Aus vergangen Tagen:
Schulweg von Preußwalde (Prusgirren) über Gaistauden nach Altenkirch (Budwethen)
von Rudi Lemke

Da man von unserer Ortschaft Altenkirch relativ wenig hört, zumal es auch noch der Hauptort von 28 Kirchspielgemeinschaften war, möchte ich hiermit erreichen, daß alte Budwether von meinem Beitrag partizipieren und mich in Gedanken zur Altenkirchner Schule begleiten. Man soll solche Erlebnisse, Darstellungen und Erinnerungen nicht in der Schublade verstecken, zumal die Einschläge unserer Jahrgänge immer näher kommen. Unsere Nachkommen könnten sich vielleicht für solche Heimatgeschichten interessieren.

Ich beschrieb diesen Schulweg auf einem runden Geburtstag für meine ehemalige Schulkameradin Magdalene Bornemann geborene Ehlert aus Preußwalde, früher Prusgirren.

Ich schrieb:

Liebe Magdalene, anläßlich Deines 60. Geburtstages möchte ich mit diesen Zeilen Dich gedanklich in die alte Heimat entführen und gleichzeitig Dein und mein Erinnerungsvermögen überprüfen. Ich habe mir vorgenommen, Dir keine Laudatio zu halten, sondern Dir eine kleine Biographie und überwiegend eine Beschreibung Deines Schulweges zu geben. Es liegt mir auch fern, etwas Schmalziges, verbunden mit Wipfelrauschen und wogenden Getreidefeldern in diese Zeilen reinzubringen. Ich glaube, wir beide sind realistisch veranlagt und überlassen die romantischen Verse und Schilderungen der einmalig schönen und unvergeßlichen ostpreußischen Heimat unseren prädestinierten Dichtern und Lyrikern. Wir beide kennen unser Ostpreußen und lieben es.

Nu huck Di mol hen un las dat all, wat eck Di schriew, en Ruh dorch. (Übersetzung: Nun setzt Dich mal hin und lies das alles, was ich Dir schreibe, in Ruhe durch.)

Der 5. Dezember 1926 war ein markanter Tag für Deine Eltern in der kleinen Ortschaft Preußwalde, im schönen Ostpreußen im Kreis Tilsit-Ragnit. Da nun Landwirte gerne für die Zukunft planen, gaben sich Deine Eltern mit der Geburt einer Tochter nicht zufrieden und siehe da, ein Stammhalter folgte bald. Damit war das Soll der Familienplanung erfüllt. Es ist mir leider nicht vergönnt, eine Biographie von Deiner Geburt an bis zum Schulbeginn in der Mittelschule in Altenkirch zu machen, denn vorher hab ich Dich ja nicht gekannt. Vielleicht war es auch gut so, denn als wir uns durch die Schule kennenlernten - es war ja eine gemischte Klasse - gehörtest Du schon von Deiner Konstitution her gesehen zu denen, die man nicht unbeachtet lassen konnte. Eine frühere Begegnung hätte uns Anlaß gegeben, im Sandkasten zu spielen oder uns Märchen zu erzählen. Ich habe schon so oft über Deinen weiten Schulweg nachgedacht. Von Eurem Hof bis zur Hauptstraße, die von Eggleningken nach Altenkirch führte, war es schon ein kleiner Fußmarsch. An der Gaistauder Schule und Schmiede von Scharlowski vorbei, dann links Josupeits, gegenüber Krass und denen vis-a-vis Kleinkes. An der Straße der Teich, auf dem wir, wenn wir Tante Rausch und Onkel Willhelm im Winter besuchten, kreugeln gingen. Jugendliche und auch Ältere, Gespannführer, Schweizer, Dienstmädchen, Söhne und Töchter von den umliegenden Bauernhöfen und Gütern erfreuten sich am Schlittschuh- und Schienchelaufen, Schorren und Schlittenfahren auf dem relativ großen Teich. Besonders schön war's, wenn es so langsam düster wurde. Der Mond und die Sterne spendeten ihre romantische Beleuchtung. Der Schnee knirschte, die Nase lief, es wurde dauernd geschnüffelt, ein Teil des Gesichts war rot und sorgfältig durchblutet. Siehst, liebe Magdalene, so geht's, schon bin ich etwas vom Schulweg-Thema abgewichen, aber wenn ich mich in diese heimatliche Landschaft reindenke, dann bin ich nicht mehr zu bremsen.

