Heimaterinnerungen
Erinnerung an unser Heimatdorf Birkenhain
Von Hilda Höffmann

Der letzte Bürgermeister war Fritz Kühn, Kassenrendant Albert Stepponat. Der letzte Hauptlehrer an der zweiklassigen Volksschule Erich Mikereit war auch in Birkenhain geboren. Altlehrer Teschner war der Nachfolger. Schulhelfer wurden gesucht, ich war Schulhelferin in Birkenhain! Die Nachbargemeinde Keppen hatte keine Schule, die Kinder kamen zu uns!

Birkenhain hatte eine jüdische Gemeinde. Ein kleines Holzhaus war die Synagoge. Moritz und Aron Neumark hatten ein großes Geschäft: Textilwaren, Lebensmittel, Gastwirtschaft, Baustoffe, Dünger, Kohlenhandel. Dieses Geschäft war weit über das Kirchspiel das einzige!

Als Hitler die Judenverfolgung begann, verkaufte Moritz das Geschäft rechtzeitig an Willi Welz! Mit Frau und Söhnen Heinz, Klaus und Tochter ? wanderte er aus nach Amerika. Später wurden die Juden enteignet und kamen ins Arbeitslager, sagte man! Die armen Juden konnten sich nicht in Sicherheit bringen. Die Synagoge brannte ab! Versucht wurde, den Juden mit Lebensmitteln zu helfen, man hatte doch gut zusammengelebt.. .

Birkenhain hatte viele Handwerksbetriebe. Werner Schwoch war der erste Zahnarzt. Sogar eine Feuerwehr mit Spritze war da! Die Bauern machten mit Fohlen gutes Geld, die Trakehner wurden an Gutsbesitzer von Sperber verkauft! Die Deckstation war in Lindengarten. Unser Onkel Otto Stepponat hatte einen Privatfriedhof. Sohn Max verunglückte bei der Heimfahrt vom Arbeitsdienst. Sein Gedenkstein was eine Besonderheit! Der Stein liegt noch da auf dem Friedhof. Unser Dorffriedhof ist mit Stallungen bebaut. Ein junger Verwandter, dem zuliebe wir die 3. Heimatreise machten, hat Max einen kleinen Strauß auf den Stein gelegtIn

Sandkirchen waren unsere Kirche, Standesamt und Wochenmarkt, in Lindengarten unser Postamt. In Altenkirch waren die Sparkasse und die Apotheke. Neusiedel war unsere Bahnstation, wichtig die Raiffeisengenossenschaft für die Bauern. Haselberg hatte zwei große Sägewerke und einen Markt. So wurden die Nachbarorte gebraucht.

Beim 1. Heimatbesuch habe ich in meiner Kirche durchs Schlüsselloch geguckt. 1998 beim 3. Besuch konnten wir die Kirche besichtigen.

Mein Mann, ein guter Hobbyfotograf und Filmer, hat gute Bilder vom Inneren der Kirche gemacht. Die Fotos werden gezeigt. Mein Vater, meine Schwester Lieschen und ich haben die Flucht in Dänemark beendet. Zuerst hat uns die Wehrmacht versorgt. Nach Kriegsende kamen wir in große Lager. Unser Lager in Aalborg war ein Seefliegerhorst.

Kleine Baracken waren da für 8.000 Menschen! Als wir Post bekommen konnten und schreiben durften, haben wir unsere Flucht aufgeschrieben!


Mein Bruder war in England in Gefangenschaft, konnte nicht entlassen werden, er hatte keine Heimat! Er hatte den ersten langen Brief von uns mit der Fluchtbeschreibung zu uns nach Deutschland gebracht.

Ich habe diesen Brief und werde den zum nächsten "Land an der Memel" einsenden.

Unser Klassentreffen, zuerst bei Gerd Dowideit in Hannover, war ein großer Erfolg! Ernie Riedels 80. Geburtstag war mehr als ein Klassentreffen, man traf viele Birkenhainer.

Wir Zeitzeugen sterben aus, es gibt keine Nachfolger! Es wünschen sich einige noch ein Klassentreffen auch im kleinen Kreis.

Unsere alten Birkenhainer können ein Treffen nicht machen. Ich bin die letzte von meiner Sippe.

Autor : © Hilda Höffmann (geb. Stepponat), 49082 Osnabrück
Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 78/2011 Seite 92

Heimaterinnerungen



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 29.05.2011
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letzte Änderung dieser Seite : Sonntag, 29. Mai 2011