Kirchspiel Sandkirchen:
Gemeinde A s c h e n (Aszen)
Eine Dorfchronik von Walter Broszeit

Erster Hinweis über Aschen geht aus der Amtsrechnung des Amtes Ragnit aus dem Jahre 1654 hervor, worin es heißt, dass in Aschey 6 Hufen bestehen, davon 4 zu verzinsen oder Brodt oder Scharwerk zu leisten sind.

Bei einer Vermessung 1775 ist festgestellt worden, dass es inzwischen 9 Hufen und 24 Morgen sind, wovon 4 Hufen und 22 Morgen Wald, Busch und Bruch sind. Dazu ist noch vermerkt, dass nur Coßate (Kleinbauern) ausgewiesen sind. Der Ort grenzt am Fluß und sei geschlossen bebaut. Nach J.F. Goldbeck ist Aszen, auch Rallwischen genannt, 1785 königliches Dorf im Amt Ragnit mit 7 Feuerstellen und gehört zum Kirchspiel Altenkirch (Budwethen) - Ab 1900 gehörte Aschen (Aszen) zum Kirchspiel Sandkirchen -. 1818 werden schon 9 Feuerstellen mit insgesamt 54 Seelen gezählt. Bei der Vermessung 1775 ist der Ort im Süden und Westen noch von Wald umgeben.

Aschen war das nördlichst gelegene Dorf des Kirchspiels. Der Ostfluß (Szeszuppe) bildete auf kurzer Strecke die Nordgrenze. Ein größerer Geländestreifen der Gemeinde Hirschflur des Kirchspiels Groß Lenkenau (Groß Lenkeningken) auf dem Südufer des Ostflusses begrenzte die Gemeindegemarkung im Westen. Im Süden grenzten die Gemeinden Waldau und Sammelhofen an.

Vom flachen Südufer des Ostflusses stieg das Gelände nach Süden nur leicht an. Das Gemeindegebiet wurde daher in jedem Frühjahr zum großen Teil vom Hochwasser des Flusses betroffen. Der etwas höher gelegene Südteil, vorwiegend Sandboden, war bewaldet. Ein Teil Hochwald, ein größerer Teil sogenannte Kusselkiefern - kleine, sehr in die Breite gewachsene Krüppelkiefern - und dazwischen große Flecken Wacholderbüsche, genannt Kaddick, bildeten den Bestand dieser ausgedehnten Waldung. Dieser Waldbestand war ausschließlich Privatbesitz und gehörte zum größten Teil zur Gemeinde Aschen und mit kleineren Randteilen zu den Gemeinden Waldau und Hohenflur. Unter der Bezeichnung "Plickschillis" war dieses Waldgelände als Ausflugsziel bekannt und beliebt. Naturfreunde aus der Umgebung und den Städten Ragnit und Tilsit zählten zu den Besuchern dieser Landschaft. Besondere Anziehung übten die Wacholderbestände aus, die unter Naturschutz standen und in vielfältigen Formen und Farbtönen das Bild dieses Landschaftsteils besonders bereicherten.

Wie im gesamten Flussbereich des Kirchspiels war auch hier die Bodenqualität sehr unterschiedlich. Einen gewissen Wertausgleich stellten die als sehr ertragreich geltenden Flusswiesen, so dass sich immerhin noch ein Gemeinde-Durchschnittshektarsatz von 510,-- RM ergab. Der Anteil der Wiesen an der Gesamtgemarkung entsprach nicht dem Bedarf und so waren die später recht wohlhabenden Bauern gezwungen, den Bedarf an Wiesen durch Erwerb oder Pachtung außerhalb zu sichern. Mit einer Gesamtfläche von 325 ha und 87 Einwohnern im Jahre 1939 gehörte Aschen zu der Gruppe der kleinen Gemeinden.


Mehr als zwei Drittel der Gemarkung gehörte 7 größeren Bauern und Landwirten, nämlich

Gudjons, Willy 50 ha (Nr.16)
Ennulat, Georg 50 ha (Nr.15)
Luttkus, Georg 45 ha (Nr.13)
Aschmutat, Max 25 ha (Nr.14)
Stigloris, Emma 25 ha (Nr.12)
Schimkus, Johann 20 ha (Nr. 8)
Freund, Friedrich 15 ha (Nr. 7)
Anmerkung: Die Nummern beziehen sich auf die Hausnummerierungen in der Dorfskizze

Weitere etwa 60 ha verteilten sich auf neun kleinere Landwirte. Etwa 40 ha gehörten Eigentümern aus Hohenflur und Sammelhofen.

