Kirchspiel Ragnit
Das Gut Groß Kindschen
von Hans und Walburga Toppius

Zum 25. Todestag von Heidi Toppius geb. Kaeswurm möchten wir in Gedenken an unsere Mutter nachfolgenden Bericht veröffentlichen.

Bis zur Flucht im Jahre 1944 bewohnte sie mit uns 4 Kindern den geliebten Besitz als Miteigentümerin. Ihr Ehemann, unser Vater, Diplom-Landwirt Hermann Toppius war Soldat und ist im September 1944 gefallen.


Bild links: Heidi und Hermann Toppius

An der Landstraße von Ragnit nach Schi|en (Bahnstation) lag ca. 3,5 km südlich
Von Ragnit und 19 km südöstlich von Tilsit - das Gut Groß Kindschen. Es wurde durch die Landstraße geteilt; östlich der Straße befand sich das Gutshaus mit Park, westlich der Straße der Wirtschaftsbetrieb.

Groß Kindschen war Sitz der Gemeindeverwaltung, hatte seit der Zeit Friedrich der Großen eine eigene Schule und gehörte zum Kirchspiel Ragnit-Land. Der letzte Bürgermeister war der Administrator des Gutes Groß Kindschen, Peter Petersen.

Als erstes Herrengeschlecht in Groß Kindschen wird die wendische Familie Eichicht genannt; es folgen im 17. Jahrhundert die Adelsfamilien v. Gattenhofen, Graf Geßler (sein Sohn war Generalfeldmarschall Friedrich d. Großen) und Erbtruchseß zu Waldenburg.


Haupthof Groß Kindschen
Hengststall und Werkstätten(links), Scheune (Mitte), Pferdestall (rechts)

1759 erwirbt Amtsrat Chr Fr. Müller das Gut Groß Kindschen. Seine einzige Tochter Charlotte Müller, nach der das frühere Vorwerk "Charlottenwalde" benannt wurde, heiratete den 1739 geborenen J. Wilhelm v. Sanden.
August Ferdinand v. Sanden, geb. 1801, verkaufte Groß Kindschen 1852 an die Familie Kaeswurm aus Puspern. 1854 übernahm Bernhard Kaeswurm das Gut; ihm folgte sein Sohn Eugen Kaeswurm. Ab 1919 waren seine Kinder in Erbengemeinschaft Eigentümer.

Groß Kindschen lag in einer Grundmoränen-Landschaft westlich des Hohensalzburger (Lengwether) Höhenzuges, mit Höhen von 18,6 bis 53 m NN (Richtung Schauden). Die Höhen in der Ortslage betrugen etwa 20 m über NN. Es herrschte ein reger Wechsel von ebenem zu hügeligem bzw. kuppiertem Gelände.


Bild limks: Wohnhaus mit Anbau - Administrator-Haus

Zwischen dem Kindscher Park und dem Wald floß die Tilse (früher Tilszele). Nach ihrer Regulierung Anfang des 20. Jahrhunderts gab es kaum noch Überschwemmungen, die vorher sehr schädlich waren. Bei Tilsit wurde das Flüßchen - bevor es in die Memel mündete - zum Schloßmühlenteich aufgestaut. Wie die Höhenlagen, so wechselten auch die Bodenverhältnisse. Neben vorwiegend guten mittleren Lehmböden (Klasse I) kamen auch schwere lehmige und sandige Bereiche vor. Wo erforderlich, waren Drainagen vorhanden. Die Böden befanden sich in gutem Kulturzustand. Ein Moor- und Bruchgebiet - der "Kindscher Bruch" - lag südwestlich von Groß Kindschen; hier wurde früher Torf gestochen.


Bild links: Gutshaus von der Parkseite

Die Niederschlagsmenge in Tilsit lag im Jahresdurchschnitt bei ca. 728 mm, die Extreme bei 330 bis 1056 mm. Von November bis März war Frost angesagt; Spätfröste kamen noch Ende Mai, Anfang Juni vor. Erst Ende April konnte in der Regel die Frühjahrsbestellung vorgenommen werden. Die Roggenernte begann in den meisten Jahren Ende Juli. Oft wurde die weitere Getreideernte durch den häufigen Regen im August behindert. Die Hackfruchternte sowie die Einsaat der Winterung mußten in der Regel bis Ende September abgeschlossen sein. Die Gesamtgröße von Groß Kindschen betrug 795 ha, arrondiert gelegen in den Gemarkungen Groß Kindschen, Tilsenau (Jonienen) und Kindschen. 422 ha Ackerland wurden mit Kartoffeln, Futterrüben, Feldfutterbau, Roggen, Sommerweizen, Gemenge (Bohnen), Gerste und Hafer genutzt.

92 ha Weiden und 110 ha Wiesen dienten zur Versorgung des großen Viehbestandes.
Der Kindscher Wald mit 131 ha enthielt Eichen, Buchen, Eschen, Fichten, Birken und Erlen. Im Wald befand sich auch der Familienfriedhof. Der große Findling auf dem Grab von Eugen Kaeswurm ist noch heute erhalten. Die verbleibenden 40 ha gliederten sich in Hof- und Gebäudeflächen, Wege, Gräben, Unland usw. auf. Pferde- und Rindviehhaltung waren die tragenden Einnahmequellen des Gutes. Im Jahre 1944 standen 124 Pferde in Groß Kindschen, davon 24 eingetragene ostpreußische Warmblutstuten. Jährlich kamen 20-25 Remonten (zum Teil als Fohlen zugekauft) auf dem gutseigenen Remontemarkt zum Verkauf. Das Landgestüt Georgenburg hatte seit jeher eine Deckstelle in Groß Kindschen - im Jahre 1944 vier Warmbluthengste und einen Kaltbluthengst. Der Hengst Dingo stand u.a. in Groß Kindschen als der Hengst Dampfroß im darauffolgenden Jahr geboren wurde. Aus der Groß Kindscher Stute Aida v. Eichendorf gibt es noch heute Nachkommen u.a. über den Hengst Atreas.

