| Aus einer schlimmen Zeit: | |
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von Eugen Meyer
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Im letzten Heimatbrief "Land an der Memel" habe ich über die Versorgung der deutschen Zivilbevölkerung berichtet. Wenn Herr Dzieran im genannten Heimatbrief schreibt: "Der Einsatz deutscher Zivilverpflichteter auf Militärsowchosen im nördlichen Ostpreußen gehört zu den bisher wenig behandelten und zugleich bedrückendsten Kapiteln der Vertreibung, so hat er sicher recht. Es gibt aber noch eine Steigerung, und das war die ärztliche Versorgung. Ohne Medikamente, ohne Instrumente, ohne Verbandsmaterial, kurz, ohne alles Behandlungen durchführen zu müssen, geht mit Sicherheit über die Kraft auch eines ehemaligen Militärarztes. Er mußte auch teilweise Amputationen unter solchen Bedingungen durchführen. Als "Dank" ist er vom deutschen Bürgermeister verpfiffen worden, weil er vor allen Dingen junge Mädchen und Frauen von der schweren Arbeit befreit hat. Nach meinem letzten Artikel habe ich einen Brief bekommen, hier ein kleiner Auszug: "Im Winter 1947 war in Kuckerneese ein Damm gebrochen. Wir wurden bei Schneetreiben im offenen Lastwagen hingefahren, um den Damm zu befestigen. Wir mußten Schienen verlegen, Loren mit Sand beladen, und immer dawai, dawai! Zweimal am Tag gab es Kapusta-Suppe und ein Stück Brot. Eines Abends, als wir wieder nach der Suppe anstanden, war eine Kommission da. Ein Dr. Meyer holte mich und ein anderes kleines Mädchen aus der Reihe und meinte: "Kinder, geht nach Hause, was wollt Ihr hier." Er gab uns einen Passierschein, und das Verpflegungsauto mußte uns bis Budwethen mitnehmen. Dann mußten wir noch bis Lengwethen laufen. Viele Kinder und Erwachsene haben versucht, von dort zu fliehen, aber man brachte sie wieder zurück. So hat Dr. Meyer mir sicher das Leben gerettet und ich konnte mich nicht bedanken". Kurz nach den geschilderten Vorgängen wurde mein Vater verhaftet. Er saß 9 Monate im GPU (NKWD)-Gefängnis in Königsberg, gegenüber dem Nordbahnhof. Daß er überhaupt überlebt hat, hat er seiner damaligen guten Gesundheit und der jüdischen Frau des Kommandanten von Budwethen zu verdanken, der er bei einer schweren Entbindung geholfen hat. Hier ein kleines Beispiel, mit welchen Verhörmethoden gearbeitet wurde. |
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Eine Schilderung meiner Mutter: "Eines Tages kam ein Mann in Zivil und sagte: "Frau, ich kommen von deinem Mann und bringen Lebensrnittel". Ich verstand, er wolle Lebensmittel für meinen Mann haben und habe das wenige zusammengepackt. Er sagte aber nochmals: 'Nein, ich bringen Lebensmittel', und machte einen großen Koffer auf, der voller Lebensmittel war wie Speck, Zucker, Brot, Butter usw.. "Dein Mann haben gearbeitet und schicken die Sachen. Du, Frau, schreiben deinem Mann nur Brief und ich nehmen mit." Ich habe meinem Mann einen Brief geschrieben, in dem ich auch erwähnte, daß unser Bekannter, Herr Sengerski, mit seiner Lebensgefährtin versucht hatte zu fliehen, man ihn aber wieder aufgegriffen hat. Diesen Brief hat man als Beweis betrachtet, daß auch wir fliehen wollten." Zur Zeit betreibe ich die Rehabilitation meines Vaters, um an die Unterlagen von damals zu kommen. Er hatte unter anderem eine Liste von Verstorbenen, die bei der Haussuchung beschlagnahmt wurde. Im November 1947 wurde mein Vater entlassen. Meine Mutter war gerade mit zwei Eimern Wasser holen gegangen und sah einen Soldaten kommen. Sie hat ihn nicht gleich erkannt, denn er war zum Skelett abgemagert. Dann hat sie die Eimer fallenlassen und ist zu ihm gelaufen. |
