Erinnerungen ....
Ostpreußen, Flucht, Vertreibung, Beruf, Familie, Ruhestand, Ehrenamt.
von Helmut Pohlmann

Waldau, von der Natur begünstigter Ort, gelegen im großen Bogen des Ostflusses (alter Name Scheschuppe), dem Ascherer Wäldchen und dem Trappener Staatsforst.

Hier bin ich am 07.01.1932 als ältester von 5 Söhnen geboren. Meine Eltern waren der Landwirt und Schneidermeister Werner Pohlmann und seine Ehefrau Martha geb. Oppermann.

Waldau gehörte zum Landkreis Tilsit-Ragnit. Er war der nordöstlichste Kreis der Provinz Ostpreußen und wurde erst 1922 nach Abschluß des Friedensvertrages von Versailles durch Zusammenlegung der Restkreise Tilsit und Ragnit gebildet. Die Gemeinde Waldau entstand 1928 durch Zusammenlegung der Siedlungen Dannenberg, Mickehnen und Weedern. In Dannenberg war mein Großvater August Pohlmann, gleichfalls Schneidermeister und Landwirt, bis 1928 Bürgermeister. Die Landschaft war leicht gewellt und aufgrund der langen Ostfluß- und Waldbegrenzungen sehr schön und reizvoll. Allerdings gab es, wie auch in vielen weiteren Orten, keinen elektrischen Anschluß. Waldau war ein Flächendorf von rund 15 ha. Neben den landwirtschaftlichen Betrieben gab es im Ort noch selbständige Handwerker und Gewerbetreibende: Schneidermeister, Textilgeschäft, Zimmermann, Schuhmacher, Schmiede und Mühlenbetrieb, auch gab es eine ein-klassige Volksschule, die ich bis zur Flucht besuchte.

Am 12. Oktober 1944 war die Ostfront bedrohlich nahe, und es erfolgte die Order zur gemeinsamen Flucht. Wir haben unter Zurücklassung aller Tiere das Nötigste auf einen mit zwei Pferden bespannten Leiterwagen geladen, Mutter, Geschwister und die bei uns auf Altenteil wohnende Großmutter verließen den Hof. Der Wagen war mit einer Latten-Dachkonstruktion und Abdeckplanen hergerichtet worden, er wurde von unserem französischen Kriegsgefangenen, der uns auf dem Bauernhof half, gefahren. Dieser stand uns sehr umsichtig und fürsorglich zur Seite.

So begann die Flucht, zunächst im Ortsverbund, über Schillen, Wehlau nach Schmirtkeim im Kreis Bartenstein. Wir wurden auf einem Landgut einquartiert, erhielten ein Zimmer im Hauptgebäude und Stallplätze für die Pferde sowie eine Sonderunterkunft für den Fahrer. Hier verbrachten wir nach Verlassen unseres Heimatdorfes unser erstes Weihnachtsfest, allerdings noch mit einem geschmückten Tannenbaum, und glaubten fest an eine baldige Heimkehr. Dieses optimistische Wunschdenken wurde genährt durch eine entsprechende Aussage der dortigen Parteiverwaltung. Die Gefahr sei abgewendet und die deutsche Wehrmacht werde in Kürze einen großen Gegenangriff starten, was natürlich ein völliger Unsinn war. Und trotzdem waren wir so naiv, das zu glauben. Ich habe später meinem Vater - zu dem wir auch noch in dieser Zeit Kontakt hatten - den Vorwurf gemacht, daß er uns als erfahrener Frontsoldat - trotz besseren Wissens - den schon desolaten Zustand, nicht nur an der Ostfront, verschwiegen hat. Er sagte mir, er habe trotz allem auf eine Wende und Heimkehr gehofft und rührte dabei die persönlichen Erfahrungen aus dem ersten Weltkrieg in unserer Grenzregion an. So nahm das Schicksal seinen Lauf, die Front rückte näher, der Gefechtslärm war hörbar.

Anfang Januar 1945 begann unsere zweite Flucht bei klirrender Kälte und tiefem Schnee. Wir fuhren im Treck über Bartenstein Richtung Westen; Frisches Haff, Heiligenbeil, Braunsberg, um bei Dirschau über die Weichselbrücke der nachrückenden Front zu entkommen. Nur langsam ging es auf den restlos verstopften Straßen voran. Die Sowjets waren schneller, wir wurden unweit von Heiligenbeil eingeschlossen. Wir glaubten zunächst, nun geht nichts mehr, wir geraten in die so gefürchtete Gefangenschaft. Viele Menschen gaben auf, ließen Pferde und Wagen stehen und versuchten, zu Fuß in nahegelegene Häuser und Keller zu gelangen. Unser treuer und zuverlässiger französischer Fahrer gab nicht auf, er wollte unter keinen Umständen in eine weitere Gefangenschaft, die er genau so wie wir fürchtete, geraten, und das war vorerst auch richtig. In all diesem hektischen Durcheinander tauchten, für uns völlig überraschend, bewaffnete deutsche Soldaten auf. An unseren Pferdewagen kam ein Offizier, gekleidet in eine schwarze Lederuniform mit Totenkopfabzeichen an der Mütze und sagte: „Wir versuchen heute Nacht einen Ausbruch, um den Kessel zu sprengen". Die Öffnung des Kessels und unser Ausbruch gelang. Gegen Mitternacht gab es einen fürchterlichen Gefechtslärm und ca. eine Stunde später erschien erneut ein ledergekleideter Soldat und sagte: „Fahrt so gut es geht immer geradeaus; es ist uns gelungen, die Straße freizukämpfen". Wir fuhren, links und rechts Grananateneinschläge, lautes Maschinengewehrfeuer und brennende Gehöfte. In diesem Moment habe Ich zum erstenmal gedacht und mir als gerade 13jähriger Junge gesagt, Soldaten haben es doch gut, haben es besser als wir auf dem schutzlosen Treckwagen. Hört man die heulend heranfliegenden und explodierenden Granaten, die tieffliegenden, bombenabwerfenden und mit Bordwaffen schießenden Kampfflugzeuge, können die für sich alleine verantwortlichen Soldaten sich in eine schützende Vertiefung oder in einen Graben werfen.