Bild rechts :Heidi Kaeswurm auf "Raubautz"


Der Rindviehbestand - schwarzbuntes Tieflandrind - betrug rund 300 Tiere, davon 114 Milchkühe (ca. 90 Herdbuchkühe), 3 Zuchtbullen, 65 belegte Sterken (Färsen) und sonstige Nachzucht. Die Milchleistung von 69 kontrollierten Tieren lag damals über 4000 l jährlich. Die Spitzenkuh gab 6465 l bei 2,76 % Fett. Schweine- und Geflügelhaltung spielten eine untergeordnete Rolle und dienten lediglich der Versorgung des Gutshaushaltes und dem Kleinverkauf.

Die wichtigsten der 31 Gebäude - insbesondere Ställe - bestanden aus Stein und waren in gutem bis mittleren baulichen Zustand. Gleiches galt für die Insthäuser (Leutehäuser). Der 1919 nach einem Brand wieder neu aufgebaute Pferdestall enthielt im Giebel die Initialen von Eugen Kaeswurm - 19 EK 19 - (rotes Backsteingebäude an der Straße). Auf dem Giebel befand sich eine Wetterfahne mit der Inschrift - 18 BK 61 -. Das bedeutete: Bernhard Kaeswurm (das Gebäude wurde ebenfalls nach einem Brand 1861 wieder errichtet). Zum Gutsbetrieb gehörten außerdem eine Stellmacherei, Schmiede, Schlosserei, Sattlerei und Gärtnerei.


Bild links: Administrator Petersen in seiner Gig auf Inspektionsfahrt

Der gute Bestand an totem Inventar entsprach dem Stand der damaligen Technik (2 Lanz Bulldogs, Garbenbinder, 2 Dreschmaschinen mit Strohpresse, eigene Strom- und Wasserversorgung usw.).
Das ca. 1800 neu erbaute Gutshaus soll (It. geschichtlicher Unterlagen) auf dem Rußlandfeldzug 1812 von Napoleon bewohnt worden sein.
Ein "N" über der Eingangstür zeugte von dem Aufenthalt.

An das Gutshaus schloß sich der Park (ca. 6 ha) mit altem Baumbestand, u.a. große Silberpappeln (heute noch vorhanden), Blutbuchen und Bluthasel an. Von dem eindrucksvollen Park mit "Finkenberg" und großzügig angelegtem Teich führte ein von Birken gesäumter Weg über die Brücke der "Tilse" in den nahe gelegenen Kindscher Wald. Neben den ertragreichen wirtschaftlichen Verhältnissen des Gutes war Groß Kindschen auch für Auge und Seele ein wunderbarer Besitz; insbesondere wegen des Wechsels von Park, Feld, Wald und dem "Flüßchen Tilse". Der Damm an der Tilse mit seinen alten Eichen lud zu erholsamen Spaziergängen und Rast auf der dort befindlichen Bank ein!

Auch der umfangreiche Wildbestand (kapitale Böcke) fand großes Interesse bei Freunden der Jagd und bescherte Geselligkeit und Gedankenaustausch. Das noch vorhandene Groß Kindscher Schußbuch zeugt von umfangreichen Strecken und fröhlichen Jagdkönigen.

Hans und Walburga Toppius

Bild rechts Vierspänner bei der Erntearbeit in Groß Kindschen


Anmerkung

Heute heißt Groß Kindschen Iskra. Bis auf das baulich veränderte Gutshaus (jetzt als "Kulturhaus" genutzt), die Insthäuser und die alte Schule sind alle ehemaligen Gebäude nicht mehr vorhanden. Im Jahre 2001 ist der eindrucksvolle Pferdestall mit dem markanten Giebel zwecks Ziegelsteingewinnung leider abgebrochen worden.

Iskra war Milchviehbetrieb und gehörte zur Sowchose Ragnit. Eine neue, heute kaum noch genutzte Milch- und Jungviehanlage wurde an der Straße nach Charlottenwalde errichtet. Auch einige neue Wohnhäuser für die Landarbeiter entstanden. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre fand eine begrenzte Privatisierung von Flächen und Gebäuden an Mitarbeiter der Sowchose statt, die jedoch kaum Bewirtschaftungsaktivitäten auslöste.

Die im Jahre 1999/2000 vorgenommenen Erdölbohrungen auf den ehemaligen Gutsflächen scheinen Erfolg zu haben und geben den jetzigen Bewohnern hoffnungsvolle Perspektiven.

August 2002

Autor : © 2002 Hans und Walburga Toppius (Text und Bilder)
Quelle : "Land an der Memel" Nr. 71/2002 Seite 79ff

letzte Statistik 1939:
Groß Kindschen ( Einw. :  274 Fläche : 1.070 ha )
  •  alter Namen : Kindschen bis 29.07.1935
    ältere Schreibweise: Kindtschen bis 1785

    • Charlottenwalde
      älterei Schreibweise:Charlottenswalde bis 1871
      nach 1945 : Sirokodol´e

    • Mühlenkrug

    • Schauden,Gut
      alter Namen: Schaudinnen, Gut bis 16.07.1938
      ältere Schreibweise: Schaudienen
      nach 1945 : Vzgor´e

    • Stiemerau

Anmerkung:
1) Ort und Wohnplätze zugehörig zu ev. Ksp. Ragnit
2) Das Dorf existiert nicht mehr

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 1097 (Schillen) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.01.2003

www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 13. Dezember 2010