Blick über den Memelstrom:
Aus der Geschichte von "Gut Ablenken"
Kreis Tilsit-Ragnit
von Werner Boes

Im Jahre 1614 bereisen die Inspektoren Andreas v. Kreytzen, Gerlach Bandemer und Caspar von Lossau das Gebiet, um das bis dahin nicht genutzte markgräfliche Land gegen entsprechenden Zins zu verpachten oder zu verkaufen. Familie Schwab kauft It. Urkunde zu "köllmischem Recht" einen "Winkel" an der szamaitischen Grenze, zwischen Kuszeiten und Kraulischken gelegen. Diese Hufe ist mit Weiden bewachsen und liegt an der Jura. Preis hundert Mark und jährlich vier Mark Steuern für das Amt, dafür ist das Land "frei von Scharwerk und ändern Beschwer".

Eine weitere Urkunde vom 10. Oktober 1615 besagt, daß dem früheren Hauptmann zu Tauroggen, Jacob Schwab, zu seinem bisherigen Besitz auch eine Hufe bei Krakischken zur Viehweide verliehen ist und dort für Reisende auch eine Fähre über die Jura einrichten und betreiben darf.

Laut Urkunde vom 9. Mai 1661 erklärt Markgraf Johann Sigismund verbindlich für "sich, seine Erben und Nachkommen", daß er seinem Verwalter in Tauroggen, Jacob Schwab, in der Nähe der Dörfer Gillanden und Greiszöhnen im Kreis Ragnit, acht "Hufen Übermaß" (Hufe ein Flächenmaß) verkauft, und das Recht, einen "Krug" (Gastwirtschaft) zu betreiben, übertragen hat. In dieser Urkunde verpflichtet sich Jacob Schwab, für jede Hufe einhundert Mark zu zahlen, sowie für "Kruggerechtigkeit" ebenfalls 100 Mark, gerechnet mit 20 Groschen je Mark, zusammen demnach 900 Mark. Außerdem erhalte das Amt Ragnit jährlich von "jeder Hufe" drei Mark Zins (Steuer) und als "Zapfengeld" (heute Getränkesteuer) fünf Mark jährlich.

All diese Verträge waren von Markgraf Johann Sigismund anerkannt, abgesegnet, bestätigt und im "2. Hausbuch Zeile 379 in Ragnit igrossiert" (man würde heute sagen: notariell beglaubigt und im Grundbuch eingetragen).

Wie wenig aber solche Privilegien, obwohl die jährliche Steuer abgeführt wurde, ihren Besitzer vor Streitigkeiten, selbst vor dem gänzlichen Verlust der betreffenden Krug- oder Fährgerechtigkeiten schützen konnten, zeigt die Geschichte des Gutes der Familie Schwab in Ablenken.

Das Gut mit neun Hufen Land blieb drei Generationen im Besitz der Familie Schwab und kam dann durch Vererbung an die Familie Dreßler. In den Willkischker Kirchenbüchern werden sie während des 17. Jahrhunderts als "Schwabes Erben" gehörend erwähnt. Anfang des 18.Jahrhundert muß der Gewinn des Kruges deutlich zurückgegangen sein. Es heißt, es müsse jetzt "Königliches Bier" ausgeschenkt werden. Ob vorher selbstgebrautes Bier einen höheren Ertrag brachte, ist nur meine Vermutung. Auf jeden Fall berichtet der Amtmann Kühn zu Absteinen am 15. Januar 1726, daß der Cöllmer Dreßler seinen neuerbauten Krug dem König zum Kauf anbietet und meint, es wäre geraten, dieses Schankgebäude von 80 Fuß Länge und 10 Fuß Breite nach Willkischken oder Bittehnen zu versetzen. Immerhin hätte der Krug an Zapfengeld, Erbzins, Scheffel-, Metz- und Lagergeld 16 Thaler 16 Groschen erbracht, was jetzt wohl wegfällt. Die Gumbinner Kammer lehnt ab und befiehlt, einen vereidigten Schanker in den Ablenker Krug einzusetzen.

Im Juli 1727 berichtet Daniel Dreßler an den König, ihm sei auferlegt worden, an dem ihm angrenzenden Fluß Gillanda eine Mühle zu bauen, womit Zimmerleute und Tagelöhner bereits beschäftigt sind. Er erneuert sein Angebot, den vor drei Jahren erbauten neuen Krug zu verkaufen. Wenn das Gebäude über's Feld transportiert und neben die Mühle gesetzt wird, könnte es doch wegen der vorbeikommenden Reisenden und der zu erwarteten Mahlkunden ein profitables Geschäft werden. Den Wert des Kruges beziffert er mit 947 Talern, die er für Baumaterialien und Handwerker verausgabt hätte.