Die Fluchtstraße konnte nur für kurze Zeit freigehalten werden, wir kamen durch. Unsere Fahrt ging dann weiter Richtung Südwesten: Braunsberg, Danzig. Die Front hatte in diesen Tagen bei Elbing das östliche Ufer des Frischen Haffes erreicht, so daß uns dieser Fluchtweg versperrt blieb. Wir wurden in der Nähe von Braunsberg über das noch tragende Eis des zugefrorenen Haffes geleitet, um auf dem schmalen Landstreifen der Nehrung Richtung Danzig zu fahren, wozu es aber auch nicht mehr kommen sollte.

Während der Fahrt über das Eis waren wir besonders schutzlos - hier gab es keine deutsche Flugabwehr - den sehr tief fliegenden sowjetischen Flugzeugen ausgeliefert. Der Treck wurde permanent von den Flugzeugen mit Bordwaffen und Splitterbomben angegriffen, es gab viele Tote, ganze Wagen mit Pferden und Menschen versanken in den Bombentrichtern. Wir glaubten es schon geschafft zu haben, wir waren kurz vor der Nehrung, da schlug ca. 10m vor unserem Wagen eine Bombe ein, ein großes Loch im Eis tat sich auf. Wir hatten Glück, daß wir nicht hineingerutscht sind. In der Aufregung sahen wir erst jetzt, was passiert war. Ein Pferd lag von Splittern getroffen auf dem Eis, der Wagenlenker, unser französischer Kriegsgefangener saß - durch Bombensplitter schwer verletzt - zusammengesunken im vorderen Bereich des Wagens, er ist später auf der Nehrung gestorben. Mutter, Geschwister und ich saßen im mittleren bzw. hinteren Wagen, wir blieben wie durch ein Wunder unverletzt.

Wir ergriffen unser immer griffbereites Not-Handgepäck und liefen übers Eis zur Nehrung. Hier wurden wir von helfendem Militärpersonal in Empfang genommen und zu einem im Wald gelegenen Barackenlager geführt. Wir baten die Soldaten, sich um unseren verwundeten Franzosen und die Pferde zu kümmern, was auch umgehend geschah. Am nächsten Tag gingen wir noch einmal zurück zum Wagen, um uns zu überzeugen. Es war so wie versprochen, der Wagenlenker und auch das gesunde Pferd waren abgeholt, das tote Pferd lag neben dem Wagen. So endete unsere Flucht im eigenen Pferdewagen.

Am folgenden Tag sollten wir mit einem Militärtransport auf dem Landweg (Nehrung) nach Danzig gebracht werden, wozu es aber nicht mehr kam. Ein Großangriff der Sowjets hatte unter Umgehung des restlichen Ostpreußens vom Süden die Ostsee, die Danziger Bucht erreicht, der Fluchtweg war wieder abgeschnitten. Auf der Nehrung konnten wir nicht bleiben, sie war durch "gestrandete" Flüchtlinge überfüllt. Man hat uns in Richtung Norden, also zurück nach Pillau gebracht. Hier wurden wir zunächst in Kasernen einquartiert, um dann mit Flüchtlingsschiffen über die Ostsee in den Westen zu gelangen.

Aber auch daraus wurde nichts. Der Flüchtlingsandrang in Pillau und am Hafen war einfach zu groß. Der Hafen lag unter starkem Beschuß und wurde aus der Luft angriffen. Die Schiffe ankerten aus Sicherheitsgründen nicht mehr an den Anlegebrücken, sondern außerhalb des Hafens. Mit Beibooten brachte man die Menschen zu den Schiffen. Im Hafen spielten sich durch Gedränge und Beschuß unbeschreibliche dramatische Szenen ab. Wir kehrten daraufhin freiwillig in die Kaserne zurück. Hier wollten wir zunächst abwarten, bis sich die Lage am Hafen etwas entspannt hatte. Das trat nicht ein, vielmehr wurde im Februar 1945 die sowjetische Armee durch einen deutschen Gegenangriff aus dem fast vollständig besetzten Samland zurückgedrängt. Der Frontverlauf verlief nun wieder vom Frischen Haff im großen Bogen östlich von Königsberg zum Kurischen Haff. Königsberg und Pillau wurden zur Festung ausgebaut.

Da es beim Abtransport per Schiff keine Entspannung gab - im Gegenteil - die Situation im restlos mit Flüchtlingen und deutschem Militär überfüllten Pillau immer chaotischer wurde, mußte ein Ventil geschaffen werden. Wir wurden in das nun wieder freie Samland, nach Brüsterort gebracht und in einem Barackenlager direkt an der Ostseeküste einquartiert. Es kehrte zunächst eine trügerische Ruhe ein, wir wurden durch eine große Gemeinschaftsküche mit warmem Essen versorgt.

Alles endete im Monat April. Die übermächtige Rote Armee griff, zunächst unter Umgehung der Festung Königsberg, auf breiter Front an und erzielte schnell große Geländegewinne. Am 13. April erhielten wir von der Ortsgruppenleitung die Aufforderung, den Ort in Richtung Pillau zu verlassen, die deutsche Front sei im Rückzug. Da einer meiner Brüder mit hohem Fieber im Krankenbett lag, konnten und wollten wir auch nicht mehr flüchten, auch hatten wir das Chaos vom überfüllten Pillau vor Augen. Wir begaben uns zusammen mit anderen Familien, die nicht mehr flüchten wollten, in einen Keller eines massiven Hauses und warteten auf die Dinge, die nun kommen sollten! Das konnte nur Tod oder Gefangenschaft sein. In der Nacht vom 13. zum 14. April 1945 überrollte uns dann die Front. Die geschlossene Tür zum Kellerabgang wurde aufgerissen, eine Salve von Schüssen abgegeben, ohne jemand zu verletzen. Eine gebrochen deutsch sprechende Stimme rief: „Deutsche Soldaten rauskommen!". Im Keller waren aber keine, und so stürmten kurze Zeit danach sowjetische Soldaten in den Raum, durchsuchten ihn und verließen die verängstigten Menschen.