Es fließt mir alles so leicht aus der Feder, und da bleibt ein kleiner Schwenker nicht aus.

So, nun will ich Deinen langen Schulweg weiter verfolgen. Vom Gaistauder Teich geht's Richtung Altenkirch. Links und rechts riesige Felder. Auf der linken Seite das große Vorwerk von Haeses. Es kam mir immer wieder vor wie ein kleines Fort. Dieses Vorwerk war ein typisches durchorganisiertes, selbständiges Unternehmen mit allen Berufsgruppen, die es in der Landwirtschaft gibt, angefangen von Instleuten, die vom Deputat lebten, bis zum Inspektor und Kämmerer. Über diesen Betrieb könnte ich noch sehr viel schreiben, weil ich selbst in den Somrnerferien beim Weiterfahrer für einen Tageslohn von 50 Pfennig geholfen habe. Dein Schulweg geht weiter, auf derselben Vorwerkseite liegt etwas abwärts von der asphaltierten Straße, inmitten der großen Roßgärten ein kleines eingezäuntes Misch- und Nadelholzwäldchen. Dieses war besonders für uns Buben ein Spielparadies, für alle Kletterarten, Bauen von Hochständen und ideal für das bekannte Spiel „Räuber und Gendarm".

Du gehst oder fährst weiter, um rechtzeitig in die Schule zu kommen. Rechts das erste Haus von Altenkirch, dort wohnten Gunberts und der Schneider Briegel mit den Töchtern Nanni und Dora. Dann auf der linken Seite die zweitgrößte Ziegelei von Ostpreußen, die Dampfziegelei Haese. Dort waren 100 Mitarbeiter beschäftigt, die von weit her kamen und auch in einem Männerhaus auf dem Ziegeleigelände wohnten.

Dabei fallen mir auch einige Namen der Ziegeleiarbeiter ein, wie: Herr Schlauer, er hat, aufgrund seiner schweren Arbeit, sehr viel essen können, z.B. 10 gekochte Eier zu einer Mahlzeit. Dann Herr Hasenbein, Seeger, Wachsmuth, Sinnecker, Simon, Hornowski. Es waren alles redliche Menschen, aber originell. Auf der Ziegelei wurden 12 Sorten von Baumaterialien, wie Rohre, Ziegelsteine, Dachpfannen und Fliesen gefertigt. Über die Spielerlebnisse auf dem Ziegeleihof unter Inanspruchnahme sämtlicher Einrichtungen, wie z.B. Ziegelschuppen, Aufzüge, Ringofen, Maschinenhaus und Faschinenbad, es wurde vom Kühlwasser der Dampfturbinen gespeist, Loren, Rampen, die zum Ofen führten etc., etc.. Über diese Erlebnisse, die manchmal haarscharf an Unfällen mit besorgniserregendem Ende vorbeigingen, könnte ich noch sehr viel schreiben. Meine Eltern waren manchmal in Sorge, denn das Ziegeleigelände war riesengroß, es umfaßte ca. 4 Morgen. Ich habe mich wieder vom Schulweg-Thema ablenken lassen. Zwischendurch muß ich Dich fragen, was hast Du gedacht, als Du an unserem Haus vorbeigegangen bzw. gefahren bist? Hattest Du Herzklopfen oder hab ich es mir eingebildet? Auf jeden Fall hast es bald geschafft bis zur Schule. Um wieder Einwohnernamen zu nennen, die mit in unserem Haus wohnten, werden die Erinnerungen noch intensiver. Im Haus wohnten: Hochwald, später Kensy, Kaewel, später Wohlgemuth, Manglitz, später Kurras, wir wohnten am längsten dort. Uns gegenüber war die Schlosserei Bender, Gawehns, Serun, er war der Haus- und Grundbesitzer und hatte ein Taxiunternehmen. Im selben Haus wohnte noch der Polizeiwachtmeister mit dem Namen Tachilzig, ein typischer preußischer Polizist wie aus dem Bilderbuch. Ausgestattet mit einem reinrassigen braunen Trakehner, ein Pferd mit den besten Eigenschaften. Auch wenn er mit seinem breiten Schnurrbart, den er gut gepflegt und oft gezwirbelt hat, hoch zu Roß aufsaß, das Zaumzeug knarrte, das Pferd reagierte auf jede Bewegung des Reiters, war es immer ein ästhetischer Genuß, diesem Ausritt zuzuschauen. Dein Schulweg ist immer noch nicht beendet. Zwischen der Ziegelei und Haeses Herrschaftshaus, also auf der linken Seite, war ein Roßgarten mit einem Teich. Dann kam das langgestreckte Haus, wo Bublats und Blocks wohnten, übrigens von außen nicht erkennbar, stand Haeses Eiskeller. Das Eis aus den Teichen wurde in große Eiswürfel gesägt und mit Pferdeschlitten in den Eiskeller gefahren. Dort wurden Lebensmittel, Getränke etc. gekühlt. Die Idee und Einrichtung war sehr praktisch. Die Zufahrt zu Haeses Haus und Hof trennten Wohnhaus und Eiskeller.