Die Gumbinner Kammer erklärt "zurresolution", daß sie dem König nicht empfehlen könne, den Krug zu erwerben. Außerdem könne der Krug nicht von Ablenken zur Mühle transportiert werden, da weder hierfür noch zum Kauf Geld zur Verfügung steht. Da die Rentabilität des Kruges für Dreßler schlecht bleibt, bittet er mit Schreiben vom 7. Oktober1727 den König wieder um Sondervergünstigungen, die auch anderen Krügern (Wirten) gewährt werden. Wieder erhält er eine Ablehnung.

Am 15. Juni 1730 schickt Daniel Dreßler sein im Archiv von Ragnit gefundenes "Privilegium von 1615" mit der Bitte, seine alte "Freiheit des Bierschankes" wieder gewähren zu wollen. Die Gumbinner Kammer teilt "rigoros" mit, daß ungeachtet der alten Verträge er weiterhin "Amtsbier" ausschenken müsse.

Dreßler bekommt auch Schwierigkeiten mit seinen Rechten, einen Fährbetrieb zu führen. 1739 beschwert sich Georg Kremser, daß seine Fähre bei Szagmanten keinen Zuspruch hat, weil Daniel Dreßler in Ablenken Fremde über die Jura setzt. Diesen Angriff konnte Dreßler jedoch abwehren, weil er nachweisen konnte, daß seine Vorfahren seit Generationen gewissenhaft den Fährdienst geführt haben.

Daniel Dreßler berichtete bereits 1740 einmal an den König, daß seine Vorfahren schon über 100 Jahre auf Ablenken säßen. Als schreibgewandter, streitbarer Herr wird er beschrieben, der die Grundlage des Wohlstandes der Familie Dreßler über Generationen legte. Die Nachkommen der Familie werden teils durch Erbschaft, teils durch Heirat immer wieder als Besitzer der Güter rund um Willkischken genannt.

Daniel Dreßler gibt nicht auf. Er bietet dem König 1744 seinen Krug in Piktupönen mit einem Gebäude von 154 Fuß Länge und 40 Fuß Breite zum Kauf an mit der Bedingung, daß ihm die bisherige "Kruggerechtigkeit" in Ablenken, die ihm 1723 genommen wurde, wieder erteilt würde. (Wie, seit wann und woher Dreßler den Krug in Piktupönen hatte, konnte ich nicht finden). Er bekam tatsächlich sein altes Recht zurück.

Zur Zeit der russischen Invasion im Jahre 1757 war Daniel Dreßler auf seinem Gut in Absteinen. Es wird berichtet, daß er nicht nur das Wirtschaftsgehöft in Flammen aufgehen sah. Von den Russen, die nach Geld suchten, wurde er zu Tode gemartert. Er soll einen eisernen Kasten mit Wertsachen im Jurastrom versenkt haben, was durch einen ungetreuen Knecht den Russen verraten wurde. Seine Gattin, mit glühenden Bolzen gemartert, überlebte. Sie übergab Gut Ablenken dem Gatten ihrer Tochter namens Pilgrim zur Bewirtschaftung, da ihr Sohn Johann Gottlieb das Domänenamt Saalau gepachtet hatte. 1769 starb Pilgrim, und der Sohn Johann Gottlieb übernahm das väterliche Gut.

Durch Testament und nach erfolgter Erbteilung ist aktenkundig, daß 1769 trotz der vor 13 Jahren vollständigen Zerstörung des Gutes durch die Russen neben stattlichen Gebäuden wieder 20 Kühe, 9 Kälber, 10 Pflugochsen, 1 Bulle, 9 junge Ochsen, 16 Arbeitspferde, 10 junge Pferde, 7 Stuten, 6 Füllen, 23 Schafe und 21 große Schweine vorhanden waren.

1770 kaufte Dreßler noch 11 Morgen Land in der Dorfschaft Gillanden zwecks Errichtung einer Windmühle. Diesen Besitz und auch die Wassermühle in Ablenken verkaufte Dreßler 1806 an den ehemaligen Quartiermeister Ernst Putzin für 16.000 Taler. Dieser vergrößerte den Besitz nach und nach erheblich. Leider zerfiel das Anwesen und Putzin verkaufte die Mühle Ablenken 1907 an einen Herrn Kowalsky, der dann das Vorwerk Barsuhnen abtrennte.


Johann Gottlieb Dreßler und seine Frau Johanna Elisabeth geb. Szepanski bestimmten in ihrem Testament den jüngsten Sohn Johann Friedrich zum Erben des Gutes, der es 1805 nach dem Tod des Vaters übernahm. Da sich die Familie wieder in ersichtlich guter Vermögenslage befand, konnten die Geschwister entsprechend ausgezahlt werden.

Es waren: Johanna Beate, vermählt mit Rittmeister von Lockstädt. Ludwig Ferdinand, Oberamtmann in Schreitlaugken. Maria Amalia, vermählt mit Pupillenrat Andrae.

