Kirchspiel Tilsit-Land
Der Friedhof BERNEITEN
von Hannemarie Schacht

1944

Im Herbst, an einem der letzten Tage vor der Flucht aus Berneiten nach dem Westen, besuchten meine Mutter und ich noch einmal unseren Familienfriedhof, auf dem mein Vater Georg Gusovius und seine Eltern Margarete geb. Reimer und Otto Gusovius begraben waren. Mutters Gedanken gingen damals sorgenvoll in die Zukunft. Ich war mit meinen 19 Jahren noch nicht reif genug, die dunkle Ungewißheit der Zukunft zu erkennen. Dann verließen wir als Flüchtlinge unsere Heimat Berneiten. - Krieg, Haß und Habgier zerstörten in der Folge unsere Heimat.

1989

Es war vierundvierzig Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Die Sehnsucht, die Welt meiner Kindheit und Jugend wiederzusehen, war groß. Wir, mein Walter und ich, wagten es. Von Memel aus wagten wir, mit einem litauischen Fahrer und Auto (Lada) in das damals noch verbotene Land zu fahren. In Berneiten stand nur noch der Kuhstall. Die Russen hatten fünf Baracken dazugebaut und das ganze als Militärlager mit doppeltem Stacheldrahtzaun und Wachtürmen ausgebaut. Angesichts dieser militärischen Bedrohung - auf jedem Turm stand ein Soldat mit der Kalaschnikow im Anschlag und daneben einer mit Feldstecher -fanden wir nichts als Gestrüpp in dem Wäldchen, in dem der Friedhof gelegen war. Wir hatten zu viel Angst, in der Heimat, die nun Fremden gehörte, unter Aufsicht des Militärs intensiver zu suchen.

1992

Wieder waren wir in Berneiten, und wir kämpften uns erneut durch das Gestrüpp, um unsere Gräber zu suchen. Fast aussichtslos schien die Suche. Aber plötzlich stand ich vor 2 Torpfosten (Friedhofseingang), die mir die Richtung zeigten, in der ich die Gräber meines Vaters und meiner Großeltern suchen mußte. Wir fanden ausgeplünderte Gräber, Löcher, eine alte Grabumrandung und zwei Marmorstücke von den Sockeln der Grabkreuze meiner Großeltern Otto Gusovius und Margarete Gusovius geb. Reimer (Schilleningken).

1993

Im Jahr darauf besuchten meine Schwester Lieselotte und Sohn Kristian Berneiten und konnten mit Valery Nasarenko, einem russischen Feldwebel, sprechen. Mit Hilfe von Djuscha als Dolmetscherin und etwas Geld erklärte sich Valery gern bereit, aus den wüsten Löchern wieder einen Friedhof zu machen, unseren Familienfriedhof. Eine zweite Grabumrandung, zwei schlichte Holzkreuze und ein Zaun darum herum machten für uns eine Gedenkstätte.

1994

Irgendwann bekamen wir ein Bild von der neuen Grabstätte. Im Herbst brachten wir mit unserem Enkel Helge 3 Teakholzschilder zu den Gräbern, auf denen Walter die Daten der Großeltern und meines Vaters eingebrannt hatte. Mit Helge zusammen hat Walter diese Schilder an den Holzkreuzen angeschraubt. Die Jahre vergingen. Jedes Jahr, wenn wir nach Tilsit und Berneiten fuhren, besuchten wir den Friedhof, den Alexander Kasljul, der mit seiner Familie in Rinduppen wohnte, pflegte und sauberhielt. Ein paar Kunstblumen hatte er daraufgesetzt, und wir pflanzten Leberblümchen und Anemonen dazu. Jedes Jahr nahmen wir eines unserer 13 Enkelkinder mit, und ich konnte ihnen zeigen, wo meine Heimat war.

2000

Mit Esther Kroll, Ankes und Arnolds Tochter, waren wir Ostern in Berneiten. Alexander, seine Frau Galina und Tochter Nadja feierten mit uns das russische Gründonnerstagsmahl an den Gräbern. Er hatte ein Tischchen und Bänkchen dafür in der Umzäunung gebaut.

