Erinnerungen
Der 22. Juni 1941 in der Erinnerung eines damals Zehnjährigen
von Dieter Podszus

Der Ausbruch des Krieges gegen die Sowjetunion am 22. Juni vor 65 Jahren war der Anfang einer Entwicklung, die mein Leben und das meiner ostpreußischen Landsleute grundlegend verändern sollte. Die darauf folgenden Ereignisse führten letztendlich zu Flucht, Vertreibung und zum Verlust der Heimat. Der 22. Juni 1941 und die Zeit davor haben gerade deshalb Spuren in meiner Erinnerung hinterlassen.

Aus meiner Sicht begannen von deutscher Seite die Angriffsvorbereitungen bereits im Spätherbst 1940. Damals kreiste ein "Fieseler Storch" (Aufklärungsflugzeug) über meinem Heimatdorf Altenkirch, setzte dann auch noch zur Landung an und verschwand hinter einer Hecke im Dreieck Neusiedel, Gerslinden und Branden. Für uns Jungen war das natürlich eine spannende Angelegenheit. Querfeldein über Sturzäcker und Gräben liefen wir zu der vermeintlichen Landestelle. Als wir dort angelangt waren, konnten wir die Maschine gerade noch beim Starten beobachten. Genau an dieser Stelle entstand später ein Feldflugplatz, dessen Kommandeur der berühmte Jagdflieger Mölders gewesen sein sollte.

Für uns Viertklässler begann im Februar 1941 eine aufregende Zeit. In jenem Monat wurde zu unserer großen Freude die Schule geschlossen und eine Baukompanie der Luftwaffe darin einquartiert. Diese Kompanie marschierte täglich von Altenkirch über Neusiedel auf ein Gelände, das meines Erachtens zum Vorwerk Gerslinden gehörte, um dort die Bauarbeiten für den geplanten Feldflugplatz durchzuführen. Kompaniechef war ein Oberleutnant der Reserve, der im Zivilberuf Bauingenieur war. An dem theoretischen Unterricht, den er seinen Soldaten erteilte, durften wir teilnehmen. Gemerkt habe ich mir davon, daß ein Bautrupp einen Balken nicht im Gleichschritt tragen darf. Nachdem die Bausoldaten auf dem Flugplatzgelände eine entsprechende Anzahl von Baracken errichtet hatten, räumten sie noch im März die Schule, um die Bauarbeiten von dort aus fortzusetzen. Damit war aber die Zeit unseres unbeschwerten Daseins keineswegs zu Ende. Eine bespannte Artillerieeinheit bezog jetzt Quartier in unserer Schule und in den oberen Räumen des Pfarrhauses.

Die Artilleristen stammten aus Schleswig-Holstein und dem westlichen Mecklenburg. Mit ihren Gespannen halfen sie bei der Frühjahrsbestellung. Auch sie brachten Abwechslung in unser Leben. An den Wochenenden veranstalteten die Offiziere des öfteren Reitturniere mit Hindernisspringen auf unserem Sportplatz. Wir durften auch ihren Gefechtsübungen zuschauen. So zog die Batterie eines Tages nach Gindwillen. Auf einer Wiese in der Nähe der Inster übte sie das Instellungbringen der Geschütze. In scharfem Trapp zogen die von vier Pferden gezogenen Geschütze eine Kehre. Die Bedienungen protzten in Sekundenschnelle die Geschütze ab, die Gespannführer galoppierten mit ihren Pferden vom Platz, die Telefonverbindung war zu den vorausgerittenen vorgeschobenen Beobachtern von dem Nachrichtentrupp in kurzer Zeit hergestellt worden, der Meßtrupp gab die Richtwerte an die Geschützführer, die den Richtkanonieren das Einstellen der Richtwerte befahlen. Die Ladekanoniere schoben Kartuschen ohne Granaten in die Geschütze und auf den Befehl "Feuerfrei!" gab es einen ohrenbetäubenden Knall. All das war für uns Zehnjährige natürlich viel spannender als Schulunterricht und hätte immer so weitergehen können.

