Aus einer schlimmen Zeit:
Die ärztliche Versorgung der deutschen Zivilbevölkerung
im Kreis Tilsit-Ragnit von 1945-1948
von Eugen Meyer

Im letzten Heimatbrief "Land an der Memel" habe ich über die Versorgung der deutschen Zivilbevölkerung berichtet. Wenn Herr Dzieran im genannten Heimatbrief schreibt: "Der Einsatz deutscher Zivilverpflichteter auf Militärsowchosen im nördlichen Ostpreußen gehört zu den bisher wenig behandelten und zugleich bedrückendsten Kapiteln der Vertreibung, so hat er sicher recht.

Es gibt aber noch eine Steigerung, und das war die ärztliche Versorgung. Ohne Medikamente, ohne Instrumente, ohne Verbandsmaterial, kurz, ohne alles Behandlungen durchführen zu müssen, geht mit Sicherheit über die Kraft auch eines ehemaligen Militärarztes. Er mußte auch teilweise Amputationen unter solchen Bedingungen durchführen. Als "Dank" ist er vom deutschen Bürgermeister verpfiffen worden, weil er vor allen Dingen junge Mädchen und Frauen von der schweren Arbeit befreit hat. Nach meinem letzten Artikel habe ich einen Brief bekommen, hier ein kleiner Auszug: "Im Winter 1947 war in Kuckerneese ein Damm gebrochen. Wir wurden bei Schneetreiben im offenen Lastwagen hingefahren, um den Damm zu befestigen. Wir mußten Schienen verlegen, Loren mit Sand beladen, und immer dawai, dawai! Zweimal am Tag gab es Kapusta-Suppe und ein Stück Brot. Eines Abends, als wir wieder nach der Suppe anstanden, war eine Kommission da. Ein Dr. Meyer holte mich und ein anderes kleines Mädchen aus der Reihe und meinte: "Kinder, geht nach Hause, was wollt Ihr hier." Er gab uns einen Passierschein, und das Verpflegungsauto mußte uns bis Budwethen mitnehmen. Dann mußten wir noch bis Lengwethen laufen. Viele Kinder und Erwachsene haben versucht, von dort zu fliehen, aber man brachte sie wieder zurück. So hat Dr. Meyer mir sicher das Leben gerettet und ich konnte mich nicht bedanken".

Kurz nach den geschilderten Vorgängen wurde mein Vater verhaftet. Er saß 9 Monate im GPU (NKWD)-Gefängnis in Königsberg, gegenüber dem Nordbahnhof. Daß er überhaupt überlebt hat, hat er seiner damaligen guten Gesundheit und der jüdischen Frau des Kommandanten von Budwethen zu verdanken, der er bei einer schweren Entbindung geholfen hat. Hier ein kleines Beispiel, mit welchen Verhörmethoden gearbeitet wurde.

Eine Schilderung meiner Mutter: "Eines Tages kam ein Mann in Zivil und sagte: "Frau, ich kommen von deinem Mann und bringen Lebensrnittel". Ich verstand, er wolle Lebensmittel für meinen Mann haben und habe das wenige zusammengepackt. Er sagte aber nochmals: 'Nein, ich bringen Lebensmittel', und machte einen großen Koffer auf, der voller Lebensmittel war wie Speck, Zucker, Brot, Butter usw.. "Dein Mann haben gearbeitet und schicken die Sachen. Du, Frau, schreiben deinem Mann nur Brief und ich nehmen mit." Ich habe meinem Mann einen Brief geschrieben, in dem ich auch erwähnte, daß unser Bekannter, Herr Sengerski, mit seiner Lebensgefährtin versucht hatte zu fliehen, man ihn aber wieder aufgegriffen hat. Diesen Brief hat man als Beweis betrachtet, daß auch wir fliehen wollten."

