| Aus Schlimmer Zeit..... | |
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Die Erlebnisse einer 12jährigen aus Skattegirrren/Groschenweide
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Das Drama unserer bevorstehenden Flucht kündigte sich bereits im Spätsommer 1944 an. An manchen Tagen hörten wir den Kanonendonner der immer näher anrückenden Front. Der Kreis Tilsit-Ragnit wurde dann im Oktober 1944 zum Frontgebiet erklärt. Unsere Flucht stand nun unmittelbar bevor. Der letzte Aussiedlertransport aus der Heimatgemeinde Groschenweide war für den 28. Oktober 1944 festgelegt. Am Morgen diesen Tages ging es auf einem Leiterwagen, den der Großvater fuhr, mit den Familien Schaade, Kotsch und Scheidereiter in das zirka 10 km entfernte Schillen zur Bahnstation. Wir waren 8 Personen, davon 3 Frauen und 5 Kinder. Der bereitstehende Zug bestand aus Personen- und Güterwagen. In die Güterwagen wurden unsere Kisten und Koffer verpackt, und wir stiegen mit einem Handgepäck in die Personenwagen. |
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Am späten Nachmittag des 28. Oktober 1944 setzte sich der Zug in Bewegung, und wir verließen unsere Heimat mit einem für uns unbekannten Ziel. Die Bahnfahrt ging über Königsberg, Dirschau, Cottbus nach Chemnitz. Von dort fuhren wir in das Tal der Flöha. Auf den einzelnen Stationen in Richtung Marienberg wurden die Familien verteilt. Unser Ziel war am 30.10.1944 der Haltepunkt Lengefeld-Rauenstein. Als wir den Zug verließen und die herrliche Landschaft mit den Bergen und Tälern des Erzgebirges sahen, waren wir Kinder begeistert und vergaßen, daß wir vor zwei Tagen unsere Heimat verlassen hatten. |
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Mit einem Pferdegespann ging es nun nach Lippersdorf, wo wir bei einer netten Bauernfamilie untergebracht wurden. Unser neues Heim bestand aus 2 Räumen für 8 Personen. Wir richteten uns in diesen Zimmern so gut es ging ein, denn das Leben mußte ja weitergehen. In meinem Heimatort Groschenweide in Ostpreußen rückte die Front bedrohlich näher. Die zurückgebliebenen Großeltern mußten nun auch auf Anweisung mit dem Planwagen den Heimatort verlassen. Die Flucht ging auf abenteuerlichen Wegen nach Braunsberg bei Elbing, wo meine Großeltern mit weiteren Familien aus dem Heimatort Rast machten. Nachdem wir brieflich im Erzgebirge erfuhren, daß meine Großmutter sehr krank war und den Wunsch äußerte, mich noch einmal zu sehen, fuhr ich im Dezember 1944 mit meiner Mutter vom Erzgebirge nach Braunsberg. Die Freude bei meiner Großmutter war sehr groß. Glücklicherweise verbesserte sich die Gesundheit meiner Oma zunehmend. |
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Da die Ostfront kurzzeitig zum Stehen kam, fuhr meine Mutter mit dem Zug nach dem Heimatort Groschenweide, um noch dort verbliebene Lebensmittel zu holen. Im Januar 1945 spitzte sich die Frontlage dramatisch zu. Die sowjetischen Truppen durchbrachen die Front im südlichen Teil von Ostpreußen. Eine Rückreise mit der Bahn nach dem Erzgebirge war nicht mehr möglich. Wir saßen in einem großen Kessel. Um aus dem Kessel in Ostpreußen zu entkommen, fuhren wir nach der Hafenstadt Gotenhafen. Dort lag das Passagierschiff "Wilhelm Gustloff" im Hafen. Massen von Menschen strömten auf das Schiff. Auf dem überfüllten Schiff herrschte ein Chaos, das nicht mit Worten zu beschreiben ist. Der unhaltbare Zustand auf dem Schiff hat mich so beeindruckt, daß ich mich an meine Oma geklammert habe und nicht auf das Schiff wollte. Ohne meine Mutter fuhren meine Großeltern und ich nach Braunsberg zurück. Meine Mutter wollte es versuchen, mit dem Schiff aus dem Kessel zu entkommen, um zu meinem kleinen Bruder nach Sachsen zu kommen. |
