| Aus einer schlimmen Zeit | |
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von Eugen Meyer
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Am 20.02.1947 wurde ich in Budwethen/Altenkirch als sicherlich einer der letzten Deutschen in diesem Gebiet geboren. Mein Vater war Arzt, meine Mutter arbeitete mit meiner Oma im Kranken- und Waisenhaus von Budwethen. Trotzdem kennen uns sicher die wenigsten Bewohner aus dem Kreis Tilsit-Ragnit, da meine Eltern erst 1945 in diesen Kreis kamen. Meine Mutter stammt aus Godrinen bei Königsberg und hat den "Zug nach Westen" verpaßt. Sie wurde mit vielen anderen von den Russen auf einen Treck nach Insterburg geschickt, wo sie im Frühjahr 1945 mit meiner Oma eine Anstellung im Kranken- und Waisenhaus von Budwethen bekam. Mein Vater stammt aus Köln, hat aber in Königsberg bei Prof. Dr. von Mikulicz-Radecki sein Staatsexamen gemacht und erhielt seine Approbation am 23.10.1944. Nach seiner Approbation (Gynäkologie) war mein Vater vom 30.10.1944 bis 31.12.1944 Stationsarzt von der Inneren Abteilung des Res. Lazaretts Braunsberg. Vom 01.01.1945 bis 26.03.1945 war er Standortarzt von Heiligenbeil. Danach geriet er in russische Kriegsgefangenschaft und war Stationsarzt auf der chirurgischen Abteilung des russischen Kriegsgefangenenlazaretts Neuhof-Ragnit. Am 26.07.1945 erfolgte ein Aufruf der russischen Behörden an die kriegsgefangenen deutschen Ärzte, sich zur Betreuung der deutschen Zivilbevölkerung zur Verfügung zu stellen. Da mein Vater einer der jüngsten Ärzte war und von dem großen Sterben der deutschen Zivilbevölkerung hörte, stellte er sich am gleichen Tag zur Verfügung und wurde vom 27.07.1945 bis 30.08.1945 ärztlicher Leiter des deutschen Krankenhauses in Tilsit. Gleichzeitig wurden für die deutsche Zivilbevölkerung Herr Dr. August Meyer und Frl. Dr. Ullrich, beide aus Königsberg, ehemalige Assistenten des Krankenhauses der Barmherzigkeit, eingesetzt. |
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Am 01.09.1945 wurde er versetzt und war ärztlicher Leiter des deutschen Kranken- und Waisenhauses von Budwethen. Hier lernte er meine Mutter kennen, und sie heirateten am 24.12.1945; wahrscheinlich wurden sie von Pfarrer Friedrich Ocksas getraut. Auf seinen Fahrten nach Tilsit, zwecks Beschaffung von Medikamenten und Lebensmitteln für sein Krankenhaus, erfuhr er, daß die beiden genannten Ärzte aus Königsberg Ende des Jahres 1945 Tilsit verlassen hatten. Als Nachfolger der beiden übernahm das deutsche Krankenhaus in Tilsit einen Professor Dr. Herbert Weisshaar aus Berlin. Inzwischen war ebenfalls ein deutscher Arzt in Ragnit eingesetzt, namens Dr. Badenhaupt. Beide wurden durch die russischen Behörden verhaftet und sind spurlos verschwunden. Das deutsche Krankenhaus in Tilsit und Ragnit war danach mehrere Monate ohne deutsche ärztliche Betreuung. Mein Vater wurde mehrmals von der russischen Behörde aufgefordert, das deutsche Krankenhaus in Tilsit zu übernehmen, was er aber ablehnte, da er in Budwethen das Kranken- und Waisenhaus betreute und außerdem die Zivilbevölkerung von Budwethen, Lengwethen, Breitenstein, Juckstein ärztlich zu versorgen hatte, und da in Tilsit noch eine ärztliche Betreuung von russischer Seite aus bestand, während in seinem Bezirk außer ihm keinerlei ärztliche Betreuung vorhanden war. Später übernahm das deutsche Krankenhaus in Tilsit ein Dr. Horst Knuth, der aus Königsberg kam, aber früher Chefarzt des Krankenhauses Heydekrug war. Mit diesem Herrn hat mein Vater persönliche Verbindung aufgenommen. Im April 1948 erhielt Herr Dr. Knuth die Genehmigung, Ostpreußen zu verlassen. |
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Im März 1947 wurde mein Vater in Budwethen verhaftet und kam ins GPU-Gefängnis nach Königsberg. Der Grund der Verhaftung war eine Anzeige des von den Russen eingesetzten Bürgermeisters, nachdem mein Vater deutschen Zwangsarbeiterinnen einen Krankenschein ausgestellt hatte. Das stellte man als Wirtschaftssabotage hin. Bei einer Hausdurchsuchung fand man zudem eine Liste mit den Namen von verstorbenen deutschen Zivilisten, die mein Vater nach einer Rückkehr nach Deutschland dem Suchdienst übergeben wollte; das wurde als Spionage ausgelegt. Daß er überhaupt nach Budwethen zurückkam, hat er dem russischen Kommandanten von Budwethen zu verdanken, dessen Frau er bei einer komplizierten Geburt von einem Sohn entbunden hat. Er wurde aber am 01.01.1948 an die gynäkologische Klinik des russischen Krankenhauses in Ragnit versetzt. Gleichzeitig mußte er die deutsche Zivilbevölkerung des Kreises Tilsit-Ragnit betreuen. Am 18.09.1948 wurde ein Transport zusammengestellt, bestehend aus der restlichen Bevölkerung aus Ragnit sowie einem Teil der deutschen Bevölkerung aus der Umgebung des Kreises Tilsit-Ragnit, die ärztliche Betreuung wurde meinem Vater übertragen. |
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In Tilsit befanden sich vor unserer Abreise noch ca. 1500 Deutsche und auf dem Lande noch einige hundert, die Ostpreußen mit dem nächsten Transport verlassen sollten. In Königsberg sprach mein Vater mit Frau Dr. Führer, die an der russischen Klinik, früher Barmherzigkeit, tätig war. Sie berichtete, daß sie die letzte deutsche Ärztin in Königsberg sei, wo sich zu diesem Zeitpunkt noch ca. 2.000 Deutsche aufhielten. Frau Dr. Führer berichtete weiter, daß sie am 18.10.1948 mit dem letzten Transport, der aus Schwerkranken zusammengestellt werden sollte, Ostpreußen verlassen würde. Am 26.09.1948 traf unser Transport im Quarantänelager Kirchmöser (Genthin) ein. Hier war unsere Ankunft in Deutschland aber noch nicht beendet. Die Erlebnisse in der BRD und DDR (Sperrgebiet) wären aber ein weiterer Artikel. |
| Autor : © 2002 Eugen Meyer, 99755 Ellrich. Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 74/2004 |