Zur Zeit betreibe ich die Rehabilitation meines Vaters, um an die Unterlagen von damals zu kommen. Er hatte unter anderem eine Liste von Verstorbenen, die bei der Haussuchung beschlagnahmt wurde. Im November 1947 wurde mein Vater entlassen. Meine Mutter war gerade mit zwei Eimern Wasser holen gegangen und sah einen Soldaten kommen. Sie hat ihn nicht gleich erkannt, denn er war zum Skelett abgemagert. Dann hat sie die Eimer fallenlassen und ist zu ihm gelaufen.

Am nächsten Tag ist meine Mutter mit zwei Frauen auf Betteltour nach Litauen. Sie hat aber nicht viel an Lebensmitteln erbetteln können. Als sie nach ein paar Tagen wieder zu Hause war, hatte mein Vater ein paar Entbindungen durchgeführt und von den Russen dafür Lebensmittel bekommen. An eine Schilderung von meinem Vater erinnere ich mich genau: "Die zu Entbindende lag auf dem Sofa, und direkt daneben war die Kuh angebunden, damit sie nicht geklaut wurde. Die Geburt zog sich hin, und die Kuh mußte natülich ihr Geschäft machen. Der Russe rannte dann jedesmal mit dem Nachttopf zur Kuh. Bei einer solchen Geburt gab es nichts zu essen, egal wie lange sie dauerte. Erst danach gab es erst mal sto (100) Gramm Wodka und das oft nach mehreren Stunden oder gar Tagen. Wenn es dann noch ein gesunder Sohn war, wurde bis zur Bewußtlosigkeit getrunken, auch Essen gab es dann reichlich.

Die Tätigkeit meines Vaters wird auch zweimal von Georg Friedrich in "Das Kirchspiel Altenkirch (Budwethen)" erwähnt. Er schreibt: "Anfang März 1946 erkrankte Frau Herbst an Typhus und kam in Jonas Haus, das als Krankenhaus hergerichtet worden war. Ein deutscher Militärarzt Dr. Meyer und sein Helfer Kossak taten ihr Bestes, obwohl sie keinerlei Medikamente hatten, und so wurde sie wieder gesund". An einer anderen Stelle schreibt er: "Der dem Leser aus anderen Schilderungen bereits Dr. med. Eugen Meyer und Ehefrau bekannte junge Stabsarzt Dr. Meyer stellte Typhus fest, konnte allerdings nicht mit Medikamenten dienen, sondern hatte lediglich alle paar Tage eine Tasse Milch zu vergeben." Mein Vater und meine Mutter haben oft verlassene Häuser nach Verbandsmaterial und Medikamenten durchsucht. Einmal haben sie größere Mengen Morphium für Tiere gefunden, was mein Vater dann für Menschen aufbereitet hat.

Bild oben: Dr.med. Eugen Meyer und Ehefrau


Als mein Vater nach Ragnit versetzt wurde, wohnten wir in der Straße Pobeda (Sieg) 100. Meine Mutter war als Hilfskraft eingesetzt und mußte desinfizieren, soweit das möglich war. Das Wasser wurde aus dem nahegelegenen Teich geholt. Bei den Russen galt als sauber, wenn alles schön naß war; ob es dann wirklich sauber gewesen ist, war egal.

Wie wir aus Ostpreußen kamen, will ich noch einmal aus dem oben erwähnten Brief zitieren: "Im September 1948 wurden wir alle auf dem Kartoffelacker zusammengerufen und mußten uns impfen lassen. Wozu das gut war, wußte keiner. Die Zivil-Russen meinten, es wäre jetzt Weltuntergang. Andere meinten, jetzt geht es nach Sibirien.

Plötzlich hieß es Sachen packen, was jeder so hatte, und auf zum Sammelplatz. Wir wurden nach Ragnit gefahren, bekamen ein paar Rubel, saßen die ganze Nacht auf dem Bahnhof. Dann wurden wir in stinkende Viehwagen verladen, und es ging ab nach Königsberg. Dort durften wir dann in einen Personenzug steigen. Und wieder war Dr. Meyer da, der uns bis Kirchmöser begleitete.