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Die kommenden Wochen in Braunsberg wurden für meine Großeltern und mich zu einer traurigen und dramatischen Zeit. Aus dem Radio erfuhren wir, daß die "Wilhelm Gustloff", auf der meine Mutter ausreisen wollte, in der Ostsee versenkt wurde. Wir trauerten um meine Mutter; aber es sollte noch anders kommen. In Braunsberg nahmen die Luftangriffe täglich zu. Wenn wir den Luftschutzbunker verließen, sahen wir nur brennende Häuser, tote Pferde und tote Menschen auf den Straßen. Viele Flüchtlinge waren mit ihrem Treck durch die Bomben umgekommen. |
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Die täglichen Bombenangriffe in Braunsberg gehörten zu unserem Tagesablauf, immer in der Angst, selbst getroffen zu werden. Es erschien für uns wie eine Erlösung, als wir den Befehl erhielten, mit unserem Treck weiterzuziehen. Unsere verbliebenen Sachen wurden schnell zusammengesucht, die Pferde angespannt und weiter ging die Flucht. Nur, keiner wußte so recht, wohin es gehen sollte, denn Ostpreußen war vom übrigen Deutschland abgeschnitten. Der Winter schlug um, es war bereits Januar 1945, mit grimmiger Kälte und Schneefall. Tagelang irrten wir mit den Wagen umher und stellten am Abend fest, daß unsere Fahrt sich im Kreise bewegt hatte. |
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Uns wurde nun Gewißheit, auf dem Landwege Ostpreußen nicht mehr verlassen zu können. Nachdem mein Opa Anschluß an einen anderen Treck gefunden hatte, ging die Fahrt mehrere Tage durch Wälder zum Frischen Haff. Wir durften mit den Wagen nur Nebenwege benutzen. Auf den gut befahrbaren Wegen und Straßen kamen uns die deutschen Soldaten entgegen, die zur Front mußten. Ich vergesse nicht die traurigen Gesichter unserer Soldaten, denn ihr Schicksal war vorauszusehen. Auf sie wartete der Heldentod oder die russische Gefangenschaft. Als wir das Frische Haff mit unserem Treck erreicht hatten, gab es einen weiteren Aufenthalt. Da die Flucht nur über das zugefrorene Frische Haff erfolgen konnte, mußten die einzelnen Wagen des Trecks leichter werden. Die "Kettenhunde" der Wehrmacht kontrollierten jeden Wagen. Alle Sachen, die nicht unbedingt zum Weiterleben notwendig waren, mußten abgeladen werden. Große Berge von Haushaltssachen, wie Teppiche, Nähmaschinen und Kisten lagen in den Wäldern und auf den Feldern umher. Unser junges kräftiges Pferd wurde auch von der Wehrmacht beschlagnahmt. Wir erhielten ein kleines abgemagertes Pferd mit kaputten Füßen. |
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So ging es nun an einem Nachmittag, es muß Ende Januar gewesen sein, mit einem großen alten Pferd und einem kleinen abgemagerten Tier aufs Eis des Frischen Haffes. Mein Opa hatte unseren kleinen Schlitten am Wagen angehängt. In Decken eingehüllt durfte ich eine Zeit lang darauf sitzen. Diese Fahrt war aber nur für eine kurze Dauer möglich. Die Kälte und einsetzender Schneefall beendeten meine Schlittenfahrt sehr schnell. Meine Großeltern setzten mich wieder in den Planwagen, wo ich in den Betten eingehüllt schnell wieder warm wurde. Unsere Flucht auf dem Eis ging nur langsam voran. Plötzlich tauchten sowjetische Flugzeuge auf und beschossen uns mit Bordwaffen. Anschließend warfen sie Bomben. Nun begann ein Chaos, das ich auch nie vergessen werde. Vor uns brachen durch die Bombenabwürfe 4 Flüchtlingswagen in das Eis ein und versanken. Es konnte sich keiner von diesen Wagen retten. Alle ertranken im eisigen Wasser. Unser Wagen versank auch bis zur Achse im Wasser; aber die Eisscholle hielt stand. Um uns bei einem Einbruch des Wagens retten zu können, liefen wir neben her. So ging die Flucht weiter, immer neue Wege auf dem Eis suchend. Um uns lagen auf dem Weg tote Pferde und erfrorene Menschen auf dem Eis. In der Ferne hörten wir die ganze Nacht hindurch Geschützdonner der nicht weit von uns verlaufenden Front. |
