Erinnerungen ....
Kindheitserinnnerungen an die Daubas bei Ragnit
von Sigrid Gregor

Wenn im Familienkreis über den Sonntagsspaziergang gesprochen wurde, gab es für uns Kinder nur ein Ziel: Wir gehen in die Daubas! Darunter verstanden wir ein Teilstück des bewaldeten linken Steilufers der Memel am großen Bogen zwischen Ober-Eißeln und Ragnit. Das litauische Wort "Daubas" bedeutet in der deutschen Übersetzung "Schlucht". In meiner Erinnerung gab es mehrere solcher Einschnitte in dem hügeligen Mischwald, von denen man auf den breiten Strom blickte. Für Hans-Georg Tautorat ("Ragnit im Wandel der Zeiten") ist die Daubas "...das lichtdurchflutete Wipfeldach der Flußuferschlucht ..." Ulla Lachauer erklärt in ihrem Buch "Paradiesstraße" die Daubas als "schluchtenreichen Wald", auch als "Hohlweg zwischen Ragnit und Ober-Eißeln". Johannes Bobrowski beschreibt in seinem gleichnamigen Gedicht die Daubas so: "... der Schilfstrich am Strom - jenes Uferland Daubas ..." .

Wir wohnten Anfang der dreißiger Jahre auf dem Schloßplatz, unweit der geschichtsträchtigen Ordensburg. Unsere Wanderroute führte uns über den Markt, durch die Hindenburgstraße am "Deutschen Haus" vorbei, den Memelberg hinunter.Ruderhaus, Fähr- und Dampferanleger sowie das Zollhaus sahen wir im Hintergrund. Wir bogen nach rechts auf den befestigten, mit Bäumen bestandenen Weg ab, gingen am kleinen Hafen entlang und schenkten auch der sonst so anziehenden Badeanstalt kaum Beachtung. Parallel zur Memel mit ihren Spickdämmen, auf einem Trampelpfad durch Gras und Unkraut, erreichten wir unser erstes Ziel, den Holzplatz der "Kistenfabrik". Das Rohmaterial für die Sperrholzherstellung, Baumstämme in allen Größen, lagerte dort und wartete darauf, an Eisenketten zur weiteren Bearbeitung nach oben gezogen zu werden.



Auf dem Holzplatz, um 1930
(Bild: Sigrid Gregor)

Am Sonntag ruhte die Arbeit, so hatten wir den Abenteuerspielplatz für uns allein. Wir konnten uns nach Herzenslust austoben, auf den Bäumen balancieren, heruntererspringen, Verstecken spielen, uns necken, indem wir uns mit Kletten bombardierten, und was uns sonst noch so einfiel. Von oben schaute die Gudesche Schneidemühle mit ihren großen Flügeln auf uns herunter. Diese Mühle und das Tusseiner Schloß, eng am Steilufer stehend, gaben die markanten Punkte für die Silhouette der Daubas ab.

Nach kurzer Rast und nachdem Kleider, Schuhe und Frisur in Ordnung gebracht waren, ging es in sanften Steigungen in den Wald hinein. Bald erreichten wir ein größeres Tal, dessen Hänge nicht so steil abfielen.

Man konnte es auch von der Windheimstraße in Höhe des Wasserturms erreichen, und die Kinder aus diesem Stadtteil nutzten es im Winter gern zum Rodeln und Skilaufen. Unser Endziel war der Schloßberg, zu dem der ausgebaute Wanderweg, der auch bis zum Dorf Tusseinen ging, in kleinen Serpentinen hinaufführte. Unter den schattigen Bäumen konnte man ohne allzu große Anstrengung die Kletterpartie bewältigen, zumal vor Sandhöhlen und Baumwurzeln immer mal eine Pause ein-gelegt wurde. War das große, flache Viereck erreicht, ergab sich ein weiter Blick über die Landschaft. Wir sahen den breiten Memelbogen, die fruchtbaren Wiesen (Lankas-Wiesen) auf der Schreitlaugker Seite, die Zellstoff-Fabrik direkt am Fluß. Uns Kinder interessierte vor allem der Schiffsverkehr. Boydaks (Lastkähne), schwer mit Holz beladen, schwammen stromab zu den Fabriken nach Tilsit und Ragnit. Dampfer legten am Ragniter Fährsteg an oder kamen mit Passagieren von Ober-Eißeln zurück. Wir stritten uns, wie die Schiffe heißen mochten, war es "Herold" oder "Ruß". Sportboote vom sehr aktiven Ragniter Ruderclub trainierten auf dem Wasser. Und die Angler mit ihren am Ufer vertauten Kähnen rundeten das Bild ab.


Die Daubas bei Ragnit (Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit)

Endlich hatten wir unsere Neugier gestillt und setzten uns zu den Erwachsenen auf die Bänke. Die Sagen und Geschichten vom Schloßberg kannten wir schon. Jetzt interessierten uns mehr die Einzelheiten.Ob es den Schloßbrunnen mit dem riesigen Hecht, der den Belagerten das Leben gerettet und die Feinde zum Abzug gezwungen hatte, wirklich gegeben hat? Oder, daß unter uns vielleicht noch Höhlen und Gänge zur Memel sein könnten mit verborgenen Schätzen? Kein Schatzsucher hatte bisher Erfolg gehabt, einige mußten ihre Habgier mit dem Leben bezahlen. Das war uns nun doch zu gruslig, und wir drängten zum Aufbruch. Zur Belohnung gab es kleine Leckereien, wie Stunden- und Minutenlutscher oder Reckpuppen und Lakritz - alles Pfennigartikel, aber von uns Kindern heiß begehrt.

Der Heimweg erfolgte ohne Abstieg, denn der Schloßberg lag auf gleicher Höhe wie die Stadt. Unter den Frühjahrshochwassern hatte Ragnit nicht zu leiden. Nur die Zellstoff-Fabrik und die unter dem Steilufer liegenden Häuser waren fast immer betroffen. Bald hatten wir die Windheim- und die Hindenburgstraße erreicht, und der Ausgangspunkt unserer Wanderung lag vor Augen. Ermüdet von frischer Luft und langem Weg trafen wir endlich zu Hause ein. Doch bald hatten wir Kinder uns erholt und betrachteten unsere kleinen Schätze, die unterwegs aufgelesen worden waren. Bunte Steinchen, Muscheln, welke Pflanzen und im Herbst dann Eicheln und Kastanien: alles wurde sorgsam aufbewahrt, bis der nächste Ausflug neuen Nachschub brachte. Noch nach fast siebzig Jahren bleibt Daubas für mich ein "Zauberwort der Kindheit".


Autor: © 2000 von Sigrid Gregor
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 67/2000

Erinnerungen... - Heimatberichte


© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am
01.05.2001
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 10. Dezember 2010