2001

Im Jahr darauf waren wir mit Malte in Ostpreußen. Da fanden wir einen ungepflegten, von Unkraut überwucherten Friedhof vor. Die Kreuze standen schief, weil der im Boden steckende Teil verrottet war. Die Herbstsonne beschien eine sterbende Stätte der Erinnerung. Was war geschehen? Galinas große Tochter hatte mit einer Schaufel ihren Stiefvater Alexander erschlagen. Für 9 Jahre sitzt sie nun im Gefängnis in Königsberg. Auf dem Hof leben nur noch Galina, Nadja (Tochter von Galina und Alexander, 14 Jahre alt) und die kleine Tochter der Mörderin. Die Familie Kasljuk gab es für uns nicht mehr. Ich versuche, Galina eine Spende zu geben, um ihr zu helfen. Sie lehnt brüsk und unfreundlich ab. Schließlich gebe ich das Geld Nadja und hoffe, daß es sinnvoll ausgegeben wird. Bestürzt und traurig ziehen wir vondannen. Alexander tot. Immer hatte ich zu ihm gehalten, nie zugelassen, daß man sagt, er "saufe". Ein ganzes Jahr hatte er einen 50,- DM-Schein mit sich herumgetragen. Er zeigte ihn stolz, als wir ihn im folgenden Jahr trafen. Wer "säuft", kann Geld nicht so lange unangebrochen mit sich herumtragen. Er war ein tier- und besonders pferdeliebender ukrainischer Bauer, der sich redlich Mühe gab, im Rahmen seiner Möglichkeiten zu überleben. Walter als Beobachter im Hintergrund äußerte den Verdacht, daß Galina an dem Mord wohl nicht ganz unschuldig war.

In Pamletten lebt Edmundas mit seiner Familie, ein Litauer, der mit Alexander befreundet war. Für ihn ist Galina eine Verbrecherin, "ein böses Weib", wie er sich ausdrückte.

2002

Im Jahr darauf sind wir mit Wiebke und Anja Meier in Ostpreußen. Der Friedhof ist nun noch mehr verfallen. Unkraut wuchert über den Gräbern. Die Kreuze stehen schief und krumm und die Schilder mit den Namen und den Daten sind weg. Erster Gedanke: "Wer hat die geklaut?" Wieder ziehen wir traurig vondannen und gehen an unsere Arbeit in Tilsit, um Briefe aus Deutschland an unsere Paten auszutragen.

Swetlana Scharowatowa empfängt uns sehr überrascht: "Was, Ihr seid schon da? Morgen ist doch erst Pfingsten. Wart Ihr schon in Berneiten?" "Ja, es sah traurig aus." Sie bittet uns, am Sonntag vor unserer Abfahrt wieder nach Berneiten zu fahren. Wir tun, wie sie sagte. Wir finden Fahrspuren im hohen Gras und Kraut am Waldrand, die zum Friedhof führen, und wir sind beim Anblick des Friedhofs überwältigt: drei neue Grabumrandungen, drei Marmorkreuze mit Sockeln, auf denen die vollständigen Daten von den Großeltern Otto und Margarete Gusovius und von meinem Vater Georg Gusovius in Goldschrift stehen. Und die ganze Grabstelle ist unkrautfrei. Es ist kaum zu glauben. Hat Swetlana das wirklich gemacht? Wasili klärt uns auf. Swetlana hat alles organisiert. Und wir haben ihr gern das Geld gegeben (350,- Euro), das dafür zu bezahlen war. Sie wollte die Gräber auch weiter für uns pflegen, aber das Schicksal wollte es anders. Schon 2 Monate später stirbt sie in der Kaliningrader Klinik an Krebs. Ihre Kinder werden von einer Schwester betreut und geraten leider aus unserem Blickfeld.


Berneiten 2003 : Friedhof - Grabstätten Familie Gusovius
2003

In diesem Jahr fuhren wir mit Anke, Arnold und Urs gen Osten. Wasili hatte uns versprochen, daß in Zukunft der Friedhof immer schön in Ordnung sein soll. Er werde dafür sorgen, jemanden finden oder es selber machen. Und wirklich, es war ganz fabelhaft, unkrautfrei, drum herum alles aufgeräumt, der Weg vom Waldrand frisch gemäht, Blumen gepflanzt und rund herum weißer Sand gestreut. Beeindruckt standen wir vor den fünf Gräbern. Und wie von selbst beteten wir dankbar gemeinsam das Vaterunser.

Autor : © 2003 Hannemarie Schacht (Text und Bild)
Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 73/2003

Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 25.01.2004

www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 10. Dezember 2010