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An einem Abend erreichten wir in der Nähe von Danzig endlich festen Boden und machten in einem kleinen Dorf halt. Hier bekamen wir etwas Heißes zu trinken und konnten unsere Pferde versorgen. In der Frühe des nächsten Morgen ging unsere Flucht weiter nach Zoppot. Hier bekamen wir ein Zimmer mit Küche und einen Unterschlupf für unsere arg strapazierten Pferde. In diesem Quartier blieben wir für einige Zeit. Meine Großeltern wurden krank, und ich hatte angefrorene Füße. Dazu kam bei mir noch ein Durchfall hinzu. Nachdem wir uns so einigermaßen erholt hatten, ging die Fahrt Mitte März weiter Richtung Stolp in Pommern. Leider haben wir unser Ziel nicht mehr erreicht. Nach einigem Umherirren wurden wir am 21. März 1945 von den sowjetischen Truppen überholt. Die Panzer überrollten alles auf der Straße, was im Wege stand. Wir schafften es, unseren Wagen in den Graben zu fahren. Anschließend kamen einige russische Soldaten und führten meine Großeltern ab. Ich durfte noch aus unserem Wagen meine Schultasche mit Essen und meine Schlummerpuppe holen. Nun lief ich, so schnell es ging, zu meinen Großeltern. Dort hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Vergessen werde ich nicht das Wiehern unserer Pferde, die spürten, daß sie allein gelassen wurden. |
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Meine Großeltern und ich kamen in eine große Schule, wo wir mit anderen Menschen eingesperrt wurden. Viele ältere Männer wurden aussortiert und kamen zu anderen Einsätzen. Wir hatten das Glück, unseren Opa zu behalten. Nach einigen Tagen wechselten wir das Quartier und kamen in eine Fabrik. Dort durften wir uns endlich auf dem Hof bewegen. Die noch verbliebenen Männer mußten Baumstämme fällen, um die Straßen und Brücken befahrbar zu machen. Durch die Panzer waren die Verkehrswege sehr arg in Mitleidenschaft gezogen. Ein weiteres Einsatzgebiet der Männer galt dem Aufbau eines Lagers. |
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In der Fabrik blieben wir eine längere Zeit. Die Verpflegung war sehr schlecht. Jeden Tag starben Leute an Krankheiten und Unterernährung. Wir versuchten, in der Nacht aus dem Lager zu fliehen, wurden aber am Tage wieder eingefangen und in das Lager zurückgebracht. In diesem Lager erlebten wir auch am 8. Mai 1945 das Ende des schrecklichen Krieges. Schließlich gelang es uns doch, aus dem Lager zu entkommen. Für meine Großeltern gab es nur ein Ziel, die Heimat in Ostpreußen. Mein Opa sagte immer, da, wo die Sonne aufgeht, müssen wir hin. So war also die aufgehende Sonne unsere Wegerichtung. In der Nacht sind wir mit weiteren 3 Familien gelaufen, und am Tage haben wir uns in Wäldern oder Gebüschen versteckt, um zu schlafen. Das Essen haben wir aus den verlassenen Gehöften oder Häusern gesammelt. Die Wanderung nach Ostpreußen wurde nach mehreren Wochen eines Abends jäh unterbrochen. Nachdem wir uns in einem Versteck etwas gekocht hatten, spürten uns mehrere Polen auf. Sie kamen auf Pferden daher geritten, mit Gewehren bewaffnet. Als sie uns entdeckten, schlugen sie tüchtig auf uns ein. Es war ein Glück, daß die Verletzungen nicht tödlich endeten. Durch einen Schlag auf den Kopf konnte ich einige Tage nicht sprechen. Mein Opa, der etwas polnisch verstand, hörte ein Gespräch zwischen den Polen, die sich äußerten, uns am nächsten Morgen zu erschießen. Uns blieb nun keine andere Wahl, als uns in der Nacht trotz der großen Schmerzen fortzuschleichen. Auf unserer Flucht hörten wir plötzlich wieder das Poltern der Pferde. Wir drückten uns zwischen Gebüsche in den Graben und hofften, nicht entdeckt zu werden. Und wieder hatten wir Glück. Die Polen ritten an uns vorbei. Nach einiger Zeit hörten wir das Schreien von Menschen und Schüsse fallen. Was aus den verbliebenen Leuten geworden ist, konnten wir nicht erfahren. |