Die kämpfende Truppe war in kurzer Zeit verschwunden, es herrschte eine gespenstische Ruhe; wir blieben im Keller. Am Nachmittag rückte dann die zweite Front an. Es entstanden nun grausame Übergriffe, insbesondere auf Frauen und junge Mädchen. Alles das haben wir als Jungen und Kinder wohl mitbekommen, ohne es aber richtig zu begreifen, was alles geschah. Das kann man aber in vielen diesbezüglichen Publikationen nachlesen.

Am nächsten Vormittag verließen wir Brüsterort und wanderten, unter Zurücklassung aller Sachen, die wir nicht tragen konnten, in Richtung Groß Kuhren. Hier fanden wir in einer leerstehenden Bäckerei einen Raum, in dem wir unterkamen. Auch fanden wir in der Backstube vertrocknete Brote, was uns zunächst das Überleben sicherte. Im Ort gab es viel Militär und auch eine Kommandantur. Nach ca. einer Woche wurden wir von Soldaten abgeholt und in ein großes ehemaliges Kurhotel geleitet, wo bereits viele Deutsche waren.

Wir warteten Stunden auf das, was nun folgen sollte. Spät, aber nicht zu spät erkannten wir, daß hier eine Selektion in arbeitsfähige und nicht taugliche Personen stattfand. Arbeitsfähige Personen wurden rücksichtslos von ihren Angehörigen getrennt und zu auf dem Hof stehenden abfahrtbereiten LKW gebracht. Diese Menschen hat man nie wieder gesehen; vermutlich Abtransport in sowjetische Arbeitslager. In all dem Weinen und Durcheinander behielten wir die Übersicht und konnten uns in einer verkleideten Besenkammer unter der Hoteltreppe verstecken. Dort verharrten wir lange Zeit, bis es im Hotel ruhig wurde. Erst als es dunkel wurde, schlichen wir uns aus dem verlassenen Hotel und gingen zurück in unsere Bäckerei.

Nach einer weiteren Woche wurden wir zum Arbeitseinsatz abgeholt. Meine Mutter mußte vor Ort Feldarbeit verrichten, ich wurde mit einem LKW zum nahen Kurort Neukuhren gebracht. Hier habe ich aus den Häusern im Ort und den Gehöften der näheren Umgebung wertvolle technische Geräte, z. B. Klaviere, Rundfunkgeräte, Landmaschinen u.v.m., verladen und zur Sammelstelle, einer parkähnlichen Wiese in Neukuhren bringen müssen. Hier wurden die Geräte - weil es schnell gehen mußte - recht unsanft auf freiem Gelände abgeladen. Vieles ging zu Bruch oder wurde beschädigt, was aber das militärische Wachpersonal nicht im geringsten störte. Später wurden diese eingesammelten Sachen in die Sowjetunion gebracht. Vieles noch Brauchbares dürfte dort wirklich nicht angekommen sein.

Dieser Einsatz dauerte gut eine Woche. Hier habe ich erstmals verständnisvollen Gesprächskontakt mit meist sehr jungen Soldaten bekommen. Mir war es gelungen, einen zweirädrigen, gummibereiften Handwagen zu beschaffen, den ich mit Erlaubnis der Soldaten mit nach Hause - in die Bäckerei - nehmen durfte.

In uns war in der Zwischenzeit der Gedanke gereift, zu Fuß nach Hause, zum ca. 200 km entfernten Heimatort Waldau zu gehen. Der Handwagen sollte uns dabei unschätzbare Dienste leisten. So brachen wir eines Abends Mitte Mai, von Soldaten unbemerkt, auf. Es sollte eine gefährliche, eine abenteuerliche Reise, jedoch mit gutem Ausgang werden. Wir legten den Weg, nicht nur aus Sicherheitsgründen, überwiegend auf Nebenstrecken zurück. Hier standen noch die meisten deutschen Straßenschilder mit Richtungshinweisen, was auf den Hauptstraßen nicht mehr der Fall war, sie waren durch russische, die wir nicht lesen konnten, ersetzt worden. Auf den Nebenstraßen konnten wir auch am Tage gehen, ohne gleich von sowjetischen Einheiten entdeckt zu werden. Wir übernachteten überwiegend in abgelegenen, verlassenen Gehöften, wo wir meistens in den Kellern Eßbares fanden. Licht oder Feuer wagten wir nicht zu machen, und trotzdem wurden wir mehrmals gefunden, belästigt und ausgeraubt. Unser Weg führte uns über Pobethen, Rudau, Nautzken, Kreuzingen, Schillen, Hohensalzburg, Altenkirch, Lindengarten nach Waldau.

Wir fanden unseren Hof nach 2 bis 3 Wochen Fußmarsch mit all seinen Gebäuden so an, wie wir ihn verlassen hatten, allerdings ohne Tiere und mit offenstehenden Türen. In diesem Gebiet hat es keine Kampfhandlungen gegeben. Später haben wir erfahren, daß der größte Bereich am Ostfluß weiträumig umgangen wurde. Schwere Kämpfe hat es dagegen um Schloßberg, Ragnit, Tilsit und Schillen gegeben.

Die noch vor der Flucht im Oktober 1944 eingebrachte Getreide- und Kartoffelernte fanden wir in Scheunen, Kellern und „Erdmieten" wieder.

