AUS EINER SCHLIMMEN ZEIT
Erinnerungen an harte, grausame Kinderjahre

Im November 1944 mußte unser Dorf Groß Perbangen Kirchspiel Breitenstein Kreis Tilsit-Ragnit geräumt werden.

Die Flucht vor den Russen begann mit Pferd und Wagen. Nur ein Blechdach schützte die Familie, unsere Lebensmittel und das Futter für die Pferde vor der Witterung. Die Route führte uns über Breitenstein, Richtung Insterburg über Wehlau nach Schönwalde im Kreis Bartenstein.

Auf Grund der Großoffensive Ende Januar 1945 konnten wir dort nur kurze Zeit verbleiben. Der Treck ging weiter westwärts, jedoch ohne unseren Vater. Dieser wurde zwischenzeitlich zum Volkssturm eingezogen.

Auf den schneevereisten Straßen im Bereich Schippenbeil verloren wir, von Übermüdung gezeichnet, den Anschluß an unsere Gemeinde. Tagelang die Front im Nacken ging es vorbei an Bartenstein Richtung Lansberg bis Worglitten. Hier mußten wir die Hauptstraße wegen des Rückzuges des Militärs verlassen. Auf dem ersten Bauernhof haben meine Mutter, meine Schwester und ich mit weiteren 15-20 Personen in einem Zimmer die Nacht verbracht, darunter auch die Familien Sack und Geißler aus Bartenstein.

In der Nacht zum 2. Februar 1945 rollten russische Panzer durchs Dort. Ein Rotarmist kam ins Zimmer, zerlegte und reinigte seine Waffe. Seine Worte verstanden wir nicht, aber eine Polin opferte sich für sein Verlangen.

Noch im Laufe des Vormittags wurden wir vom Hof vertrieben, eine Einheit Granatwerfer ging im Schutze der Gebäude in Stellung und feuerte aus allen Rohren, welches von der deutschen Wehrmacht erwidert wurde.

Auf der Dorfstraße bot sich ein Bild des Grauens. Zerschossene Flüchtlingswagen, Pferde, die sich noch regten, erschwerten unser Fortkommen. Erst in den Abendstunden standen wir am Ortsausgang von Worglitten. In einem Waldweg verbrachten wir die Nacht, wußten aber nicht, daß im Schutze eines Waldstreifens eine Einheit Stalinorgeln lag. Diese eröffnete ein Trommelfeuer über unsere Köpfe hinweg; Geräusche, die man niemals vergißt.

Der Flüchtlingstreck kam nur schleppend voran, brennende Höfe, Plünderungen, Vergewaltigungen, schreiende Frauen und Kinder waren unsere täglichen Erlebnisse. Ein Mann, der sich auf dem Wagen vor uns befand, wurde von einem Rotarmisten vor unseren Augen auf einem noch in der Kälte dampfenden Misthaufen erschossen.

Auf einem großen Feldstück, Ort vor der Alle, Name nicht bekannt, wurden unzählige Flüchtlingswagen zu einem Treck Richtung Osten aufgestellt.

Radios, Uhren und Wertgegenstände wurden uns abgenommen. Als zweiter Wagen des Trecks mußten wir die zugefrorene Alle überqueren; beim dritten Wagen brach das Eis. Von nun an waren wir uns selbst überlassen. Nach einer Irrfahrt im Schneegestöber über Feldwege, entlang an einem Panzergraben, kamen wir wieder nach Bartenstein. Hier war eine Behelfsbrücke, die wir nicht überqueren durften. Eines Tages kamen fünf Rotarmisten, holten Mutter und mich vom Wagen. Keine 50 m entfernt ging es in ein von Rauhreif befallenes Weidengebüsch am Alle-Ufer. Mutter wurde Opfer dieser Soldaten, und ich wurde dabei festgehalten.

Tage später war Mutter auf der Suche nach Eßbarem, traf dabei auf Frau Sack mit Tochter Gerda, die wie meine Schwester Lisa 19 Jahre alt war.Wir hatten uns in der Nacht zum 2. Februar in Worglitten kennengelernt. Sie boten uns an, in die Reichsstraße 3 einzuziehen, da Wohnungen frei wären, deren Bewohner im Keller erschossen waren oder von der Flucht nicht mehr zurückkamen.

