bauern bzw. Landwirte. Die Einwohnerzahl betrug rund 180 Personen. Letzter Bürgermeister und zugleich Ortsbauernführer war Fritz Borchert. Etwa 80 % der Dorfeinwohner lebten aus Einkünften aus ihrer Landwirtschaft, der Rest waren Handwerker und Gewerbearbeitnehmer, auch waren Männer beim Wasserstraßenbauamt beschäftigt. Bei dieser Tätigkeit fiel im Jahr 1926 der damals 37 Jahre alte Spickdammarbeiter Fritz Milbrett aus Heidenanger vom Faschinenpramm ins Wasser und ertrank. Seit wann Heidenanger besteht, ist nicht genau feststellbar. Wahrscheinlich gehörten, wie im Nachbardorf Reisterbruch, Kriegsinvaliden aus dem Befreiungskrieg 1813 -15 mit zu den ersten Siedlern. Man zahlte damals den Kriegskrüppeln keine Rente, sondern siedelte sie zumeist auf wenig ertragreichem, noch zu kultivierendem Land an, wo sie sich dann mit ihren Familien recht und schlecht ernährten. Große Überschüsse konnten die Landwirte und Bauern selbst m neuerer Zeit aus dem wenig ertragreichen Boden nicht herauswirtschaften, trotz allem Fleiß und der Anwendung von Düngemitteln und Anpassung an bessere Arbeitsmethoden bei der Bearbeitung ihrer Scholle, und so hatte man unter dem tausendjährigen Reich bereits Pläne entwickelt zur Aufforstung solcher schlechter und sandiger Böden und der Ansiedlung der bisherigen Hofbesitzer auf ertragreichen und größeren Höfen im Osten. - Heidenanger, Reisterbruch und Rautengrund gehörten zum Schulverband der zweiklassigen Volksschule in Heidenanger. Diese Schule wurde um 1900 erbaut und Wohnungen für zwei Lehrer eingerichtet, sowie Klassenräume für etwa 60 Kinder. Etwa 1905, wahrscheinlich jedoch schon seit der Erstellung dieser zweiklassigen Schule, war Herr Emil Raeder als erster Lehrer und Herr Ernst Eschment als zweiter Lehrer tätig. Vor diesem Schulneubau muß jedoch schon eine einklassige Schule, vielleicht in einem gemieteten Raum, bestanden haben, denn als 1890 Lehrer Eisholz in Unter-Eißcln starb, hat ein Lehrer Kühn aus dem damaligen Bambe mit einem Schülerchor am Grab gesungen. Dieser Herr Kühn ist dann etwa 1892 als Präzentor nach Pokraken versetzt worden. Die Lehrer an der Schule Heidenanger haben mehrmals gewechselt. Der letzte Lehrer, bis zur Flucht im Oktober 1944, war Herr Paul Eichert, jetzt Rektor an der Schule Langen (Hessen), Schulverbandsvorsteher war der Bürgermeister Fritz Borcbert. |
|
Zu Fahrten nach der vor dem 1. Weltkrieg am Memelstrom gelegenen Kreisstadt Ragnit benutzten die Dorfeinwohner vielfach die Tourendampfer. Im ersten Weltkrieg erlitt die Bevölkerung des Dorfes glücklicherweise nur wenig Verluste, trotzdem die Russen längere Zeit auf dem nördlichen Ufer der Memel lagen. In Erinnerung geblieben ist jedoch, daß um die Jahreswende 1914/15 eine russische Patrouille in einer Nacht über die Memel kam und mit einigen Deutschen als Gefangene wieder zum anderen Memelufer zurückging. Ein Zeitgenosse, von dem man wußte, daß er Grenzgänger war, kam in den Verdacht, die Russen bis zu dem betreffenden Gehöft geführt zu haben. Die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen ließen nach Abtrennung des nördlich des Memelstromes gelegenen Gebietes, des sogenannten Memellandes, den Schmuggel zur Blüte kommen. Heidenanger war für diesen Zweck wie geschaffen, und die Zollbeamten und Hilfszöllner hatten ihre liebe Not bei ihrem schweren Dienst, besonders im Winter, wenn Memel und Ostfluß zugefroren waren und man mit Schlittschuhen und über dem Körper gezogenen Schneehemd kaum zu sehen, geschweige denn zu greifen war. Die erwachsene Jugend des Dorfes, kilometerweit entfernt von den Dörfern Ober-Eißeln, Unter-Eißeln und Großlenkenau, wo immer etwas los war, amüsierte sich meistens im eigenen Ort auf ihre Art und pflegte unter Leitung der Frau eines Lehrers das alte Volkstum und Brauchtum, meist zusammen mit der Jugend des Nachbardorfes Reisterbruch. Die Mädchen trugen m jenen Jahren auch eine Tracht, die früher m dieser Gegend getragen worden sein soll. Der zweite Weltkrieg auferlegte auch Heidenanger einen so großen Blutzoll, dass fast jede Familie Angehörige an Gefallenen und Vermissten zu beklagen hatte. |
|
Quelle:
Auszug aus dem Heimatbuch "Am Memelstrom und Ostfluß" von Ernst Hofer © 1967; Herausgeber Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V. - Wiederauflage 1994 |
|
letzte Statistik 1939
|
|
|
Heidenanger ( Einw. : 176 Fläche : 158 ha )
Anmerkung: Ort und Wohnplatz zugehörig zu ev. Ksp. Großlenkenau |
|
|
Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de |