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Unser Weg führte uns in der Nacht weiter nach Osten. Nach einigen Tagen wurden die Schmerzen meines Opas immer stärker. An einem Morgen ging es nicht mehr. Meine Oma hatte irgendwo einen kleinen Handwagen gefunden. Wir betteten den Opa darauf und zogen so weiter. Nach drei Tagen hielt mein Opa die Schmerzen im Rücken, der ganz blau war, nicht mehr aus. Am Abend, nachdem wir noch etwas zum Essen gekocht hatten, rief mein Opa uns zu sich. Er sagte, daß er sterben werde. Wir sollten nun alleine versuchen, die Heimat zu erreichen. Wir setzten uns neben seinem Lager und beteten. Ich schlief dann vor Müdigkeit ein. Als ich am Morgen erwachte, war unser Opa gestorben. Wir begruben Opa am 21. April 1945 in einem Garten. Sein Grab befindet sich in der Nähe von Marienburg. Unser Weg führte nun weiter mit unserem kleinen Handwagen und den wenigen Habseligkeiten nach Ostpreußen. Wir erreichten nach Wochen des Marsches tatsächlich unseren Heimatort Groschenweide. Mir ist bis heute noch nicht bewußt, wie wir das geschafft haben. Mehrere Nachbarn und Bekannte waren ebenfalls zurückgekommen. Die Freude war groß, und alle haben sich umarmt und geweint. |
![]() Auf der Flucht ( Bild: Kreisarchaiv) |
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Wir richteten uns zu Hause wieder ein und waren mit unserem Schicksal zufrieden. Zu unserer Freude kam eines Tages auch unser Landarbeiter zurück. Der Frieden sollte aber nicht lange anhalten. Eines Tages kamen umherziehende Mongolen zu uns. Sie nahmen uns alle Sachen weg, vergewaltigten meine Oma und entführten unseren Landarbeiter. Nachdem die Plünderungen von umherziehenden Banden zunahmen, zogen wir mit mehreren Familien zusammen. Auf einem Nachbarhof richteten die Russen einen landwirtschaftlichen Betrieb ein. Wir mußten auf diesem Hof arbeiten gehen. Ich hütete mit mehreren Kindern die Kühe. Unser Leben hatte sich normalisiert, vor allem hatten wir zu essen. Anfang Dezember 1945 erkrankte ich an Typhus. Meine Oma pflegte mich wieder gesund. Leider hatte ich sie nun angesteckt. Das Schicksal wollte es, daß meine Oma die Krankheit nicht überstand. Am 18. Dezember 1945 haben wir sie hinter unserer Scheune begraben. Ich stand nun alleine da. Auf dem Bauernhof der Russen durfte ich zu den anderen Kindern, die auch keine Angehörigen hatten. Es war eine schreckliche Zeit. Der Winter war hart, zu essen gab es sehr wenig. Wir gingen betteln, um zu überleben. Oft war der Schnee unsere einzige Nahrung. Als das Frühjahr 1946 kam, hatten wir die größte Not überstanden. Gras und Blätter waren unsere Nahrung. Dann begann das Hüten der Kühe, und wir bekamen ein Stück Brot mit Wassersuppe. Ich durfte dann bei einer russischen Familie auf einen Jungen aufpassen. So war auch das Essen gesichert. |
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Dort wurde ich in einem Lager untergebracht, entlaust und gesundheitlich betreut. Eines Tages holte mich eine Krankenschwester und brachte mich zum Lagertor. Plötzlich steckte eine Frau die Hand durch das Gitter und rief laut meinen Vornamen. Ich brach zusammen, denn ich konnte nicht glauben, daß meine Mutter auf der anderen Seite des Tores stand. Durch das Deutsche Rote Kreuz hatte meine Mutter meinen Aufenthalt gefunden. Meine Mutter hatte die Flucht über die Ostsee mit einem anderen Schiff, dem Dampfer "Possehl", auf abenteuerliche Weise geschafft. |
| Autor: © 2001 von Waltraud Scheidereiter Quelle : "Land an der Memel" Nr. 68/2001 und Nr. 69/2001 |