Blick über den Memelstrom:
Die Familie Lepa aus Bardehnen am Fuße des Rombinus
von Gabriele Bastemeyer

Um den Rombinus, den heiligen Berg der Prußen, der sich am Ufer der Memel erhebt, ranken sich viele alte Sagen. Auch in der Familie meiner Vorfahren Lepa spielt er eine Rolle, wenn auch nur in mündlicher Überlieferung aus grauer dunkler Vorzeit. Die Kette dieses Familienzweiges, beginnend mit meinem Urgroßvater, endet für mich mit seinem Großvater Jons Liepa, der um 1732 geboren wurde und am 7. Oktober 1798 in der Kirche von Piktupönen die 34jährige Witwe Urte Grigalate geb. Norckene heiratete. Die vergrabenen Kirchenbücher von Piktupönen sind wohl inzwischen für alle Zeiten verloren.

Ais ich dann 1995 von Frau Elisabeth Lepa (1916-2003) aus Hamburg erfuhr, daß sie aus Bardehnen stammt und daß Bardehnen am Fuße des Rombinus liegt, war mein Interesse natürlich sofort geweckt. Unsere Korrespondenz zog sich viele Jahre hin und wurde 2003 neu belebt, als sie mir berichtete, daß sie nun endlich, mit über 85 Jahren, ein Foto des elterlichen Hauses in Bardehnen erhalten habe. Sie war in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen und hatte deshalb nur wenige Familiendokumente retten können. Leider starb Frau Lepa am 5.April 2003 in Hamburg, kurz vor meinem ersten, schon verabredeten Besuch bei ihr. Und so sehe ich es auch ein wenig als Vermächtnis an, von diesem Hof zu berichten, zumal sie die letzte ihrer Familie war. Verwandte lebten nur noch in Tuttlingen, Recklinghausen und Wuppertal.

Der alte Lepa-Hof lag an der Straßenkreuzung der Wege, die nach Bittehnen, zum Rombinus und nach Polompen führten. "Die Straße kam den Berg hoch", erzählte Frau Lepa. Das Haus war aus Holz gebaut und lag schon etwas am Berg. Dort lebten Annussis und Minna Maria Lepa mit ihren Kindern Emil (21. 8. 1903 - , langjähriger Vorsitzender der Memellandgruppe Hamburg), Otto, Maria (geb. am 1905, gest. am 7. 11. 1967) Fritz und Elisabeth. Die Memel lag nur etwa einen Kilometer entfernt. Wenn sie geradeaus aus dem Tor bogen, kamen sie direkt zum Rombinus.

Sie sagte, der Hof sei ursprünglich um 1600 gebaut worden. Als der Urgroßvater spät aus dem 30jährigen Krieg zurückkam, da waren Haus und Hof schon an die Tochter übergeben worden. Damals baute er das "neue Haus" und alles wurde geteilt. Zeitlich gibt es da sicher ein paar Ungereimtheiten, aber die Familie Lepa soll mindestens seit 1664 in Bardehnen nachgewiesen sein.


Annussis Lepa aus Bardehnen (1874-1944)

Frau Lepa wußte aus der Vergangenheit der Familie Lepa zu berichten, daß es 1736 in Bardehnen einen Bauern Killus Löpa gab. Er war der Sohn vom Bruder des 1684 geborenen Killus Lepa. Die Generaltabelle von 1736, die sogenannte Kolonistentabelle, die im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitzerhalten ist, verzeichnet in Bardehnen einen Killus Löpa, der eine Hufe Land besitzt und als guter Landwirt bezeichnet wird.


Der alte Lepa-Hof in Bardehnen vor dem 2.Weltkrieg

Die ungewöhnliche Lage des Wohnhauses, das sich auf dem Eckgrundstück hinten im Garten befand, weist wohl auf Änderungen des Straßenverlaufes hin. Rechts stand der Stall und nach Bittehnen hin die Scheune. Stall und Scheune hatte Elisabeth Lepas Vater neu gebaut. Wo früher Garten war, wurde dann Hof. Der Rest wurde zum Garten. Die Scheune der Familie Lepa stand genau am Weg. Hinter dem Stall war ein kleines Birkenwäldchen. Dahinter ging es nach Polompen. Das Haus lag deshalb quer im Grundstück, weil die Lage eben früher anders war und man es dann nicht mehr änderte. Der Hof bildete kein Viereck, eher ein Dreieck.

