Aus schlimmer Zeit....
Erinnerungen an Ereignisse der Flucht von Ostpreußen
nach Mecklenburg-Vorpommern von 1944 bis 1946
von Käthe Liere

Am 06.11.1935 wurde ich in Jonienen im Ortsteil Kurschen Ostpr. geboren. Meine Großeltern väterlicher und mütterlicherseits wohnten auf einem Gut im Kreis Tilsit-Ragnit in der Nähe des Grenzflusses Memel. Das Gutsdorf hieß Kurschen und gehörte zur Gemeinde Jonienen (später - 1938 - wurde der Name Jonienen in Tilsenau umbenannt). Dieser neue Ortsname wurde nach dem kleinen Flüßchen "Tilse" ( ostpr. Tischel), das an beiden Orten vorbeifließt, ausgewählt.
Im Jahre 1938 sind meine Eltern, Gustav Urbschat und Frau Frieda geborene Bennat, nach Ragnit gezogen.

Mein Vater und auch beide Brüder meiner Mutter, - Otto und Max Bennat, - wie auch viele andere junge Menschen - wurden zum Kriegsdienst eingezogen, so daß die Mütter in den Kriegsjahren allein für die Familien sorgen mußten.
Anfang August 1944, mein Vater war schon in Rußland vermißt, wurde die Stadt Ragnit - wo wir, meine Mutter (26), ich (8) und mein Bruder (3), am Lerchenberger Weg wohnten, evakuiert. Zuerst mußten Frauen und Kinder die Stadt verlassen. Es durfte nur Handgepäck mitgenommen werden. Mit dem Zug ging es bis Landsberg (mittleres Ostpreußen). Ich kann mich erinnern, daß die Rote Armee immer näherrückte.

Ende September 1944 erhielten wir die Nachricht, daß unser Großvater Johann Bennat, der zu dieser Zeit noch auf dem Gut in Kurschen wohnte und arbeitete, bei der Kartoffelernte tödlich verunglückt (22.09.44) war. Zu der Beisetzung durften wir wieder nach Kurschen zurückfahren. Wir blieben nun zunächst bei der Großmutter. Der Onkel Max Bennat, der ebenfalls die Nachricht vom Ableben seines Vaters erhalten hatte, erhielt Heimaturlaub, um an der Beisetzung teilnehmen zu können. Durch die Wirren des Krieges erreichte er den Termin der Beisetzung (29.09.) nicht mehr. Er kam erst am 30. 09. 44 in Kurschen an. Am 10.10.44 haben meine Mutter und ich den Onkel Max wieder nach Schillen zum Bahnhof gebracht. Der Bahnhof Tilsit war zu dieser Zeit schon gesperrt.


Tilsenau (Jonienen) Ortsteil Kurschen 2005: Dorfeinfahrt


Tilseneu (Jodienen) Ortseil Kurschen 2005: Das frühere Gutshaus

Zirka 14 Tage später mußten auch die Bewohner des Gutes Kurschen das Dorf verlassen. Wir durften nun gemeinsam mit der Großmutter auf einem Pferdewagen des Gutes, der als sogen. Leiterwagen mit Plane und Spriegel ausgerüstet wurde, mitfahren. Außerdem kam die Familie von der Tante Minna Bennat mit den Kindern Reintraud (9), Renate (4) und Helga (2) mit.

Als Kutscher wurde der Drainagemeister, Herr Langer - begleitet von seiner Frau -eingesetzt, der, so wie wir feststellen konnten, als Fuhrwerkslenker nicht die meisten Erfahrungen besaß.

Jeder durfte nun seine persönlichen Sachen, wie die nötige Kleidung, Bettzeug, Küchengeschirr u. a., aufladen.

Wir ahnten, daß diese Reise lange dauern würde, deshalb mußte so gut wie es ging für Verpflegung gesorgt werden. Es wurden Schweine und Geflügel geschlachtet und nach den Möglichkeiten haltbar gemacht. Es wurde gebacken und gebuttert, um so lange wie möglich für die zehn Personen des Gefährts etwas zum Essen zu haben.

Wir wußten nicht wohin es ging, und so reihten wir uns am Tag der Abreise in den langen Zug der Fuhrwerke ein und fuhren Tage und Wochen. Dörfer mit ihren Höfen, die vor uns lagen, waren meistens schon verlassen. Der Herd in mancher Bauernküche war noch warm, die Kühe im Stall angebunden. Hier haben wir versucht, unsere Vorräte wieder aufzubessern.

Ende November kamen wir dann in der Nähe von Braunsberg (Frisches Haff) in einem Dorf bei einem Bauern unter, weil wir zunächst nicht weiter durften. Von hier aus fuhren unsere Mutter und Tante Minna mit dem Zug noch nach Ragnit und Kurschen zurück, um vergessen geglaubte Sachen und Gegenstände nachzuholen.