Grundnahrungsmittel hatten wir reichlich, wir brauchten nicht zu hungern. Noch weitere vier oder fünf Familien mit nahezu gleichem Flüchtlingsschicksal kehrten nach Waldau zurück.Gut ein Jahr, bis Herbst 1946, lebten wir wie auf einer friedlichen Insel. Dann jedoch wurde Ostpreußen durch Zuzug eines bunten Völkergemisches aus der ganzen großen Sowjetunion wieder langsam besiedelt. Für uns Deutsche auf den einsam verstreuten Gehöften begann eine böse, fürchterliche Zeit. Nächtliche Raub- und Vergewaltigungsüberfälle, Frauen und Mädchen mußten sich außerhalb verstecken. Das war eine schlimme Zeit, bis wir dann wieder von unseren Höfen vertrieben wurden. Es zogen die zugereisten Familien aus der Sowjetunion in unsere Häuser ein. Wir, d.h. unsere Familie, hatten das große Glück, daß Ich mich damals als 14jähriger kurz vorher auf dem nahegelegenen Rittergut von der Groeben in Juckstein, welches in der Zwischenzeit als eine Militärkolchose arbeitete, freiwillig zur Landarbeit gemeldet hatte. Die Arbeit war ungewohnt schwer und wurde täglich mit einem Liter Milch vergütet. Gearbeitet wurde 12 Stunden -und mehr- pro Tag, abends konnte ich nach Hause gehen. Wenige Tage nach der Arbeitsaufnahme mußten alle heimgekehrten Familien ihre Häuser und Gehöfte innerhalb eines Tages, unter Mitnahme von tragbarem Handgepäck, verlassen. Es zogen sowjetische Familien ein. Ich erhielt einen Pferdewagen für unseren "Umzug" und konnte so nahezu alle benötigten Möbel, Betten und lebenswichtige Küchensachen nach Juckstein mitnehmen. Wir bezogen eine leerstehende Lehrerwohnung. Nun mußte auch meine Mutter für Naturalien arbeiten.


Wir waren recht froh und auch zufrieden, daß nun die nächtlichen Überfälle und Belästigungen aufhörten. Verpflegung, die knapp und recht spartanisch ausfiel, erhielten nur arbeitende Menschen. Viele Menschen die - aus welchen Gründen auch immer - nicht arbeiten konnten, starben an Krankheit oder auch an Unterernährung den Hungertod. Sie wurden auf dem dortigen Friedhof, ohne jede Feier und meistens nur in Decken gewickelt, anonym beerdigt. Eine Beerdigung, zu der man sich freiwillig melden konnte, wurde mit 1/2 Liter Milch extra vergütet. Nach ca. 1/2 Jahr, im Winter 1946/ 1947, mußte die in Juckstein wohnende deutsche Bevölkerung die Militärkolchose verlassen, wir wurden auf umliegende, inzwischen zivil verwaltete Kolchosen verteilt. Wir kamen nach Karlsberg / Obereißeln, ca. 5 km vor Ragnit. Wir durften unser gesamtes Mobiliar mitnehmen und wurden in eine Wohnbaracke eines ehemaligen Sägewerkes eingewiesen. In Karlsberg arbeiteten umgesiedelte Sowjetfamilien zusammen mit deutschen Zivilgefangenen. Es entstanden die ersten zaghaften zwischenmenschlichen, ja freundschaftlichen Kontakte unter den sowjetischen und deutschen Menschen. Dieses um so mehr, je besser wir die russische Sprache erlernten und uns unterhalten konnten. Auch hier mußten meine Mutter und ich schwerste Landarbeit -überwiegend von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang - bei minimalster Verpflegung verrichten. Damit die Familie nicht zu sehr hungern mußte, ist mein jüngerer Bruder, Jahrgang 1934, nach Übermemel - was nun zu Litauen gehörte - betteln gegangen. Auch habe ich durch Auslegen von selbstgebauten Reusen in der Memel Fische gefangen und eßbare Muscheln gesammelt So hat unsere Familie die schwere Zeit der Zivilgefangenschaft mehr schlecht als recht überlebt.

Der Winter 1947 / 1948 war sehr hart und kalt. Durch Mißwirtschaft der Kolchosverwaltung - Leiter war ein ehemaliger Offizier; Wasili, Iwan Litschman - gab es für Kühe und Pferde, insbesondere waren das Jungtiere, nicht genügend Stallfutter. Von der Kolchosverwaltung wurde eine Herde zusammengestellt und über die wieder provisorisch aufgebaute „Königin-Luise-Brücke" in Tilsit, nach Litauen in ein Winterquartier getrieben. Dort gab es Stallungen mit genügend Winterfutter, das von den dort lebenden litauischen Bauern abgeliefert werden mußte. Zum Begleitpersonal gehörten sowohl sowjetische als auch deutsche Männer und Frauen. Der Transport dauerte gut eine Woche. Wir mußten uns während des Transportes und des ca. dreimonatigen dortigen Aufenthaltes selber verpflegen. Die Frauen haben die Kühe gemolken, die Milch diente zu unserer Verpflegung. Das sättigte nicht, und so hatten alle ständig Hunger. Wir Männer leiteten und beschützten den Transport, ritten mit umgehängter Kalaschnikow auf gesattelten Pferden. Die Frauen fuhren in einem Begleitwagen. Um unseren Hunger zu mildern, ritten wir täglich zu nahe am Weg liegenden Bauernhöfen, um nach Essen zu bitten. Wir hatten uns untereinander verständigt, daß wir immer zu zweit und getrennt in sowjetische und deutsche Gruppen die Bauern besuchten.

Auf den Höfen fanden wir die Türen verschlossen, die uns erst nach heftigem Klopfen von verängstigten älteren Menschen geöffnet wurden. Die Sowjets waren bei den Litauern nicht gerade beliebt, und wir mit unserer russischen Kleidung und der Kalaschnikow machten auch keinen vertrauenserweckenden Eindruck. Wir sprachen anfänglich die Menschen auf russisch an, was sich schnell als Fehler herausstellte. Erst als wir deutsch sprachen und uns als solche zu erkennen gaben, fragte man erstaunt: ihr seid Deutsche? Wir wurden eingelassen und waren überrascht, daß viele Litauer recht gut deutsch sprachen und auch plötzlich junge Menschen, insbesondere junge Frauen, erschienen und uns zunächst ungläubig begrüßten und befragten. Wir erhielten reichlich Essen und Trinken, vielfach packte man uns noch Stullen ein, die wir mitbekamen.

Den russischen Kameraden, denn inzwischen waren wir das auf diesem Transport geworden, erging es schlechter, sie erhielten selten etwas und kehrten dann fluchend zurück. Verständnislos, aber dankbar nahmen sie die von uns mitgebrachten Stullen an.