Das alte und das neue Haus waren aneinandergebaut und gehörten zuletzt verschiedenen Familien. Der Nachbar hatte 1938 einen neuen Stall gebaut. Als Frau Lepa das letzte Mal die Heimat besucht hatte, stand dieser Stall des Nachbarhauses noch. Er war aber verfault, zur Schweinekolchose geworden; hineinzugehen - das war wegen der Einsturzgefahr schon zu gefährlich.

Der Großvater von Elisabeth Lepa, Jurgis Lepa (geb.14. 4. 1817 in Bardehnen, getauft 16. 4. 1817 in Piktupönen, gestorben 8. 3. 1908 Bardehnen), war viermal verheiratet. Die Großmutter Märe Jagomast war im März 1948 in Trakeningken geboren und am 20. 6. 1929 in Bardehnen gestorben. Seine Ehefrauen waren alle an Auszehrung oder bei der Geburt eines Kindes gestorben. Zwei Brüder von Frau Lepas Vater Annussis Lepa (geb. 11. 6. 1874 in Bardehnen, gestorben 10. 3. 1944 in Bardehnen, verheiratet mit Minna Maria Krämer, die am 9. 4. 1881 in Kerkutwethen geboren und am 23. 11. 1948 in Lengwethen gestorben war) waren Schlächter und Tischler geworden. Beide fielen im Weltkrieg, ohne Nachkommen zu hinterlassen. Annussis Lepa war gerne Soldat, erinnerte sich seine Tochter Elisabeth. Es scheint mir wegen der verlorenen Kirchenbücher von Piktupönen wichtig, diese wenigen erhaltenen Familiendaten festzuhalten.

Als Frau Lepa drei oder vier Jahre alt war, hat ihr Vater etwa 5 Meter an das Wohnhaus angebaut, ein Zimmer für die Jungen und eins für die Mädchen. Am anderen Ende des Hauses war das Altenteil für die Oma: Zimmer, Wohnraum und Kammer. Die Eltern hatten in Bardehnen einen Halb-Bemhardiner. Er paßte während des Anbaus auf die kleine Elisabeth auf. Er holte sie immer wieder auf die Decke, wenn sie wegkrabbeln wollte, weil der Vater mit Sand vorbeikam.

Beim letzten Besuch in Bardehnen, um 1991, war ihr Elternhaus abgebrochen, die Steine wohl zum Aufbau der Kolchose verwendet worden. Bis 1989 hatte das Haus überlebt. Im Wohnhaus hatten viele Menschen gelebt. Ein Ende des Lepa-Hauses wurde dann abgebrochen und vom Nachbarn abgefahren. Er wurde zwar bestraft, aber auf diese Weise fiel der alte Hof langsam zusammen. "Vom Hof steht nichts als hohes Unkraut", schrieb sie mir am 1.1.1995. Bei ihrem letzten Besuch standen sonst nur noch zwei alte Birken. Wenn man von ihrem Elternhaus zum Rombinus hochfahren wollte, kam man links am Haus Jagomast(??) vorbei, das aus Ziegeln erbaut war und bei ihrem Besuch noch existierte. Dann kam gleich die Autostraße (??), die von russischen Gefangenen gebaut worden war.

Vom Haus aus geradeaus war früher Land mit Buschwerk. Es ging in Nadelwald über, vor allem Kiefern, einige Tannen. Jeder hatte dort ein Stück Wald gehabt, auch die Familie Lepa. Bei ihrem Besuch war es nur noch Gestrüpp. Die großen Bäume waren fort. Es war wild nachgewachsen. Brombeeren und Himbeeren. Das Gestrüpp war leider undurchdringlich für sie. Sie mußten deshalb von der anderen Seite aus zum Rombinus fahren, um den Aussichtspunkt zu besuchen. Zum Rombinus ging es geradeaus. Links führte der Waldweg nach Bittehnen. Dort war früher das Ausflugslokal, erzählte sie. Bei ihrem letzten Besuch war an der höchsten Stelle des Rombinus alles verfault. Ausguck und Treppe zur Memel hin waren an anderer Stelle neu gemacht worden, weil der frühere Ausguck zugewachsen war.

Als Kindern war ihnen früher immer Angst eingejagt worden, sich abends noch herumzutreiben. Die alten Sagen vom Rombinus waren in den Köpfen der Menschen noch sehr lebendig.

Frau Lepa erzählte, daß es in Tilsit viele Lepa gab. Eine von ihnen war übrigens meine eigene Urgroßmutter Maria Lepa geb. Schulz (1860-1946), die aus Birstonischken stammte. Bei Elisabeth Lepas letztem Besuch lebte in Bardehnen an Deutschen wohl nur noch eine Frau Petereit, etwa 90 Jahre alt.