Ab März zogen dann immer nur nachts Infanterieeinheiten in Bataillonstärke durch unser Dorf. Zunächst kamen sie in Abständen von 8-14 Tagen, dann 2-3mal in der Woche, schließlich in jeder Nacht und zuletzt auch am Tage. Dieser nächtliche Durchzug hatte etwas Gespenstiges an sich. Die Bevölkerung versuchte man durch die Verbreitung eines Gerüchtes zu beruhigen. Dieses besagte, daß die russische Regierung den Deutschen den Durchmarsch durch das russische Territorium erlaubt hätte, damit deutsche Truppen die Engländer in ihren indischen Kolonien angreifen konnten. In der letzten Woche vor dem 22. Juni zogen am Tage unentwegt motorisierte Einheiten an uns vorüber. Fahrzeuge aller Art konnte man da sehen: LKW, Mannschaftstransportfahrzeuge der motorisierten Infanterie, Nachrichtenfahrzeuge, Werkstattwagen von Reparatureinheiten, Kradschützen, eine Radfahrschwadron, deren Offiziere auf Krädern fuhren, ja sogar große Busse, in denen Stabsoffiziere an Kartentischen saßen.

Der Strom der Fahrzeugkolonnen schien kein Ende zu nehmen. In der Nacht vor dem Angriff fuhren in der Dunkelheit schließlich noch Panzer durch Altenkirch. Während dieser Nacht hatte auch die bespannte Artillerieeinheit unser Dorf verlassen. In den Morgenstunden des 22. Juni wurde ich durch heftiges Donnern, das ich zunächst für ein Gewitter hielt, geweckt. Ich ging dann in das zur Straße gelegene Wohnzimmer. Der Blick aus dem Fenster jagte mir einen heftigen Schreck ein. Vor unserem Haus standen einige Sanitätsfahrzeuge in Fahrtrichtung Neusiedel. Offenbar waren darin die ersten Verwundeten des ausgebrochenen Krieges. In den Hauseingängen von Griksch, Tolksdorf, Riechert und Kopplin sah ich Soldaten, die ihre Stahlhelme aufgesetzt hatten und Gewehre in der Hand hielten. Auf dem Dorfanger von uns gegenüber auf der anderen Straßenseite war ein auf einem Dreifuß montiertes Maschinengewehr in Stellung gebracht worden. Die Soldaten, die dahinter knieten und ebenfalls Stahlhelme aufhatten, richteten das Maschinengewehr nach oben und beobachten den Himmel. Als ich nun auch nach oben schaute, sah ich Bomben vom Himmel herabfallen. In meiner Wahrnehmung damals waren die Bomben nicht größer als 10 cm. Ich dachte, die Bomben fallen auf das Haus von Kopplin und duckte mich unter das Fenster. Dann erfolgte ein großes Krachen. Aber die Bomben waren nicht auf das Haus von Kopplin gefallen, sondern ungefähr 1 ½ -2 km entfernt in der Nähe von Schurfelde. Dort stand zu der Zeit eine Tankwagenkolonne, die sich von Schurfelde her durch unser Dorf hindurch bis nach Gaistauden hin erstreckte. Eine russische Bomberstaffel hatte diese Nachschubeinheit also bereits am 22. Juni noch vor 7 Uhr angegriffen. Es wurde jedoch kein Fahrzeug getroffen. Sämtliche Bomben schlugen auf freiem Feld ein und hinterließen tiefe Trichter, die wir dann später bestaunten. Am 22 Juni konnte man noch deutlich den Donner der Front hören. Aber diese Geräusche wurden von Tag zu Tag leiser und waren nach 3 oder 4 Tagen nicht mehr zu hören.

Ungefähr 8 Tage später gab es noch einmal eine Aufregung. Eine sowjetische Bomberstaffel war im Anflug. Ungefähr 10 km von Altenkirch entfernt wurde sie von den Maschinen des Jagdgeschwaders Mölders abgefangen und restlos abgeschossen. Ich kann mich daran erinnern, daß Einwohner unseres Dorfes auf einem Scheunendach standen und diesem Luftkampf zuschauten. Danach kehrte bei uns tiefster Friede ein.


Erst im Frühjahr 1943, also nach der Niederlage von Stalingrad, tauchten die ersten sowjetischen Flugzeuge nachts wieder auf. Sie sollen von der Ostseeinsel Moon gekommen sein und warfen Flugblätter ab, die wir dann aufsammeln mußten. Auf diesen Flugblättern berichtete man über die Niederlage von Stalingrad und nannte auch Namen von Offizieren, die bei Stalingrad in Gefangenschaft geraten waren. So erfuhren wir auch, daß sich der Generalfeldmarschall Paulus in sowjetischer Kriegsgefangenschaft befand.

