Kirchspiel Königskirch
Die Volksschule Auerfließ-Schillkojen
von Walter Grubert

In dem Heimatbrief "Land an der Memel" Nr. 42 - Pfingsten 1988 -berichtete Frau Anna Kumpat über einen unvergessenen Ausflug der Volksschule Auerfließ (Schillkojen) nach Obereißeln.

Wer erinnert sich nicht gern an diesen Ausflug, der daran teilgenommen hat. War es doch für die meisten Kinder die erste große Reise und dazu noch eine Dampferfahrt auf der Memel. Tilsit war 20km entfernt, Obereißeln praktisch unbekannt. Und dann das Singen vor dem Reichssender Königsberg (Pr.). Natürlich wurden die Vorträge direkt, nach heutigem Sprachgebrauch live übertragen. Play back gab es noch nicht. Es war also für alle, ob jung oder alt, schon ein aufregendes Ereignis, vor allem für die Sängerinnen und Sänger. Für unsere Schule und ihren Lehrer, Herrn Hugo Seil, war es eine große Auszeichnung, aus einer Vielzahl von Volksschulen für die Rundfunkübertragung ausgewählt worden zu sein. Gewiß hat die musikalische Begabung unseres Lehrers dazu beigetragen. Wer war die Volksschule Auerfließ-Schillkojen?

Schillkojen, etwa 20km südlich von Tilsit an der Reichsstraße 138 gelegen, war ein unscheinbares Dorf mit kleinbäuerlichem Charakter. Es erhielt erst im Jahr 1910 eine einklassige Volksschule. Sie war somit die jüngste Schule im näheren Umkreis. Erster Lehrer war Herr Portukat. Zum Schulbereich gehörte auch die Gemeinde Großwingen (Groß Wingsnupönen). Bis 1910 besuchten die Kinder von Schillkojen die Schule in Papuschienen (Paschen), die Kinder von Groß Wingsnupönen die Schulen in Skardupönen (Scharden) und Groß Ischdaggen (Großroden). Der Schulweg war jetzt für alle Kinder erheblich kürzer geworden.

Die neu gegründete Schule konnte zunächst kein eigenes Schulgebäude beziehen. Der Landwirt und Molkereibesitzer Gottlieb Barkowsky stellte deshalb in seinem Wohnhaus einen großen Raum zur Verfügung, in dem alle Klassen unterrichtet wurden. Wer kann sich heute vorstellen, daß ein Lehrer alle Schüler aller acht Volksschulklassen gleichzeitig sinnvoll beschäftigen und mit Erfolg unterrichten konnte. Wer erinnert sich noch an die langen Schulbänke, wer an den Anger mit dem Dorfteich, wer an den Abhang von der Reichsstraße 138, auf dem man im Winter so schön rodeln oder auf dem Teich schorren konnte.

Am 1.1.1923 übernahm Herr Hugo Seil die Schule. Mit damals 25 Jahren war es gewiß keine leichte Aufgabe für einen jungen Lehrer, der aus dem Gebiet des ehemaligen Korridors nach Ostpreußen verschlagen worden war. Herr Seil hat sich jedoch sofort Respekt und Achtung bei seinen Schülern verschafft. Wenn auch hin und wieder der Rohrstock etwas nachhelfen mußte, so war es vor allem die pädagogische Begabung, die Herrn Seil als einen hervorragenden Lehrer auszeichnete. Er war kein Pauker im altverstandenen Sinne, sondern ein Lehrer aus innerster Überzeugung. Alle seine Schülerinnen und Schüler denken deshalb noch gerne voll Dankbarkeit an ihren Lehrer, der heute in Rheinberg, Ortsteil Orsoy, in der Nähe seines Söhnen Lothar mit Familie wohnt.


Schule in Auerfließ (Schillkojen) um 1938

Die erstklassige Volksschulzeit ging im Jahr 1930 zu Ende. Inzwischen war eine eigene Schule am Wald zwischen Auerfließ und Großwingen gebaut worden. Das Gebäude umfaßte 2 Schulklassen und 2 Lehrerwohnungen. Als zweiter Lehrer kam Herr Paul Bogdan zu uns. Er unterrichtete die Klassen 1 bis 4, Herr Seil die Klassen 5 bis 8. Herr Bogdan wurde 1938 zur Volksschule in Scharden versetzt. Sein Nachfolger war Herr Adolf Schmidt. Beide Lehrer waren also für jeweils 4 Volksschulklassen verantwortlich. Die schwierigste Aufgabe oblag wohl dem Lehrer der unteren Klassen. Er mußte weiterhin vier Klassen mit unterschiedlichen Aufgaben gleichzeitig beschäftigen und unterrichten. Herr Seil faßte dagegen seine vier Schuljahre zu zwei Klassen zusammen, so daß er das schulische Pensum konzentrieren konnte. Das hatte den Vorteil, daß der Unterrichtsstoff wiederholt und er dadurch um so besser aufgenommen werden konnte.

In unserer Schule wurde etwa ab 1934 monatlich einmal Gottesdienst gehalten, zu dem eigens Herr Pastor Hochleitner von Königskirch (Jurgaitschen) herkam. Den Gottesdienst hat Herr Seil musikalisch auf dem Harmonium begleitet. Auch hier kam seine musische Begabung in besonderem Maße zum Ausdruck. Der Unterricht konnte in unserer Schule bis Herbst 1944 aufrecht erhalten werden. Nach der Räumung der Gemeinden Auerfließ und Großwingen am 1.11.1944 wurde Herr Seil zum Volkssturm eingezogen. Er hat seine Schule, an der er 22 Jahre unterrichtete, auf dem Rückzug 1945 noch einmal gesehen. Sie diente zuletzt als Feldlazarett.

Inzwischen sind 45 Jahre vergangen. Die gute Erinnerung an unsere Volksschule ist aber geblieben. Das ist besonders bei den letzten Heimattreffen in Kiel, Gütersloh, Düsseldorf und Hannover deutlich geworden, wo sich eine große Anzahl ehemaliger Schülerinnen und Schüler zum Teil erstmals wiedergesehen haben. Es waren richtige Familientreffen, bei denen sich auch die angetrauten Ehegatten sehr wohl gefühlt haben. Es gab immer wieder viel zu erzählen, so daß die Zeit der Heimreise viel zu schnell herankam. In Hannover war es unsere Schule, die als letzte den Saal verließen. Wir wollen hoffen und wünschen, daß dieser Zusammenhalt noch sehr lange bestehen bleibt.

Autor/Bild : Walter Grubert, früher Großwingen © 1989
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 45/1989

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verfaßt am 01.08.2005

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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 29. November 2010