Haeses Haus stellte sich als Herrenhaus mit aristokratischem Stil dar, es besaß insgesamt 36 Räume. Die Russen haben nach dem Krieg ein Waisenhaus daraus gemacht. Es wäre zu bemerken, daß Frau Haese 6 Söhne hatte. Über dieses Anwesen gäbe es viel zu schreiben, zumal meine Schwester Gretel jahrelang in dem Haus als Stütze beschäftigt war.

Die Schule hast Du immer noch nicht erreicht. Gegenüber von Haeses Haus wohnte der alte Herr Abromeit mit seiner Haushälterin. Er war schon zu unserer Zeit ein alter Mann mit langem, schneeweißen Bart. Dort wohnte auch unsere beste Lehrerin Ursula Semlies. Wir wechseln wieder die Straßenseiten.

An Haeses Haus schloß sich der große Park an bis zur Straße, die nach Dilben, Lindicken und Abschruten führte. Auf der anderen Seite dieser Dilbener Straße kam Wertmanns Roßgarten und umrahmte den Altenkirchener Friedhof mit dem auffallend großen Findling, auf dem viele Namen ehemaliger im 1. Weltkrieg gefallener Soldaten eingemeißelt waren.


Wir gehen gedanklich wieder zurück zum Grundstück Abromeit, denn daran schlössen sich der Sportplatz mit dem einmalig schönen Wäldchen und dem darin gelegenen Tanzsaal, Verkaufshäuschen und Schießstand an. Aus dieser Entfernung konntest Du die Schule sehen, aber es waren immer noch einige Meter zurückzulegen. Du kamst an einem einzeln stehenden Haus gegenüber vom Friedhof vorbei, dort wohnte eine Familie Peuz. Es schloß sich dann ein Roßgarten von Wertmanns an mit einem großen Anwesen: Ställe, Scheunen und Wohnhaus. Mit Abschluß dieses Anwesens warst Du schon mitten im Dort. Wechseln wir noch mal die Straßenseite, um Deinen Schulweg lückenlos zu beschreiben, ab der Ziegelei hatten wir denselben Weg. Nach dem Friedhof kam ein Stück Roßgarten. Dieses Stück Weidegarten hab ich noch gut in Erinnerung, weil dort alljährlich Pferde, insbesondere Remonte, alles Wertmannsche Zucht, an die Wehrmacht verkauft wurden. An dieses Stück Roßgarten schlössen sich dann die Grundstücke von Kaewel, Elektro- und Radiogeschäft, und von Dr. Bär an. Dann kam die Fleischerei Hakelberg. Die Besitzerin dieses Geschäftes war dadurch bekannt, weil sie beim Verkauf von Fleisch- und Wurstwaren zu allen Kunden sagte: "Es ist für ein Dittchen mehr". Ob es tatsächlich mehr war, haben damals schon viele Kunden angezweifelt. Gegenüber von Hakelbergs stand das bekannte Hotel "Deutsches Haus" von Abromeit mit großem Kolonialwarengeschäft, Restaurant und Tankstelle. Um die Reihenfolge der Schulwegbeschreibung einzuhalten, möchte ich systematisch fortfahren und auf der rechten Straßenseite bleiben. Also wie bereits erwähnt, nach Abromeits schloß sich das große Anwesen von Wertmanns an, und danach warst du endlich in der Mittelschule Altenkirch. Ein schöner, von beiden Seiten mit Hecken eingerahmter Weg führte zum Schulhof und somit zu den Klassenräumen. Ab Hakelbergs möchte ich die Beschreibung noch vervollständigen. Also auf der linken Straßenseite fahren wir fort. Mit der Drogerie Kalau, dann ein Tapezier- und Polstergeschäft. Es schloß sich ein Wohnhaus einer alten Dame, Frau Hirscher, an. Etwas von der Straße zurückgebaut stand das große und dominierende Textil- und Bekleidungskaufhaus Breude, Herr Schmischke war der Geschäftsstellenleiter. Im selben Haus wohnte mein Onkel Georg Schulz, der sein Malergeschäft in einem Nebengebäude hatte. An dieses Kaufhausgebäude schloß sich der Kirchhofgarten an, mit einer der ältesten evangelischen Kirchen in Ostpreußen, daher trägt auch unser Kirchspieldorf den Namen Altenkirch. Der Kirchhofgarten grenzte an den Pfarrgarten mit sämtlichen baulichen Anlagen des Pfarrhauses. Hier will ich die Schulwegbeschreibung beenden, denn gegenüber vom Pfarrgelände begann die Zufahrt zur Schule.