Es gab ein Lagerlied von Kirchmöser 1948:

Ja, von Ragnit an der Memel kam die verlauste Bande her. Lagerleitung, Ärzte, Schwestern, alle hatten es mit uns schwer, Holla hi. Ragnits Liebling Dr. Meyer hat begleitet den Transport, für die Kranken hat er Pillen und für jeden ein gutes Wort, Holla hi usw. ...

Ja, wir sind ca. 1 Woche unterwegs gewesen, für die meisten die letzte Fahrt durch Ostpreußen.

Ich wohne seit 1970 in Ellrich in einer ehemaligen KZ-Baracke, welche aus dem nahegelegenen Konzentrationslager Ellrich, einem Außenlager vom KZ Dora stammt, in welchem die "Wunderwaffen" gebaut wurden. Schilderungen aus Kuckerneese über Arbeiten im KZ sind nahezu identisch, auch die Verpflegung. Die Baracke, in welcher ich wohne, habe ich mir im Laufe der Jahre zu einem kleinen Haus ausgebaut. Vor mir haben Leute darin gewohnt, die aus dem Danziger Raum vertrieben wurden.

Wie sind wir aber nach Ellrich gekommen ?

Nachdem wir einige Zeit in Kirchmöser waren, mein Vater hatte eine Anstellung als Quarantänearzt, gingen wir in die Niederlausitz zu den Eltern meiner Mutter, von hier aus nach Salzwedel, später nach Köln, der Geburtsstadt meines Vaters. Hier lebten wir bis Mitte 1950. Da mein Vater aber keine richtige Stelle fand, er hatte nur eine Stelle am gerichtsmedizinischen Institut, wo er Leichen sezieren mußte, wechselten wir nach Sülzhayn/Thüringen. Hier arbeitete ein Studienkollege, und er bekam eine gute Stelle. Bei seiner ersten Visite hat er den deutschen Bürgermeister aus Budwethen, der ihn damals angezeigt hat, todkrank als Patient im WN-Krankenhaus Sülzhayn wiedergetroffen, der aber kurz danach gestorben ist.

In meinem nächsten Artikel möchte ich meine Erlebnisse in der DDR schildern, speziell im Sperrgebiet. Auch hier gab es Aussiedlungen nach stalinistischem Muster. Die erste Welle 1952 mit dem Decknamen "Ungeziefer".


Liste der Geburten von Budwethen
1 . Hanelore Marquadt
Vater: Robert
Mutter: Olga
geb,.: 3.12.1945