Die Gemeindevertretung bestand aus dem Bürgermeister und zwei Schöffen, die von den Einwohnern in direkter Wahl gewählt wurden. Langjähriger und letzter Bürgermeister war Georg Gudjons . Gemeindebeschlüsse wurden durch die Gemeindeversammlung gefaßt. Eine eigene Schule hatte die Gemeinde nicht. Die Kinder besuchten die Schulen in Hirschflur und in Waldau. Zu beiden Schulorten hatten die Kinder sehr weite und beschwerliche Wege. Nach Hirschflur war der Schulweg noch durch den Ostfluß sehr behindert. Im Sommer wurde eine Behelfsbrücke benutzt und in den übrigen Jahreszeiten übergesetzt oder über das Eis gegangen.

Die Gemeinde gehörte zur Polizeistation Dreifurt. Geschäfte irgendwelcher Art bestanden wegen der geringen Einwohnerzahl und der sehr verstreuten Gehöfte nicht. Aus den gleichen Gründen war auch für selbständige Handwerker eine ausreichende Existenz fraglich. Waren des täglichen Bedarfs wurden in den Nachbargemeinden beschafft. Das einzige gewerbliche Unternehmen unterhielt der Bauunternehmer Adam Dowidat, der jedoch fast ausschließlich außerhalb der Gemeinde tätig war.

Die Struktur der Gemeinde ähnelte sehr der Nachbargemeinde Hohenflur, wo ebenfalls ausschließlich landwirtschaftliche Interessen vorherrschten. Es war wohl die einzige Gemeinde, in der keine Arbeiterfamilie ansässig war. Einmal lag die Gemeinde abseits von befestigten Straßen und zum anderen bestanden auch keine Mietwohnhäuser oder Loshäuser. Die Bauern waren hier mehr als in gemischten Gemeinden auf ständiges Dienstpersonal angewiesen, da die wenigen Arbeitskräfte von den kleineren Besitzungen nur gelegentlich zu Aushilfen in Anspruch genommen werden konnten. Die hier besonders ausgeprägte Unabhängigkeit hatte sich auch nach außen zu einer Art Isolierung der ohnehin etwas abseits gelegenen Gemeinde ausgewirkt.

So hatte sich hier auch die litauische Sprache, besonders bei den älteren Leuten, im häuslichen Umgang am längsten gehalten. Auch mancher Aberglaube aus früheren Zeiten, der sonst schon weitgehendst abgebaut war, war hier noch vermehrt erhalten geblieben. Die jüngere Generation hatte bereits mit manchen konservativen Ansichten ihrer Altvorderen aufgeräumt und sich der fortschrittlichen Entwicklung angeschlossen. Die Aschener Bauern galten als gute Landwirte, die auch das Geld zusammenzuhalten wussten.



Im 2.Weltkrieg gefallen oder vermißt
Freund, Friedrich (Sohn)
Freund, Willi
Freund, ?
Gudjons, Willi
Puschnus, Ernst
Stahnke, Helmut
Steinert ? (Sohn)
Stirnat ? (Sohn)
Im Fluchtgeschehen verstorben oder vermißt
Luttkus, Hildegard
Gudjons, Anna
Naujeck (6 Personen)
Schimkus, Martha
Stigloris, Emma


Autor: © 1971 Walter Broszeit
Quelle: "
Das Kirchspiel Sandkirchen Kreis Tilsit-Ragnit" - Herausgeber Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V - Ausgabe Oktober 1975




letzte Statistik 1939:
  • Aschen ( Einw. : 87 Fläche : 338 ha)
    • alter Namen : Aszen bis 17.09.1936
    • ältere Sc hreibweise: Asjen
    • nach 1945: Hvorostjanka

Anmerkung: zugehörig zum ev. Ksp. Sandkirchen

Kartenmaterial:
Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
  • Karte des Deutschen Reiches 1:100 000 - Ausgabe Kreiskarten/Kreis Tilsit-Ragnit aus dem Jahre 1940 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Karte des Deutschen Reiches - Topographische Karte 1:25 000 - Nr. 0999 (Baltupönen) -
    aus dem Jahre 1938 - Nachdruck Bundesamt für Kartographie und Geodäsie

Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de


Weitere Beiträge
Dorfskizze mit Verweisliste zu den Grundeigentümern/Mietern (330 KB)



Kirchorte, Dörfer und Wohnplätze



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.08.2007

www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 29. November 2010