Heimaterinnerungen
Kinderjahre in Ostpreußen
von Georg Friedrich

1928 als erstes Kind meiner Eltern in Brandwethen (ab 1938 Branden), Gemeinde Naujeningken (ab 1938 Neusiedel), Kirchspiel Budwethen (ab 1938 Altenkirch) geboren, beginnen meine Erinnerungen 1933/34. Meine Eltern hatten einen 500 Morgen großen Bauernhof, zu dem 1 Melkermeister mit 3 "Unterschweizern", 1 Vorarbeiter, 4 Deputatarbeiterfamilien (die Männer wurden als "Gespannführer" bezeichnet), 2 junge ledige Landarbeiter (genannt Kutscher), 2 Dienstmädchen und zeitweise noch ein sog. Pflichtjahrmädchen gehörten. Mit Kindern waren das rund 50 Personen, die damals ein solcher Hof ernährte. Heute wird so ein Betrieb vom Bauern und seiner Frau sowie noch höchstens einem landwirtschaftlichen Arbeiter und allenfalls noch ein paar Saisonkräften bewirtschaftet. Im Hause, mit Verwandten, Freunden und Nachbarn wurde ausschließlich hochdeutsch gesprochen, allein mein Vater redete mit den Arbeitern teilweise platt. Die hochdeutsche Sprache der Ostpreußen aber war außerordentlich bildhaft, wie ich nachfolgend erläutern werde. Unser langjähriges "Kinder- und Stubenmädchen", den Ausdruck "Magd" wie ebenso die Bezeichnung "Knecht" gab es bei uns in Ostpreußen nicht, hieß Martha Letzas und stammte aus Raudszen (ab 1938 Rautengrund) bei Lenkeningken (ab 1938 Gr. Lenkenau) im Kreis Tilsit-Ragnit. Ihr Bruder in Raudszen hieß übrigens "Letzux", und das, weil ihn die Hebamme bei seiner Geburt irrtümlich unter diesem Namen beim Standesamt angemeldet hatte.

Martha sprach die Sprache des sog. kleinen Mannes aber das in allerbestem, bildhaftem Ostpreußisch. Wenn sie von einem Mann oder einem Jungen sprach, dann nannte sie ihn je nach Charakter und Benehmen Luntrus, Lorbas, Rachull, Paslack, Spacheister, Dammlack, Glumskopp, Posauk, Spacheister, Kumstkopp, Gnos, Spillkucks, Duschack, Lachodder, Lauks, Schubiak, Heideldeidel oder Schafszagel. Wenn sie mit mir Karten spielte, forderte sie mich auf "sitz ruhig auf deinem Dups", wenn ich gewann, meinte sie, du brauchst dich aber nicht gleich "gebummfidelt" zu fühlen. Den Frisör nannte sie "Barbutz", unsern Holzschuppen "Kaburr", und der Rucksack hieß bei ihr "Pacheidel". Wenn sie etwas nicht wußte, rief sie "das weiß der Deikert" und bei großem Erstaunen das typisch ostpreußische "Erbarmung", und wenn sie mir einen Kuß gab, war das ein "Butsch." Die kleinen Fohlen im Frühjahr bezeichnete sie als "Hietscherchen" , und als sie einmal ein junger Kutscher zu bezirzen versuchte, nannte sie ihn "dreidammlich".

Martha begleitete mich zusammen mit meiner Mutter auch nach Ostern 1935 an meinem ersten Schultag nach Budwethen. Mit mir zusammen wurden Christel und Helga Bajorat, Günter Goldberg, Polte Awischuß, Horst und Günter Krießat, Edith Meyhöfer, Hannelore Stepputtis, Gerhild Wertmann, Ulla Schulz, zwei Brüder Mickeleit, Arno Zellin und Lotti Hoffmann eingeschult. Mehrere von ihnen leben noch, sind seit 1944/45 freilich in alle Winde verstreut, beziehen aber "Land an der Memel" , weshalb ich die Gelegenheit nutze, sie alle herzlich zu grüßen.