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Die Tätigkeit meines Vaters wird auch zweimal von Georg Friedrich in "Das Kirchspiel Altenkirch (Budwethen)" erwähnt. Er schreibt: "Anfang März 1946 erkrankte Frau Herbst an Typhus und kam in Jonas Haus, das als Krankenhaus hergerichtet worden war. Ein deutscher Militärarzt Dr. Meyer und sein Helfer Kossak taten ihr Bestes, obwohl sie keinerlei Medikamente hatten, und so wurde sie wieder gesund". An einer anderen Stelle schreibt er: "Der dem Leser aus anderen Schilderungen bereits Dr. med. Eugen Meyer und Ehefrau bekannte junge Stabsarzt Dr. Meyer stellte Typhus fest, konnte allerdings nicht mit Medikamenten dienen, sondern hatte lediglich alle paar Tage eine Tasse Milch zu vergeben." Mein Vater und meine Mutter haben oft verlassene Häuser nach Verbandsmaterial und Medikamenten durchsucht. Einmal haben sie größere Mengen Morphium für Tiere gefunden, was mein Vater dann für Menschen aufbereitet hat. |
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Als mein Vater nach Ragnit versetzt wurde, wohnten wir in der Straße Pobeda (Sieg) 100. Meine Mutter war als Hilfskraft eingesetzt und mußte desinfizieren, soweit das möglich war. Das Wasser wurde aus dem nahegelegenen Teich geholt. Bei den Russen galt als sauber, wenn alles schön naß war; ob es dann wirklich sauber gewesen ist, war egal. Wie wir aus Ostpreußen kamen, will ich noch einmal aus dem oben erwähnten Brief zitieren: "Im September 1948 wurden wir alle auf dem Kartoffelacker zusammengerufen und mußten uns impfen lassen. Wozu das gut war, wußte keiner. Die Zivil-Russen meinten, es wäre jetzt Weltuntergang. Andere meinten, jetzt geht es nach Sibirien. Plötzlich hieß es Sachen packen, was jeder so hatte, und auf zum Sammelplatz. Wir wurden nach Ragnit gefahren, bekamen ein paar Rubel, saßen die ganze Nacht auf dem Bahnhof. Dann wurden wir in stinkende Viehwagen verladen, und es ging ab nach Königsberg. Dort durften wir dann in einen Personenzug steigen. Und wieder war Dr. Meyer da, der uns bis Kirchmöser begleitete. Es gab ein Lagerlied von Kirchmöser 1948: Ja, von Ragnit an der Memel kam die verlauste Bande her. Lagerleitung, Ärzte, Schwestern, alle hatten es mit uns schwer, Holla hi. Ragnits Liebling Dr. Meyer hat begleitet den Transport, für die Kranken hat er Pillen und für jeden ein gutes Wort, Holla hi usw. ... |
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Ja, wir sind ca. 1 Woche unterwegs gewesen, für die meisten die letzte Fahrt durch Ostpreußen. Ich wohne seit 1970 in Ellrich in einer ehemaligen KZ-Baracke, welche aus dem nahegelegenen Konzentrationslager Ellrich, einem Außenlager vom KZ Dora stammt, in welchem die "Wunderwaffen" gebaut wurden. Schilderungen aus Kuckerneese über Arbeiten im KZ sind nahezu identisch, auch die Verpflegung. Die Baracke, in welcher ich wohne, habe ich mir im Laufe der Jahre zu einem kleinen Haus ausgebaut. Vor mir haben Leute darin gewohnt, die aus dem Danziger Raum vertrieben wurden. Wie sind wir aber nach Ellrich gekommen ? Nachdem wir einige Zeit in Kirchmöser waren, mein Vater hatte eine Anstellung als Quarantänearzt, gingen wir in die Niederlausitz zu den Eltern meiner Mutter, von hier aus nach Salzwedel, später nach Köln, der Geburtsstadt meines Vaters. Hier lebten wir bis Mitte 1950. Da mein Vater aber keine richtige Stelle fand, er hatte nur eine Stelle am gerichtsmedizinischen Institut, wo er Leichen sezieren mußte, wechselten wir nach Sülzhayn/Thüringen. Hier arbeitete ein Studienkollege, und er bekam eine gute Stelle. Bei seiner ersten Visite hat er den deutschen Bürgermeister aus Budwethen, der ihn damals angezeigt hat, todkrank als Patient im WN-Krankenhaus Sülzhayn wiedergetroffen, der aber kurz danach gestorben ist. In meinem nächsten Artikel möchte ich meine Erlebnisse in der DDR schildern, speziell im Sperrgebiet. Auch hier gab es Aussiedlungen nach stalinistischem Muster. Die erste Welle 1952 mit dem Decknamen "Ungeziefer". |
| Liste der Geburten von Budwethen | |||
| 1 . Hanelore Marquadt Vater: Robert Mutter: Olga |
geb,.: 3.12.1945 |
5. Ernst Kallwis Vater: Wilhelm Mutter: Hedwig |
geb.: 26.4.1946 |
| 2. Roswita Bärbel Maier Vater: Johann Mutter: Eva |
geb.: 9.11.1945 |
6. Gerd Oetlet Vater: ? Mutter: Helene |
geb.: 11.8.1946 |