Frau Lepas Erzählungen fügen sich in die Erinnerungen meiner Familie wunderbar ein, auch wenn ich zugeben muß, daß meine Phantasie dabei vielleicht mit mir durchgeht. Mein Urgroßvater Albert Hermann Lepa (1849-1937) hatte berichtet, seine Vorfahren seien heidnische Priester am sagenhaften Berge Rombinus an der Memel gewesen. Ich habe das immer ein wenig als hübsches Märchen angesehen, ebenso wie die Geschichte seiner drei Frauen, einer Deutschen (meiner Urgroßmutter Maria Lepa geb. Schulz), einer jungen Russin, die er angeblich über die russische Grenze entführte, während die Brüder hinterherschossen und einer adligen polnischen Apothekerstochter. Er hatte übrigens aus l. und S. Ehe 10 Kinder, nur Töchter. Ihnen allen lebte er vor, wie gesund Licht, Luft, Sonne und natürliche Heilmittel sind.

Ich glaube nicht, daß er die Lepa aus Bardehnen kannte. Er war nämlich 1849 außerhalb des Memellandes geboren, in Skardupönen Kirchspiel Jurgaitschen, später Kreis Tilsit-Ragnit. Als praktischer Arzt war er viel herumgekommen, hatte zunächst in Königsberg studiert, dann in Tilsit, Schlodien Kr. Pr. Holland und zuletzt Königsberg praktiziert. Sein Urgroßvater hieß noch Liepa, Jons Liepa, geboren um 1732. Und auch Frau Elisabeth Lepas Urgroßvater trug, etwa zwei Generationen später, den Namen Jons Liepa, geboren um 1780/90. Während mein ältester Lepa-Vorfahre in Stumbragirren lebte, war Frau Lepas Vorfahre in Bardehnen auf dem väterlichen Hof geblieben. Ich glaube heute an einen gemeinsamen Ursprung der Familie, kann ihn aber noch nicht nachweisen.

Heinrich, der Sohn meines Jons Liepa und mein Ur-Ur-Ur-Großvater, wurde 1797 in Stumbragirren, Kirchspiel Piktupönen, als Endrik Liepa geboren. Er wurde Lehrer in Laugallen und heiratete Barbara Hirsch aus Bittmeschken (Packamonen) Kirchspiel Coadjuthen, die Tochter des Kirchenvorstehers und Dorfrichters Johann Jacob Hirsch (er wurde 1764 in Coadjuthen geboren), der wiederum Sohn des Jacob Hirsch und der Catharina geb. Engel war. Erst vor wenigen Jahren fiel mir auf, daß sich die Beschäftigung mit Rechtswesen und Theologie vom 18. Jahrhundert bis in die neueste Zeit wie ein roter Faden durch die väterliche Familiengeschichte zieht.

Heinrichs Sohn Johann Albert Lepa (1825-1892), mein U r-U r-Großvater, war 38 Jahre lang königlich preußischer Lehrer in Pokraken (seit 1938 Weidenau) südlich der Memel. Er wurde kurz vor seinem Tod Präzentor der neugegründeten Kirche in Pokraken, an deren Entstehung er maßgeblich beteiligt war. Er unterrichtete noch in Deutsch und Litauisch. Er war an Überlieferungen zu Sitten und Gebräuchen interessiert und hat darüber auch schriftliche Aufzeichnungen im Archiv für Volkskunde in Marburg hinterlassen, u.a. hatte er von seinem Großvater von dem Brauch am Heiligen Abend in manchen Familien des Kirchspiels Piktupönen gehört, daß der Hausvater, hinter dem Tisch stehend, Erbsen zum anderen Ende des Raumes warf, um gesundes Vieh zu haben.

Ich denke schon, daß in den langen Winternächten vergangener Jahrhunderte, ohne Radio, Fernsehen oder Computer, die Erzähltradition gepflegt wurde und alte Familiengeschichten immer weitergegeben wurden, sicher auch manchmal Dichtung und Wahrheit ineinander übergingen. Der Familienhintergrund bestärkt mich darin, daß hier über Jahrhunderte Erinnerungen weitergereicht sein könnten.

Der Familienname Lepa leitet sich übrigens von liepa = Linde ab. Und die Linde war der heilige Baum der Prußen.

Autor: © 2006 Gabriele Bastemeyer (Text und Bilder)
Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2007 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz

Anmerkung: Das Dorf Bardehnen gehört zur Gemeinde Lompönen - Kirchspiel Piktupönen
Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 0898 und 0998 (Willkischken und Ragnit) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Orte nördlich der Memel



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am
01.12.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Donnerstag, 27. Januar 2011