Mit Erlebnissen vom täglichen Schulablauf will ich versuchen, meine Erinnerungen an unsere schöne Schulzeit wachzurufen. Zunächst einige Namen unserer Lehrer, die ich noch in meinem Gedächtnis behalten habe; Herr Sehrnig, Frl. Hecht, Frl. Semlies, Frl. Möhring, merkste, mehr weiß ich nicht, vielleicht hast Du noch mehr im Kopf. Wenn ich heute einen Rückblick halte, dann muß ich feststellen, daß wir sehr gute Lehrkräfte hatten, die in jeder Beziehung vorbildlich waren. Es waren gute Theologen und Pädagogen. Wir können uns heute noch recht herzlich bedanken, denn ich meine, diese Lehrkräfte gaben uns die Lebensgrundlage. Dazu gehörten u.a. auch die Anstandsregeln.

Nun will ich mich insbesondere auf das Innenleben unserer Klasse beziehen und Erlebnisse wiedergeben. Um uns das alles besser zu gegenwärtigen, will ich die Namen der Jungen und Mädchen aufführen; Ernst Guttmann, Harald Stepputat, Götz Koch, Rudi Lemke, Herbert Preuss, Hanfried Brandstäter, Gerhard Jabs, Hans Schild und Günter Hornowski, Magdalene Ehlert, Elli Steppat, Ruth Josupeit, Hella Klausberger, Hilde Klimberg.

Unsere Schule war ganz neu gebaut und die Klassenzimmer mit modernen Möbeln ausgestattet. Die Jungen saßen auf der linken Fensterseite und die Mädchen auf der rechten Kachelofenseite. Es saßen jeweils zwei Schüler in einer Bank. Nur der Gang in der Mitte hielt uns Jungen und Mädchen auf Distanz. Das ersehnte akustische Pausenzeichen gab uns dann Gelegenheit, mit Euch schönen und knackigen Mädchen zu schäkern oder uns aufzuspielen, anzugeben, denn wir wollten ja bei Euch Eindruck schinden. Derartige Verhaltensweisen von jungen Menschen haben sich bis zum heutigen Tage nicht geändert, und es ist das Natürlichste von der Welt. Je älter und reifer wir wurden, neigten wir immer mehr dazu, Euch möglichst hautnah zu begegnen. Die Nische am Kachelofen bot sich direkt an, um dort die Distanz zwischen den beiden Geschlechtern so klein wie möglich zu halten. Wenn ich heute darüber nachdenke, dann waren diese Berührungsphasen mit Euch Mädchen so harmlos. Es war eine Zeitspanne nach einem natürlichen Pupertätsablauf ohne Sexualaufklärung.

Wir gaben unserem Rektor Sehring nicht viel Anlaß, uns zu tadeln. Aber einige Bubenstreiche von etwas größeren Ausmaßen blieben nicht aus, Einzelheiten kennst Du ja selbst. Es brachte uns Rügen und Eintragungen ein. Aber unsere Klassenkameradschaft zwischen Jungen und Mädchen war einmalig, dafür danke ich Euch heute noch, Ihr habt uns nie verraten. Wir hielten doch alle zusammen wie Pech und Schwefel, dies war auch in der ganzen Schule bekannt. Bis zum Abschluß der "Mittleren Reife" blieb dieser Zusammenhalt bestehen, was man im allgemeinen selten findet.

