|
von Liane Schiffel-Gorgel
|
|
Wir lebten in Tilsit, doch immer wenn die Ferien anfingen, packten wir unseren kleinen Koffer und fuhren nach Altenkirch, wo unsere Großeltern und alle Geschwister der Mutter wohnten. Die Großeltern hatten sich ein Gehöft gegenüber von Heeses gekauft, als sie Ihre Landwirtschaft aufgaben. Neben dem geräumigen Wohnhaus gab es noch eine Scheune und den Stall. Dort im Stall war noch eine Kuh und ein Schwein zu füttern für den Eigenbedarf. Omas selbstgemachter Kochkäse war sehr beliebt. Außerdem zog die Großmutter in jedem Sommer einige Gänse, Enten und sogar einige Puten groß. Im Herbst eine Bereicherung des Küchenplans. Wir Kinder freuten uns sehr, wenn im Hof eine Schar kleiner Enten oder Gänse rumlief. Manchmal tauchte auch plötzlich eine Glucke mit Küken auf, die sie heimlich in der Scheune ausgebrütet hatte. Als ich etwa drei Jahre alt war, legte mir meine Mutter solch ein winziges Küken in die Hand. Ich spürte die zarten Füßchen und das Herzklopfen und begriff auch ohne Worte, daß es Wesen gab, die schutzbedürftiger waren als der Mensch auf dieser Erde. Sicher haben die Großeltern auch ihre Kinder unterstützt, als sie in den 20er Jahren das Hotel „Deutscher Hof" übernahmen. Es lag im Zentrum des Ortes. Im Haus war ein ziemlich großer Laden, wo man sowohl Kolonialwaren als auch Porzellan, Ketten und kleinere landwirtschaftliche Geräte kaufen konnte. Mehl, Zucker und Rosinen wurden aus großen Schubladen in Tüten abgewogen. Für große Landmaschinen hatte Albert Abromeit noch eine Vertretung der Firma Me. Cormic, was auch gute Kontakte zu den umliegenden Landwirten brachte. |
|
In Altenkirch gab es eigentlich alles, was der Mensch zum Leben brauchte. Eine Apotheke, Drogerie, Bäckerei, den Fleischer Hakelberg und sogar eine Molkerei. Nicht zu vergessen die Gärtnerei Lenuweit und neben der Sparkasse einen Frisör. Drei Lebensmittelgeschäfte deckten den täglichen Bedarf, und bei Schmischkes konnte man Schuhe und Textilien erwerben. Wer mehr Auswahl brauchte, mußte 30 km mit der Bahn nach Tilsit fahren. Am Mittwoch war Wochenmarkt. Da wechselten neben Gemüse, Butter und Eiern auch mal ein Schwein, ein Kalb oder gar ein Fohlen seinen Besitzer. Man traf Bekannte für einen Schwatz, und wenn alle Dinge erledigt waren, gönnte man sich eine Stärkung bei Abromeits. Es gab einen Kreis, der ging nicht erst ins Restaurant, sondern gleich zu Adolf Abromeit ins Kontor. Dieses Kontor hatte neben deckenhohen Einbauschränken und einem Schreibtisch mit gedrechselten Verzierungen auch noch zwei Tische, an denen gut zwei Skatrunden Platz hatten. Hier trafen die Landwirte zusammen, der Brandwether, der Budopöner, der Gaistauder und andere. Hatte man sich mit einem guten Essen gestärkt, lagen auch schon die Karten auf dem Tisch, es versprach ein gemütlicher Nachmittag zu werden. Wichtiger als das Karteln war ein guter Meinungsaustausch, in diesem Kreis konnte man sich vertrauen. Pferd und Wagen waren in der Remise gut versorgt. Am Sonntag dagegen war im eher privaten Bereich Damentag. Da kamen Frau Schön, Frau Schneidereit, Fräulein Hoffmann, die Schneiderin, die uns Mädchen immer die gleichen Sonntagskleider nähte, so daß wir uns fast wie Geschwister fühlten. Zuerst wurde mit Kaffee und Kuchen bewirtet und dann wurde gemauschelt. Mauscheln war wesentlich unkomplizierter als Skat, deshalb konnten wir Kinder bald mitspielen. Im ersten Stock gab es einen großen Saal, wo einmal im Monat eine Tonfilmvorführung war. Dort habe ich auch meine ersten Filme gesehen. Erst viel später ging ich in Tilsit alleine ins Kino. |
|