Die zuletzt Genannte übrigens, Lotti Hoffmann, jetzt aus Rostock, ermunterte mich kürzlich telefonisch, über den Schulweg mit meinem Ponny, das zuvor ihres gewesen war, in L.a.d.M. zu berichten, was ich hiermit denn auch gleich tue:

Weil zu unserm im Felde liegenden Hof dazumal noch keine Straße führte (sie wurde erst 1937 gebaut), erhielt ich zur Bewältigung des Schulweges zu Ostern 1935 ein Pony von meinen Eltern geschenkt. Das hieß Hans, war über 20 Jahre alt und war bis dahin als sog. Rollpferd beim Kolonialwarenhändler Hoffmann, Lottis Vater, tätig gewesen, womit der immer seine Ware per Pferdewagen vom Bahnhof Naujeningken "abrollte." Gekauft von Hoffmanns, hielt es am Ostersonntag bei uns Einzug, und ich machte meine ersten Reitversuche. Leider war Hans mitunter sehr bockig, warf mich schon nach wenigen Minuten ab und lief schnurstracks in seinen alten Stall nach Budwethen, von wo er natürlich sofort zurückgeholt wurde. Aber dann ritt ich täglich mit ihm zur Schule und stellte ihn während der Schulstunden vereinbarungsgemäß in Hoffmanns Stall ab. Leider war ich ihm in den ersten Monaten noch nicht recht gewachsen. Wenn er mitunter keine Lust hatte, bockte er schon auf dem Hinweg, warf mich ab und störrisch wie er war, ließ er mich nicht wieder aufsitzen. Dann blieb mir nichts anderes übrig als die Zügel kurz zusammenzubinden, ihm mit dem Reitstock erbost ein paar überzuziehen und den Schulweg zu Fuß fortzusetzen, während er dann fröhlich nach Hause trabte. Aber bald wurde ich mit ihm fertig, oftmals sogar mußte er außer mir auch noch die gleichaltrige Anita Hirschbeck, die Tochter unseres Melkermeisters, mittragen. Die saß dann hinter mir und klammerte sich an mir fest, was ein schönes Bild gewesen sein muß, denn erst vor etlichen Jahren erzählte mir Rudolf Urmoneit aus Wingschnienen (ab 1938 Ostmoor) bei einem Heimattreffen, daß ihn dieser Anblick immer sehr belustigt hätte. Wenn ich in Budwethen an Goettners Insthäusern vorbeiritt, geschah es mitunter, daß übermütige Kinder Hans "schicherten", so daß ich Mühe hatte, ihn nicht durchgehen zu lassen. Manchmal aber schaffte ich das nicht und fiel runter, hielt ihn dann aber immer am Zügel fest, und konnte wieder aufsitzen. Mit der Zeit aber liebten wir uns gegenseitig sehr, und als er, nachdem er ein paar Jahre lang das Gnadenbrot erhalten hatte, mit 28 oder 29 Jahren an Altersschwäche starb, trauerte ich sehr um ihn. Vielleicht interessiert es noch den einen oder anderen Leser, was aus Martha Letzas aus Raudszen geworden ist. Sie lebte und arbeitete bis 1953 bei meinen Eltern in Mecklenburg, flüchtete mit der Familie zusammen aus der DDR in den Westen, um da aber zu Verwandten zu ziehen. Nach mehreren, teilweise längeren Besuchen bei meinen Eltern auf deren Hof in der Lüneburger Heide aber verlor sich ihre Spur in den sechziger oder siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ich erinnere mich ihrer voller Sympathie.

Autor : © 2011 Georg Friedrich, Drochtersen
Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 88/2011 Seite 79

Heimaterinnerungen



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 29.05.2011
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letzte Änderung dieser Seite : Sonntag, 29. Mai 2011