Die Front rückte aber immer näher, und wir spürten auch die gefährliche Lage für uns. Jedoch Weihnachten und Silvester erlebten wir noch in diesem Dorf (Der Name ist mir nicht mehr bekannt).

Es wurde immer unruhiger. Wir nagelten große Kisten, in denen die nachgeholten Sachen, wie Geschirr, Bettwäsche, Stoffe u. anderes, verstaut und dann im Garten vergraben wurden. Wir wollten ja noch einmal wieder zurückkommen.

Anfang Februar 1945 mußten wir auch diesen Ort verlassen. Jetzt ging es erst richtig auf die Flucht. Die Rote Armee war jetzt hinter uns, ein Zurück gab es nicht mehr. Der Ausweg war nun nur noch das Überqueren des Frischen Haffes bis auf die Frische Nehrung.

Bis zum Ausgangspunkt am Frischen Haff, dem Ort Frauenburg, wo wir dann über das Eis mußten, waren noch alle Fuhrwerke des Gutes Kurschen zusammen. Von allen Seiten kamen jetzt die Trecks.

In Schüben wurden jetzt immer Fuhrwerke aus verschiedenen Richtungen auf das Eis gelassen. Hier begann nun das Chaos, und wir wurden von den anderen Fuhrwerken unseres Gutstrecks getrennt.

Das Haff war zugefroren, und unsere Mutter hat die Pferde am Halfter mit dem Wagen über das Eis geführt. Unsere Großmutter, Tante Minna und die kleinen Kinder mußten auf dem Wagen bleiben. Cousine Reintraud und ich sind hinter dem Wagen her gelaufen.

Auf dem Haff wurde der Treck von der nachrückenden Roten Armee beschossen. Ich habe gesehen, wie Pferdewagen mit Mann und Maus eingebrochen und untegegangen sind. Wir haben Leichen liegen gesehen, niemand hatte dafür Zeit, der Treck ging Tag und Nacht weiter. Auch wir waren einmal mit unserem Gespann auf einer solchen Eisscholle, überall waren schon Risse im Eis. Meine Cousine und ich haben wohl um unser Leben geschrien. Wie durch ein Wunder hatte unsere Mutter die Pferde wohl angetrieben, und wir haben wieder heiles Eis erreicht.

Wir mußten auch verwundete Soldaten mitnehmen und irgendwo wieder absetzen. Was aus diesen Menschen geworden ist, weiß ich nicht. Auf der Nehrung haben wir die Pferde mit Farnen und geklautem Hafer gefüttert. Um Tee oder Kaffee für uns zu brühen, haben wir Schnee aufgetaut. Nach vielen Tagen oder vielleicht auch Wochen der Weiterfahrt erreichten wir Danzig. Hier sollten wir auf Schiffe verladen werden, was jedoch nicht geklappt hat.

Es war auch nicht die Absicht unserer Mutter. Sie sagte damals: "Wasser hat keine Balken", und so fuhren wir weiter Richtung Westen - immer in gewisser Entfernung entlang der Küste.

Auch hier wurde der Treck immer öfter beschossen. Wir sind wie die Hasen mit den kleinen Kindern übers Feld gelaufen. Als der Angriff vorbei war und wir zum Fuhrwerk zurückkamen, waren wir erstaunt - unser Fuhrwerk stand heil da. Andere Fahrzeuge vor und auch hinter uns waren von Granat-Geschossen getroffen und oftmals stark zerstört. Zwischen unseren Fuhrwerken reihten sich jetzt immer mehr Fahrzeuge der sich zurückziehenden deutschen Armee ein. Diese Fahrzeuge hatten natürlich Vorrang.

Eines Abends versuchten wir, in einem einzelnen Bauernhaus an der Straße Unterkunft zu finden. Es war in der Nähe von Köslin (Pommern). Wir hatten Glück und konnten im Kuhstall dieses Gehöftes Unterkunft finden. Hier standen dann auch schon nachts die Soldaten der Roten Armee vor uns. Die jungen Frauen hatten sich auf dem Stallboden versteckt. Großmutter Luise war mit uns Kindern allein. Wir standen aufgereiht, der Soldat mit seinem Maschinengewehr vor uns. Es sah so aus, als wolle er uns erschießen, weil nur Kinder und alte Frauen im Stall waren. Wir haben wieder um unser Leben geschrien und wieder hatten wir Glück! Der Soldat drehte sich um und verschwand.

In den nächsten Tagen mußten wir dann ins Dorf kommen und Pferde und Wagen abgeben. Die jungen Frauen mußten in Richtung Ostseeküste und dort arbeiten. Unsere Großmutter und wir Kinder wußten oft nicht, ob wir unsere Mütter noch einmal wiedersehen. Doch es ist auch hier gutgegangen. Es ging weiter, wir mußten umziehen. Ein Klassenzimmer der Schule im Dorf wurde mit vielen anderen Leuten unser neues Zuhause.