Einmal im Jahr gab es einen Ball, der von vielen gerne angenommen wurde. Einer davon ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Da wurden mit Latten an den Wänden Lauben gezimmert, deren Zwischenräume mit gebauschten Servietten ausgefüllt wurden. Es war eine schreckliche Arbeit, doch es gab viele Helfer, und das Ehepaar Schmischke war dabei besonders aktiv. Der Saal sah dann auch sehr festlich aus und es wurde fröhlich gefeiert, obwohl der Krieg schon begonnen hatte. Wir Kinder lebten, auch als wir noch klein waren, immer in dieser Freiheit zwischen dem Haus der Großeltern, dem Hotelbetrieb und Meyhöfers, die über der Apotheke wohnten. Hans Meyhöfer, der aus der Königsberger Gegend kam, hatte sich auf dem Lande als Zahnarzt gut etabliert. Erst kürzlich wurde mir glaubhaft erzählt, daß er seine Patienten vor dem Zahnziehen wählen ließ: "Willst du einen Schnaps oder lieber eine Spritze?" Keine Frage, wofür ein alter Ostpreuße sich entschieden hat. Sie haben die Prozedur aber alle gut überlebt. Hans Meyhöfer machte damals alle technischen Arbeiten selbst, zur großen Zufriedenheit seiner Patienten. Bei Familienfeiern setzte Hans sich gern an das Klavier und schmetterte auch mal die Arie vom Chiantiwein, was die Stimmung anheizte.Manchmal schlichen wir Kinder uns heimlich ins Labor und betrachteten mit leichtem Gruseln die aufgereihten Gebisse. Recht glücklich waren wir, wenn Onkel Göttner, Dietels Patenonkel mit seinem Gig (zweirädriger Einspänner-Wagen) vorbeikam und uns einlud, mit ihm an die Inster zu fahren. Er hatte dort eine Remontekoppel und mußte immer mal nach den Tieren schauen. Immer hatte er dann eine Jackentasche voll Würfelzucker mit. Das wußten die Pferde genau. Einige ganz dreiste versuchten sich den Zucker selbst zu holen. Auch wir Mädchen durften ihnen ein Stück auf der flachen Hand hinreichen. Etwas Herzklopfen hatten wir dabei, doch ganz vorsichtig holten sie sich mit ihrem Samtmaul die Leckerei. Er machte sich einen Spaß daraus, uns die Tiere zählen zu lassen. Doch so aufgeregt wie sie rumgaloppierten, gelang uns das nie. Es waren an die dreißig. Beim ersten Ostpreußentreffen in Hamburg nach dem Krieg traf ich ihn noch einmal. Wir wurden beide von einer langen Menschenschlange geschoben. Er sah mich traurig an und sagte: "Was ist nur aus uns geworden, jetzt bin ich nur noch Knecht". Er war wohl auf einem Bauernhof in Schleswig Holstein gelandet und half dort. Für einen Neuanfang, wie ihn so viele fanden, war er zu alt. Viel zu schnell schob uns die drängende Masse wieder auseinander. |
|
Im Abromeitschen Wäldchen gab es noch einen Schießstand, Anlaß, im Spätsommer ein kleines Schützenfest zu feiern. Hier konnten die Männer unter Beweis stellen, daß sie noch eine ruhige Hand hatten, um ein Gewehr zu führen. Danach konnte man sich am Kiosk mit Getränken und Imbiß versorgen. Später am Abend wurde auf einer kleinen Holzbühne sogar das Tanzbein geschwungen. Für uns Kinder wurde auf dem Sportplatz ein Karussell aufgebaut, nicht nur für die Kinder. Meist hatten wir uns vorher mit Negerküssen vollgestopft, die besonders frisch aus Tilsit angeliefert wurden. So dauerte es gar nicht lange, bis uns richtig übel wurde. Zum Glück wohnte gleich nebenan die Oma, die uns in ihrer gutmütigen Art tröstete und zu helfen versuchte. Es war ein gutes Miteinander im Dorf, auch die aus dem Rheinland an die Mittelschule versetzten jungen Lehrerinnen lebten sich schnell ein. Am Abend in der Dämmerung, wenn er seine Praxis geschlossen hatte, kam auch Dr. Bär oft noch auf ein Glas Wein rüber. Der einstige Großstädter, er kam aus Berlin mit seiner Haushälterin Fräulein Augustin, brauchte wohl nach einem langen Arbeitstag ein bißchen Geselligkeit. Denn auch er betreute seine Patienten im weiten Umkreis sehr sorgfältig. Dieses gute Miteinander im Dorf sollte aber nicht ewig andauern. Natürlich hat der Alltag die Menschen auch gefordert. Schon zogen dunkle Kriegswolken am Himmel auf. Das Chaos stand bereits vor der Tür. |
| Autor : © 2008 Liane Schiffel-Gorgel Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 83/2008 |