1943 wurde auch Tilsit bombardiert. Der Bahnhof Neusiedel war in dieser Zeit ebenfalls das Ziel eines sowjetischen Bombenabwurfs. Aber auch hier schlugen die Bomben auf freiem Feld ein. Die russischen Maschinen erschienen 1943 nur nachts. Eine Anzahl dieser Maschinen wurde damals noch durch deutsche Nachtjäger abgeschossen. Oft konnten wir sehen, wie diese Maschinen nachts wie brennende Fackeln vom Himmel fielen. Später war dann, wohl erst im Frühjahr 1944, ein Trupp italienischer Badogliosoldaten in Gottners Scheune stationiert. Diese sammelten die Wrackteile mit einem langen Tieflader auf. Beim Anflug der russischen Maschinen wurde auch regelmäßig Fliegeralarm ausgelöst. Der Nachtwächter Leiwat zog dann mit einer auf einem Dreifuß befestigten Sirene durch das Dorf. In bestimmten Abständen blieb er stehen und betätigte die Sirene durch Drehen einer Handkurbel.

Nach meinen persönlichen Erlebnissen konnte ich zu der Schlußfolgerung gelangen, daß die Schuld für den deutsch-sowjetischen Krieg auf deutscher Seite zu suchen ist. Der bekannte Journalist Rudolf Augstein hatte ja auch, anläßlich des 60sten Jahrestages des Angriffs auf die SU in Moskauer Archiven nach Hinweisen auf einen bevorstehenden Angriff der Roten Armee im Sommer 1941 gesucht und sei nicht fündig geworden. Es mag ja sein, daß Augstein für diesen Zeitpunkt keinen Hinweis auf einen bevorstehenden Angriff gefunden hat. Wer aber die Theorie des Marxismus-Leninismus und die daraus resultierende sozialistische Militärdoktrin kennt und außerdem den Geschichtsverlauf von 1917 an bis zum Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus berücksichtigt, wird zugeben, daß ein sowjetischer Angriff, wenn auch zu einem späteren Zeitpunkt, durchaus wahrscheinlich gewesen wäre. Nicht umsonst hat die damalige polnische Regierung - und das ist nun wiederum eine Tatsache - das sowjetische Hilfsangebot mit dem damit verbundenen Durchmarschsrecht der Roten Armee durch Polen abgelehnt. Die Polen fürchteten nämlich, daß die Anwesenheit der Roten Armee in ihrem Land die Etablierung eines sozialistischen Systems zur Folge haben könnte, was ja dann auch nach 1945 der Fall war.

Die Entstehung der Volksrepubliken nach 1945 im Machtbereich der Roten Armee sowie die Einverleibung der Baltischen Staaten in die Sowjetunion beweisen doch eindeutig die Expansionsbestrebungen der sowjetischen Führung. Auf der anderen Seite war ja auch die These vom Lebensraum, den das deutsche Volk im Osten zu beanspruchen hat, Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie. Beide Systeme waren - allerdings aus unterschiedlichen Motiven - auf Expansion bedacht. Der Zusammenprall dieser Systeme war unvermeidlich.

In seinem Buch "Roosevelts Krieg" schreibt Dirk Bavendamm hierzu:

"Präsident Roosevelt hatte das Ereignis dank der Informationen, die er auf Umwegen von einem Dr. Erwin Respondek erhielt, seit Januar kommen sehen. Respondek, ein Nazigegner, früher Anhänger Brünnings und Reichstagsabgeorneter der Zentrumspartei, hatte Zugang zu Generalstabschef Halder. Von dort über den Handelsattache der amerikanischen Botschaft in Berlin, E. Woods, gelangten wichtige Erkenntnisse über Hitlers Aufmarschplan BARBAROSSA in das Weiße Haus. Es war das Material, aus dem Roosevelt bei seiner Warnung im März 1941 an Stalin schöpfte."

Seit März 1941 erfolgte also der Aufmarsch der Deutschen Wehrmacht und der Roten Armee parallel zueinander.

Autor: © 2006 Dieter Podszus, D-98646 Reurieth
Quelle:
Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 78/2006

Erinnerungen



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 02.06.2006

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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 29. November 2010