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| Kein Reisebericht soll es sein. Was mich bewegt hat im Land der Vorfahren, davon will ich erzählen. |
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von Pfarrrer Martin Lipsch
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Endlich wieder in Ostpreußen! Im August 2007 war ich erstmals in der Heimat der Väter, im Oktober 2010 nun die zweite Reise ins Land an der Memel. In Gumbinnen ist mein Quartier, im Haus Salzburg neben der Salzburger Kirche. Von dort aus fuhren wir (ich reiste mit einer Dame aus unserer Kirchengemeinde, geboren 1936 in Cullmen-Wiedutaten im Memelland und ihrem Bruder (geb. 1938) ) mit einem Auto der Diakoniestation immer wieder die gleiche Strecke in den alten Kreis Tilsit-Ragnit: Kauschen - Breitenstein - Hohensalzburg - Dreidorf - Großlenkenau. Bei unseren Fahrten durch den Kreis Tilsit-Ragnit, und genauso bei unseren Besuchen in Pillkallen, Friedland und Wehlau, stieg immer wieder ein Gefühl der Traurigkeit in mir hoch: Warum bloß, warum - habt ihr dieses Land nur so verkommen lassen ? Das große Rußland, warum macht es nichts aus diesem letzten Stück Kriegsbeute? Polen blüht auf, in Litauen tut sich viel - und euer Stück Ostpreußen, Königsberg, Tilsit, Gumbinnen und einige "Inseln" mal ausgenommen, da tut sich so wenig. Und es geht mir so oft durch den Kopf: Ist das den Russen eigentlich bewußt, daß ihr Teil Ostpreußens wohl die einzige Region in Europa ist, wo vor 80 Jahren der Entwicklungsstand des Landes deutlich besser war als heute? Wissen die Russen das, daß sie es "geschafft" haben, eine ganze Region in jeder Hinsicht um viele Jahrzehnte zurückzuwerfen? Das dürfte wirklich einmalig in Europa sein, daß eine Region im Jahre 1930 in einem wesentlich besseren Zustand war als heute, 2010 ! |
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Und ich frage mich: Was habt ihr denn vor mit diesem einst blühenden Land? Deutsche Ritter, Bauern und Handwerker haben vor 750 Jahren damit begonnen, eine große Wildnis in eine blühende Kulturlandschaft zu verwandeln - und ihr kriegt das nicht hin? Ein Marshall-Plan für diese winzige Region eures Riesenreiches, Klotzen mit Existenzgründungs-programmen und beispielhafter Wirtschaftsförderung - warum passiert das nicht? Wenn ausländische Agrarkonzerne in Nordostpreußen völlig unkompliziert Land kaufen (und nicht nur pachten) könnten, wenn Firmen aus aller Welt ohne den Würgegriff russischer Bürokratie und der Mafia ungehindert produzieren, exportieren und Gewinne frei transferieren könnten - dann würde es endlich aufwärts gehen ! Warum aber passiert das nicht? Kann es sein, daß die Führung in Moskau das letztlich gar nicht will, daß es in Ostpreußen zu einem Aufbruch in ganz neue Zeiten kommt? Sind die uralte, tiefsitzende Furcht vor Ausländern und ihrem (verderblichen) Einfluß, die Angst , Kontrolle und Macht im eigenen Haus zu verlieren, immer noch größer als der Wille, aus Ostpreußen endlich etwas zu machen - und zwar für die Menschen, denen das jetzt Heimat ist? Der Soldatenkönig, Friedrich-Wilhelm l, er hat nach der großen Pest (1709-1711) das wüste, am Boden liegende Ostpreußen wieder zum Blühen gebracht - und Rußland kriegt das nicht hin? Der russische Staat schwimmt doch im Geld.... |
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Ein ganz bedrückender Anblick ist das für mich, diese Trostlosigkeit der Orte, die heute nur noch ein schrecklicher Schatten einst gepflegter Dörfer und Städte sind. So vieles an Zeugnissen der Vergangenheit wird bald für immer verloren sein - und nichts passiert, um das aufzuhalten. Da stehe ich vor den Kirchenruinen, in Hohensalzburg, in Schillen , Argenbrück, Breitenstein und Altenkirch - einfach nur beklemmend. Nirgends eine Infotafel, wer wann hier eine Kirche erbaut hat, wie der Ort früher hieß. Mein Verstand, der sagt es mir dann: Wer könnte denn überhaupt in diesen trostlosen Siedlungen Interesse und die Kraft haben, diese Zeugnisse einer reichen, großen Geschichte zu erhalten? Und für wen denn, mit welchem Ziel, sollten diese Relikte der Vergangenheit bewahrt werden ? |