Es war der 19. Februar 1945, an dem wir endlich eine geschlossene Unterkunft für uns hatten. Die Zwangsarbeit begann, durch Schüsse wurden wir geweckt, nach dem zweiten Schießen mußten wir auf der Straße erscheinen und wurden in Gruppen aufgeteilt. Es folgten Demontagearbeiten, sämtliche Maschinen, Geräte, Möbel, Bretter, Kanthölzer der Sägewerke, Getreide aus den Silos Bartenstein und Allenstein wurden auf dem Bahnhof Bartenstein Richtung Rastenburg verladen.

Da wir Jungen von damals auf Grund dieser Tätigkeiten Pferde und Wagen zur Verfügung hatten, wurden hiermit auch Krankentransporte aus Bartenstein Richtung Rastenburg in Quarantänelager für Typhus- und Malariakranke gebracht.

Mit dem Wagen wurden auch die gefallenen Russen aus den Bereichen Bischofsburg, Heilsberg, Bartenstein und Umgebung transportiert und in Massengräbern hinter einer Kaserne in Bartenstein beerdigt.

Soldaten durchsuchten Felder, Wiesen und Schützengräben. Wurde ein Gefallener gefunden, bekam er einen Salutschuß, was für uns bedeutete: ranfahren und aufladen. Den Toten wurden Erkennungsmarke, Papiere, Uhren von den Armen und der Schmuck aus den Taschen genommen.

Es war schon sehr warm, die Verwesung trat ein und so geschah es, als ich beim Herausziehen eines Toten aus dem Schützengraben, was zu viert erfolgte, den Arm in den Händen hatte. Ich habe mich derart übergeben und wollte diese Arbeit nicht mehr machen, denn auch das Ausrichten der Toten, darauf herumzutreten im Massengrab, war für einen 13jährigen grauenhaft.

Am nächsten Morgen habe ich mich auf dem Dach eines Hauses in einer Nebenstraße hinter einem breiten Schornstein versteckt, mit Einsicht auf die Hinterhöfe der Reichsstraße, wo mein Wagen stand. Der Russe mußte selbst die Pferde anspannen, wollte abfahren und saß plötzlich auf einer Schleppe, da ich die Verbindung zwischen Vorder- und Hinterwagen gelöst hatte. Wütend und wild umherschießend hat der Russe den Hof verlassen, Pferde und Wagen blieben zurück. Hiermit endete meine Tätigkeit als Kutscher für die Rote Armee.

In den folgenden Wochen haben andere Jungs und ich schon nachts die Stadt verlassen. Wie verbrachten Tage in einem Boot auf dem Kinkheimer See und angelten. Wir durchsuchten verlassene Bauernhöfe nach Eßbarem. Die Militäreinheiten wechselten, und so trauten wir uns wieder auf die Straße.


Das Elend wurde schlimmer, vor allem bei Frauen mit kleinen Kindern. Mit 3 - 5 gleichaltrigen Jungs, darunter auch Oskar Geisler, haben wir einen kleinen Teil dazu beigetragen, notleidenden Menschen zu helfen. Auf dem Gut Leuden und weiteren Höfen der Umgebung fanden wir noch Kartoffeln, Steckrüben, Futterrüben, getrocknete Rübenschnitzel und Getreide. Das Getreide wurde mit Kaffeemühlen gemahlen, um Brot backen zu können. Der Fischfang in der Alle war spärlich, da die Russen mit Handgranaten den Fischbestand stark dezimiert hatten. Aber ein Prachtexemplar von Wels haben wir dennoch gefangen und durch fünf geteilt.

Mit Milchkännchen in der Hand auf dem Weg zur Ölmühle kam uns eine andere Gruppe Jungs entgegen, sie gaben uns einen Tipp, wo Schinken, Käserollen, Zuckersäcke und andere Lebensmittel lagern. Es war das Verpflegungslager der Russen. Angst kannten wir nicht, durch ein Kellerfenster auf der Rückseite des Gebäudes, das nicht bewacht war, haben wir uns je ein Kännchen Zucker und eine Käserolle mitgenommen.

Bei Viehtrieben der Russen in Richtung Osten wurden versprengte, zurückgebliebene Tiere eingefangen, geschlachtet und verteilt.