Der 1939 ausgebrochene 2. Weltkrieg forderte auch von uns seinen Tribut. Die meisten Jungen unserer Klasse meldeten sich freiwillig zur Wehrmacht oder wurden zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Ab diesem Zeitpunkt war dann der Kontakt zwischen uns allen zum Teil gestört, unterbrochen oder total abgebrochen. Flucht, Elend, Entbehrungen, Schmerz und Leid mußten fast alle Menschen während des schrecklichen Weltkrieges ertragen. Aber gerade diese erbarmungslose Zeit hat die Menschen unserer Jahrgänge geprägt, sie so erfinderisch, kreativer und hart im Nehmen und Geben gemacht. Es würde zu weit führen, über dieses Thema ausführlich zu berichten.

Nach Kriegsende versuchten nun alle Menschen, sich wiederzufinden. Du, liebe Magdalene, gehörtest auch zu denen, die die Suche nach Verwandten, Bekannten und Klassenkameraden nicht aufgaben und mit einer leidenschaftlicher Intensität alles Menschenmögliche unternahmen, um ein Wiedersehen zu erreichen. Da Du eine Kämpfernatur bist, hast Du viele Menschen wiedergesehen und dadurch auch viele zusammengeführt. Unser erstes Wiedersehen war auf der „Hohen Mark" in Oberursel. Die Leiterin dieses Erholungszentrums war Schwester Pleik, und Schwester Auguste Pluschke versah dort auch ihren Dienst. Seit dieser Zeit korrespondierten wir bis heute und machten Gegenbesuche. Im Jahre 1976, anlässlich unseres 50. Geburtstages, warst Du wieder die Initiatorin, die ein gelungenes Fest in dem schönen Bungalow in Harpstedt bei Bremen arrangiert und gut organisiert hatte. Der Abschluß dieser Geburtstagsparty endete mit einem Mittagessen in einem schönen Bremer Lokal. Von dort aus verabschiedeten wir uns alle, und der graue Alltag nahm uns wieder in Beschlag. Für mich war es ein gelungenes und unvergeßliches Erlebnis. Ich sage Dir heute noch ein herzliches Dankeschön.

Seit dieser Zeit hat sich, sei es im engsten Familien-, Verwandten- und Bekanntenkreis, einiges ge- und verändert. Allein bei Euren und unseren Eltern, Kindern und Geschwistern haben sich einige Veränderungen ergeben. Die neutrale Schweiz wurde Dir und Deiner Familie zur zweiten Heimat. Ihr wohnt in Flawie in einer sehr schönen und großzügigen Wohnung. Um von dem Alltag Abstand zu gewinnen, habt Ihr eine sehr gemütliche Ferienwohnung in Degersheim ganzjährig angemietet. Ihr gabt uns schon mal die Gelegenheit, dort einen schönen, geruhsamen und erholsamen Urlaub zu erleben. Dabei konnten wir viele schöne Landstriche, Kantone, bekannte Städte und Sehenswürdigkeiten kennen lernen. Wir schwärmen heute noch davon und danken Euch ganz herzlich für dieses günstige Entgegenkommen.

Nun will ich eine Zeitspanne von drei Jahren überspringen und zu meinem 60. Geburtstag am 19.06.1986 zurückkommen. Ich habe es sehr begrüßt und mich sehr gefreut, daß Ihr den weiten Weg anläßlich meines Ehrentages nicht gescheut und mir die Ehre erwiesen habt. Deinen Ausspruch, liebe Magdalene, den Du an meinem 50. Geburtstag gemacht hast, werde ich nie vergessen. Ich hab ihn auch immer wieder bei verschiedenen Gesprächen und Anlässen zitiert, er lautet: „Mit 50 beginnt das Leben!" Dieser Ausspruch beinhaltet so viel Wahrheit. Nun könnte man hierüber lange philosophieren, aber hüllen wir uns in Schweigen und denken eingehend darüber nach.

Das Kirchspieltreffen Altenkirch in Lüneburg 1984 war für uns doch auch ein einmaliges und unvergeßliches Erlebnis. Die Begegnung mit unseren restlichen ehemaligen Schulkameraden, auch mit der unteren Klasse, unserer damaligen Lehrerin Frau Hörich geborene Möhring sowie die Wegbeschreibung von Altenkirch nach Lengwethen von einem Pfarrer und das von allen am Treffen Beteiligten gesungene Ostpreußenlied waren für mich ergreifende Szenen, die ich nie vergessen werde. Das Finale im kleinen Kreise war der Schoppenplausch im schönen historischen Ratskeller von Lüneburg. Da waren wir alle so richtig in unserem Element.