An unserem Ziel, unweit Kaunas angekommen, mußten die Tiere Tag und Nacht bewacht werden. Es gab zu der Zeit einen litauischen Widerstand. Viele Männer waren in den „Untergrund" gegangen und kämpften den völlig aussichtslosen Kampf für ein freies Litauen.

Die gefährlichsten und unbeliebtesten Wachen waren die Nachtwachen, die auf Wunsch, besser auf Anweisung der Russen, von uns Deutschen gemacht werden mußten. Es ist aber - Gott sei Dank - nie etwas geschehen, und so kamen wir im Frühjahr 1948 gesund und vollzählig mit dem ganzen Transport wieder auf der Kolchose Karlsberg an.

Im Juli 1948 erhielten alle deutschen Arbeiter einen zweisprachigen (russisch / deutsch) „Vorläufigen Personalausweis" mit Lichtbild. Wir arbeiteten weiter auf der Kolchose, durften uns in der näheren Umgebung frei bewegen, was vorher offiziell nicht erlaubt war. Wir waren nach wie vor deutsche Zivilgefangene, und vor uns lag eine Ungewisse Zukunft.

Bei der Feldarbeit konnte ich mehrfach beobachten, daß von Sowjets gefahrene Traktoren und LKW auf den Feldern mit Defekten liegenblieben. Es erschienen in kleinen, ehemals militärischen Geländewagen „Spezialisten" in grauen Kitteln und mit Werkzeugtaschen, haben an den Fahrzeugen bzw. Motoren kurz etwas gemacht und die Fahrzeuge liefen wieder. Da ist in mir der Wunsch entstanden, solltest du jemals hier rauskommen, dann lernst du den schönen Beruf eines Kfz-Mechanikers, was dann später auch geschehen ist.

Unsere Arbeit auf den Feldern, in Ställen und Scheunen ging weiter, doch hörten wir, daß alle deutschen Zivilgefangenen bald entlassen werden sollten. Dann ging plötzlich alles sehr schnell. Am 14. September 1948 wurde uns vom Natschalnik (Verwalter) mitgeteilt, daß wir am nächsten Tag entlassen werden und nach Restdeutschland ausreisen dürfen. Praktisch war es eine Vertreibung aus der alten Heimat, was wir aber seinerzeit keinesfalls so sahen, wir waren froh, alles Bisherige hinter uns lassen zu können. Uns wurde der anteilige Arbeitslohn in Rubel ausgezahlt, wir kauften davon Reiseproviant. Unseren kompletten Hausstand erbat eine russische Familie. Auf ihren Wunsch erstellten wir eine, in deutsch handgeschriebene Schenkungsurkunde. Damit wollte sie bei ihren Vorgesetzten den rechtmäßigen Erwerb glaubhaft machen. Ob ihr das gelungen ist?

Am 15. September fuhr ein LKW vor, wir und die übrigen deutschen Familien wurden, mit Handgepäck versehen, zum Bahnhof Ragnit gebracht. Nach langem Warten erschien ein Güterzug, der uns zum Königsberger Nordbahnhof brachte. Hier war eine große Sammelstelle, von überall her aus der Provinz trafen Deutsche - Frauen, Kinder, Jugendliche, alte Menschen - ein. Es herrschte eine große Enge und ein Gedränge, bis wir am nächsten Tag in bereitgestellte Züge mit Güter- und auch einigen Personenwagen mit Holzbänken geleitet wurden.

Vorher mußten wir durch eine Kontrollstelle, wo uns die soweit noch vorhandenen Rubel und Personalpapiere abgenommen wurden. Mir gelang es, meinen Ausweis zu behalten, den ich noch heute zur Erinnerung und nostalgischen Dokumentation in meinem Besitz habe. Wir hatten wieder das große Glück, in einen Personenwagen eingewiesen zu werden. Erst einen Tag später setzte sich unser Zug in Bewegung. Es folgte eine 10tägige Bummelfahrt über die Weichselbrücke bei Dirschau, über die Oder zum Auffang- und Quarantänelager Kirchmöser in Brandenburg. Bei den vielen Stops auf offener Strecke verließen viele Zuginsassen die Wagen, um direkt neben den Gleisen ihre Notdurft zu verrichten. Es grenzt an ein Wunder, daß kein Passagier zurückgeblieben ist, daß es alle immer wieder geschafft haben einzusteigen, bevor sich der Zug ohne ein Signal in Bewegung setzte. Im Quarantänelager wurden wir vom DRK-Personal empfangen, sofort mit Verpflegung versorgt und in bereitstehende Zimmer eingewiesen. In den folgenden zwei Wochen erfolgte zunächst eine ärztliche Untersuchung bzw. Befragung nach evtl. vorhandenen Erkrankungen, eine gründliche Reinigung, Entlausung und teilweise Neueinkleidung. Danach wurden wir entlassen und innerhalb der SBZ (sowjetisch besetzte Zone) verteilt. Wir gelangten auf einen Bauernhof in Neuendorf am Speck Kreis Stendal. Meine Mutter und ich mußten auf einem größeren Hof in der Landwirtschaft arbeiten. Zu dieser Zeit waren lediglich Großbauern, deren Landbesitz mehr als 400 ha betrug, enteignet. In Erinnerung ist geblieben, daß wir Zuckerrüben, die langwurzlig im Boden steckten, von Hand ziehen und säubern mußten. Es war eine Knochenarbeit.