Am 9. April 1945 kam unsere Mutter nicht mehr vom Arbeitseinsatz zurück. Lisa und ich waren von nun an ganz allein. Ich bin vielen Frauen nachgelaufen, Mutter hatte lange dunkle Haare als Knoten gebunden getragen, sie war 46 Jahre alt.

Ostpreußen wurde geteilt, somit war eine Rückkehr nach Groß Perbangen nicht mehr möglich.

Am 5. Juli 1945 kamen wir unter polnische Verwaltung. Das Elend wurde immer größer, denn die Russen holten alles ab, was sie im Frühjahr angepflanzt hatten. Unsere Hamsterbestände gingen zur Neige. In den Umschaltkästen eines Transformatorenhäuschens war Öl, welches durch Aufkochen und Filtern bedingt genießbar wurde. Es eignete sich zum Braten, jedoch verließ es den Darm so, wie der Mund es aufgenommen hatte. Ich hatte nur noch eine Hose mit Lederaufsatz am Gesäß, ein Fettfleck wurde sichtbar und immer größer. Hunde und Katzen gab es auch nicht mehr. Den Typhus haben meine Schwester und ich auch überlebt. Alle, die noch arbeitsfähig waren, wozu auch ich gehörte, wurden von den Polen für folgende Arbeiten eingeteilt: Dachdeckerarbeiten, hier mußten wir Kinder mit 3 - 5 Dachpfannen auf der Schulter auf zusammengebundenen, schwingenden Leitern aufs Dach und die Pfannen verlegen. Ein Kirchdach gehörte dazu. Pflasterstraßen mit Messern reinigen, Steine klopfen, Karussells drehen und die unterirdischen Kanäle der Stadt von den verhärteten Fäkalien befreien. Der Lohn war gering, aber mit den Worten „Wenn du genug dieser Arbeiten verrichtet hast, kommst du nach Deutschland" wurden wir zu Höchstleistungen angetrieben.

Ab dem Herbst 1945 arbeitete ich in einer Bäckerei. 1946 mußte ich auf das Gut Galingen zum Ernteeinsatz. Hier bekam ich eine Lungenentzündung und kam ins Bartensteiner Krankenhaus. Der Verwalter, Herr Kaminski, brachte mir Butter, Milch und Käse, damit ich schnell wieder gesund wurde und auf dem Gut wieder zur Verfügung stand. Es kam anders. Nach meiner Genesung kam ich in eine andere Bäckerei, hier war meine Schwester als Kindermädchen tätig. Somit hatten wir unser Auskommen bis zur Ausweisung am 6. September 1947.

63 Güterwagen mit jeweils über 30 Personen besetzt, landeten in Sonneberg in Thüringen. Da wir aber in Bartenstein Nachricht bekamen, daß unser Vater in Lübeck lebt, wollten wir doch in den Westen. Nach Wochen im Lager wurden wir einem Bauern in Neuhaus-Schierschmitz zugeteilt. Nach Erhalt des ersten Geldes und der Lebensmittelmarken haben wir uns nach Aschersleben zu Verwandten abgesetzt und sind von dort mit Hilfe eines jungen Mannes über eine Talsperre im Harz in den Westen gelangt.

Von Bad Harzburg aus sind wir mit dem Zug nach Lübeck gefahren. Gegen Mitternacht angekommen, mußten wir noch gut drei Kilometer zu Fuß zum Stadtteil Marli, wo Vater ein kleines Zimmer hatte. Er war nicht da, der Hausbesitzer war aber informiert und ließ uns rein.

Am nächsten Morgen kam Vater, er war bei seiner Schwester in Groß Steinrade bei Lübeck, um uns dort unterzubringen. Die Freude war groß und doch getrübt, da Mutter fehlte. Wir mußten zur Meldestelle eines Auffanglagers in Lübeck-Waldhusen. Hier merkte ich, daß man Lisa alle Papiere abnahm. Unbemerkt konnte ich meine russische Identitätskarte (siehe unten) in die lose Schuhsohle schieben. Man wollte uns in den Osten abschieben, schließlich bekamen wir das Bleiberecht durch Vater, der bei den Engländern tätig war.


Autor: © Karl Brusberq
Quelle:
Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 80/2007

Perbangen



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 10.07.2007
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 15. Februar 2011