![]() Dreidorf (Pellehnen): Elternhaus von Helmut Loseries (später verheiratet mit Elly Loseries in Fuchshöhe) |
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Beklemmend ist das, wenn ich immer wieder sehe, wie die Natur sich das zurückholt, was ihr über Jahrhunderte abgerungen wurde; und ich denke: was wieder zu Steppe und Wildnis geworden ist, das alles war einmal blühendes, deutsches Land! Die gepflegtesten Orte überall - das sind die Denkmäler und Soldatengräber zur Erinnerung an den Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg 1941-45". Die Pflege der Erinnerung an den Sieg der Roten Armee über die "faschistische, deutsche Bestie", sie muß nicht von oben verordnet werden; sie ist immer noch lebendig bei den Menschen. Und es stimmt ja: Die Sowjetunion, sie hat den größten Anteil am Sieg über den "größten Feldherrn aller Zeiten". Die Russen dürfen stolz sein auf diesen so teuer erkauften Sieg - und dennoch sind Fragen erlaubt: Was ist von diesem gewaltigen Sieg geblieben? Was haben die Russen des Jahres 2010 noch von diesem Sieg ? Und die nächste Frage drängt sich mir auf: Wenn ich von dem Sieg über die Generation meines Großvaters einmal absehe - worauf können die Russen im ehemaligen Norden Ostpreußens heute wirklich stolz sein? Von den kulturellen und zivilisatorischen Leistungen aus der 700jährigen deutschen Geschichte Ostpreußens zehren die heutigen Bewohner dieses Landes zum Teil immer noch - und ich frage mich: was ist von den Russen in 65 Jahren im Norden Ostpreußens wirklich erbaut und geschaffen worden, was auch nur 2-3 Generationen überdauern wird ? |
![]() Seitenansicht des Hauses |
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Wo Opa zu Hause und Uropa Bürgermeister war: Besuch in Dreidorf (Pelleh-nen). Noch stehen einige Häuser, von dem, was einmal Dreidorf war. Leicht zu finden der Ort, ganz nah an der Landstraße von Breitenstein nach Ragnit. Mein Uropa Friedrich Loseries war hier Bürgermeister bis zur Flucht; er ist wieder zurückgekehrt und mit seiner Frau Lina Loseries in seinem Haus verhungert. Hier wurden mein Opa Helmut Loseries (1912) und seine Schwester Margarethe (1913; verheiratet mit Erich Simoneit aus Dreidorf) geboren. Ich habe gesucht - und gefunden: Opas Elternhaus steht noch ! 1991 war's, die Grenzen wurden durchlässig, da besuchte Hermann Dumschat (Jahrgang 1907), Nachbar und Freund meines Opas, sein Heimatdorf Dreidorf. Alle Häuser, die noch standen, hat er fotografiert, auch Opas Elternhaus. Und dann, im Mai 1991, kurz vor Opas Tod, da zeigte Hermann Dumschat Opa das Bild seines Elternhauses; und Opa war entsetzt, nach so langer Zeit von Dreidorf heute zu hören und zu sehen, was aus seinem Elternhaus geworden war. Mit diesem Bild war ich jetzt, 2010, dort, wo einst Dreidorf lag; und ich habe es eindeutig identifiziert, das Haus, wo Opa geboren! Ganz, ganz komisch war das für mich: Da stehe ich vor einem Haus, völlig heruntergekommen; aber immer noch ist das erkennbar: das war einmal ein stattliches Haus, von Bauern, denen es gut ging. Da steh ich nun und denke: Hier, da ist mein Opa zur Welt gekommen; hier hat Opa Laufen und Sprechen gelernt; hier hat Opa Kindheit und Jugend verbracht. Und jetzt, 65 Jahre nach der Flucht und dem Hungertod der Urgroßeltern, da steh ich nun vor der Haustür.... der Enkel und Urenkel stolzer ostpreußischer Bauern. |