Über viele Umwege hatten wir erfahren, daß Vater in Rendsburg aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde und auch dort wohnte. Wir erhielten über ihn von der Stadtverwaltung die erforderliche „Zuzugsgenehmigung". Dieses Papier berechtigte uns jedoch nicht zur legalen Übersiedlung in die britische Besatzungszone. Die Erteilung eines Papiers zum berechtigten Grenzübertritt hätte (wenn überhaupt) Monate gedauert. So entschlossen wir uns, auch ohne diese zonale Genehmigung die Grenze bei Oebisfelde zu überschreiten, was uns natürlich nicht gelang. Die dortige Volkspolizei hat uns bereits auf dem Bahnhof im Wartesaal ergriffen, unsere Personalpapiere abgenommen und uns in ein Gefängnis gesperrt. Am nächsten Tag erhielten wir unsere Papiere zurück, mit der eindringlichen Ermahnung, umgehend wieder nach Neuendorf zurückzukehren, was wir aber nicht machten. Wir sind in eine Kleinbahn gestiegen und zu einem nahen Grenzort gefahren. Dort angekommen, wurden wir gleich nach dem Aussteigen auf dem Bahnhof von sowjetischen Soldaten empfangen und verhaftet. Hier halfen uns meine guten russischen Sprachkenntnisse. Nach einem längeren Informationsgespräch durften wir in den selben Zug einsteigen, der kurz danach wieder zurückfuhr. Wir stiegen aber nach einer Station aus und versuchten zum nächsten Grenzort zu gelangen. Am späten Abend erreichten wir ein Lokal, wo wir zunächst erschöpft einkehrten. Wir waren vorher davon informiert worden, daß von hier aus Schleuser Menschen über die noch nicht so stark gesicherte Grenze bringen würden. Und so geschah es dann auch. Gegen Mitternacht brachte uns ein junger Mann bis unmittelbar vor die durch einen Feldweg gebildete Grenze. Hier verabschiedete er sich von uns und ging wieder zurück. In völliger Dunkelheit sind wir alleine in Richtung Westen weitergegangen. Nach ca. 1 bis 2 km bogen wir vom freien Feld nach rechts ab und erreichten eine asphaltierte Straße, glaubten uns im Westen und in Sicherheit. Plötzlich standen vor uns zwei uniformierte Männer. Wir glaubten nach einer Schrecksekunde, nun hat man uns wieder erwischt, alle Anstrengungen waren vergebens. Schnell stellte sich heraus, es waren westdeutsche Zollbeamte, wir waren unglaublich erleichtert, nach so vielen Hindernissen im Westen angekommen zu sein. Nach einem kurzen Gespräch halfen uns die Beamten, unser spärliches Gepäck zum nahen Westbahnhof zu tragen. Diese Hilfsbereitschaft war für uns eine bis dahin nicht gekannte neue Erfahrung. Auf diesem Bahnhof konnten wir nicht bleiben, denn es gab eine zonenübergreifende Vereinbarung, gelegentliche gegenseitige Grenzkontrollen durchzuführen. Wir erhielten Freikarten bis zur nächsten Bahnstation, wo wir bereits von der Bahnhofsmission erwartet wurden. Man verpflegte uns hier nicht nur sofort und gut, sondern wir konnten nach gründlichem Bad entspannt und überglücklich ausschlafen. Wir hatten wieder einen schweren und spannungsgeladenen Abschnitt hinter uns gelassen.

Nun ging alles relativ schnell; wir mußten zunächst für einige Tage in ein DRK-Durchgangslager nach Pöppendorf bei Hamburg, bevor wir mit der Bahn auf dem Rendsburger Bahnhof eintrafen. Es war der 8. Dezember 1948. Vom Vater konnten wir nicht gleich in Empfang genommen werden, da es uns nicht möglich war, ihm weder Tag noch Zeit unseres Eintreffens mitzuteilen. Wir erfragten den Weg zur Königinstraße 5. Es gab, nach so langer Zeit der Trennung, zunächst eine verhaltene, dann aber eine stürmische Begrüßung und Umarmung. Obwohl wir nur ein Zimmer hatten, war die Freude groß; wir konnten nach vielen Jahren des Krieges und der Trennung wieder gemeinsam das Weihnachtsfest feiern.


Nun galt es, einen neuen Anfang zu wagen, der alles andere als einfach war. Mein Vater hatte sich als Schneidermeister wieder selbständig gemacht. Das Geschäft lief immer schlechter, die preiswertere Konfektionskleidung setzte sich mehr und mehr durch, das Geschäft mußte aufgegeben werden. Doch hatte er Glück und konnte bei der Schleswag in der Hauptverwaltung Rendsburg als kaufmännischer Angestellter anfangen, wo er bis zur Pensionierung im Jahre 1970 blieb. Schon 1949 erhielten wir in der Materialhofstraße eine 3-Zimmer-Wohnung, meine Eltern hatten den Neuanfang geschafft. Später kauften sie ein 4-Familien-Fachwerkhaus in der Königinstraße 3, wo wir auch eine größere Wohnung, nunmehr im eigenen Haus bezogen. Wir hatten eine neue Heimat gefunden. Im Januar 1949 begann für uns Kinder bzw. Jugendliche der Ernst des "neuen" Lebens. Wir mußten einen Weg finden, die gut vier versäumten Schuljahre nachzuholen. Das haben meine jüngeren Brüder auch gemacht, sie besuchten Rendsburger Schulen, jeder bis zu einem guten Abschluß.

Ich, in der Zwischenzeit 17 Jahre alt, sollte - und wollte auch - auf Wunsch meiner Eltern zum Lebensunterhalt beitragen. Es war seinerzeit nicht leicht, eine Großfamilie mit einem Verdiener halbwegs gut zu versorgen. Staatliche Zuwendungen, wie es heute in unserem Sozialstaat üblich ist, gab es in der Zeit nicht. Ich meldete mich beim Arbeitsamt und bekam ein Arbeitsangebot als Bergmann in NRW. Das haben meine Eltern, besonders mein Vater, wegen der erneuten Familientrennung abgelehnt. Vater und ich haben uns sehr um eine Lehrstelle bemüht. Es gelang mir schließlich, und ich konnte im Mai 1949 eine Lehre als Kfz-Mechaniker bei einer kleinen, gerade gegründeten Firma (Borgward - Goliath - Lloyd - Vertretung) beginnen. Nach 3 Jahren habe ich, nach erfolgreicher Ablegung der Gesellenprüfung, die Lehre abgeschlossen.