Meine Mutter und Tante Minna mußten auf einem Gut bei der Betreuung von Kühen und Schweinen Arbeit leisten, aber auch auf dem Feld arbeiten. Sie brachten Mehl, Fleisch und auch Milch für uns mit, und so konnten wir einigermaßen überleben.

Inzwischen war der 08. Mai 1945 herangerückt, der Waffenstillstand wurde besiegelt und der Hitlerfaschismus war besiegt. Bis ungefähr September bzw. Anfang Oktober blieben wir hier.

In dieser Zeit ist meine kleine Nichte Helga am 16.09.1945 an Diphtherie gestorben. Es war furchtbar, wir konnten nicht helfen, es war kein Arzt dort, und wir hatten auch keine Medikamente.

Dann mußten wir auch diesen Ort verlassen, da dieses Gebiet polnisches Hoheitsgebiet wurde. Es ging nun mit Viehwaggons Richtung Deutschland. Auch dieser Fluchtabschnitt war von Schrecken und Elend begleitet. Viele Mütter und auch umgekehrt die Kinder haben ihre Liebsten verloren, da es vorkam, daß der Zug auf freier Strecke anhielt und ohne jedes Zeichen wieder weiterfuhr. Die Ausgestiegenen hatten keine Chance, den jeweiligen Waggon wieder zu erreichen.


Wir erreichten schließlich Berlin! Unser Onkel Walter, der schon vor dem Krieg in Berlin wohnte, wartete jeden Tag auf einem Bahnhof, auf dem die Züge aus dem Osten ankamen. Er hat es versucht, seine Verwandtschaft aus Ostpreußen zu finden, und es ist ihm tatsächlich gelungen.

Ich erinnere mich, daß ich zu dieser Zeit sehr krank war und kaum meinen Ranzen tragen konnte. Aber Onkel Walter versorgte uns mit amerikanischem Meterbrot, was natürlich nach dem langen Hungern im Zug wunderbar schmeckte. Unsere Vorräte waren längst aufgebraucht. Unser einziges Hab und Gut waren noch unsere Bettdecken und was wir auf dem Leib hatten, neben einigen Bewohnern auf dem Kopf und in den Kleidern. (Läuse).

Die Stadt Berlin konnte uns nicht aufnehmen und wir mußten weiter! Mit dem Zug ging es dann wieder in Richtung Norden nach Altentreptow in Mecklenburg-Vorpommern. Der Zug war dermaßen überfüllt, daß wir teilweise auf dem Dach des Waggons sitzen und liegen mußten. Bei Altentreptow sind wir in einer Baracke eines Munitionslagers untergebracht worden. Ich kann mich auch erinnern, daß hier die erste Maßnahme die Entlausung war. So recht und schlecht war hier die Versorgung, wie man es sich nach einem gerade zu Ende gegangenem Krieg wohl vorstellen kann. Auf Grund dieser Tatsachen brachen dann Fleckfieber und Typhus aus.

Unsere Mutter und auch Tante Minna, unsere Hauptbetreuungspersonen, erkrankten. Wir waren wieder mit unserer Großmutter allein; aber es ging auch wieder gut.

Im April 1946 mußten wir wieder weiter, kein Kreis und kein Land wollte uns mehr aufnehmen, alles war wohl voll mit Flüchtlingen. Auf dem Bahnhof Hagenow-Land standen wir tagelang und wurden mit unseren Waggons immer hin- und hergeschoben. Viele der Flüchtlinge sind damals über die Grenze in die West-Sektoren gegangen oder gefahren.

Unsere Mutter wollten nicht mehr. Sie haben es jetzt dem Schicksal überlassen, und so haben wir im April 1946 in Stralendorf-Ausbau Kreis Parchim bei dem Bauern Hermann Ziemer ein neues Zuhause gefunden.

Meine andere Großmutter väterlicherseits und die Leute vom Gut Kurschen haben mit ihren Fuhrwerken die damaligen Westsektoren erreicht.

Dieses sind einige Erinnerungen, die ich für unsere Familienchronik aufschreiben wollte, damit auch unsere Nachkommen ermessen können, welche schrecklichen Folgen ein Krieg zwischen den Völkern und eben ein Weltkrieg haben kann.

Ich war damals noch ein Kind, ich mußte aber noch viel mehr miterleben, als ich hier niedergeschrieben habe.

Es war eben manchmal unbeschreiblich!

Wir waren von August 1944 bis April 1946 auf der Flucht. Das waren 21 Monate; also fast zwei Jahre. Uns schulpflichtigen Kindern sind zwei Jahre der Schulzeit verlorengegangen, die nach dem Krieg wieder nachgeholt werden mußten.

Ich wünsche keinem Menschen mehr solch eine Lebenszeit und solche schrecklichen Erlebnisse.

Autor: © 2005 Käthe Liere geb. Urbschat (Text und bilder)
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 77/2005
Dorfskizze Kurschen

Aus schlimmer Zeit


© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am

www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 13. Dezember 2010