5. Ernst Kallwis
Vater: Wilhelm
Mutter: Hedwig
geb.: 26.4.1946


2. Roswita Bärbel Maier
Vater: Johann
Mutter: Eva
geb.: 9.11.1945


6. Gerd Oetlet
Vater: ?
Mutter: Helene
geb.: 11.8.1946


3. Dieter Trakenat
Vater: ?
Mutter: Adele
geb.: 26.12.1945


7. Erika Rummel
Vater: ?
Mutter: Marie
geb.: 9.9.1946


4. Gerhardt Uschkoreit
Vater: ?
Mutter: Helene
geb.: 14.1.1946


8. Pirdzuhn, Brunhilde
Vater: ?
Mutter: Olga
geb.: 10.10.1946



Liste der Verstorbenen von Budwethen in der Zeit vom 11.8.1945
Vorname - Name
gestorben am
Vorname - Name
gestorben am
1. Michael Merteleit 11.8.45 43. Ottilie Grunsdorf 7.1.46
2) Paul Bernhard 15.8.45 44. Paul Ostermann 7.1.46
3 Julius Scharmacher 12.8.45 45. Hanna Becker 18.1.46
4. Martha Nauseth 12.8.45 46. Hermann Pacht 20.1.46
5. Franz Schröder 19.8.45 47. Roswita Maier
(geb. 9.11.45)
24.1.46
Todesursache: Dystrophie
6. Oskar Strauhs 18.8.45 48. Ida Guda 27.1.46
7. Ilse Vogt 10.9.45 49. Auguste Hermann 26.2.46
8. Anna Vogt
(Mutter von Ilse)
12.10.45 50. Inge Adebar 28.2.46
9. Anna Schimmelpfennig 12.9.45 51. Helene Krause 4.2.46
10. Helene Krauschun 14.9.45 52. Georg Petereit 6.2.46
11 . Erich Nietsch 21.9.45 53. Marie Pietsch 20.2.46
12. Friedrich Kappler 5.10.45 54. Erna Bendiks 3.3.46
13. Johann Wischkies 6.10.45 55. Franz Panrat 26.3.46
14. Anna Wilkat 14.9.45 56. Anna Mertinat 3.4.46
15. Gustav Bastatt 15.10.45 57. Wilhelm Belluweit 4.4.46
16. Robert Rieck 15.10.45 58. Friedrich Hehs 5.4.46
17. Ferdinand Schläfert 22.10.45 59. Helene Puschkat 17.4.46
18. Hanna Zienau 28.10.45 60. Helene Grzybowsk 26.4.46
19. Günther Dangschies 22.10.45 61. Albert Uschkorei 6.5.46
20. Maria Pehlka 23.10.45 62. Ida Gawehns 12.6.46
21. Auguste Ewelicht 5.11.45 63. Katharina Leidig 10.6.46
22. Martha Welz 9.11.45 64. Artur Riedel 17.6.46
23. Irmgard Naujoks 9.11.45 65. Ida Frank 26.7.46
24. Frieda Ploksties 3.11.45 66. Ingo (?) Stanschus 4.8.46
25. Dieter Pietsch 22.11.45 67. Julius Giedigkeit 4.11 46
26. Helene Theisen 30.11.45 68. Karl Mintel 20.11.46
27. Werner Dudeck 4.12.45 69. Erika Rummel
(geb. 9.9.46 )
21.12.46
Todesursache Dystrophie
28. Bernhard Kerstowitz 5.12.45 70. Lina Köslin 7.1.47
29. Günther Bähr 7.12.45 71. Karoline Gans 20.11.46
30. Friedrich Ottenberg 7.12.45 72. Robert Preuhs 23.1.47
31. Martin Sass 11.12.45 73. Hermann Voigt 25.1.47
32. Maria Schellemat 17.12.45 74. Olga Heidemann 26.1.47
33. Inge Killat 14.12.45 75. Auguste Reihsnauer 27.1.47
34. David Wosylus 23.12.45 76. Anna Gerull 11.2.47
35. Vera Nadolny 1.12.45 77. Julius Schepput 12.2.47
36. Charlotte Armoneit 9.12.45 78. Ertmute Tolischus 12.2.47
37. David Bendiks 9.12.45 79. Martha Köslin 12.2.47
38. Artur Scheer 9.12.45 80. Hupert (?) Begenat 16.2.47
39. Karl Heinz Schreiber 28.12.45 81. Dieter Dettlef 20.2.47
40. Kate Krischat 1.1.46 82. Emilie Voigt 28.2.47
41. Helene Preuhs 4.1.46 83. ? Kainies 6.3.47
42. Marie Planschien 5.1.46 84. Gerda Seegers 11.3.47

An dieser Stelle endet die Liste, denn mein Vater wurde nicht zuletzt wegen dieser Liste verhaftet und saß 9 Monate im GPU-Gefängnis Königsberg. Danach wurde er nach Ragnit versetzt, und wir wohnten bis zu unserer Ausweisung dort. Ich gehöre auf die Geburtsliste von Budwethen. Sollte es noch Überlebende von der Geburtsliste oder Angehörige der Verstorbenen geben, wäre es schön, wenn Sie sich mit mir in Verbindung setzen würden.

Autor: © 20004 Eugen Meyer; 99755 Ellrich - emeyerotto@aol.com (Text und Bild)
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 75/2004

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© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.01.2010

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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 29. November 2010