In Rendsburg war ich aktives Mitglied in der evangelischen Jugendgruppe Neuwerk. Hier lernte ich auch meine spätere Frau, eine geborene Königsbergerin, kennen.

Schon während der Lehre besuchte ich - nach Dienstschluß - von Montag bis Freitag eine "Aufbauschule". Der Unterricht fand in den Räumen der Berufsschule statt. Die Schule beendete ich 1953 mit dem Fachabitur, seinerzeit Fachhochschulreife. Mit dem Sommersemester 1954 begann ich ein Studium, Fachbereich Maschinenbau, an der Fachhochschule Kiel, welches ich nach Ablegung der Diplomprüfung 1956 beendete.

Während des Studiums in Kiel trat ich der Studentenverbindung "Burschenschaft Alemannia" bei, später in Berlin der Technisch-Naturwissenschaftlichen Verbindung (TNV) Markomannia, in der ich noch heute als "Alter Herr" (AH) Mitglied bin. Meine Tätigkeit als Jungingenieur begann ich bei der AEG-Hauptverwaltung in Berlin-Grunewald, Fachbereich Thermodynamik, Turbinen, Kraftwerke. Der Beruf war verbunden mit vielen Reisen innerhalb Deutschlands und des europäischen Auslands. Meine größte, als Projektleiter betreute Anlage war das Kernkraftwerk Philippsburg bei Karlsruhe mit einer elektrischen Leistung von 1300 MW (Megawatt), die kleinste und auch letzte Anlage vor meinem Ruhestand, das GuD (Gas und Dampf)-Kombikraftwerk Hilleroed in Dänemark mit einer elektrischen Leistung der Gasturbine von 65 MW plus 23 MW der Dampfturbine, zusammen 88 Megawatt.

Im Dezember1956 habe ich geheiratet, ein Jahr später wurde unsere Tochter geboren. In Berlin-Grunewald bezogen wir unsere erste Wohnung, um später in eine größere Stadtrandwohnung mit Gartenanteil nach Berlin-Lichterfelde zu ziehen.

Berlin hatte nicht nur kulturell viel zu bieten. Wir waren fleißige Theater-, Konzert -und Opernbesucher, und so lernten wir nahezu alle entsprechenden Häuser mit den seinerzeit bekanntesten und beliebtesten Künstlern kennen. Wir waren jung, wir erlebten hier eine schöne, unvergeßliche, nicht wiederkehrende Zeit, wir wurden für unsere schwere Kindheit und Jugendzeit reichlich entschädigt. Im Jahre 1969 gliederten die Firmen AEG und Siemens ihre Bereiche "Kraftwerke" aus den Mutterkonzernen aus und gründeten die gemeinsame Tochter "Kraftwerk Union". Verbunden war damit eine Konzentration der Kräfte und 1970 ein Umzug von Berlin nach Frankfurt / Main.

1973 zogen wir nach Dietzenbach / Hessen in unser dort gebautes Haus. Nach der Pensionierung verkauften wir es und zogen 1995 - in die Nähe der Familie unserer Tochter - nach Kropp. Unser Schwiegersohn ist als Berufssoldat bei der Luftwaffe auf dem Flughafen Jagel tätig.

Schon während meiner Berufszeit und bis heute habe ich - nicht nur als Ausgleich - ein Ehrenamt angestrebt und ausgeübt.

In Berlin, in der Kirchengemeinde Lichterfelde-Ost, wurde ich in den Kirchenvorstand gewählt. Durch den berufsbedingten Umzug nach Hessen endete diese kirchliche Tätigkeit. In der Stadt Dietzenbach trat ich einer bürgerlichen Partei bei. Meine Aufgaben führten mich bis nach Bonn, wo ich viele seinerzeit politische Persönlichkeiten kennenlernte. Auch in Kropp bin ich parteipolitisch eingebunden. Schon vor dem Wohnortwechsel von Hessen nach Schleswig-Holstein wurde ich Mitglied der Landsmannschaft Ostpreußen und der Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.. Hier wurde ich bald zum Schriftführer, dann zum Geschäftsführer gewählt. Das letzte Ehrenamt übe ich nun, als im Amtsgericht Plön eingetragenes Vorstandsmitglied, in der 3. Legislaturperiode, im 13. Jahr aus.

Meine Tätigkeit führte mich nach der Wende im Ostblock 1991 erstmals wieder in meine ehemalige Heimat, in den Kreis Tilsit-Ragnit und nach Waldau. Unsere Delegation, der ich angehörte, wurde vom Landrat und Bürgermeister der Kreisstadt Neman, so heißt jetzt Ragnit, nicht nur freundlich empfangen, man gab für uns auch einen, zusammen mit örtlichen Persönlichkeiten, Empfang in einem Hotel. Es schlössen sich viele weitere Reisen, überwiegend mit humanitären Hilfsgütertransporten an. Wir überbrachten, neben täglichen Bedarfsartikeln, Krankenhausausrüstungen, medizinische Diagnosegeräte, Schwesterntrachten, Kleidung für Kindergärten und Waisenhäuser, ja sogar eine komplette Ausrüstung für einen Friseursalon. Rund 30 Reisen habe ich bislang mitgemacht oder geleitet. Sie gingen überwiegend über den Landweg, Berlin, Stettin, Schneidemühl, Marienburg, Elbing, Heiligenbeil, Königsberg, Tapiau, Tilsit nach Ragnit und in das Kreisgebiet. Aber auch Reisen per Schiff - Autofähren - vom Ostuferhafen Kiel nach Klaipeda, dem ehemaligen Memel, dann weiter auf dem Landweg, über Heydekrug, Poge-gen, über die Königin-Luise-Brücke, durch Tilsit nach Ragnit habe ich unternommen. Vorher hatte ich in mehreren Kursen an der Volkshochschule in Hessen und auch Schleswig teilgenommen, um meine schon fast vergessenen Russischkenntnisse aufzufrischen und auch die kyrillische Schrift ein wenig zu erlernen.