Nun, liebe Magdalene, möchte ich meine heimatliche Rückblende beenden. Zu solch einem runden Geburtstagsfest darf natürlich ein Gedicht nicht fehlen.

Es ist kaum zu glauben aber wahr, nun wirst Du wirklich 60 Jahr.
Wir gratulieren dazu heute
und wünschen weiter sehr viel Freude.
Du hast es mehr als voll, das halbe Hundert,
und wer' s nicht weiß, der ist verwundert,
und glaubt es nicht am äußeren Schein,
man denkt, Du müßtest jünger sein.
Dabei hast Du Dich nie geschont,
bist alle Arbeit längst gewohnt,
und bist auch sonst nicht abstinent,
ich sag es hier, weil man Dich kennt.
Wir wünschen Dir in dieser Stund,
bleib weiterhin so kerngesund
und freu Dich lange Deines Lebens,
denn wer sich grämt, der lebt vergebens.
Sechzig Jahre bist Du nun
und glaubst, es sei schon viel,
Du mußbt noch eine Menge tun,
noch bist Du nicht am Ziel.
Die Zahl 60, die ist rund,
mit hinten einem Kreis,
erleb sie noch mal kerngesund,
wir wissen, das kostet Fleiß.
Doch wie wir alle Dich nun kennen,
so kann dies durchaus auch geschehen,
wir werden Dir die Kniffe nennen
und uns bald wiedersehen.

Zum Schluß will ich, als Dein ehemaliger Schulkamerad und Freund, doch noch eine kleine Ansprache zu Deinem Geburtstag halten und zwar spricht ein Zwilling zum Schützen (vom 23. November bis 21. Dezember):

Liebe Magdalene, es gibt kaum ein höheres Gut, das ein Schützengeborener anerkennt, als die Freiheit. Die unter dem Sternbild des Schützen in das Leben eingetretenen Menschen sind stets dann angenehme Zeitgenossen, wenn man ihnen ihre Freiheit läßt. Und in jedem vom 23.November bis 21. Dezember Geborenen steckt ein Weltenbummler. Ich bemühe hier die Astrologie, da man kaum treffender Deine Charakterzüge darstellen kann, und nirgendwo sind Deine positiven Eigenschaften so kompakt zusammengefaßt, wie in der Erklärung Deines Sternbildes. Du bist, und ich weiß wovon ich spreche, ein typischer Schütze. Wer Dich kennt, der schätzt an Dir Deine Zuvorkommenheit, Deine Hilfsbereitschaft, Deine höfliche Art. Du läßt Dich, ohne Deinen Verstand auszuschalten, von Deinem Gefühl leiten. Deine Umwelt muß immer dann mit Überraschungen rechnen, wenn Du wieder Fernweh und Reiselust verspürst, wenn Du wieder einmal ausbrechen möchtest aus den sicher eingefahrenen Bahnen des täglichen Lebens. Du, liebe Magdalene, weißt, daß Du diese Eigenschaften besitzt, und wir alle sehen, daß Du damit auch gut zurechtkommst. Eine wesentliche Eigenschaft aber zeichnet Dich überdies noch aus: Das Leben ist viel zu schön, als daß Du es Dir durch langanhaltenden Ärger verderben könntest. Selbst bei harten Auseinandersetzungen kann man bei Dir davon ausgehen, daß Du einen Streit schon bald restlos vergessen hast.

Es gibt kaum etwas, was Dir heute noch nicht gewünscht wurde, so daß ich bei meinen Wünschen für Deine Zukunft neben Gesundheit, Glück und Zufriedenheit Dir das wünsche, was Du vermutlich am meisten gebrauchen kannst, nämlich die uneingeschränkte Freiheit, Freiheit des Geistes, Freiheit des Wortes sowie die Möglichkeit, auch mal aus räumlicher Bedrängnis auszubrechen.

"Cest la vie"

In treuer Verbundenheit
Dein ehemaliger Klassenkamerad
Rudi Lemke

Autor: © 2005 Rudi Lemke
Quelle:
Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 75/2004 Seite 104ff

Altenkirch



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 13.01.2005

www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 29. November 2010