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Und die Bewohner heute? Zwei Paare altgewordener ehemaliger Kolchosarbeiter, 40 Jahre schon in diesem Haus; Strom haben sie, Wasser liefert wie früher der Brunnen. Abgewetzt, ärmlich ihre Kleidung; ganz schwer zu schätzen ihr Alter. Wie das Dorf hier zu deutscher Zeit hieß, sie wissen es nicht; aber das wissen sie genau: zwei deutsche Friedhöfe gab es hier, und die Bahnlinie (Normalspur) führte nah am Haus vorbei; kein Zweifel, ich bin in Dreidorf. Wurstkonserven habe ich dabei, Kaffee, und einige Rubelscheine für sie. Darf ich das Haus betreten? Darf ich innen Aufnahmen machen? Ja, kommen sie herein; bitte, sie können Bilder machen. Wie gut, daß meine Begleiter etwas Russisch und Litauisch sprechen! Und ich denke: Martin, du wirst jetzt ganz tapfer sein; wer weiß, welche Gerüche und Anblicke dich drinnen erwarten. Und so trete ich ein, in Opas Elternhaus, und bin erleichtert: Es ist auszuhalten; kein Brechreiz kriecht hoch.... Bullig warm geheizt das Haus, es riecht nach Kohl und Schweiß, nach Urin und Alkohol; aber: alles auszuhalten! Alle Räume schau ich mir an, alles wird fotografiert ... Holzboden noch immer im ganzen Haus; Plastiksäcke anstelle mancher Scheiben; Eimer unter den Betten ... Fernseher laufen ... und ich denke: hoffentlich muß ich hier jetzt nichts essen und trinken ... es bleibt mir erspart ... einfach beklemmend, die Anblicke ... Armut, kümmerliche Lebensbedingungen, wohin ich schaue ... Fotos mache ich, mit den Bewohnern, im Haus, vor dem Haus. Erleichtert bin ich, als ich wieder ins Freie trete. So viele Bilder habe ich gemacht; wer weiß, wenn diese alten Leute nicht mehr sind, ist auch Opas Haus ganz schnell verschwunden ... aber ich hab die Bilder von dem Haus, dessen Bewohner nicht wissen, wer es einst gebaut, wer hier lebte bis zur großen Flucht.... |
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Großlenkenau - Ort besonderer Tage für meine Familie. Großlenkenau! Erstmals bin ich hier, an dem Ort, mit dem freudige Tage meiner Familie verbunden sind. Oma (Elly Loseries, Jahrgang 1915, geb. Meyer aus Fuchshöhe) ward hier getauft und konfirmiert, wie auch ihre Schwester Herta (1920 geb., verheiratete Wenger); Oma hat 1936 hier geheiratet; Papa (Klaus Loseries, geb. 1938) ward hier getauft, wie seine Schwestern Helga (1939) und Dora (1943). Unzerstört den Krieg überstanden, mit unverwüstlichem Kopfsteinpflaster, es sieht alles noch ziemlich deutsch aus. Aber niemand mehr da, seit 63 Jahren, von denen, die diesen Ort prägten, mit Leben füllten. Einst lebendiges Dorf, jetzt nichts mehr los. Und ich stell mir das vor: wie die Großeltern mit der Kutsche von Fuchshöhe hierher zur Kirche fuhren; wie Opa beim Raiffeisenhandel Naujeck einkaufte und Neuigkeiten austauschte. Dann steh ich da, wo einst unsere Kirche stand. Unter Bäumen der Taufstein; kein Stein steht mehr von der Kirche, die 40 Jahre Gotteshaus meiner Vorfahren war. Ein Foto der Kirche und Omas Hochzeitsbild in der Hand, steh ich da, wo jetzt nur noch Schutt und Unkraut sind. Und es zeugt noch immer von vergangener Zeit, das Kriegerdenkmal: "In dankbarer Erinnerung den im Weltkrieg 1914-18 gefallenen Helden des Kirchspiels gewidmet vom Kriegerverein Groß Lenkeningken / Euch zur Ehr, uns zum Leid ward grüner Rasen Euer letztes Kleid". Jetzt steh ich da, wo Pfarrer Walther Papa getauft und Oma und Opa getraut. Und ich denke daran: Gottes Wort, es ward verkündet, vor und nach 1933, auch in Großlenkenau; aber ein anderes Evangelium, das hat die Vorfahren viel stärker ergriffen; ein anderes Evangelium, das war stärker als Gottes Wort. Sonst wären wir noch hier, an der Scheschuppe, am Memelstrand. Ostpreußen, einst blühendes deutsches Land, so reich hast du Deutschland beschenkt ! Alles verspielt, weil wir einem Spieler folgten, der ohne Skrupel alles gewagt und alles verloren. Daheim in der Fremde - mächtig zieht es mich an, dieses Land, so nah, und so fern. |
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Autor : © 2011 Pfarrer Martin Lipsch geb. Loseries , 56743 Mending
Bilder: Martin Lipsch Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 88/2011 Seite 99 |