Mit Wehmut mußten und müssen wir auch heute noch feststellen, daß die meisten dort lebenden Menschen unsere alte und heute ihre neue Heimat nicht wirklich angenommen haben. Mehr als die Hälfte des ehemals ertragreichen Ackerbodens wird nicht oder nicht mehr bestellt. Nach Umstellung von Klein- auf Großflächenbewirtschaftung wurden Drainagen und Gräben zerstört. Große Flächen versumpften oder versteppten. Die vielen kleinen Dörfer wurden Anfang der 70er Jahre auf Weisung von Moskau abgetragen und total eingeebnet. Waldau, was zunächst Talniki hieß, gibt es nicht mehr. Unsere Anwesen sind verschwunden.

Nordostpreußen ist durch die vielen Feuchtgebiete ein Storchenparadies geworden.

Die meisten Kirchen wurden in den Nachkriegsjahren entweiht, dienten als Lagerhallen oder Werkstätten, wurden später sogar ganz dem Verfall überlassen.

Unsere evangelische Kirche im Nachbarort Sandkirchen ist wie ein Wunder - wenn auch total entkernt - bis heute stehengeblieben. Im Jahre 2004 wurde das schwer lädierte Kirchengebäude von der russisch-orthodoxen Kirchenleitung Kaliningrad - Königsberg - übernommen und ist als Gotteshaus wieder geweiht worden. Sie wird, auch mit unserer Unterstützung, zur Zeit wieder aufgebaut, es finden bereits Gottesdienste statt. Es ist für mich erstaunlich, daß nach über 70 Jahren Kommunismus es dort viele gläubige Christen gibt. Eine Erklärung ist naheliegend; durch die weitverbreitete Armut der Menschen suchen diese im Glauben Trost und Halt. Ich habe in der ehemaligen Heimat viele Menschen aller Gesellschaftsschichten kennengelernt. Der Alkoholmißbrauch ist weitverbreitet, allerdings gibt es auch sehr viele tüchtige Menschen, die sich anstrengen, durch Strebsamkeit wirtschaftlich voranzukommen.

Die Gastfreundschaft der Menschen ist einmalig und sehr gut. Viele Einladungen habe ich erhalten und Feste miterleben dürfen. Der Wunsch Kontakte, nicht nur zur deutschen Erlebnisgeneration, zu knüpfen und zu pflegen, ist groß.

So kann ich für mich in Anspruch nehmen, mit Hilfe der Kreisgemeinschaft und anderer Institutionen Jugendgruppen - Schüler und Fußballer - eingeladen und Gegenbesuche von deutschen Jugendlichen organisiert zu haben. Auch habe ich - im Namen der Kreisgemeinschaft - russische Landräte, Polizeipräsidenten, Bürgermeister, Juristen und Ärzte zu uns nach Kropp, Schleswig, Plön und Preetz eingeladen. Es erfolgten Informationsgespräche im Landeshaus Kiel, in den Rathäusern und Polizeistationen in Schleswig und Kropp, in den Kreisverwaltungen Schleswig und Plön, beim Generalstaatsanwalt, Oberlandes- und Oberverwaltungsgericht in Schleswig.

Der vom gegenseitigen Verständnis über Jahre getragene Dialog führte zu vertiefter deutsch / russischer Zusammenarbeit sowohl auf kommunaler als auch auf privater Ebene.

Im Jahre 1999 wurde ein „Partnerschaftsvertrag zwischen den Neubürgern des Rayon Neman / Ragnit und der Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V., den Altbürgern dieses Kreises, die ihre Wurzeln oder die ihrer Vorfahren im früheren Kreis Tilsit-Ragnit hatten" geschlossen und unterzeichnet. Auf der Basis dieser Vereinbarung folgten weitere intensive und langjährige Gespräche zwischen den politischen Vertretern des Kreises Plön, den Vertretern der Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V. und den politischen Vertretern des Rayon Neman / Ragnit. Ergebnis: Im Januar 2006 erfolgte in Plön, dem Patenkreis des ehemaligen Kreises Tilsit-Ragnit, der Abschluß und die Unterzeichnung eines Partnerschaftsvertrages zwischen dem Kreis Plön und dem Rayon Neman, vertreten durch die Landräte Dr. Gebel und Melnikow.

Es ist gut zu wissen, daß unser Einsatz zur Verständigung und Aussöhnung, über Gräben und Gräber hinweg, eine Brücke in die Zukunft ist und zum Zusammenwachsen Europas ein wenig beitragen kann.

So konnte ich, als Vertreter der Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit, im Jahre 2000 einen „Förderpreis für Bürgerengagement in Rußland" in der russischen Botschaft in Berlin aus der Hand des Altbundespräsidenten Richard von Weizäcker entgegennehmen. Von der „Landsmannschaft Ostpreußen" wurde mir das Ehrenzeichen in Silber- in Würdigung des langjährigen Einsatzes für Heimat und Vaterland - verliehen.

Wenn ich rückblickend feststelle, wie bewegt und zeitweise auch schwierig mein bisheriger Lebensweg war und auch wieviel Glück ich immer wieder hatte, so kann ich dankbar sagen, es war ein Schicksal vieler ostdeutscher Menschen mit gutem Ausgang.

Der Lebenskreis hat sich nahezu geschlossen: Ostpreußen, Rendsburg, Kiel, Berlin, Frankfurt/ Dietzenbach, Kropp. In Berlin geheiratet, in Berlin Tochter geboren, Enkelsohn in München, Schwiegersohn in Husum. Ich danke Gott, daß er immer seine schützende Hand über mich, über uns, gehalten hat. Wir haben uns hier in Kropp einen netten Bekannten- und Freundeskreis aufbauen können.

Auch habe ich nach einem halben Jahrhundert ehemalige Studienkollegen wiedergefunden. Wir treffen uns regelmäßig, auch mit Ehefrauen, führen intensiven Gedankenaustausch, der keineswegs nur vergangenheitsbezogen ist. Wir haben noch viele Zukunftsplanungen und das ist gut so.

Autor: © Februar 2006 Helmut Pohlmann; 24848 Kropp,
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 80/2007

Heimatberichte



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 10.07.2007
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letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 17. Dezember 2010