Die Mutter Johanna Elisabeth Dressler geb. Szepanski verstarb im 86. Lebensjahr in Willkischken, als sie gerade zu Besuch ihrer dort wohnenden, verwitweten Tochter Johanna Beate von Lockstedt war. Sohn Johann Friedrich Dreßler, der inzwischen Herr auf Gut Ablenken war, heiratete Dorothea Donalitius, Tochter des Christian Donalitus auf Wischwill. Sie hatten drei Töchter, von denen zwei in jugendlichem Alter an Tuberkulose starben. Die überlebende Tochter Ottilie heiratete Juiius Heimbs, den Besitzer von Gut Polompen, der schon nach kurzer Ehe verstarb. Ihr Sohn Albert Heimbs, geb. 1835, übernahm das großelterliche Gut Ablenken. Mit seiner Frau Anna, geb. Habedank, hatten sie einen Sohn, der wieder Albert hieß, und nach dem Tod des Vaters 1898 Gut Ablenken weiter führte.

Gerade zu diesem Zeitpunkt wurde die heutige Willkischker Kirche als Backsteinbau in neugotischer Bauweise eingeweiht.

Um 1913 hieß der Besitzer des Gutes Ablenken Rohrmoser. Ob der Namenswechsel durch Erbfolge oder Verkauf zustande kam, konnte ich bis jetzt nicht herausfinden. Das Gut zu Stablacken gehörte einer Familie Rohrmoser. Ein Sohn, Ernst Rohrmoser, war zuletzt Stadtbeamter in Königsberg und verstarb 1902 unverheiratet. Ein Max Rohrmoser kaufte am 1.September 1898 den Großgrundbesitz Eggertinnen. Ob aus diesen begüterten Familien der neue Besitzer von Ablenken kommt?


Die Mühle Ablenken

Gut Ablenken: Mühle mit großer Getreidescheune

Der im vorhergehenden Artikel wiederholt genannte Daniel Dreßler errichtete die Mühle im Jahre 1723 und verkaufte sie, wie ebenfalls erwähnt, 1805 an Ernst Putzin. Aus anderen Unterlagen geht hervor, daß die Mühle vorher um die Jahrhundertwende verpachtet gewesen sein muß, also nicht mehr von der Familie Dreßler bewirtschaftet wurde. Als Erbmühlen-Pächter von Ablenken und Besitzer der Wassermühle in Schreitlaugken ist ein mehrseitiges Schreiben eines Christopf Friedrich Dreßler vorhanden. Vermutlich ist er ein Vetter von Daniel Dreßler und verheiratet mit einer geb. Kantius, Schwester des Friedrich August Kantius, geb. 1719 in Spandau, Oberförster in Nassawen.

Die finanzielle Lage der Mühle muß nicht gut gewesen sein. Christoph F. Dreßler schrieb an den König:

Allerdurchlauchtigster Großmächtigster Allergnädigste König und Herr
Ablenken, den 19. Dezember 1781
Erbmühlen-Pächter Dreßler bittet unterthänigst
1. Um die Vergütung von 150 rTlr...................
2. um Zurückzahlung der seit 14 Jahren.........
3. um die gänzliche Niederschlagung...............

Der vielseitige Brief an den König ist uns im Text erhalten geblieben. Im Grunde klagt Dreßler darin ausführlich über die nicht von ihm verschuldete finanzielle Notlage infolge Russenkrieg, Baukosten, Pachtzahlungen usw. Das Gesuch wurde mit Bescheid vom 11. Januar 1782 vom Amt in Gumbinnen abgelehnt. Vermutlich wurde im Laufe der Folgezeit die Mühle unwirtschaftlich, was schließlich im Jahre 1806 zum Verkauf führte.






Wohnhaus der Mühle vor 1944








Wohnhaus im Jahre 2005







Anmerkung:
Frau Hildegard Kieper geb. Baltromejus
Bei einem Telefonat am 31.1.03 erfahren wir:
Frau Kieper war in erster Ehe mit Herrn "Ewald Boll" verheiratet. Ihr Mann war so begeistert von der Mühle in Ablenken, daß beide diese 1943 kauften. Von der Genossenschaft war ein Herr "Kauka" als Verwalter eingesetzt. Weil ihr Mann - Ewald Boll - zur Wehrmacht mußte, blieb Herr Kauka bis zur Flucht Verwalter der Mühle. Sie erinnert sich, daß in der Mühle nicht mehr gemahlen wurde, wohl aber gab es Strom durch Wasserkraft. Frau Kieper bestätigt, daß sich neben der Mühle auch ein Krug befand.
Autor: © 2003 Werner Boes
Bilder: Werner Boes
Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2004 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz

Statistik 1939:
  • Gillanden ( Einw. : 181 ; Fläche : unbekannt).....( litauischer Name: Gilandziai )
    • Ablenken
    • Ablenken, Gut ( litauischer Name: Uplankis )

Anmerkung: Ort und Wohnplätze zugehörig zum Ksp. Laugszarken


Orte nördlich der Memel


© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 25.02.2010
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Samstag, 27. November 2010