| 3. Dieter Trakenat Vater: ? Mutter: Adele |
geb.: 26.12.1945 |
7. Erika Rummel Vater: ? Mutter: Marie |
geb.: 9.9.1946 |
| 4. Gerhardt Uschkoreit Vater: ? Mutter: Helene |
geb.: 14.1.1946 |
8. Pirdzuhn, Brunhilde Vater: ? Mutter: Olga |
geb.: 10.10.1946 |
| Liste der Verstorbenen von Budwethen in der Zeit vom 11.8.1945 | |||
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Vorname - Name
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gestorben am |
Vorname - Name
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gestorben am |
| 1. Michael Merteleit | 11.8.45 | 43. Ottilie Grunsdorf | 7.1.46 |
| 2) Paul Bernhard | 15.8.45 | 44. Paul Ostermann | 7.1.46 |
| 3 Julius Scharmacher | 12.8.45 | 45. Hanna Becker | 18.1.46 |
| 4. Martha Nauseth | 12.8.45 | 46. Hermann Pacht | 20.1.46 |
| 5. Franz Schröder | 19.8.45 | 47. Roswita Maier (geb. 9.11.45) |
24.1.46 Todesursache: Dystrophie |
| 6. Oskar Strauhs | 18.8.45 | 48. Ida Guda | 27.1.46 |
| 7. Ilse Vogt | 10.9.45 | 49. Auguste Hermann | 26.2.46 |
| 8. Anna Vogt (Mutter von Ilse) |
12.10.45 | 50. Inge Adebar | 28.2.46 |
| 9. Anna Schimmelpfennig | 12.9.45 | 51. Helene Krause | 4.2.46 |
| 10. Helene Krauschun | 14.9.45 | 52. Georg Petereit | 6.2.46 |
| 11 . Erich Nietsch | 21.9.45 | 53. Marie Pietsch | 20.2.46 |
| 12. Friedrich Kappler | 5.10.45 | 54. Erna Bendiks | 3.3.46 |
| 13. Johann Wischkies | 6.10.45 | 55. Franz Panrat | 26.3.46 |
| 14. Anna Wilkat | 14.9.45 | 56. Anna Mertinat | 3.4.46 |
| 15. Gustav Bastatt | 15.10.45 | 57. Wilhelm Belluweit | 4.4.46 |
| 16. Robert Rieck | 15.10.45 | 58. Friedrich Hehs | 5.4.46 |
| 17. Ferdinand Schläfert | 22.10.45 | 59. Helene Puschkat | 17.4.46 |
| 18. Hanna Zienau | 28.10.45 | 60. Helene Grzybowsk | 26.4.46 |
| 19. Günther Dangschies | 22.10.45 | 61. Albert Uschkorei | 6.5.46 |
| 20. Maria Pehlka | 23.10.45 | 62. Ida Gawehns | 12.6.46 |
| 21. Auguste Ewelicht | 5.11.45 | 63. Katharina Leidig | 10.6.46 |
| 22. Martha Welz | 9.11.45 | 64. Artur Riedel | 17.6.46 |
| 23. Irmgard Naujoks | 9.11.45 | 65. Ida Frank | 26.7.46 |
| 24. Frieda Ploksties | 3.11.45 | 66. Ingo (?) Stanschus | 4.8.46 |
| 25. Dieter Pietsch | 22.11.45 | 67. Julius Giedigkeit | 4.11 46 |
| 26. Helene Theisen | 30.11.45 | 68. Karl Mintel | 20.11.46 |
| 27. Werner Dudeck | 4.12.45 | 69. Erika Rummel (geb. 9.9.46 ) |
21.12.46 Todesursache Dystrophie |
| 28. Bernhard Kerstowitz | 5.12.45 | 70. Lina Köslin | 7.1.47 |
| 29. Günther Bähr | 7.12.45 | 71. Karoline Gans | 20.11.46 |
| 30. Friedrich Ottenberg | 7.12.45 | 72. Robert Preuhs | 23.1.47 |
| 31. Martin Sass | 11.12.45 | 73. Hermann Voigt | 25.1.47 |
| 32. Maria Schellemat | 17.12.45 | 74. Olga Heidemann | 26.1.47 |
| 33. Inge Killat | 14.12.45 | 75. Auguste Reihsnauer | 27.1.47 |
| 34. David Wosylus | 23.12.45 | 76. Anna Gerull | 11.2.47 |
| 35. Vera Nadolny | 1.12.45 | 77. Julius Schepput | 12.2.47 |
| 36. Charlotte Armoneit | 9.12.45 | 78. Ertmute Tolischus | 12.2.47 |
| 37. David Bendiks | 9.12.45 | 79. Martha Köslin | 12.2.47 |
| 38. Artur Scheer | 9.12.45 | 80. Hupert (?) Begenat | 16.2.47 |
| 39. Karl Heinz Schreiber | 28.12.45 | 81. Dieter Dettlef | 20.2.47 |
| 40. Kate Krischat | 1.1.46 | 82. Emilie Voigt | 28.2.47 |
| 41. Helene Preuhs | 4.1.46 | 83. ? Kainies | 6.3.47 |
| 42. Marie Planschien | 5.1.46 | 84. Gerda Seegers | 11.3.47 |
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An dieser Stelle endet die Liste, denn mein Vater wurde nicht zuletzt wegen dieser Liste verhaftet und saß 9 Monate im GPU-Gefängnis Königsberg. Danach wurde er nach Ragnit versetzt, und wir wohnten bis zu unserer Ausweisung dort. Ich gehöre auf die Geburtsliste von Budwethen. Sollte es noch Überlebende von der Geburtsliste oder Angehörige der Verstorbenen geben, wäre es schön, wenn Sie sich mit mir in Verbindung setzen würden. |
| Autor: © 20004 Eugen Meyer; 99755 Ellrich - emeyerotto@aol.com (Text und Bild) Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 75/2004 |